
Salzburg (www.kath.net) Soweit die "Welt" die neue, erste Enzyklika des Papstes Benedikt gelesen
hat, war sie glücklich und geradezu begeistert. Dafür darf man zunächst
einmal dankbar sein. Aber der Jubel der "Welt" zeigt auch: Offenbar hat man
das, was der Papst sagt, nur zum Teil verstanden. Wäre es anders, würden sie
den Papst nicht so loben, wie sie es tun, sondern z.B. sagen: Wer soll denn
dieses Märchen glauben, dieses "Märchen" von einer solchen Liebe Gottes, wie
sie die Christen behaupten? Dass er irgendwie "lieb" ist, wäre schön, aber
so - mit Inkarnation, Kreuz, einer geradezu "ehelichen" Liebesbeziehung und
dem Himmel?
Vom heiligen Franz von Sales sagt man, er habe sich der Methode der
"indirekten Kontroverse" bedient: Weil die direkte Widerlegung des Irrtums
die Herzen so leicht verhärtet und darum oft erfolglos bleibt, bemühte er
sich, die Wahrheit sozusagen "am Irrtum vorbei" so einleuchtend und
anziehend darzulegen, wie irgend möglich, um auf diese Weise die Irrlehre
unauffällig zu widerlegen und die "Anderen" gewinnen zu können. Das ist ihm
zwar nicht immer, aber doch immer wieder gelungen.
Auch Papst Benedikt XVI. geht diesen Weg: Ebenso anspruchsvoll wie liebevoll
erzählt er die Geschichte von Gott und den Menschen, das Wesentliche von
ihr. Wer sie wirklich aufnimmt, wird zumindest hoffen, dass sie wahr ist und
so vielleicht zum Glauben finden.
"Gott ist Liebe" - statt der Gebote?
Viele jubelten: Endlich ein Papst, der nicht nur von der Liebe spricht,
sondern sie auch dann übt, wenn er lehrt, indem er auf den "erhobenen
Zeigefinger" verzichtet.
Ist es so, muss man dem Papst danken, dass er an keines der "umstrittenen"
Gebote erinnert und es "hart und unerbittlich" eingefordert hat? Gegenfrage:
Hat das sein Vorgänger "so" getan? Vielleicht gar unter seinem, Kardinal
Ratzingers, Einfluss? Waren Lehrschreiben wie "Evangelium vitae" (zum 5.
Gebot) oder "Familiaris consortio" (zum 6. Gebot) "lieblos", weil sie sich
den Anschauungen der Zeit und aller "political correctness" widersetzten?
Ganz sicher nicht, im Gegenteil, sie waren ein Akt der Liebe zu allen
Menschen. Das lehrt Papst Benedikt XVI. fast ausdrücklich, indem er
"nebenbei" ("indirekt") erklärt, wie die Gebote zu begreifen sind:
"Die Liebesgeschichte Gottes mit Israel besteht im tiefsten darin, dass er
ihm die Thora gibt, das heißt, ihm die Augen auftut für das wahre Wesen des
Menschen und ihm den Weg des rechten Menschseins zeigt." (11)
Genau das tut die Kirche im Auftrag Gottes die ganze Geschichte hindurch,
obwohl manchen Menschen die "Augen" nicht aufgehen, sondern fest geschlossen
bleiben. Sind die Argumente der Kirche so schlecht, die Gebote so schwer zu
verstehen? Nein, das nicht, aber die Menschen hören vielfach nicht hin. Die
Folge ist, wie auch das Konzil (GS 16) lehrt, eine Erblindung des Gewissens,
die nicht an einem mangelnden Intelligenz-Quotienten liegt, sondern von der
Sünde herrührt.
"Die ethische Erblindung der Vernunft durch das Obsiegen des Interesses und
der Macht, die sie blenden, ist eine nie ganz zu bannende Gefahr." (28)
Wie lässt sich die Vernunft in Hinblick auf die Erkenntnis von Gut und Böse
reinigen? Der Glaube, sagt der Papst, "befreit sie von der Perspektive
Gottes her von ihren Verblendungen und hilft ihr deshalb, besser sie selbst
zu sein. Er ermöglicht der Vernunft, ihr eigenes Werk besser zu tun und das
ihr Eigene besser zu sehen." (28) Das ist eine Einsicht, die schon lange
nicht mehr so klar ausgesprochen wurde: Der Glaube steht nicht nur nicht im
Widerspruch zur Vernunft, sondern er heilt sie und bringt sie zu ihrer
Vollendung; er ist nicht ihr Gegenspieler, sondern ihr bester Verbündeter.
