30 Januar 2017, 10:00
Kyrill: Oktoberrevolution von 1917 war Folge eines Werteverlustes
 
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Moskauer Patriarch: Ereignisse vor 100 Jahren und ihre Folgen müssen "systematisch und ausgewogen" untersucht werden - Experte: Geschichtlich einzigartige Aggression gegen Kirche

Moskau (kath.net/KAP) Den Verlust der spirituellen Werte sieht der Moskauer Patriarch Kyrill I. als tiefste Ursache für den Erfolg der Oktoberrevolution von 1917. Der Bruch Russlands mit dem traditionellen Lebensmodell sowie mit der spirituellen und kulturellen Identität der Menschen sei möglich gewesen, "weil das tägliche Leben, vor allem das der Eliten, etwas Wesentliches verloren hatte: Den echten Glauben an Gott und das Bewusstsein der entscheidenden Bedeutung der Bewahrung der spirituellen und moralischen Werte", sagte der Patriarch laut einem Bericht der Stiftung "Pro Oriente" vom Sonntag beim 25. Weihnachtssymposion im Kreml.

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Die große Tragödie habe darin bestanden, dass das Volk mit "zweifelhaften populistischen Ideen" vergiftet wurde, so die Darstellung des Patriarchen. Nachdem die geschichtliche Tradition des Volkes verfälscht und eigene Traditionen verachtet worden seien, hätten die Menschen sich in Fraktionen bekriegt und auf politisch-soziale Unterschiede statt auf nationale Einheit und kulturellen Zusammenhalt gesetzt. Was fehle, seien "umfassende und ehrliche Untersuchungen" der Geschichte Russland in den letzten hundert Jahren, um so zu einem "systematischen und ausgewogenen Verständnis der Ursachen und Konsequenzen der Ereignisse" zu kommen.

In den Ereignissen von 1917 und der folgenden Jahrzehnte habe es jedoch nicht nur viele Beispiele des Abfalls vom Glauben, des Verlustes der spirituellen Grundlagen und der Zurückweisung der christlichen moralischen Orientierung gegeben, sagte Kyrill. Ebenso sei auch der "aufopfernde Dienst für Christus und seine Botschaft" anzutreffen gewesen. Auf dieser Grundlage sei es dann an der Wende zum 21. Jahrhundert zur Rückkehr vieler Menschen zu Gott, zu einer "spirituellen Wiedergeburt und Transformation des russischen Volkes" gekommen.

Lebendiges Gedächtnis der Märtyrer

Der Patriarch hob hier die Folgen der "geistlichen Taten" der neuen christlichen Märtyrer aus der Sowjetzeit hervor. Die russisch-orthodoxe Kirche habe bisher 1.700 neue Märtyrer - Priester und Laien - heiliggesprochen. Mehr als um die Heiligsprechung an sich gehe es dabei darum, ihr Gedächtnis lebendig zu halten, ihr Erbe zu erforschen und die jungen Generationen im Respekt vor dem Zeugnis der neuen Märtyrer zu erziehen, erklärte Kyrill I.

Das Moskauer Patriarchat errichtet viele Gotteshäuser, die den neuen Märtyrern geweiht sind. Wie der Patriarch ankündigte, wird demnächst eine solche Kirche auch in Moskau entstehen - in unmittelbarer Nähe der Ljubianka, wo sich das Hauptquartier der kommunistischen Geheimpolizei mit ihren wechselnden Namen Tscheka, NKWD, GPU bzw. KGB befand. Dieses Gotteshaus wird laut der Ankündigung den Namen Auferstehung Christi-Kirche "auf dem Blut" tragen.

Der "Schock des 20. Jahrhunderts" lehre, dass der Wunsch nach Konsolidierung der Gesellschaft - und nicht der Trend zur Trennung nach sozialen, politischen oder anderen Interessen - die Basis jeglicher Veränderung bilden müsse, so der Patriarch. Das menschliche Leben und die Gesellschaft könnten jedoch nicht ohne Gott aufgebaut werden. "Gott-lose Gesellschaften sind 'auf Sand gebaute Häuser'", betonte Kyrill. Eine Nation könnten die Menschen nur durch gemeinsame spirituelle und moralische Werten werden, durch Anerkennung ihrer Verbindung mit der Vergangenheit und durch Offenheit für eine Zukunft in Solidarität. Eine solche Gesellschaft sei imstande, Katastrophen zu vermeiden, wie sie Russland in den letzten hundert Jahren erleben musste.

20.000 Priestermorde

Allein in den Jahren 1917 und 1918 wurden in Russland 20.000 Priester hingerichtet, berichtete Sergey Stepashin, Ex-Ministerpräsident Russlands unter Präsident Boris Jelzin und nunmehriger Vorsitzender der Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft, laut Angaben der Nachrichtenagentur "Interfax" bei dem Kreml-Symposium. 1920 seien nur noch vier Metropoliten am Leben und 100 von zuvor 60.000 Kirchen in Betrieb gewesen. Nie sonst in der gesamten Menschheitsgeschichte habe es eine vergleichbare Aggression gegen die Kirche gegeben, sagte Stepashin.

Von allen Revolutionen sei die russische von 1917 die einzige direkt gegen die Grundlagen der Religion, gegen die russisch-orthodoxe Kirche und gegen die russische Kultur gerichtete gewesen, so der Ex-Politiker weiter. "Sie traf das Rückgrad der russischen Nation und brachte mehrere Millionen Menschen ins Gefängnis", sagte er.

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