06 März 2017, 07:00
Bischof Oster: 'Der Vater ist immer da und sorgt für uns'
 
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Bischof in Fastenhirtenbrief: „Wie sehr wünsche ich, dass auch unsere Kirche neu im Vertrauen wächst, dass Gott wirklich da ist, dass er auch heute noch Wunder der Heilung von Leib und Seele wirkt, Wunder der Versöhnung, Bekehrung, Verwandlung“

Passau (kath.net/pbp) kath.net dokumentiert den Hirtenbrief des Passauer Bischofs Stefan Oster SDB zum 1. Fastensonntag 2017 in voller Länge - Der Hirtenbrief wurde von der Homepage des Bistums Passau übernommen.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

das Evangelium des heutigen Tages ist spektakulär: Der Text erzählt, wie Jesus vor dem Beginn seines öffentlichen Wirkens für 40 Tage in die Wüste geht und fastet. Er übt Verzicht auf das, was für uns alle das Allernotwendigste für unser Leben scheint, auf die Nahrung für den Leib. Der Verzicht macht verwundbar und er macht versuchbar, er bringt uns an unsere Grenzen. Und das Gehen an die Grenzen lässt oft klarer als sonst hervortreten, was für uns Menschen das Wichtigste zu sein scheint. Es ist zugleich das, worin wir am meisten anfechtbar sind. Das Evangelium erzählt von drei Versuchungen: dem Wunsch nach Brot, dem Wunsch nach Anerkennung und dem Wunsch nach Macht. Das Brot steht nicht nur für den leiblichen Hunger, sondern auch für Sicherheit, für Wohlergehen, für Stillung der leiblichen Bedürfnisse. Und Jesus antwortet dem Versucher: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

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Anerkennung von außen und Macht über andere als Versuchungen

In der zweiten Versuchung fordert der Teufel Jesus auf, sich mitten in der Stadt vom Tempel zu stürzen, um von den Engeln Gottes aufgefangen zu werden. Es steht für den Wunsch in uns allen nach Bestätigung von außen, nach Anerkennung durch die Anderen. In uns allen gibt es das tiefe Bedürfnis: „Erst dann bin ich jemand, wenn es alle bestätigen, wenn alle applaudieren.“ Aber Jesus will den Herrn, seinen Gott nicht auf die Probe stellen, er glaubt, er vertraut, dass Gott schon in ihm da ist, ohne Spektakel und ohne äußere Anerkennung. Die dritte Versuchung ist die Versuchung der Macht: Jesus wird alles angeboten, alle Macht über alle Reiche der Welt in all ihrer Pracht! Und der Satan offenbart den Preis dafür: Eine Macht, die ich mir anmaße, die ich als Macht nur deshalb erstrebe, damit ich selbst Herrschaft habe, die ich anstrebe, damit ich mich selbst bestätigt sehe – eine solche Macht betet in ihrer Wurzel nicht Gott an, sondern den Verführer, den Meister des Egoismus, den Lügner von Anfang an. Jesus antwortet: Vor Gott allein sollst du dich niederwerfen.

Gott ist größer als unser Ich

Liebe Schwestern, liebe Brüder, in allen drei Versuchungen macht Jesus deutlich: Gott ist größer als unser Ich und seine vorrangigen Bedürfnisse. Und Gott will, dass wir ihm in allem den Vorrang geben. Er ist der Grund, der alles trägt. Er ist der Versorger, der alles gibt. Er ist der liebende Vater, der uns Anerkennung und wirkliche Identität schenken will. Er ist der Mächtige, der die Welt in der Hand hält – und der uns beschenken will mit Autorität und Kraft, die von Ihm kommt. Und er ist es, der uns befähigt, seine Liebe an andere weiter zu verschenken.

