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Christen, singt!

Siegfried Fietz, ein Pionier moderner christlicher Musik zieht Bilanz
Ein IDEA-Interview
Er gilt als Pionier moderner christlicher Musik im deutschsprachigen Raum: der evangelische Sänger und Komponist Siegfried Fietz. Als 21jähriger brachte er bereits 1967 eine Platte mit christlicher Popmusik auf den Markt. In den letzten 40 Jahren schuf er Oratorien, Themenalben, Kindermusik und brachte fast 200 Platten und CDs heraus. Die neueste erscheint am 25. April und hat den 11. September und seine Folgen zum Thema. Der Titel lautet “Ich wünsche Dir Zeit”. Seine Eltern kamen aus Ostpreußen und er wurde 1946 in Bad Berleburg geboren. Neben der C-Prüfung für Kirchenmusik hat er sein musikalisches Handwerk bei Gustav Adolf Schlemm gelernt, einem Schüler von Paul Hindemith. Er ist heute Produzent und Komponist im ABAKUS Verlag (Greifenstein bei Wetzlar), den seine Frau Barbara leitet und in dem auch zwei seiner drei Kinder, Sandra und Oliver, mitarbeiten. Mit Fietz sprach Helmut Matthies.

idea: Sie haben zu rund 3.000 Liedern die Melodien geschrieben. Wird heute überhaupt noch so viel gesungen?

Fietz: Leider ist vielen die Bedeutung des Singens nicht mehr so bewußt. Wer macht sich beispielsweise klar, daß ein Kind singen kann, bevor es spricht? Singen ist sozusagen die eigentliche Muttersprache aller: Es verbindet Menschen aller Nationen und Rassen, selbst wenn man die jeweiligen Inhalte nicht genau versteht. Singen hat sogar eine medizinisch nachweisbare Wirkung: Es tröstet bei Trauer, macht Mut bei Angst, spornt an zur Tat. Singen kann vieles, was Sprechen allein nicht vermag. Während beim Sprechen nur eine Gehirnhälfte aktiviert wird, sind beim Singen beide Hälften gleichzeitig wirksam. Man hat wissenschaftlich festgestellt, daß Singen geradezu die Intelligenz fördert. Auch gibt es viele gesellschaftliche Auswirkungen des Singens. Wenn man bedenkt, daß die Nation, die wohl die relativ meisten Chöre zählt, die estnische, den Kommunismus singend abgeschüttelt hat: Man hat 1990/91 die Ideologen durch permanentes Singen vertrieben, eine singende Revolution gemacht. Aus zahlreichen Beispielen der Kirchengeschichte weiß man, daß sich Christen in Haft untereinander singend verständigt und andere Menschen zum Glauben an Christus geführt haben.

Was Singen bewirkt

idea: Und trotzdem wird insgesamt immer weniger gesungen ...

Fietz: Weil man eben nicht mehr um die Bedeutung des Singens weiß! Entsprechend hoch sind die Defizite in unserer Gesellschaft: Es gibt immer weniger Gemeinschaft untereinander – bis dahin, daß Menschen nicht mehr wissen, daß sie sich schon allein durch Singen helfen könnten.

idea: Kann man denn nun aber Kinder, die heute mit Computer und Fernsehen aufwachsen, überhaupt noch durch Singen begeistern? Fietz: Kinder kann man durch Singen begeistern, wenn man ihre Sprache spricht, wenn man bereit ist, sich auf sie einzulassen, mit ihnen zu hüpfen, zu klatschen, zu tanzen. Wir haben in den letzten Jahren besonders die Zielgruppe der Kindergärten entdeckt, weil sich dafür bisher musikalisch kaum jemand interessiert hat. Wir haben uns mit den besten Kinderbuchautoren zusammengetan, wie Josef Guggenmos, von dem es heißt, er sei der Kinderschriftsteller des vergangenen Jahrhunderts überhaupt. Wir haben mit ihm Singspiele für Kinder ebenso produziert wie mit Willi Fährmann, der das Kinderbuch “Lukas B.” schrieb. Und jedesmal wurden sie von Zehntausenden gekauft und gesungen. Mittlerweile hat man unser Team zum dritten Mal beauftragt, für die katholischen Sternsinger das jeweilige Jahreslied zu komponieren. Je rund eine halbe Million Kinder zogen mit diesem Lied singend vor die Häuser am Dreikönigstag bzw. Epiphanias (6. Januar) und sammelten 2001 fast 60 Millionen Mark Spenden für das Kindermissionswerk. Es wird also gesungen, wenn man etwas zum Singen anbietet! Und das ist das Problem in Familien, Schulen und Gemeinden, daß man sich oft gar nicht mehr traut, zum gemeinsamen Singen einzuladen bzw. aufzufordern. Das gilt auch für Erwachsene.