Dass es unvernünftige Gläubige gibt, ist damit keineswegs bestritten:
Bekanntlich setzt die Gnade die Natur voraus. Gesagt ist nur: "Wenn es um
ethische Einsichten geht, ist der wahre Glaube die beste "Nährlösung" für
die Entfaltung der Vernunft. Ganz in eben diesem Sinn spricht Thomas von
Aquin von "gesunder Vernunft", offenbar im Gegensatz zur einer "kranken
Vernunft", der Heilung durch Glaube und Gnade bedürftig.
Was aber ist die "Perspektive" Gottes, die die Vernunft erlöst und reinigt?
Der Papst erklärt es nicht näher. Aber er nennt die "Interessen" als Ursache
der Erkrankung. Daraus lässt sich folgern: Also kann die gemeinte Heilung
nur in der spirituellen Auseinandersetzung mit diesen "Interessen" bestehen,
die in der "Perspektive Gottes" in einem anderen Licht erscheinen, als es
der bloß natürlichen Vernunft zur Verfügung steht: Dieses Licht lässt manche
Interessen verwerflich erscheinen, andere relativiert es nur, und manche
reinigt dieses Licht, indem es ihnen im Sinn des "ordo amoris" einen anderen
"Platz" zuweist. Im Grunde bewirkt die "Perspektive" Gottes nur das Eine:
Sie befreit und bewahrt die Vernunft davon, in einer nicht legitimen Weise
von den "Interessen geleitet" zu sein (wie es die 68er nannten) und dadurch
unsachlich zu werden. Eine solchermaßen gereinigte Vernunft durchbricht
innerkirchliche Tabus und Denkverbote des Zeitgeistes.
Hat der Papst die Gebote vergessen oder schämt er sich, sie anzusprechen?
Nein, er nennt sie zwar nicht, aber er lehrt sie richtig sehen: Als
Geschenke der Liebe Gottes, damit das Menschsein gelingt.
Am Anfang des Christseins: eine Begegnung
Heute spricht man viel von der Weitergabe des Glaubens, aber paradoxerweise
ist gleichzeitig die Mission sogar bei Christen in Verdacht geraten, eine
geistige Kolonial-Herrschaft anzustreben, die andere Kulturen zerstören
will. In der so genannten "relativistischen Religionstheologie" meint man,
der Wahrheits-Anspruch des Christentums sei ein Problem, ein Störfaktor für
den Frieden der Religionen. Man sagt, es könne doch nicht nur eine Wahrheit
geben, jede Religion sei "wahr", insofern sie einen Ausschnitt Gottes
erfasse, aber auch "unwahr", weil Gott - wie das "Ding an sich" bei Kant -
für immer der große Unbekannte bleibe.
Dagegen steht der Satz der neuen Enzyklika: "Am Anfang des Christseins steht
nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee, sondern die Begegnung
mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont
und damit seine entscheidende Richtung gibt." (1)
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Im Grunde wieder ein einfacher Satz, aber in seiner Einfachheit klar und
hilfreich wie ein Wegweiser, dessen Information der Autofahrer mit einem
einzigen, schnellen Blick erfasst:
Das Christentum ist nicht eine Sammlung von ewigen Wahrheiten, sondern das
Ergebnis einer Geschichte, die schon vor Abraham beginnt, aber "so richtig"
mit ihm anfängt und über die Propheten und Könige des Alten Testamentes bis
zu Johannes dem Täufer führt und dann zu Maria. Sie ist es, die das größte
Ereignis der Geschichte einleitet, denn aus ihr ist Jesus geboren, der
Gesalbte des Herrn. Mit und nach ihm fängt die Geschichte der Kirche an, und
sie wird dauern bis ans Ende der Welt.
Darum ist auch das Credo keine Aufzählung "ewiger" Wahrheiten, sondern
erzählt nur eine Geschichte, eine wahre freilich: Wer Gott ist, setzt das
Credo voraus und von diesem Gott erzählt es, was Er getan hat und was Er tun
wird.
