15 Januar 2017, 10:00
Luther. ‘So what?’
 
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Ein Kommentar zum größten Jubiläum aller Zeiten, Von Franz Norbert Otterbeck.

Köln-Deutz (kath.net)
Thesenanschlag. Na und? Die BILD schlägt täglich Thesen an, Schlagzeilen genannt, der SPIEGEL wöchentlich. Und ganz Lutherdeutschland richtet sich danach ein, so ungefähr. In einer der jüngsten Nummern der Civiltà Cattolica, der führenden Jesuitenzeitschrift aus Rom, hat ein moderater Historiker aber erneut dargetan, im Anschluss an die Forschungen von Erwin Iserloh, dass der Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 nie stattgefunden hat.

Die einzige Belegstelle ist eine flüchtige Äußerung von Melanchthon alias Schwarzerdt, der erst nach Luthers Tod diesen Anschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg erwähnt. Aber Melanchthon war kein Augenzeuge, weil der erst 21-jährig im Jahr 1518 nach Wittenberg kam, wo er dann seinen Meister fand. Was also geschah am „Reformationstag“ in Kursachsen? Nichts. Ein gelehrter Theologe verbarg seinen deutschen Stolz und Zorn noch unter allerlei süßlicher Unterwürfigkeit und schrieb seinem Bischof einen devoten Brief, dem er freilich schon die 95 Thesen beifügte, die heute kein Protestant mehr ohne hermeneutischen Schlüssel, Grundkenntnisse des widerwärtig Katholischen, entschlüsseln kann. Den "Thesen" können aber auch katholische Theologen heute kaum noch was abgewinnen, zu abseitig erscheint manchen das Ablassthema. Es sei denn man urteilet unter Verunklarung aller Sachverhalte pauschal und gravitätisch „Luther hatte Recht“.

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In manchem hatte Luther nunmal Recht, was die Kirchenreform betrifft, ein großes Anliegen, nicht erst seit Canossa (1077). Aber im Wesentlichen irrte er nunmal. Das hätte er selber feststellen können, hätte er sein Frühwerk selbstkritisch mit seinem Spätwerk verglichen. Ein System, das Luthertum, formulieren erst seine Schüler – oder soll man sagen: Nachbeter? Dieses Luthertum, für das exemplarisch die Confessio Augustana von 1530 steht, ist heute im universalen Protestantismus nahezu ohne Relevanz. Es überwiegen die Freikirchen und das Pfingstlertum, nicht das Luthertum. Ein gewisser Wirkungskreis kommt auch noch dem helvetischen Bekenntnis zu (Calvin et al.).

Dem weltweit agierenden lutherischen Weltbund gehören etwas mehr als siebzig Millionen zumeist Getaufte an (manchmal ist die heute praktizierte Taufformel da zweideutig, wie jüngst in der Kirche von Kurhessen-Waldeck erlebt; die „Kirche“ heißt dort noch so, wiewohl die sie stiftenden Staaten untergegangen sind). Das ist keine vernachlässigbare Größe, aber allein in Italien, Österreich und der Schweiz leben ungefähr so viele Katholiken wie der in Lund 1947 gegründete Weltbund an Lutheranern vereint. Luther. So what? Man hat die deutsche Lutherbibel jüngst in größtmöglicher Breite neu vermarktet, für jeden geneigten Leser seine Version.

Das Buch wird viel gekauft werden und wenig gelesen, denn wen interessiert die „Schrift“, sola scriptura, losgelöst vom kirchlichen Kontext, in dem nur sie als heilige Schrift gefeiert werden kann? Extra ecclesiam nulla scriptura. Ein Buch hat aus sich niemals normativen Charakter. Selbst die heiligste aller Schriften benötigt Schüler, die aus ihr lernen, nicht Meister, die sie sezieren oder zu Schlagworten zerschlagen. „Refugees welcome! Spruch des Herrn.“ Oder so. Oder des Herrn Bundespräsidenten, ob nun Gauck oder v.d. Bellen: Gut gebrüllt, Löwe Luthers? Es bleiben Fragen offen im Jubeljahr aller Jubeljahre 2017, das allerdings keinerlei Ablässe verheißt und nicht einmal eine Senkung der Kirchensteuern oder –beiträge in Aussicht stellt.

