05 Juli 2016, 10:30
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Jane Austen und die Brontë-Schwestern gehören zu den besten und populärsten christlichen Schriftstellerinnen. die englischen Pastorentöchter revolutionierten vor 200 Jahren die Bücherwelt. idea-Beitrag von Markus Spieker

Wetzlar (kath.net/idea) Sie gehören zu den besten und populärsten christlichen Schriftstellerinnen, auch wenn sie im deutschsprachigen Europa bei vielen in Vergessenheit geraten sind: Jane Austen und die Brontë-Schwestern. Der Fernsehkorrespondent Markus Spieker (zurzeit Neu-Delhi) beschreibt, wie die englischen Pastorentöchter vor 200 Jahren die Bücherwelt revolutionierten.

Die Irrtümer, die über bekennende Christen kursieren, sind zahlreich. Zu ihnen gehört die Annahme, dass fromme Menschen ganz brauchbar dabei sind, karitative Aktionen durchzuführen, aber unfähig, große Kunst zu produzieren. Leidenschaftlicher Glaube, so der Trugschluss, verengt das Sichtfeld, verödet die Wahrnehmung, blockiert die Kreativität. Vor allem christliche Frauen werden – so der nächste Mythos – seit Jahrhunderten systematisch in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt. Es ist höchste Zeit, mit den Mythen aufzuräumen, und zwar deshalb, weil die Gegenbeispiele gerade Jubiläen feiern.

In den Feuilletons wird nichts vom Glauben stehen

Charlotte Brontë, die Autorin von „Jane Eyre“ und die älteste der drei berühmtesten bücherschreibenden Schwestern der Literaturgeschichte, wurde vor 200 Jahren geboren. Und bei Jane Austen, der vermutlich populärsten Romanschreiberin aller Zeiten, jährt sich im nächsten Jahr der Todestag zum 200. Mal. In den Feuilletons werden dazu viele Artikel erscheinen, in denen so gut wie nichts vom Glauben der Autorinnen steht; einem Glauben, der für die genialen Ladies so selbstverständlich war, dass sie in ihren Werken wenig Aufhebens darum machten. Das christliche Bekenntnis findet sich in ihren Romanen zwischen den Zeilen, in den Biografien der Schriftstellerinnen dafür groß gedruckt.

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Alle waren Pastorentöchter

Sowohl Jane Austen als auch die Brontë-Schwestern waren Pastorentöchter, bewegten sich außerhalb der literarischen Salons ihrer Zeit und schrieben ohne Aussicht auf weltweiten Ruhm. Das allumfassende Thema ihrer Bücher wird am besten zusammengefasst im Titel einer neuen Jane-Austen-Romanverfilmung, die gerade in den Kinos anläuft (zunächst den amerikanischen, hoffentlich bald auch den deutschsprachigen): „Liebe und Freundschaft.“

Über das Leben von Jane Austen (1775–1817) ist wenig Detailliertes bekannt. Sie verfasste keine Memoiren, hinterließ kein Tagebuch, und die meisten ihrer Briefe wurden vernichtet. Sie wurde als siebtes von acht Kindern eines englischen Pfarrers und seiner aus adeligen Kreisen stammenden Frau geboren, wuchs auf mit sechs Brüdern und den fremden Jungen, die ihre Eltern in einer Art Privat-Internat betreuten. Sie war also bestens vertraut mit dem Hauptsujet ihrer Bücher: Männern bzw. dem Bemühen von Frauen, den Richtigen zu finden. Sie selbst fand ihren nie. Einmal soll sie verliebt gewesen sein, einmal einen Heiratsantrag bekommen haben. Sie starb als 41-jährige Single-Frau. Immerhin verkaufte sie zum Schluss ein paar tausend Kopien, genug, um einen Beitrag zum Haushaltsbudget beizutragen.

