26 Juli 2011, 08:26
Christen in Palästina: 'Wut über israelische Siedlungspolitik'
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Kirche in Not'
André Stiefenhofer, Pressesprecher von KIRCHE IN NOT, ist von einer dreiwöchigen Projektreise in den Nahen Osten zurückgekehrt. Im Gespräch mit der Journalistin Eva-Maria Vogel berichtet er über die aktuelle Situation der Christen im Heiligen Land

München (kath.net/KIN) Der Pressesprecher des weltweiten Hilfswerks "Kirche in Not" in Deutschland, André Stiefenhofer, ist vor kurzem von einer dreiwöchigen Projektreise in den Nahen Osten zurückgekehrt. Im Gespräch mit der Journalistin Eva-Maria Vogel berichtet er über die aktuelle Situation der Christen im Heiligen Land: „Die Menschen haben die große Politik so satt. Sie wollen einfach nur in Ruhe leben und ihr Auskommen haben.“

Eva-Maria Vogel: Herr Stiefenhofer, wie erleben Christen im Heiligen Land die Umbrüche im Nahen Osten?

André Stiefenhofer: Die Christen im Heiligen Land sind zum Großteil Palästinenser. Dementsprechend erleben sie die Umbrüche aus einer ganz anderen Situation heraus als es ihre Glaubensbrüder zum Beispiel in Ägypten oder auch Jordanien tun. Die Rolle des Staates Israel und die damit einhergehenden Konflikte sind die "Brille", durch die die Christen die Ereignisse im Nahen Osten beobachten. Es herrscht große Wut über die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland und der Wunsch nach einem wirklich souveränen palästinensischen Staat ist greifbar. Aus dieser Situation heraus empfinden die palästinensischen Christen eine gewisse Sympathie für die Revolutionen und Demokratiebewegungen im Nahen Osten und der Schulterschluss zu den Muslimen ist stärker ausgeprägt, als das in anderen Ländern der Fall ist. Es wird aber auch deutlich wahrgenommen, dass man in Palästina nun schon über 40 Jahre darum kämpft, sich aus einer reinen Protestbewegung mit oftmals terroristischen Zügen zu einem tragfähigen demokratischen Staat zu entwickeln. Der Weg dahin ist in Palästina auch nach über 40 Jahren noch nicht abgeschlossen und so herrscht Skepsis, ob die Umbrüche anderswo sofort zu demokratischen Systemen führen werden. Die Christen fürchten eher, dass der Nahe Osten noch Jahrzehntelang instabil bleiben wird, bis sich neue Staatsformen herausgebildet haben.

Werbung
christenverfolgung


Eva-Maria Vogel: Wie sieht die persönliche Situation der Christen im Heiligen Land aus?

André Stiefenhofer: Wenn sie Palästinenser sind, werden die Christen von Israel wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Das muss man leider so deutlich sagen. Palästinenser haben grüne Nummernschilder an ihren Autos, mit denen sie viele Straßen auch im Palästinensergebiet nicht benutzen dürfen. Es gibt in Bethlehem geborene Priesterseminaristen, die ihr ganzes Leben noch nie in Jerusalem waren, das mit dem Auto in zehn Minuten zu erreichen wäre. Sie dürfen sich in ihrem eigenen Land nicht frei bewegen und müssen jederzeit damit rechnen, ohne Angabe von Gründen vom israelischen Militär verhaftet zu werden. Besonders schlimm ist die Lage im Gaza-Streifen. Soviel ich mitbekommen habe, ist dieses Gebiet nichts anderes als ein großes Gefängnis. Was mich persönlich am meisten schockiert hat, ist der Umgang der israelischen Sicherheitskräfte mit den Palästinensern. Er ist geprägt von Willkür, Hass und Schikane. Natürlich hat Israel ein Recht darauf, sein Staatsgebiet und seine Bürger zu schützen und die vielen Erfahrungen mit terroristischen Anschlägen auch in Jerusalem haben die Israelis zu Recht misstrauisch gemacht. Aber die Lösung ist ganz sicher nicht, ein ganzes Volk unter den Generalverdacht des Terrorismus zu stellen und es unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung zu schikanieren, wo es nur geht. Genau diesen Eindruck bekommt man aber von Israel, wenn man auch nur wenige Tage mit palästinensischen Christen unterwegs ist.

Eva-Maria Vogel: Welche Auswirkungen sind für Christen zu erwarten, wenn die rivalisierenden Palästinenser-Organisationen Fatah und Hamas eine Einheitsregierung bilden sollten?

André Stiefenhofer: Es kann ein weiterer Schritt zu einem demokratischen und selbstständigen Staat Palästina sein. Diesen Staat wird es aber nur geben, wenn Israel und seine westlichen Verbündeten das zulassen. Wird den Palästinensern trotz entsprechender Voraussetzungen die Staatsgründung mit voller Souveränität weiter verweigert, wird das nur zur weiteren Festigung der Frustration im Volk führen. Das Ergebnis dieser Frustration ist auf Seiten der radikalen Palästinenser der fortgesetzte Terrorismus gegen Israel. Bei den Christen wird die Frustration eher dazu führen, dass der Exodus weitergeht. Vor 1948 waren in Israel 30 Prozent der Bevölkerung Christen - heute sind es gerade mal noch drei Prozent. In christlichen Hochburgen wie zum Beispiel Bethlehem ist der Schwund ähnlich drastisch. Vor 1948 lebten in Bethlehem ausschließlich christliche Familien. Heute sind es noch 30 Prozent.

Eva-Maria Vogel: Wie kann Christen in Palästina von Politikern aus dem Westen geholfen werden?