Zugegeben. An der historischen Größe des vielleicht wirkungsstärksten Deutschen kommt man als Deutscher nicht vorbei. Aber der selbstherrliche Doctor aus Eisleben ist kein Sympathieträger. Die Propaganda zauberte einem der Cranach-Portraits ein Smiley-Lächeln ins Antlitz. Wer aber die „Tisch-Reden“ aufschlägt, der findet von den Stenographen keine „Heiterkeit“ im Saale notiert. Aus dem zornigen jungen Mann wurde ein sehr zorniger alter Mann, der in die Breite ging, nicht in die Tiefe. Heute verbreitet sogar der alte Joschka Fischer, Bundesminister des Auswärtigen 1998-2005, also wahrlich von altem Eisen, staatstragende Einsichten. Der kaum mehr berechenbare Großreformator war noch auf dem Sterbebett voller Gift wider den Antichristen, also den römischen „Babst“.

Sein Türkenhass wird heute wegretuschiert, sein Judenhass zumindest kontextualisiert; Mt. 16,18 gilt allerdings weiterhin als nicht geschrieben, der Jakobusbrief als „stroherne Epistel“. Das freie Urteil stand Luther anscheinend zu, wenngleich er den freien Willen des Menschen negiert. Na und? Solche Theologie kann nur befolgen, wer von Staats wegen dazu angehalten wird; und das funktionierte im deutschen Reich bis 1918 (und unterm Reichsbischof partiell 1933-45 letztmalig). Seither blieb zwar profunde Lutherkritik unter den Seinen immer noch tabu, aber das altmodische Luthertum ist nicht zuletzt deswegen in Auflösung begriffen, wie etliche Altlutheraner frank und frei bekennen. „Ich stehe hier. Ich kann auch anders, nämlich: restlos untergehen.“ Das müsste Luther heute vor dem Bundestag bekennen, ohne bei Heiner Geißler nachzuschlagen. Er wäre in seinen Gewissheiten bis ins Mark erschüttert, dank der offenen Gesellschaft, in der wir alle leben, und gerne.

Gewissensfreiheit „für alle“ war nämlich noch nicht das Thema des Jubilars, weshalb er sich schon 1529 zu Marburg mit Zwingli überwarf, als Calvin noch gar keine Rolle spielte im konfessionellen Pluralismus. Wir moderne Katholiken dürfen und sollen das Reformationsjubiläum nicht mit stiller Schadenfreude übergehen, denn der ruinöse Trend bedroht uns Christen alle. Man darf streiten, ob die Gefahr mehr von „links“ oder mehr von „rechts“ drohe. Das Neuheidentum ist jedenfalls längst viel breiter durchgesetzt von Paris über Brüssel bis Berlin als es das Brauchtum oder auch die staatskirchenrechtlichen Sicherheiten unter dem Grundgesetz (und anderswo) erkennen lassen. Dagegen helfen aber keine billigen Parolen, sondern nur die Bekehrung von Mensch zu Mensch, eine Graswurzelrevolution frommer Provenienz also.

Aber auch dafür sah der Reformator einst kaum Spielräume: Die von der Erbsünde zerstörte Natur des Menschen konnte ihr Quantum Trost nurmehr von der Obrigkeit erhoffen. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ konnte lutherisch nur gelten, solange die Krone auf Erden legitim waltet. Ob das echte, rauhe, existenziell anspruchsvolle Luthertum in der freien Welt überhaupt „demokratisch“ gelebt werden kann, das ist seit 1914-18 eben noch nicht bewiesen. Figuren wie Exbischöfin Käßmann oder Exbischof Huber nähren die Zweifel daran mehr als dass sie Hoffnung wecken. Denn ihr barthianisch-bultmännisch verklausiertes Kauderwelsch bedient die Klaviatur postmoderner Diskursethik zwar noch leidlich, steht aber unter dem Verdacht, das Evangelium mit dem ostzonalen Ampelmännchen gleichzusetzen: Grünwärts, Marsch!