Keine “Show” abziehen

idea: Sprechen denn nur noch moderne Lieder Menschen an?

Fietz: Jede Zeit braucht ihre Sprache. So wie wir uns nicht mehr wie im 17. Jahrhundert kleiden, so sprechen und empfinden wir auch nicht mehr wie vor 400 Jahren. Als ich in den 60er Jahren musikalisch anfing, gab es in vielen Gemeinden schon Probleme, wenn man Lieder mit der E-Gitarre begleitete. Ein Schlagzeug galt geradezu als “vom Teufel”. Auch die jungen Christen hören natürlich die weltliche Musik und übernehmen sie, wie der gegenwärtige Hiphop-Trend zeigt: schneller Rhythmus in Verbindung mit Sprechgesang. Das sollte man auch nicht gleich verwerfen. Entscheidend ist stets die Motivation: Wenn junge Christen diese Musik übernehmen, um dadurch in besonderer Weise anderen den christlichen Glauben näherzubringen, dann ist das positiv. Jesus sagt ja eindeutig: “An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.” Geht es dagegen nur darum, eine “Show” abzuziehen, dann sollte man junge Christen darauf hinweisen, daß sie das dann doch nicht mit einem geistlichen “Mäntelchen” versehen sollten.

Es gibt “ewige” Lieder

idea: Heißt das nun, daß die Zeit der Gerhard-Tersteegen- oder Paul-Gerhardt-Choräle vorbei ist?

Fietz: Überhaupt nicht! Es gibt geradezu ewige Lieder wie “Nun danket alle Gott” oder “O Haupt voll Blut und Wunden”. Und ich mache Gemeinden Mut, diese Schätze immer wieder auszugraben, also auch singen zu lassen. Diese Lieder überdauern alles, was wir heute machen. Wir machen ja heute vielfach Gebrauchslieder: So schnell, wie sie erlernbar sind, so schnell sind sie dann oft auch wieder vergessen. Vieles von dem, was heute an modernen christlichen Liedern teilweise mit Millionen-Aufwand herausgebracht wird, kann man letztlich wegschmeißen. Doch es gibt auch unter den neuen Liedern immer wieder Edelsteine, die durchs ganze Leben tragen. Man sollte ein neues Lied erst dann endgültig in ein Gesangbuch aufnehmen, wenn es sich über Jahre in vielen Gemeinden insofern bewährt hat, als es gern gesungen wird und Menschen geistlich auch eine Hilfe geworden ist. Bei den alten Chorälen sage ich den jungen Leuten immer wieder, daß sie sich so ein Lied auch erarbeiten müssen. Das kann man nicht einfach so dahinsingen, sondern da muß man darüber nachdenken, sich über den Autor und den biblischen Zusammenhang informieren, die Lieder möglichst auswendig lernen. Dann wird man gerade in Zeiten der Not erkennen, welch eine Hilfe ein Choral von einem Mann wie Paul Gerhardt sein kann, der durch unvorstellbares Leid gegangen ist.

Die “Lobpreiswelle”

idea: Wie beurteilen Sie die sogenannte Lobpreiswelle? In vielen charismatischen, aber auch pietistischen, besonders freikirchlichen Gemeinden nimmt der Gesang in den Gottesdiensten einen immer größeren Raum ein, während der Predigtanteil immer kürzer wird ...

Fietz: Grundsätzlich freue ich mich, wenn in Gottesdiensten mehr, intensiver und dann auch sogar noch stehend gesungen wird. Beim sogenannten Lobpreis hab ich jedoch manchmal das Gefühl, daß dies nur etwas für Eingeweihte ist. Ein Kirchenfremder dürfte das Gefühl haben, er müßte eine ganz neue Sprache lernen, ist da doch ständig vom König, vom Thron und ähnlichem die Rede. Da ist sehr vieles aus einer anderen Kultur – der nordamerikanischen – eingeführt, und deshalb wird ja auch vieles in englisch gesungen, wobei man sich fragt, ob die jungen Leute das eigentlich auch singen würden, wenn sie es wirklich verstünden, also wenn es auf deutsch wäre, wenn sie zum Beispiel mit Inbrunst vom “Blut des Lammes” singen. Aber grundsätzlich: Die Lobpreiswelle zeigt, daß hier – entgegen dem sonstigen Trend – Singen wieder gefragt ist und Freude macht.