Mildtätigkeit, Hingabe, Glaube, Reinheit

In der Todesanzeige formulierten ihre Brüder: „Ihr Verhalten war freundlich, ihre Gefühle feurig, ihre Offenherzigkeit unübertroffen, sie lebte und starb, wie es sich für eine demütige Christin gebührt.“ Die Inschrift auf dem Grabstein führte aus: „Sie hat dieses Leben verlassen, gestärkt durch die Geduld und die Hoffnung einer Christin.“ Weiter ist die Rede von ihrer „Mildtätigkeit, ihrer Hingabe, ihrem Glauben, ihrer Reinheit“ sowie dem Vertrauen auf „ihren Erlöser“. Als fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod eine erste Lebensgeschichte über Jane Austen erschien, geschrieben von ihrem Neffen, war darin auch viel von ihrer Christlichkeit die Rede.

In ihren Romanen wird nie gebetet

Wie erklärt es sich da, dass in ihren Romanen nie gebetet wird, sich niemand bekehrt und das einzige regelmäßige Glaubensritual der Kirchgang ist? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem bei Jane Austen nie geküsst wird, obwohl es unentwegt um romantische Beziehungen geht. Der Glaube war im Haus der Austens und den Kreisen, in denen sie verkehrte, eine Selbstverständlichkeit. Ganz offensichtlich waren Austen fundamentale Zweifel an ihrer Gotteskindschaft oder gar an der Existenz Gottes fremd. Warum also darüber schreiben? Dann doch lieber über die ganz realen Sehnsüchte, die sie und andere Frauen nachts wach liegen ließen und unendlich viel Gesprächsstoff lieferten.

Sie wusste, wie Frauen fühlen, denken, „ticken“

Der Handlungsverlauf ihrer Romane ist immer ähnlich: Ob in ihrem Debüt „Erste Eindrücke“, das sie mit Anfang 20 verfasste, aber erst mit Mitte 30 als „Stolz und Vorurteil“ veröffentlichte (zunächst, wie alle ihre Romane, anonym), in „Verstand und Gefühl“, „Emma“, Mansfield Park“, „Die Abtei von Northanger“ oder „Überredung“ – immer geht es um junge Frauen, die sich in junge Männer verlieben, und um die Irrtümer, Intrigen und sonstigen Verwicklungen auf dem Weg zum Altar. Das klingt schon für die damalige Zeit nach Standardware, ist es aber nicht einmal für den heutigen von Billigschnulzen überschwemmten Büchermarkt. Jane Austen gelang das Kunststück, das seelenvolle Künstler auszeichnet: die Wahrheit zu schreiben, der Welt den Spiegel vorzuhalten – in Liebe und mit Eleganz. Sie „klickte“ vor allem mit der weiblichen Leserschaft aller Schichten und Zeiten, weil sie offenbar wusste, wie Frauen fühlen, denken, „ticken“.

Widerwille gegen alles Obszöne

Für Jane Austen gilt dasselbe, was Stefan Zweig einmal über Charles Dickens geschrieben hat, nämlich, dass dieser das Glück der Welt „gemehrt“ habe. Das geschieht nicht nur durch Bücher, die Ungerechtigkeiten anprangern. Ist es nicht schon ein großer Verdienst, unzählige einsame, von Sorgen oder auch nur von Langeweile geplagte Leser ein paar Stunden lang in eine Welt zu entführen, in der es charmant, aufregend und, auch das macht Jane Austen aus, zutiefst anständig zugeht. „Sie hatte einen Widerwillen gegen alles Obszöne“, sagte ihr Bruder über sie.