"Am Anfang war das Wort" und, viel später, am Anfang der Endzeit, war wieder
das "Wort" und - die Begegnung mit Ihm, mit Jesus Christus, dem Worte
Gottes. Jesus selbst überzeugte die ersten Apostel nicht durch eine
Diskussion, nicht durch einen Vortrag über die Eigenschaften Gottes, sondern
durch die Einladung, mit ihm zu gehen und zu "sehen". Was zu "sehen"? Ihn
selbst, und später wird Er über sich sagen: "Wer mich gesehen hat, hat den
Vater gesehen." Es war, vermerkt das Johannesevangelium, "um die zehnte
Stunde". Danach traf Andreas, einer der beiden, seinen Bruder Simon: "Wir
haben den Messias gefunden", teilte er ihm mit und wieder bestand die
"Überzeugungsarbeit" nicht im Reden oder gar Überreden, sondern in einer
Begegnung: "Er führte ihn zu Jesus." (Joh 1,41)
Um die Echtheit von behaupteten Ereignissen zu prüfen, bedarf es einer
anderen Methodik als bezüglich der Wahrheit von philosophischen Sätzen.
Relativieren, wie das die genannte Religionstheologie mit der "Wahrheit"
tut, kann man Ereignisse nicht. Das Christentum gründet in Ereignissen,
nicht in Spekulationen.
Möglich ist es auch nachzudenken, ob es vergleichbare Ereignisse in der
Geschichte gegeben hat: etwa, ob etwa Mohammed "genauso" wie Jesus ein
Gesandter Gottes war und ob eine solch ähnliche Sendung überhaupt denkbar
ist. Die Antwort ist eindeutig: Wenn Jesus der ist, als den ihn der
Johannesprolog oder der Epheser-Brief beschreiben, kann die Antwort nur
lauten: Nein, es kann neben Jesus keinen zweiten "Sohn Gottes" geben, der
"Fleisch geworden" wäre, keinen anderen Gott "Emmanuel", der mitten unter
den Menschen wohnt, keinen Menschen, von dem man sagen könnte: Wer ihn
gesehen hat, hat Gott geschaut.
Gott ist die Liebe
Die jüdisch-christliche Religion, die bestimmte Kreise so gerne auf "eine
Religion unter vielen anderen, die gleich gut sind," einebnen wollen,
verkündet ein einzigartiges Bild von Gott. Sie sagt nämlich:
Es gibt nur einen Gott, auf ihn geht alle Wirklichkeit zurück, und es gibt
keine anderen Götter außer dem Heiligen Israels. Während sich Aristoteles
Gott dachte als einen, der geliebt wird, selbst aber unbewegt bleibt, ist
der Gott, dem Israel glaubt, ein Gott, der selbst liebt: Und "seine Liebe
ist noch dazu eine wählende Liebe: Aus allen Völkern wählt er Israel und
liebt es - freilich mit dem Ziel, gerade so die ganze Menschheit zu heilen."
Die Folge ist, "daß der Mensch . sich als Geliebten Gottes erfährt und die
Freude an der Wahrheit, an der Gerechtigkeit - die Freude an Gott findet,
die sein eigentliches Glück wird: ´Was habe ich im Himmel außer dir? Neben
dir erfreut mich nichts auf der Erde ... Ich aber - Gott nahe zu sein ist
mein Glück` (Ps 73,25f)." (9)
Bevor der Papst weiter ausführt, welche Folgen dieses einzigartige
Gottesbild - "Gott liebt!" - für den Menschen hat, verweilt er noch bei
dieser Liebe Gottes. Es ist, sagt er, nicht nur eine Liebe, die Gott dem
Menschen ohne dessen Verdienst zuwendet, sondern mehr noch:
"Die leidenschaftliche Liebe Gottes zu seinem Volk - zum Menschen - ist
zugleich vergebende Liebe. Sie ist so groß, daß sie Gott gegen sich selbst
wendet, seine Liebe gegen seine Gerechtigkeit. Der Christ sieht darin schon
verborgen sich anzeigend das Geheimnis des Kreuzes: Gott liebt den Menschen
so, daß er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und auf
diese Weise Gerechtigkeit und Liebe versöhnt." (10) So hat es schon der
Prophet Hosea geweissagt: ,,Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich
aufgeben, Israel? ... Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert
auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch
einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in
deiner Mitte'' (Hos 11,8- 9). (10) Was für eine Idee: eine innergöttliche
Zerrissenheit anzunehmen, einen "Streit" der Liebe gegen die Gerechtigkeit
in Gott selbst, einen Streit, den die Liebe "gewinnt"!
