
Wien(www.kath.net)
"Wo kommt Timothy McVeigh jetzt hin?" Nach der sauberen TV-Inszenierung der
Vollstreckung des Todesurteiles an dem aus Verzweiflung zum Bombenleger mit
158 Todesopfern gewordenen Timothy Mc Veigh stellen sich viele Amerikaner
diese Frage. "In die Hölle!" sagen voll Abscheu über die Tat vor allem die
Angehörigen der Opfer und jene, die nach Vergeltung rufen. "An den Ort der inneren
Reinigung" meinen andere, und sie sind bereit für ihn zu beten. Zur gleichen
Zeit werben wieder andere mit viel Aufwand an "christlichen" Motiven dafür,
dass die ganze amerikanische Öffentlichkeit dem schuldig gewordenen Timothy
vergebe, damit er - nach all der Mühsal dieses Lebens - in den Himmel komme und
an seinem Fall die Todesstrafe in den Vereinigten Staaten abgschafft
werde.
Denn der Anschlag auf das Regierungsgebäude in Oklahoma-City mit den 158
Toten war, wie sie mit Recht sagen, die Verzweiflungstat eines unglücklichen
Menschen, der seine ganze Kindheit in einer zerbrochenen Familie unter
zermürbenden Umständen verbracht hat, und der dann während seines "Dienstes für die
Heimat" als Soldat das äusserst fragliche seelische Abhärtungsprogramm des
Militärs über sich ergehen lassen musste. Der etwa im Paradeschritt gehen und
dabei singen musste: "Kill! Kill! Kill! Mit Blut wächst Gras viel besser". Und
der dann - zum Golfkrieg versetzt- dort mit anderen den Auftrag bekam, mit
dem Panzer notfalls auch lebende Irakis zu überfahren. Die sich daraus
ergebende Konsequenz: dass die "guys" dann die Leichenteile aus den Rädern der
Panzerketten herauslösen mussten, um bei der nächsten Inspektion wieder ein
sauberes Gerät präsentieren zu können.
Wo gehört Timothy nun hin? In die Hölle der Rachsüchtigen? In den
Reinigungsort derer, die für ihn beten und alles andere Gott überlassen? Oder soll er
von der Vergebungsbereitschaft aller getragen in den Himmel kommen? Wer kann
in solchen Zwickmühlen des Lebens die Entscheidung treffen? Nicht von ungefähr
hat Jesus unsere Aufmerksamkeit in dieser Frage in eine ganz andere
Richtung gelenkt, wenn er sagt: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet
werdet!"
Den interessierten Fernsehkonsumenten erscheint der Hinweis Jesu wie eine
Themenverfehlung: dass es nämlich nicht nur ein Gericht über den vom Fernsehen
"zum Abschuss" freigegebenen Timothy gibt, sondern auch ein Gericht über die
- durch das Fernsehen "bedienten" - Zuschauer. Und für die Regisseure und die
Präsentatoren dieser Sendungen. Mit anderen Worten:Wir sollten uns nicht nur
Gedanken darüber machen, was mit Timothy nach seinem Tode geschieht, sondern
auch darüber, was mit uns, dem geneigten Publikum, nach dem eigenen Tode
geschehen wird. Dann schaut nämlich die Beurteilung der eigenen und der fremden
Lebensfragen ganz anders aus.
Werbung
TV-Verantwortliche wissen genau, dass viele Menschen diese oft grausame Art
von Berichterstattung eigentlich sehr mögen. Denn sie nehmen sie als ein
großes "Entlastungsmanöver", das sie von einer viel wichtigeren Frage ablenkt.
Es ist die bohrende Frage, die jeder mit sich herumträgt und die er meistens
verdrängt: "Wie werde ich das Urteil, das über mich selbst einmal ergehen
wird, bestehen?" Wenn man sich fortwährend über eine große Katastrophe oder ein
Unglück heftig entrüsten oder über die Rätsel des Lebens nachsinnen kann,
dann ergibt sich die "wohltuende" Gelegenheit, dass man seine unaufgearbeiteten
Grundfragen vergisst.
Der Fall McVeigh und seine Vorgeschichte könnten aber viel mehr sein: Zum
Beispiel eine große Erinnerungshilfe. Dass es uns einmal auch so ergehen kann
wie den Opfern des Attentates von Timothy. Oder wie Timothy selbst, der für
sein verkehrtes Tun die Strafe empfing. Auch ich kann einmal unvermutet und
plötzlich vor das Ende meines Lebens gestellt werden.
Freilich, so ein schrecklicher Ereignis unter diesem Gesichtspunkt zu
betrachten, ist keine angenehme Sache. Wir sind es gewohnt, die ureigene Frage fast
wie selbstverständlich zu verdrängen. Mit "Entrüstungs-Styropor" über andere
Lebensschicksale geht das noch dazu auf "selbstlose" Weise. Jesus hat sich
bei seinen Zeitgenossen unbeliebt gemacht, indem er einmal sagte: "Ihr werdet
alle einmal so umkommen ... wenn ihr euch nicht von eurem gedankenlosen Leben
bekehrt und euch dem himmlischen Vater zuwendet!" (vgl. Lk 13,1 ff)
Für die aktuelle Frage, mit der sich viele Amerikaner beschäftigen, heisst
das im Klartext: Das, was uns interessieren sollte, ist nicht sosehr Timothy´s
Leben nach dem Tod, sondern unseres. Das Leben ist lebensgefährlich, und
gerade katastrophale Umstände können uns helfen darauf zu achten, wie es mit
uns nach diesem irdischen Leben weitergeht.
Ist das nicht Egoismus, wird jemand einwerfen, die großen Probleme der
anderen an die zweite Stelle zu setzen? Wahrscheinlich gibt es kein anderes Motiv,
um aus den leeren, aber aufgepeitschten Rachegelüsten an uns schuldig
gewordenen Menschen herauszukommen, als an das eigene Gericht zu denken und an das
Gotteswort: "Vergebt, dann wird auch euch vergeben". Gerade die
amerikanischen Bischöfe spüren dies und der Heilige Vater schließt sich ihren Bitten an
den höchsten politischen Repräsentanten, (derzeit Präsident Bush) an, um in
diesem Fall die Todestrafe nicht zu exekutieren.
Eine abschließende Überlegung: Was wäre mit uns geschehen, wenn wir
gemeinsam erreicht hätten, dass das Todesurteil nicht vollstreckt worden wäre? Hätte
uns das geholfen, uns wieder Gott zuzuwenden? Oder würden wir uns dann
zufrieden zurücklehnen und mit der Genugtuung weiterleben, gemeinsam ein Leben
gerettet zu haben, aber mit der Gefahr, das eigene zu verlieren, weil wir unserer
eigenen Propaganda - sprich: der Ablenkung von der Frage, wie es mit
unserem Leben vor Gott weitergeht - geglaubt haben.
Timothy McVeigh´s Lebensschicksal ist jetzt in der Hand Gottes. Aber sein
Leben ist auch ein aufwühlendes Bild für unser eigenes Leben. Jesus ist
zwischen zwei Schächern gekreuzigt worden. Zu welchem von beiden gehört Timothy,
gehören wir? Diese Frage bleibt offen, so wie im Evangelium bei den zwei Söhnen
des barmherzigen Vaters. Wird der "im Guten Verhärtete", aber eigentlich
unselbständige, ältere Sohn die Einladung des guten Vaters annehmen und zum
Festmahl kommen oder in der Verweigerung verharren? Wo ist Timothy hingekommen?
Von meiner, von unserer Antwort auf diese Frage wird abhängen, wo i c h, wo wir hinkommen...
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