Der Vater musste seine gesamte Familie zu Grabe tragen

Diese Abneigung gegenüber jeder Form von Vulgarität teilt sie mit den drei schreibenden Schwestern, die ebenfalls in einem südenglischen Pastorenhaushalt aufwuchsen, Charlotte (1816–1855), Emily (1818–1848) und Anne Brontë (1820–1849). Ihr Leben und auch die Sicht darauf war allerdings ein ganz anderes. Von den wohltemperierten Techtelmechteln gehobener Bürger und armer Adeliger, die Jane Austen aus eigener Anschauung kannte, wussten die Brontës nichts. Ihre Weltbetrachtung ist die von unten und tief drinnen. In ihren Büchern kämpfen verzweifelte Seelen um einen halbwegs sicheren Platz in einer von Lüge und Unterdrückung verseuchten Welt. Statt amüsiert distanziert schreiben sie leidenschaftlich engagiert. Darin waren sie ganz der Vater: Patrick Brontë, ein aus Irland zugewanderter Außenseiter, dessen theologische Einstellung man heute als „evangelikal“ bezeichnen würde. Sein geistliches Vorbild war der Begründer der methodistischen Kirche, John Wesley (1703–1791), sein Förderer der tiefgläubige Politiker und Sklavenbefreier William Wilberforce. Wenn er nicht mit seinem Pfarrdienst beschäftigt war, schrieb Patrick Brontë missionarische Schriften, versuchte sich selbst als Romanautor und kämpfte gegen soziale Missstände, gegen Menschenhandel und Alkoholmissbrauch. Mit seiner Frau hatte er sechs Kinder, alle hochbegabt. Doch dann brach das Unglück über die Familie herein. Erst starb die Mutter, dann die ersten beiden Töchter. Von den anderen vier Kindern würde nur eines, Charlotte, älter als 30 werden. Pfarrer Patrick Brontë musste nacheinander seine gesamte Familie zu Grabe tragen.

Großes Leid, heftige Schmerzen, tiefe Einsamkeit

Es ist nicht verwunderlich, dass die Romane der Schwestern geprägt sind von der Erfahrung großen Leids, heftigen Schmerzen, tiefer Einsamkeit. Aber nicht von Verzweiflung. Die Protagonistinnen Jane Eyre und Agnes Grey sind bodenständige Christinnen, die ihren Platz im Himmel sicher wissen und eher Probleme damit haben, ihren Platz auf der Erde zu finden.

Bekenntnisse zum Glauben

Anders als bei Jane Austen, über deren spirituelles Innenleben so wenig bekannt ist, sind die Briefe von Charlotte und Anne Brontë voll mit Bekenntnissen zum Glauben, aber auch mit dem Ringen darum. Emily, die eigenbrötlerische und fanatisch tierliebende mittlere Schwester, verfasste Aufsätze, in denen sie den Schöpfer pries. Charlotte, die schrieb und auch malte, illustrierte in ihrem bekanntesten Bild die Hoffnungslosigkeit des Unglaubens. Das Bild trägt den Titel: „Der Atheist, der die Leiche seiner Frau betrachtet“.

Ein Gebet auf dem Sterbebett

Das einzige Familienmitglied, das sich ganz offen vom Glauben abwandte, war der ein Jahr nach Charlotte geborene Branwell. Von ihm als dem Stammhalter wurde eine beachtliche Karriere erwartet. Doch er scheiterte auf ganzer Linie, konnte keinen Text verkaufen und verlor seinen Job als Buchhalter, weil er eine Affäre mit der Frau seines Chefs hatte. Er suchte Trost im Alkohol, sogar im Morphium, wurde schwer suchtkrank und tat mit 30 Jahren seinen letzten Atemzug. Mit seinen letzten Worten gab er seinem Leben die von der ganzen Restfamilie erhoffte radikale Wendung. Vater Patrick, inzwischen 71 Jahre alt, kniete täglich stundenlang am Sterbebett seines einzigen Sohnes und rang buchstäblich um die Seele des bis dato unbußfertigen Atheisten. Auch die Schwestern standen am Bett des Bruders, als es mit ihm zu Ende ging. Charlotte erinnerte sich später daran, dass Branwell als Antwort auf ein Gebet seines Vaters „Amen“ seufzte. Und nicht nur das: „Ich selbst hörte“, berichtete sie, „mit einer Mischung aus Abschiedsschmerz und Freude, wie er ein leises Gebet sprach.“