Dieses Gottesbild ist buchstäblich neu und unerhört, weil keine andere
Religion es je gewagt hat, sich Gott "so" vorzustellen und zu verkünden.
Das neue Menschenbild und die neue christliche Mystik
Dem neuen Gottesbild entspricht ein neues Menschenbild: nicht neu im Sinne
der Anthropologie, sondern "neu", insofern sich der Sinn des menschlichen
Lebens ändert, vergleichbar einem Menschen, der seinem künftigen Ehepartner
begegnet und dessen Leben dadurch neu wird.
Wie war es vorher, vor dieser Begegnung mit der Liebe Gottes, mit dem
Menschen bestellt? Das "Allein-Sein", sagt die Bibel, war für den Menschen
nicht gut. Um dieser seiner Not abzuhelfen, "erfand" Gott die Frau, und die
Menschen verstanden, dass Mann und Frau einander brauchen und dass sie nur
gemeinsam "die Ganzheit des Menschseins" darstellen, nur miteinander ihre
Erfüllung finden. (11) Erfüllung durch die Ehe? Ja und nein, Ja, weil sich
in der Ehe die große Sehnsucht des Menschen erfüllt, aber ebenso Nein, weil
auch in der glücklichsten Ehe jene Unruhe des Herzens bleibt, die nach dem
berühmten Augustinus-Wort nur in Gott zur Ruhe kommt.
Gerade die geglückte Ehe weist über sich hinaus: "Die auf einer
ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung
des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk." (11)
Das heißt: Die Menschen haben die Beziehung zu Gott fast immer nur als die
Beziehung zu einer übermächtigen Autorität verstanden, vor der man sich
fürchtet und der man vor allem gehorchen muss.
Der Papst sagt: Die Beziehung zu Gott darf man sich vorstellen wie jene
Liebe, die in einer glücklichen Ehe herrscht.
Damit ist jede wahre, menschliche, schöne Liebesgeschichte, in der Literatur
oder im Leben, immer auch eine "Darstellung" und Erinnerung an jene
Beziehung, wie sie nach jüdischem und christlichen Glauben zwischen Gott und
seinen Auserwählten besteht:
"Auf diese Weise ist das Hohelied in der jüdischen wie in der christlichen
Literatur zu einer Quelle mystischer Erkenntnis und Erfahrung geworden, in
der sich das Wesen des biblischen Glaubens ausdrückt: Ja, es gibt
Vereinigung des Menschen mit Gott - der Urtraum des Menschen -, aber diese
Vereinigung ist nicht Verschmelzen, Untergehen im namenlosen Ozean des
Göttlichen, sondern ist Einheit, die Liebe schafft, in der beide - Gott und
der Mensch - sie selbst bleiben und doch ganz eins werden." (10)
Christliche Mystik? Ja, sie ist die wirkliche, "eheliche" Vereinigung mit
Gott selbst. "Das" soll man glauben? Ja, genau das! Wenn man es "wirklich"
glaubt, ist man Christ.
Wenn die Ehe ein Bild für die Vereinigung mit Gott ist: wo und wie findet
diese Vereinigung wirklich statt? In der Eucharistie! Denn darin empfängt
der Christ Jesus selbst und damit wird das Bild von der Ehe zwischen Gott
und Israel "in einer zuvor nicht auszudenkenden Weise Wirklichkeit: Aus dem
Gegenüber zu Gott wird durch die Gemeinschaft mit der Hingabe Jesu
Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut, wird Vereinigung: Die ´Mystik` des
Sakraments, die auf dem Abstieg Gottes zu uns beruht, reicht weiter und
führt höher, als jede mystische Aufstiegsbegegnung des Menschen reichen
könnte." (13)
Die Nächstenliebe
Von dieser Mystik der Liebesvereinigung mit Gott selbst - der einzigen
Mystik, die wirklich christlich ist - führt ein letzter Schritt zum
Mitmenschen:
"Denn in der Kommunion werde ich mit dem Herrn vereint wie alle anderen
Kommunikanten: ,,Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib, denn wir
alle haben teil an dem einen Brot'', sagt der heilige Paulus (1 Kor 10, 17)."
