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11 Mai 2015, 11:00
Rechtskatholizismus: Bin ich lechts oder rinks?

„Rechtskatholizismus” entwickelt sich zum innerkirchlichen Schimpfwort. Das ist genau so schädlich wie jede andere rechte oder linke Schublade. Gastbeitrag von Felix Honekamp

Köln (kath.net/Papsttreuer Blog) Bislang kann man den Begriff des „rechten Glaubens” noch verwenden, vermutlich ist es aber nicht mehr lange hin, bis man sich aufgefordert sieht zu erläutern, dass damit keine politische Richtung sondern mit dem Begriff „recht” eine etwas ältere Form von „richtig” gemeint ist. Mit diesem Begriff wird man sich dann immer noch dem Vorwurf des Fundamentalismus ausgesetzt sehen … aber zumindest nicht dem, „rechts” zu sein. Für diesen Zusammenhang, rechtgläubig oder konservativ katholisch und politisch konservativ verortet zu sein, gibt es aber einen neuen Kampfbegriff, der sich vor allem durch seine Unschärfe auszeichnet: Der „Rechtskatholik”.

Der Begriff des Rechtskatholizismus bezeichnet in der Rückschau bereits Tendenzen im Kaiserreich, spätestens in der Weimarer Republik, die den Katholizismus im Schulterschluss mit den nationalistischen Rechten sehen wollten. Dass mit dem konservativen Katholizismus, der mit den Rechtskatholiken heute gemeint zu sein scheint, politisch kein Nationalismus, womöglich aber ein Patriotismus verbunden sein kann (nicht muss) ist kein Geheimnis. Da der Begriff „rechtskatholisch” aber zum Totschlagargument zu werden droht gegen alles, was nicht „liberalkatholisch” oder – im Kontrast zu dem Begriff – „linkskatholisch” ist, ist eine eindeutigere und aktuellere Abgrenzung notwendig.

Versucht man sich an einer zumindest oberflächlichen Definition kommt man vermutlich nicht an ein paar neuen zu definierenden Begrifflichkeiten vorbei. Da wäre für die politische wie die religiöse Grundhaltung der Begriff des „Konservativen”. Dem Wortsinn nach „bewahrend”, weiter gefasst „das Gute bewahrend” werden sich in diesen beiden Gruppierungen, den konservativen Katholiken und den politisch Konservativen, deutliche inhaltliche und personelle Überschneidungen finden:

Den Konservativen zeichnen Beharrungskräfte aus, die sich nicht aus geistiger Bequemlichkeit sondern aus der Erfolgsgeschichte des Bewährten oder der erkannten Richtigkeit des Bestehenden ergeben. Der konservative Katholik stellt daher die Lehre der Bibel, die Überlieferungen und das Lehramt der Kirche, inklusive des Primats des Papstes, nicht ohne Not in Frage: Diejenigen, die Veränderungen bewirken wollen, tragen die Beweislast, dass der angestrebte neue Zustand in geistlicher Hinsicht besser ist als der Status Quo. Ähnliches lässt sich wohl für den politisch Konservativen sagen, der aber ungleich schwerer zu beschreiben ist, da sich Politik im Unterschied zur Religion nicht auf „ewige Wahrheiten” stützt. Der politisch Konservative, oder der als solchen Einordnende, steht daher vor konkreteren Fragestellungen: Ist ein (politisch) Konservativer für oder gegen Atomkraft? Ist ein (politisch) Konservativer für oder gegen die weitere Vereinigung Europas? Schwer zu sagen … und Versuche, der einen oder anderen Antwort das Prädikat „konservativ” anzuheften, schlagen regelmäßig fehl.

Medial und politisch hilft man sich daher mit Prämissen, die nur scheinbar nicht mehr bewiesen werden müssen: Derjenige, der für den Erhalt der Nationen ist, wird als „konservativ” definiert, genau so derjenige, der an der Atomkraft festhält. Das ist insofern verständlich, als dass man mit diesen Positionen vordergründig gegen Veränderungen opponiert, die weiter gefasste Definition, dass man als Konservativer „am Bewährten festhält”, ist damit aber noch nicht erfüllt. Und so wird munter „schubladisiert”: Pro Atom, Contra EU und Pro Nation, Pro traditionelle Familie und Contra Verpartnerung, Pro Lebensschutz und Contra Abtreibung … alles konservativ und damit – in der Diktion der Medien und der politischen Gegner – „rechts”.

Gleichzeitig werden dem Begriff „rechts” – zunächst nicht dem Begriff „konservativ” – Attribute wie Fremdenhass, (übersteigerter) Nationalismus, Homophobie, Militarismus, Demokratiefeindlichkeit etc.pp., zugeordnet. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, über den Umweg der Wortschöpfung des „Rechtskonservativen” auch dem oben noch neutral beschriebenen Konservativen das Attribut „rechts” zuzuordnen. Und das „rechts” in der Wahrnehmung in einem Schwung mit „rechtsextrem” gesehen wird, muss ich auch keinen mehr erklären. Der politisch Konservative, eigentlich ein ganz netter Zeitgenosse, der nur nicht auf jeden modernistischen, linken oder sozialdemokratisch/sozialistischen Zug aufspringen mag, sieht sich unversehens in der gleichen politischen Ecke wie Nationalisten und Ausländerhasser wieder, mit denen er eigentlich sowohl aus Überzeugung als auch aus rein ästhetischen Gründen nichts zu tun haben möchte.