André Stiefenhofer: Nur mit der Lösung der Probleme, die seit der Gründung des Staates Israel 1948 bestehen. Ich weiß - diese Aufgabe kommt dem Gordischen Knoten gleich und ich bezweifle sehr, dass es gelingt, diesen Knoten in den nächsten Jahren zu durchschlagen. Dazu gibt es zu mächtige Lobbys auf beiden Seiten, für die zu viel auf dem Spiel steht. Meiner ganz persönlichen Meinung nach kommt auf lange Sicht nur eine Zweistaatenlösung in Frage - wie auch immer die Grenzziehung aussehen mag. Nur müssen sich diese beiden Staaten dann auch gegenseitig vertrauen können und von ihren Nachbarn voll akzeptiert und respektiert werden. Hier müssen gerade auch die arabischen Länder endlich ihre Hausaufgaben machen und das Existenzrecht Israels anerkennen. Wird in diesen Fragen keine Lösung erreicht, werden die Christen weiter abwandern. Die westlichen Politiker müssen in Israel und Palästina darauf dringen, dass man endlich menschlich miteinander umgeht und sich gegenseitig nicht länger verteufelt.

Eva-Maria Vogel: Die Palästinenser verlangen als Vorbedingung für weitere Verhandlungen, dass Israel auf den Bau neuer Siedlungen in den besetzten Gebieten verzichten soll. Wie realistisch ist das?

André Stiefenhofer: Diese Vorbedingung ist meiner Meinung nach völlig berechtigt. Mit den Siedlungen zerteilt Israel das Palästinensergebiet und greift somit in die Souveränität der Autonomieregierung ein. Man fragt sich als Außenstehender sowieso, was das Ganze soll. Die neuen Siedlungen sind völlig unnötig und reines Machtgebaren. Es gibt keinen Mangel an Wohnraum in Israel und die Demografie weist eher nach unten. Warum baut man also auf Teufel komm raus Siedlungen im Palästinensergebiet und schneidet den Menschen damit Straßen und Versorgungslinien ab? Der Baustopp vor allem auch bei dieser unsäglichen Mauer zwischen Jerusalem und dem Palästinensergebiet wäre ein wirkliches Friedensangebot, auf dem aufgebaut werden könnte.

Eva-Maria Vogel: Wie kann eine Verbesserung der Situation der Christen im Rahmen der Verhandlungen zwischen Palästinensern und Israel erreicht werden?

André Stiefenhofer: Wenn es zu einer wie auch immer gearteten Staatenlösung für die Palästinenser kommt und die de facto bestehende Besatzung durch Israel endlich aufgehoben werden kann, würde das großes Aufatmen unter den Christen hervorrufen und ihnen endlich eine Zukunft in ihrer Heimat sichern. Die Menschen haben die große Politik so satt. Sie wollen einfach nur in Ruhe leben und ihr Auskommen haben. Jedes friedliche Mittel, um das zu erreichen, kann ihnen da nur recht sein.

Eva-Maria Vogel: Welche Auswirkungen, auch für Christen, hätte die Ausrufung eines unabhängigen palästinensischen Staates im September durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen?

André Stiefenhofer: Das hängt natürlich von der Reaktion Israels und seiner Verbündeten ab. Wenn ein Palästinenserstaat anerkannt und lebensfähig wird, wäre das unter einer Vorbedingung gut für die Christen, nämlich dass die benachbarten arabischen Staaten ihrerseits endlich das Existenzrecht Israels anerkennen und die Grenzen von allen Beteiligten verbindlich ausgehandelt werden. Kurz: Das Misstrauen müsste zu Vertrauen und die Feindschaft zu Partnerschaft werden. Ich halte die Chancen dafür aber für sehr gering.

Kirche in Not Deutschland:
www.kirche-in-not.de

Kirche in Not
Lorenzonistr. 62
81545 München
Deutschland

Telefon: +49 / 89 / 64 24 888 – 0
Fax: +49 / 89 / 64 24 888 50
E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de

Kirche in Not: Spenden online


Kirche in Not Österreich:
www.kirche-in-not.at

KIRCHE IN NOT
Hernalser Hauptstraße 55/1/8
1172 Wien
Tel: +43(1) 405 25 53
Fax: +43(1) 405 54 62-75
E-Mail: kin@kircheinnot.at


Foto von André Stiefenhofer: © Kirche in Not

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung auf ein Konto in Ö, D oder der CH oder via Kreditkarte/Paypal!











Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 
App play store iTunes app store Jetzt kostenlos herunterladen! mehr Infos Instagram
meist kommentierte Artikel

Einsiedler Abt Urban Federer meint: „Schwul und zölibatär ist okay“ (60)

„Der Schutz des Lebens hat für die CDU überragende Bedeutung“ (49)

Der Traum alter Männer (46)

Causa 'Alois Schwarz' - Rom untersagt Pressekonferenz der Diözese Gurk (36)

„Deutsche Bischöfe überschritten klar ihre lehramtliche Kompetenz“ (31)

R. I. P. Robert Spaemann (31)

NEU! - kath.net-WhatsApp-Newsletter - NEWS und MISSION (26)

Das wäre der Dschungel... (24)

Weihbischof Michael Gerber wird neuer Bischof von Fulda (23)

Zollitsch-Satz ist „sehr katholisch“ (23)

Argentinien: Erzbischof spricht von „einer Art klerikaler Homolobby“ (20)

Die Todesengel von links (19)

Bistum Münster schaltet Staatsanwaltschaft ein (16)

Polen und Ungarn blockieren erfolgreich die „LGBTIQ-Rechte“ in der EU (14)

Wien: Solidaritätskundgebung für weltweit verfolgte Christen (13)