idea: Bei der deutschen Vorausscheidung für den Europäischen Schlagerwettbewerb erreichte Ende Februar erstmals eine christliche Gruppe – “Normal Generation?” – einen Platz, den 3. Spricht das dafür, daß christliche Musik einen Aufschwung erlebt? Fietz: Leider noch nicht. Der Erfolg von “Normal Generation?” beruhte vor allen Dingen darauf, daß sich erstmals ein großer Verband, nämlich die EKD, hinter eine christliche Gruppe stellte. Geschähe so etwas häufiger, daß Christen sich hinter eine Musikgruppe stellten, wären wir schnell in den Hitparaden, solange wir jedenfalls Qualität bieten.

Für zwei Landeskirchen war die Musik von Fietz zu fromm

idea: Sie hatten ja etwas, was bis heute einmalig geblieben ist: zehn Jahre lang eine eigene Musiksendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Warum gibt es die Sendung im Hessischen Rundfunk (HR) nicht mehr?

Fietz: Es war tatsächlich interessant zu erleben, daß eine Sendung unter dem Titel “Lieder zwischen Himmel und Erde” mit ausgesprochen christlicher Musik Erfolg hatte – und zwar an der Basis. Enttäuschend war allerdings, daß wir ausgerechnet von kirchlicher Seite angeschossen wurden, insbesondere vom damaligen Pressesprecher der kurhessen-waldeckischen Kirche, einem ehemaligen Baptisten, und von der hessen-nassauischen Kirchenleitung.

idea: Die hätten doch aber eigentlich glücklich über eine Sendung mit dieser Ausrichtung sein müssen ...

Fietz: Eigentlich ja. Aber ich war den Kirchenleuten offensichtlich zu fromm. Doch selbst sie haben es nicht geschafft, die Sendung zu kippen, weil die Zustimmung unter den Zuhörern eben enorm war. Ich habe trotzdem aufgehört, weil zehn Jahre immer wieder eine solche Sendung zu machen, eine enorme Anstrengung bedeuten und mein Schwerpunkt nicht Radiomoderation ist, sondern das Schreiben von Liedern, und darauf wollte ich mich wieder konzentrieren. Natürlich ist es schade, daß die Sendung nicht weitergeführt wurde und auch nichts Entsprechendes in Deutschland existiert, obwohl es mittlerweile 240 Radioprogramme gibt. Doch das ist auch die Schuld von Christen: Wenn sie sich an ihre Radiosender mit Unterschriftensammlungen wenden würden, würde sicher vielfach die Möglichkeit für christliche Musik auch geschaffen werden. Das Problem ist nicht der vermeintliche Atheismus der Verantwortlichen, sondern vielmehr die Trägheit von Christen. Bonhoeffer-Vertonung

idea: Was war eigentlich Ihr erfolgreichstes Projekt?

Fietz: Stark beeindruckt hat mich die Weltraumsinfonie mit dem Royal Philharmonic Orchestra in London. Mit dieser Produktion hatten wir international großen Erfolg. Im deutschsprachigen Raum ist sicher die Vertonung von Bonhoeffers “Von guten Mächten wunderbar geborgen” das Bekannteste, was man mit Siegfried Fietz verbindet.

idea: Wie entsteht eigentlich eine solche Vertonung?

Fietz: Meine Frau und ich haben uns zwei Tage lang von einem Bonhoeffer-Lehrer, Frieder Möricke, Bonhoeffer vorlesen lassen. Dann hat er uns Bonhoeffer interpretiert, und daraufhin habe ich nächtelang am Klavier gesessen, gebetet, geweint, gehofft. 95 Prozent bei Kompositionen sind harte Arbeit, fünf Prozent ist Inspiration, ein geistliches Geschenk. Aber diese fünf Prozent sind entscheidend. Das hat dann etwas mit Segen zu tun.

Mit Ivan Rebroff

idea: Sie arbeiten in Ihrem Studio auch mit Prominenten wie Olivia Molina oder Ivan Rebroff zusammen, die oft keine Christen sind. Wissen die, daß Sie und Ihre Mitarbeiter Christen sind?

Fietz: Daraus machen wir überhaupt kein Geheimnis. Und im übrigen: Ivan Rebroff beispielsweise, der ja zu den Weltstars gehört, bekennt sich selbst dazu, Christ zu sein. Ich habe ihn im Paulus-Oratorium II den Kerkermeister von Philippi singen lassen, was sich unglaublich beeindruckend anhört.