In dieser Ecke findet er sich aber auch deshalb, weil sich die zugehörigen Milieus von Progressiven/Linken und Konservativen/Rechten (im neutralen Sinn des Wortes) kaum noch überschneiden: Bis auf wenige Ausnahmen wird ein Konservativer weder in der SPD oder bei den Grünen, schon gar nicht bei der Linken, in zunehmenden Maße auch nicht mehr bei der CDU, glücklich. Der Progressive dagegen kommt mit weiten Teilen der Positionen der CDU, erst Recht nicht mit denen der AfD klar. Ein Konservativer liest den Spiegel oder die ZEIT nur mangels Alternativen und zur Beobachtung, was der Mainstream denn so schreibt, der Progressive hackt sich eher die Hand ab als dass er mit ihr eine „Junge Freiheit” bezahlt. Das ganze setzt sich in den sozialen Medien wie Facebook fort, in denen in progressiven/linken und in konservativen Foren die jeweiligen politischen Gegner nur noch als Trolle auftreten oder so eingeschätzt werden. Weil das aber so ist, gilt plötzlich eine nationalkonservative, von mir aus auch patriotische Zeitung wie die „Junge Freiheit” als „rechts” und damit „rechtsextrem” – und ihre Leser, man ahnt es, sehen sich in der Situation, sich für die Lektüre, Journalisten in der Situation, sich für die Mitarbeit in diesem Organ rechtfertigen zu müssen.

Weil aber wiederum konservativ-katholische Positionen in den meisten linken bis linksliberalen Blättern keinen Stand mehr haben, bleiben hier nur noch konservative Blätter, entweder explizit kirchlichen Inhalts oder auch politisch konservative Zeitungen. Und so reibt man sich die Augen, dass man Positives über die katholische Kirche, abgesehen von religiösen Magazinen, gerade noch mal in Zeitungen wie der schon erwähnten „Jungen Freiheit” oder dem libertären Magazin „eigentümlich frei” findet. Bei letzterem wird es dann völlig abstrus, da auch sie in ethischen Themen als eher konservativ gilt, sich in dieser Hinsicht auch schon mal auf die Seite Vladimir Putins schlägt (dazu sei gesagt: es gibt maßgebliche Autoren des Magazins, die das tun, eine „Hausmeinung” gibt es dazu offensichtlich nicht), und sich damit als „nicht-linkes” stattdessen als „rechtes” Blatt stigmatisiert sieht. Auf „eigentümlich frei” wie „Junge Freiheit” treffen dann die Bewertungen als „Scharnierorgane” zur „Neuen Rechten”, und wenn man Kritiker liest, könnte man meinen, eine Machtergreifung von Neonazis stünde durch solche Zeitungen und Magazine kurz bevor.

In diesem Konglomerat finden sich aber auch ausgewiesen katholische Organe wie „Die Tagespost”, das Internetmagazin „kath.net” oder auch Journalisten, die – durchaus in Mainstreammedien, dort aber mit Ausnahmecharakter – politisch-konservative, bisweilen auch katholisch-konservative Positionen vertreten. An denen – nehmen wir Alexander Kissler vom Cicero oder Matthias Matussek, früher Spiegel jetzt WELT – reiben sich dann politisch-progressive oder liberal-katholische in besonderem Maße, weil sie neben einer dezidierten Meinung auch noch mitsamt der Medien über ein ordentliches Maß an Reichweite verfügen. Sie mit in die rechte Ecke zu drängen, in die man Autoren wie Gabriele Kuby oder Hedwig von Beverfoerde schon lange versenkt zu haben glaubt, ist der Sport ihrer politischen oder kircheninternen Gegner.

In einer solchen Situation, in der konservativ-katholische Positionen genau so marginalisiert erscheinen wie konservativ-politische, bei denen aber eben nicht selten nicht nur inhaltliche sondern auch personelle Überschneidungen vorliegen, stellt sich also die Frage, wer mit wem kooperieren kann. Konkret: Ist eine Zusammenarbeit zwischen katholisch-konservativen Journalisten oder Autoren mit einer national-konservativen Zeitung wie der „Jungen Freiheit” nützlich … oder werden hier christliche Grundsätze durch die Mischung mit nationalpolitischen Interessen „verdunkelt”? Für mich persönlich: Können weiterhin meine Beiträge bei der „eigentümlich frei” erscheinen, auch wenn dort mitunter Töne angeschlagen werden, die meinem christlichen Glauben widersprechen?

