29 Dezember 2016, 11:00
Nach Greccio zur Mutter aller Krippen
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Weihnachten'
In der italienischen Region Latium lebt ein Schauspiel des heiligen Franziskus fort - Korrespondentenbericht von Burkhard Jürgens.

Rom (kath.net/ KAP)
Krippe? Kennt jeder. Aber das Ensemble im armen Stall stammt keineswegs aus Bethlehem, sondern ist eine mittelalterliche Erfindung. Wer das Original sehen will, muss zur Winterzeit in ein Dörfchen bei Rieti.

Bis es richtig losgeht, sind Ochs und Esel die Hauptfiguren. Ihnen fliegt alle Aufmerksamkeit zu, als Sandro Cascioli, der Bauer aus dem Tal, sie in den Unterstand führt, in dem gleich das Jesuskind zur Welt kommen wird. So macht er es seit vierzig Jahren. Früher eine knappe Stunde zu Fuß, die Tiere am Strick, durch Regen und Schnee der Heiligen Nacht, inzwischen mit dem Viehtransporter. "Wie heißen die denn?", fragt jemand. Cascioli hebt die Achseln: "Ich hab' sie nicht getauft."

Werbung
afrika2


Greccio, die Mutter aller Weihnachtskrippen: Bettelbruder Franziskus kam 1223 auf die Idee, hier die Geburtsgrotte von Bethlehem nachzubilden. Gemeinsam mit den einfachen Leuten dieser Gegend, roh und wild wie die Landschaft am Monte Lacerone, wollte der Heilige aus Assisi, wie sein Biograf berichtet, "wenigstens ein einziges Mal mit eigenen Augen die Geburt des göttlichen Kindes sehen".

Wiederbelebung nach 750 Jahren

750 Jahre später fassten die Leute im Dorf den Beschluss, dieses Ereignis abermals lebendig zu machen. Aus dem Jubiläumsspiel 1973 entwickelte sich ein Dauerbrenner. Die Laiendarsteller gastierten im In- und Ausland, in Brüssel, Madrid, ja selbst in Bethlehem. "Mehr kann man sich nicht wünschen", sagt Federico Giovannelli: "Dass ein kleines Dorf sein Schauspiel an den Ort bringt, wo Jesus geboren wurde."

Giovannelli wirkte schon als Sechsjähriger mit, wuchs durch die verschiedenen Komparsen- und Nebenrollen hindurch. Inzwischen ist er 43, Familienvater und Franziskus-Darsteller. Ein Leben mit der Krippe, wie bei vielen in dem 1.500-Seelen-Ort. Wenn Greccio alljährlich ab Ende Oktober auf die Aufführungen zwischen Heiligabend und Dreikönig zusteuert, ist "in jeder Familie wenigstens einer" engagiert, vor oder hinter den Kulissen.

Am Einlass verkaufen Landfrauen Frittelle, fettgebackene Küchlein, wahlweise mit Zucker bestreut oder einer Prise Salz. Die schlichte Köstlichkeit bäuerlicher Feste führt unmerklich hinüber in die gespielte Welt des Mittelalters, wo vor Beginn der Darbietung buntgekleidete Mädchen im Publikum Walnüsse feilbieten, ein Bettler um einen Apfel heischt und Mägde sich am Feuer des Schmieds wärmen.

Von Viterbo und Rom sind die Zuschauer angereist, ein ganzer Bus aus der Nähe von Perugia, zwei Stunden weit. Die meisten nehmen die abendliche Inszenierung zum Anlass für einen Tagesausflug. Und so ergießt sich zu den Terminen des Krippenspiels eine erkleckliche Besuchermenge in das Dorf Greccio mit seinem winzigen Weihnachtsmarkt auf der einzigen Piazza und in das Franziskus-Heiligtum im Felshang oberhalb der Freilichtbühne.