Die ersten Bücher entstanden unter Pseudonymen

Zur selben Zeit, als Branwell starb, traten die Schwestern mit ihren ersten Büchern an die Öffentlichkeit, zunächst allerdings unter männlichen Pseudonymen, bei denen immerhin die Initialen stimmten. Sie nannten sich Currer, Ellis und Acton Bell. Gemeinsam hatten sie bereits einen Gedichtband veröffentlicht, davon allerdings nur zwei Kopien verkauft. Weitaus größer war der Erfolg von Charlottes Waisenmädchen-verliebt-sich-in-mysteriösen-Schlossherrn-Romanze „Jane Eyre“; Emilys „Sturmhöhe“, der Schilderung einer von Naturgewalt geschaffenen und vom Schicksal zerstörten Liebesbeziehung; und Annes „Agnes Grey“, der verhältnismäßig schlichten Geschichte einer Erzieherin, die erst auf viele Widerstände trifft und dann doch auf ihr Liebesglück. Weitaus unkonventioneller, vor allem in Anbetracht des sanftmütigen Charakters von Anne, war deren nächstes Buch, „Die Herrin von Wildfell Hall“. Darin verlässt eine Frau ihren gewalttätigen Alkoholiker-Gatten, ein für das konservative Viktorianische Zeitalter ziemlich unerhörter Schritt. Es dauerte einige Jahre, bis bekanntwurde, wer tatsächlich hinter den Pseudonymen steckte. Inzwischen waren die Bücher, allen voran „Jane Eyre“, zu beachtlichen Erfolgen geworden. Vater Patrick war beeindruckt. „Kinder, Charlotte hat ein Buch geschrieben“, verkündete er im immer kleiner werdenden Familienkreis, „und es ist besser, als ich erwartet habe“. Die Schwestern hatten nicht lange Gelegenheit, sich miteinander zu freuen. Emily und Anne starben kurz nach ihrem Bruder.

Die Ehe wurde zur schönsten Erfahrung

„Jetzt hat Vater nur noch mich, das schwächste und unbegabteste seiner sechs Kinder“, notierte Charlotte in der Bescheidenheit, die sie so absetzt von den großspurigen zeitgenössischen Macho-Autoren wie Honoré de Balzac, ganz zu schweigen von den bereits verstorbenen Kuratoren ihres eigenen Genie-Kults, Goethe und Lord Byron.

Als einziges Brontë-Kind heiratete Charlotte. Natürlich, möchte man sagen, einen Pfarrer – den etwas jüngeren Assistenten ihres Vaters, Arthur Bell Nichols. Zunächst sträubte sie sich, hielt den Verliebten für langweilig und unattraktiv. Seinen ersten Heiratsantrag lehnte sie ab. Drei Jahre später, mit 38 Jahren, erhörte sie den Werbenden. Die Ehe wurde überraschenderweise zu ihrer schönsten Erfahrung überhaupt und sie nach wenigen Monaten schwanger.

Oh, Gott, lass mich nicht sterben

Kurz darauf erkrankte sie, vermutlich an Typhus. „Oh, Gott“, soll sie gefleht haben, „lass mich doch bitte nicht sterben. Du wirst uns doch nicht trennen, wo wir doch gerade so glücklich sind.“ Kaum neun Monate nach der Hochzeit war sie tot. Die Fähigkeit, großes Leid und auch erhebliche Glaubenszweifel zu erleben, ohne in Bitterkeit und Unglauben zu fallen, zeichnete sie bis zuletzt aus. Wenn Marcel Reich-Ranicki seine liebsten Autoren als „Lauter schwierige Patienten“ charakterisiert, dann fällt bei Charlotte Brontë und den anderen hier behandelten Autorinnen auf, dass sie auf eine bezaubernde Art unkompliziert waren.

Genies, die sich nicht dafür hielten

Für die Bücher, die Jane Austen und die Brontë-Schwestern zu Papier brachten, gilt: Sie reizen nicht nur die Sinne und schärfen den Verstand, sie tun auch der Seele gut. Es lohnt sich, sie wieder zu entdecken: als große Kunst von christlichen Genies, die sich nicht dafür hielten.

Englische Schriftstellerinnen: Charlotte, Emily und Anne Brontë




Jane Austen











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