Der Vorwurf, der denjenigen gemacht wird, die diese Fragen mit Ja beantworten, wiegt schwer: Man kokettiere mit „rechtem” Gedankengut, „verdunkle” den christlichen Glauben durch Nationalismus, legitimiere in gewisser Weise „Scharnierorgane” zur Neuen Rechten durch das Erscheinen christlicher Beiträge in diesen Medien. Hinter diese Vorwurf steht aber – so meine Beobachtung – etwas anderes: Den entsprechenden Kritikern gefällt die konservativ-katholische Position nicht, und so ist man sich nicht zu schade, mit derartigen Unterstellungen konservative Katholiken in die rechte, in deren Augen damit rechtsextreme, Ecke zu stellen. Es geht also nicht so sehr um die Sorge vor einer angeblichen christlichen Legitimierung rechten Gedankenguts (wo immer ein solches anfängt) sondern im Gegenteil um den Versuch, konservativ-katholische Positionen zu delegitimieren.

Diese Kritik an sogenannten Rechtskatholiken können wir also getrost vergessen, soweit sie sich auf die Zusammenarbeit konservativer Katholiken mit konservativen politischen Strömungen und Medien bezieht. Letztlich muss jeder für sich selbst beantworten, ob er sich in seiner konservativ-katholischen Nische selbst marginalisieren möchte oder die Medienkanäle – wohlgemerkt in verantwortlicher Weise, nicht jedes Veröffentlichungsangebot ist gut, nur weil es da ist – nutzt, die ihm zur Verfügung stehen.

Was die gesamte Entwicklung aber zeitigt ist ein Risiko, dass nicht zu unterschätzen ist, nur weil mit ihm von linkskatholischer Seite gerne als Fakt (statt Risiko) gegen Konservative argumentiert wird. Dieses Risiko lässt sich wohl am besten mit dem Begriff der „Selbstreferentialität” bezeichnen: Durch die oben beschriebene Trennung der unterschiedlichen katholischen Milieus kommt es – auf beiden Seiten – zu Verhärtungen und gegenseitigen Bestärkungen, die eine selbstkritische Reflektion der eigenen Positionen zunehmend verhindert. Dem jeweils anderen wird wahlweise mangelnder katholischer Glaube, mangelnde Liebe und Barmherzigkeit oder mangelnde theologische bzw. Bibelkenntnisse vorgeworfen, man bezichtigt sich entweder des Fundamentalismus oder der Preisgabe katholischen Glaubensgutes.

Das ist kein spezifisch christliches oder Religionsproblem sondern ein politisches, auch gesellschaftliches. Wo sich Milieus nicht mehr überschneiden fehlt der Austausch, das Überprüfen der eigenen Positionen an jeweils anderen. Extremismen können (nicht müssen) die Folge sein, in der man sich mit der jeweils anderen Position nicht mehr auseinandersetzen muss, die einfach aus dem Diskurs ausgeschlossen wird. Das kann der Fall sein im vergleichsweise großen Milieu der politisch linken bzw. progressiven Kräfte, in dem alles, was nicht der eigenen Meinung entspricht der Geruch des „Rechten” anhaftet, das kann der Fall sein in politisch konservativen Kreisen, für die alle anderen Positionen nach Preisgabe der eigenen Identität riechen, das kann der Fall sein in liberal-katholischen Kreisen, in denen in konservativen Meinungen Fundamentalismen vermutet werden, das kann aber auch der Fall sein im konservativ-katholischen Milieu in dem die Gefahr besteht, dass abweichende Positionen gleich als Ausgeburt der Hölle betrachtet werden.

Das allerdings scheint mir für die katholische Kirche, das Christentum insgesamt – jedenfalls in unseren Breiten – eine der hervorstechendsten internen Herausforderungen zu sein: Die Kommunikation mit anderen Milieus aufrecht zu erhalten, den Kontakt zu „den Anderen” nicht zu verlieren, den Spagat zu wagen, den eigenen Glauben, die eigenen Überzeugungen nicht aufzugeben, aber an anderen Überzeugungen zu verproben. Auch die Mission, vereinfacht das Werben für die eigene Position ohne einen unethischen Proselytismus zu betreiben, will in einem solchen Umfeld erst mal gelernt sein.

Und nachdem ich diese oben fast bis zum Exzess benutzt habe: Schubladenbegriffe wie rechts und links, konservativ und progressiv sind schon mal ein guter Anfang, in diesem Bemühen zu scheitern. Manchmal helfen solche prägnanten und vereinfachenden Einordnungen, ich will sie daher nicht vollständig verteufeln. Wo sie aber der Kommunikation im Weg stehen, den anderen nurmehr stigmatisieren und nicht mehr seine Position neutral beschreiben sollen, da täten wir gut daran, sie zu meiden. Gerade unter Christen zementieren sie ansonsten eine Trennung, in der Jesus eigentlich eine Einheit geschaffen hat, und ein Gegeneinander wo ein Miteinander für Gott notwendig wäre.

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