Na gut, die Genannten stehen, anders als andere, dem grünen Flügel der SPD nahe, nicht dem roten Flügel der Grünen. Aber wie plärrte schon das Geistliche Lied von 1972: „Wenn das rote Meer grüne Welle hat …“ Die Jugendliturgiker von damals, inzwischen über 60, zogen allerdings nicht „frei“, wie das Lied verhieß, sondern sie zogen still ab, aus den rot begrünten Sakralräumen; und kehren auch nicht zurück, mögen auch hundert Päpste Franziskus in Folge ins Haus stehen. Es gibt für die wahre Religion, die es ja gibt, so wahr Christus auf Erden erschien, ein Mindestmaß an identischer, nicht deformierbarer Dogmatik (d.h. Überzeugung), ein Fundament.

Das war auch für Martin Luther noch unhintergehbar, wiewohl er nicht selbstkritisch reflektierte, anders als Joseph Ratzinger und übrigens auch Georg Marius Bergoglio SJ. Von Luther lernen können die Lutheraner heute, dass es „Iura divina“ gibt, unverrückbares Terrain des Glaubens, wiewohl von ihm selber so schwach definiert, dass aus einer Reformation alsbald tausende entsprangen, bis hin zu den Wiedertäufern, Mormonen und Zeugen Jehovas. Die Reformation ist gescheitert, nicht, weil sie den Katholizismus nicht austilgen konnte (dazu hätte sie sich mit „Atomwaffen“ bewaffnen müssen), sondern weil sie ihr Programm, das Leben der ersten Christen wieder heraufzuführen, nicht umsetzen konnte.

Denn wie dieses Leben zu gestalten sei, das ist seither nunmal Ansichtssache; und nicht zuletzt von den Launen der Politik hier oder da abhängig. So nimmt nicht wunder, dass der Slogan „Ecclesia semper reformanda“ keineswegs bei den Kirchenvätern zuhause ist, sondern im niederländischen Kalvinismus aufkam. Der Katholik heute versteht den Satz sofort so, dass die Kirche sich Christus immer mehr anzunähern habe, da sie seine Kirche ist (vgl. Enzyklika Ecclesiam suam, 1964). Im Horizont protestantischer Hermeneutik findet Christsein „je heute“ immer so statt, wie vom Milieu angefordert, letztlich also den Wünschen der jeweiligen Staatsmacht ergeben (die loyal kritisiert wird, will sie nur kritisiert werden; sonst nicht). In der Monarchie ist der gute Christ also ein guter Monarchist, im Sozialismus ein guter Sozialist, so Gott will und wir leben.

Das widerständige und grundsätzlich heilsame Konzept dagegen vertrat das Papsttum spätestens seit dem hl. Gregor VII. bis neulich (und wahrscheinlich auch in Zukunft): Es gibt eine andere Welt, die in diese hineinregiert; und die höhere Ordnung wird die Ordnung „hier und jetzt“ richten, ob nun apokalyptisch oder eher progressiv gegen den Strom. Die letzten Dinge sind die Belange von Gewicht: Himmel, Hölle und Gericht. Der erleuchtete Luther schweigt dazu. Manche die ihm applaudieren, die honorieren genau diese heimtückische, gefährliche Stille. Aber für die Gerechtigkeit der letzten Dinge, im Vorrang vor der selbstherrlichen Gerechtigkeit hienieden, dafür steht Petrus ein; und fällt nicht. „Cosi-sia.“







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