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29. Oktober 2009, 15:30
'Schluss mit dem ökumenischen Stillhalten'














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  THEMA 'Evangelische Gemeins'

FAZ: Margot Käßmanns Wahl „verstört“ orthodoxe und römisch-katholische Würdenträger / Wie die neue „Dominanz“ der evangelischen Kirche in Deutschland zustande kommt - Ein kath.net-Kommentar von Dr. Andreas Püttmann

Köln (kath.net)
Reinhard Bingener hält es in seinem FAZ-Leitkommentar „Weiblich und Streitbar“ (9.10.09) für angebracht und vielleicht witzig, sich und den Lesern auszumalen, wie „orthodoxe Patriarchen und manche römisch-katholische Würdenträger ob der Wahl Margot Käßmanns verstört an ihren Gewändern nesteln“. Was soll dieser abfällige, hämische Ton? Man kann ja „die Wahl einer geschiedenen Frau“ zur höchsten Kirchenrepräsentantin prima finden und als „ökumenisches Signal“ dafür preisen, dass man „Streit in Kauf nimmt“ und Schluss mache mit dem „ökumenischen Stillhalten“.

Das ist geistig-geistliche Geschmacksache. Aber muss man dafür die Repräsentanten anderer Kirchen – und eines anderen Verständnisses von Kirche – herabsetzen und als verlegene Trottel in (komischen?) Gewändern karikieren, welche diese Wahl kalt erwischt hat? Das ist schlechter Stil. Es erinnert an den überheblich-gehässigen Ton der EKD-Kirchenamtsinternen Expertise des Oberkirchenrats Gundlach, in der die Katholische Kirche als schwankender „angeschlagener Boxer“ dargestellt wird, während „die intellektuelle und positionelle Präsenz in gesellschaftlich relevanten und politisch heiklen Fragen“ neuerdings „deutlich von der evangelischen Kirche dominiert und geprägt“ werde.

Wie es dazu kommen konnte, offenbart Bingener (unfreiwillig) auch: Er sieht die Huber-Nachfolgerin deshalb gegenüber „männlichen Nachfolgeaspiranten“ im Vorteil, weil sie „die Einzige“ sei, die neben Huber „öffentlich wahrgenommen“ wurde. Sie habe „den Zusammenhang von Religion und Mediengesellschaft verstanden“. Das heißt praktisch: Eine weitgehend kirchenfremde, entchristlichte Öffentlichkeit und ihre „gatekeeper“ im überdurchschnittlich „säkularisierten“ journalistischen Berufsstand bestimmen darüber, wen die Kirche an ihrer Spitze für geeignet hält. So funktioniert Anpassung, Selbstsäkularisierung. Und genau so kommt die wachsende „positionelle Präsenz“ der evangelischen und das „Schwanken“ der katholischen Kirche in dieser Gesellschaft zustande. Die dem Zeitgeist (noch leicht) widerstrebendere Konfession wirkt in der Tat „angeschlagen“ nach der im Februar/März medial geschürten antipäpstlichen Massenstimmung, auf die auch die evangelische Kanzlerin aufsprang und – erst unter ausdrücklicher Berufung auf sie (!) – Bischof Huber: Dass er sich nach anfänglichem Schweigen in den „innerkatholischen Klärungsprozess“ eingemischt habe, erklärte er so: „Die Fragen sind in der Öffentlichkeit dringlicher geworden, seit sich die Bundeskanzlerin in diesem Zusammenhang geäußert hat“ (FAZ-Interview vom 6.2.). Thron und Altar funktionierten wieder – wie schon in der Stammzelldebatte, als Huber sich der Kanzlerin als ethischer Legitimationshelfer andiente. Frau Käßmann deutete schon an, demnächst könnte die evangelische Kirche auch den ethischen Konsens mit der katholischen in Sachen Sterbehilfe verlassen und eine Art „terminaler Sedierung“ akzeptieren, deren Grenzen zur aktiven Sterbehilfe unscharf sind. So kann man sich natürlich leicht „in politisch heiklen Fragen“ dominant und prägend fühlen: Durch die geliehene Kraft eines Schulterschlusses mit der öffentlichen Meinung und der (jetzt demokratischen) Obrigkeit.

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Eine Kirche, die sich unter diesen Umständen „prägend“ wähnt, merkt gar nicht, dass in Wirklichkeit sie selbst die Geprägte ist – durch jene „Welt“, der sich nicht anzugleichen Paulus eine eindringliche Warnung an die Römer (12,2) wert ist. Sie hält sich lieber an Talleyrand: „Da geht mein Volk, ich muss ihm hinterher, ich bin sein Führer“.

Dass auch Frau Käsmann auf der Sonnenseite der öffentlichen Meinung – und in der Gunst der sicher rein zufällig am gleichen Tag in Berlin wiedergewählten „Landesherrin“ – stehen wird, ist eine leichte Prognose. Auch wenn die Bischöfin die „intellektuelle Präsenz“ Wolfgang Hubers kaum erreichen dürfte, so ist ihr die „positionelle Präsenz“ medial und politisch schon sicher. Der deutsche Protestantismus verdankt seine neue gesellschaftliche „Dominanz“ (Gundlach) nämlich keineswegs nur der Brillianz des scheidenden Ratsvorsitzenden und schon gar nicht größerer geistlicher Vitalität – die evangelische Kirchenschwindsucht ist ausgeprägter als die katholische –, sondern seiner Wahrnehmung als einer für das „Juste milieu“ der Gesamtgesellschaft akzeptableren, weil moralisch weniger strengen und emanzipatorisch korrekteren „Kirche light“, gleichsam als Kompromiss oder kleinster gemeinsamer Nenner zwischen dem katholischen und dem areligiösen Deutschland. Sollte man sich aber solcher „Wahrnehmung“ und „positioneller Präsenz“ als Kirche rühmen?

   

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