15.000 Gäste über Weihnachten

Auf 15.000 schätzt dort Pater Luciano De Giusti die Zahl der Gäste über Weihnachten. Zum Feiern bleibt für ihn und seine drei Mitbrüder wenig Zeit: Sie halten Messen, hören Beichte, vor allem aber stehen sie für Führungen und Auskünfte bereit. Die Klientel ist eine andere als übers Jahr: Statt pilgernder Pfarrgruppen sind es jetzt oft Familien, die wegen des Schauspiels kommen, mit Kirche aber nicht unbedingt viel am Hut haben.

Manche ahnen nicht, an welchem kunst- und religionsgeschichtlichen Kleinod sie sich vor der Aufführung die Füße vertreten: Mönchszellen aus dem 13. Jahrhundert, in die Felswand gebaut, die älteste Franziskuskirche - und eben jene Grotte, in der die Weihnachtsszene erstmals ihre volkstümliche Gestalt annahm, heute eine Kapelle mit einem soeben restaurierten wunderbaren Fresko des Meisters von Narni um die Wende zum 15. Jahrhundert. Eine Besucherin bringt arglos ihren Hund herein, Pater Luciano muss sie freundlich hinausbitten.

Das Heiligtum oben, das Schauspiel unten: eigene Welten. Die sechs kurzen Szenen orientieren sich an den historischen Quellen, allen voran Thomas von Celano; sie entstanden seinerzeit mit Beratung der Franziskaner. Pater Luciano macht deutlich, dass sein Orden mit der Inszenierung nichts zu tun hat: "Es ist eine eigene Interpretation", sagt er, und: "Franziskus gehört allen."

So ist es ihr eigener Franziskus, den die Bürger auf die Bühne stellen: der Heilige, der ihr Dorf erwählte, weil es "reich an Armut" war, wie Franziskus-Darsteller Giovannelli sagt; der ins ferne Heilige Land zog, um ausgerechnet ihnen das Weihnachtswunder mitzubringen.

Und sie schreiben die Geschichte fort: Zum Finale, als alles Volk andächtig vor der Krippe kniet und Ochs und Esel in die Scheinwerfer blinzeln, spricht Kardinal Ugolino die Prophezeiung: Einst werde ein Franziskus auf den Papstthron steigen, um mit dem "Schwert der Armut" die Kirche zu erneuern. Da hebt Beifall an, das Spiel ist aus, und wer er nicht eilig hat, zum Parkplatz zu kommen, stellt sich zu den Hirten ans wärmende Feuer.

Copyright 2016 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich (www.kathpress.at) Alle Rechte vorbehalten







kath.net ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon EU, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.de Werbekostenerstattung verdient werden kann.

Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 

meist kommentierte Artikel

Papstaussagen mit schädlichen Folgen (72)

Kopftuch für alle Frauen 'aus Solidarität' (41)

Kardinal Maradiaga greift ‚dubia’-Kardinäle scharf an (39)

AfD will Bischöfe nicht mehr aus Steuermitteln bezahlt sehen (32)

Papstsager über 'Konzentrationslager': Kritik und Klarstellung (31)

'Wenn das Brot, das wir teilen, ein Toastbrot ist' (28)

USA: Bischof ersucht Gläubige, die Kommunion kniend zu empfangen (25)

Künftiger Mainzer Bischof Kohlgraf will arme Kirche nah bei Menschen (22)

'Unfassbar und abscheulich' (20)

Malteser: Festing wird an Wahl zum Großmeister teilnehmen! (16)

Malteser, Kondome und eine 'Kongo-Pille' (14)

'Mich wundert die Einseitigkeit einiger unserer Kirchenvertreter' (14)

Kasper: Deutschland ist in Sachen Ehevorbereitung ein Entwicklungsland (12)

Erzbischof Schick: 'Wir müssen sagen, dass es auch Grenzen gibt' (12)

Meine sterbende Tochter sang: 'I am going to see the King' (11)