
Bethlehem (kath.net/DIEWELT)
Der sechste Tag im Heiligen Land, der dritte westlich des Jordans, der erste in Bethlehem: die Pilgerreise Benedikt XVI. nimmt weiter an Drama zu. „Friede für das palästinensische Volk! Friede für alle Völker der Region!“ rief der Papst zum Auftakt seines Besuches in den besetzten Gebieten.
Niemanden könne kalt lassen, „wie sehr das palästinensische Volk in den letzten Jahrzehnten vor den Augen der Welt zu leiden hatte. Und es hat allzu lange angedauert“. Das war allerdings am 22. März 2000. Der Papst hieß Johannes Paul II., sein Gegenüber Jassir Arafat. Inzwischen sind neun neue Jahre ins Land gezogen.
Ein Ende der Leiden ist nicht näher gekommen, und der Papst kam auch nicht mit dem Hubschrauber, sondern in einem schwarzen Mercedes durch die gewaltige neue Klagemauer, die Bethlehem, die alte Stadt Davids, inzwischen in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt hat.
Als der Papst nun unter dem hellen Licht Judäas auf dem Krippenplatz Bethlehems seine Messe mit einer jubelnden Menge hielt, schob sich rechts hinter dem Altar die Siedlung Har Homa in den Blick - eine Art israelisches Manhattan südlich von Jerusalem -20wo sich vor kurzem noch einer der lieblichsten Hügel Bethlehems befand.
Die Liturgie ist schlichter als die barocke Feier vor neun Jahren, sie ist plötzlich römischer, trotz des arabischen Evangeliums, das wie der Gesang eines Muezzins über die Dächer von Bethlehem getragen wurde, doch an Klarheit steht die Predigt des Papstes seinem Vorgänger nirgends nach.
Bei seiner Begrüßung durch Machmud Abbas hat er dem Präsidenten versichert, dass der Heilige Stuhl das Recht „auf eine eigenständige palästinensische „Heimat im Land der Vorfahren“ in Sicherheit und in Frieden mit seinen Nachbarn innerhalb anerkannter Grenzen“ unterstütze, auch wenn die Verwirklichung dieses Ziels „heute noch fern“ erscheine.
Werbung
Die Jugendlichen rief er dazu auf, „der Versuchung zu widerstehen, Gewaltakte oder terroristische Akte zu begehen“. Bis in die Nacht war noch an den Texten gefeilt worden. Was der zarte kleine Mann in Weiß vor der Geburtskirche schließlich vom Blatt ablas, war immer noch stark genug, um in Israel mehr als eine Augenbraue zu heben. „Keinem Besucher Bethlehems kann entgehen, dass das große Tor, das in das Haus Gottes führt, im Laufe der Jahrhunderte immer enger geworden ist.“
Doch „Fürchtet euch nicht!“ sei die große Botschaft Bethlehems. Überall verbänden Menschen Bethlehem mit der weihnachtlichen Frohbotschaft und einer „Verheißung, die hier so fern von ihrer Verwirklichung zu sein! Wie weit entfernt erscheint uns dieses Reich der Herrschaft des Friedens, der Sicherheit, der Gerechtigkeit und des Rechts?“
Palästina brauche „nicht nur neue wirtschaftliche und politische Strukturen“, sondern – noch wichtiger – eine neue ‚spirituelle’ Infrastruktur.“ Es war wieder eine theologische Rede, wie zwei Tage zuvor in Yad Vashem, die hier gleichwohl ganz anders verstanden wurde. Er sei „sehr bewegend“ sagte die Abgeordnete Hanna Ashrawi aus Ramallah am Rand des Platzes, dass er die Sache Palästinas „nicht nur mit Solidarität, sondern mit aufrichtiger Empathie“ vortrage.
Es müsse dem Konflikt endlich mit einem deutlichen Stopp Einhalt geboten werden. Denn klar sei in dem ganzen Leid nur dies: „Die Palästinenser werden nicht verschwinden. Das ist keine Hoffnung, das ist ein Faktum.“
Am späten Nachmittag tanzen Flüchtlingskinder in dem Lager Aida vor dem Papst mit Schlüsseln jener Häuser, aus denen ihre Eltern und Großeltern einmal vertrieben worden waren. Die Palästinenser befänden sich „gefangen in einer Spirale der Gewalt, von Angriff und Gegenangriff, Vergeltung und fortwährender Zerstörung.
Über uns, die wir uns an diesem Nachmittag hier versammeln, steht hoch aufragend ein krasses Mahnmal für die Pattsituation, in welche die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern geraten zu sein scheinen: die Mauer. In einer Welt, in der immer mehr Grenzen geöffnet werden – für den Handel, für Reisen, für die Beweglichkeit der Menschen, für kulturellen Austausch – ist es tragisch zu sehen, dass noch Mauern errichtet werden. Wie sehr sehnen wir uns danach, die Früchte der viel schwierigeren Aufgabe zu sehen, Frieden zu schaffen!
Wie ernsthaft beten wir für ein Ende der Feindseligkeiten, welche den Bau dieser Mauer verursacht haben! Auf beiden Seiten der Mauer bedarf es großen Mutes, wenn es darum geht, Furcht und Misstrauen zu überwinden sowie dem Trieb zu widerstehen, für Verlust und Beleidigung Vergeltung zu üben. Es erfordert Großmut, nach Jahren des Kampfes Versöhnung zu suchen.“ Es ist wirklich eine spirituelle Pilgerreise, die der Papst hier unternimmt. Dennoch hat Pälästina wohl weltweit keinen prominenteren politischeren Fürsprecher als ihn. Aus Bethlehem lösen sich seine Worte wie ein einziges S.O.S. in den Äther. Hier wurde Jesus geboren, glauben die Christen. Es ist keine Frage, dass den Menschen Bethlehems dieser Tag heute wie Weihnachten vorkommt – am frühlingshellen 13. Mai 2009.

|