Das heißt: "Die Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung mit
allen anderen, denen er sich schenkt. Ich kann Christus nicht allein für
mich haben, ich kann ihm zugehören nur in der Gemeinschaft mit allen, die
die Seinigen geworden sind oder werden sollen. Die Kommunion zieht mich aus
mir heraus zu ihm hin und damit zugleich in die Einheit mit allen Christen.
Wir werden ,,ein Leib'', eine ineinander verschmolzene Existenz." (14)
Darum, um dieses Zusammenhanges willen, speist sich christliche
Nächstenliebe aus anderen Quellen als jeder Humanismus, den sie weit hinter
sich lässt. Kein Zufall, dass Menschen wie Mutter Teresa nur "auf
christlichem - vor allem katholischem - Boden" wachsen.
Die Liebe zum Nächsten als Folge des Verein-Seins mit Christus betrifft
zuerst die anderen Christen, aber der Tendenz nach erstreckt sie sich auf
alle Menschen: Weil Gott alle Menschen liebt und weil die Gemeinschaft mit
Gott dazu führt, "dasselbe" zu denken und zu wollen wie Er. "Dasselbe", das
heißt: die Menschen zu lieben, wie Gott sie liebt. (17)
Kirche, Liebe und Verkündigung
Mit diesen Erwägungen über das innerste Geheimnis der Kirche will Papst
Benedikt XVI. "eine neue Lebendigkeit wachzurufen in der praktischen Antwort
der Menschen auf die göttliche Liebe." (1) Mit der "praktischen Antwort",
wie er sie im 2. Teil seiner Enzyklika darlegt, meint er die weltweite
caritative Arbeit der Kirche, den "Dienst der Liebe", wie er nicht nur dem
einzelnen Christen, sondern der Kirche als Ganzer aufgetragen ist:
"Alles Handeln der Kirche ist Ausdruck einer Liebe, die das ganzheitliche
Wohl des Menschen anstrebt: seine Evangelisierung durch das Wort und die
Sakramente ... und seine Förderung und Entwicklung in den verschiedenen
Bereichen menschlichen Lebens und Wirkens." (19) Jeder einzelne Christ soll
seinen Nächsten lieben, aber: "Auch die Kirche als Gemeinschaft muss Liebe
üben" (20), zum Wesen der Kirche gehört neben der Verkündigung und der Feier
der Sakramente auch der Dienst der Liebe, "Caritas" ist ein "unverzichtbarer
Wesensausdruck" der Kirche selbst (25), "genauso" wichtig wie die Sakramente
und die Verkündigung (22).
Ähnlich wie Mutter Teresa sieht der Papst in der Caritas wohl auch ihre
Bedeutung für die Verkündigung. Dabei erinnert er an Kaiser Julian (+363):
Angesichts der Heuchelei des Kaisers Konstanz, der sich als großer Christ
ausgab, fiel Kaiser Julian vom Christentum ab und wollte das Christentum
überhaupt wieder abschaffen. Aber von der Liebestätigkeit der Christen war
er so beeindruckt, dass er eben diese auch von den heidnischen Priestern
verlangen wollte. Das beweist, dass die Caritas schon damals ein Kennzeichen
der Gemeinde Christi war. (24)
Caritas ist um des Menschen willen zu üben, ohne andere Ziele, ohne Absicht.
Aber gerade in dieser Lauterkeit ist sie "das beste Zeugnis für den Gott,
dem wir glauben..." Durch nichts wird Gott so sehr gegenwärtig wie eben
durch die Liebe, in ihr besteht "die beste Verteidigung Gottes und des
Menschen". Darum kann es richtig sein, von Gott zu schweigen und nur die
Liebe reden zu lassen (31).
Ganz leicht zu lesen ist die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. nicht. Aber
wenn der Schatz groß ist, scheut ein vernünftiger Mensch keine Mühe, ihn zu
heben.
(Aus "Kirche Heute" - Mit freundlicher Genehmigung)
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Caritas Est - Teil I im Wortlaut
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