Jesus kehrt die Verhältnisse um

Ja, die Botschaft Jesu dreht die Verhältnisse um: „Euch, sagt Jesus zu uns in der Bergpredigt, euch muss es zuerst um Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit gehen – dann wird euch alles andere dazu gegeben.“ In uns gibt es dagegen die Neigung zu sagen: Erst einmal müssen unsere äußeren Verhältnisse stimmen, erst muss ich versorgt sein, erst muss ich genug Anerkennung und Einfluss haben, erst muss ich mein Leben selbst verwirklicht haben, dann kann ich mich irgendwann auch mal um den Herrgott kümmern. Aus der Sicht der frohen Botschaft ist eine solche Einstellung Unglaube. Denn sie traut ja Gott im Grunde nichts zu, sondern verlässt sich zuerst auf die eigenen Kräfte und Motive. Aber Jesus kehrt diese Verhältnisse um. Nachdem er in der Wüste alle Versuchungen in ihrer ganzen Dramatik erlebt hat, geht er hinaus und predigt das Evangelium vom Reich Gottes, von der Anwesenheit des Vaters im Hier und Jetzt. Und weil er ganz aus dieser Gegenwart lebt – und keine anderen Bedürfnisse in den Vordergrund schiebt, deshalb hat sein Sprechen und Wirken solch ungeheure Autorität und heilende Kraft. Er steht ganz im Vater, der mit Ihm ist.

Gottes Liebe wird von unserem Vertrauen angezogen

Liebe Schwestern und Brüder, wie sehr wünsche ich mir selbst immer mehr von diesem Vertrauen Jesu, dass der Vater immer und überall da ist, dass er hier und heute handelt und wirksam ist durch uns. Wie sehr wünsche ich, dass auch unsere Kirche neu im Vertrauen wächst, dass Gott wirklich da ist, dass er auch heute noch Wunder der Heilung von Leib und Seele wirkt, Wunder der Versöhnung, Wunder der Bekehrung und Verwandlung. Aber die Schrift sagt auch, dass Gott dazu unseren Glauben, unser Vertrauen voraussetzen will. Wie oft sagt Jesus zu einem Geheilten: „Geh, dein Glaube hat dir geholfen“. Gottes versorgendes, Gottes heilendes Wirken wird angezogen durch ein Vertrauen, das sich wirklich auf ihn verlässt; durch einen Glauben, der im Vertrauen auf seine Gegenwart und seine Fürsorge lebt. Es ist ein Vertrauen, das nicht alles andere in unserem Leben wichtiger sein lässt als Ihn, sondern Ihm die erste Stelle in unserem Herzen geben will.

Fasten ist Gehen zum eigenen Grund

Liebe Schwestern, liebe Brüder, Fastenzeit ist nicht einfach Einübung von Verzicht, damit man Gewicht verliert und wieder schlanker wird. Es ist nicht einfach der Versuch, bessere Selbstkontrolle über das eigene Leben zu haben. Es ist viel eher ein inneres Loslassen und inneres Gehen zum Grund; es ist ein Loslassen von dem, was mich vermeintlich trägt – hin zu dem, der alles trägt. Es ist ein Einüben ins Sich-tragen-lassen von diesem Grund. Es ist ein Leerwerden, das sich von Gott erfüllen lassen will, damit er in uns Raum gewinnt und wirken kann; damit er unser Herz erobern kann.

Kirche wird erneuert durch erneuerte Herzen

Liebe Schwestern, liebe Brüder, Sie wissen, dass wir uns auch viele Gedanken machen darüber, welchen Weg die Kirche von Passau in die Zukunft gehen kann. Ich möchte zu gegebener Zeit, wenn wir größere Klarheit haben, auch näher darauf eingehen. Für heute nur dieses: Gleich, was bleiben wird oder welche Veränderungen kommen: Wenn wir mehr und mehr lernen, unseren inneren Blick und das Herz beim Herrn zu halten, dann ist genau das das Wesentliche, was Kirche gestaltet und trägt. Es war immer so, zu allen Zeiten. Es gibt so viele engagierte und gläubige Menschen in unserem Bistum, die das Leben der Kirche tragen und prägen. Ich bin sehr dankbar für sie alle. Und ich möchte Sie alle neu einladen und dafür werben, dass uns das heutige Evangelium die Richtung weist: Die Kirche und wir selbst in der Kirche, auch ich, sind versucht, die materielle Sicherheit, den Einfluss, die Struktur, die Bauten und anderes mehr für das Wesentliche zu halten. Aber das ist es nicht. Das Wesentliche sind unsere Herzen, die ihren Glauben und ihr Vertrauen aus Gottes Gegenwart schöpfen. Das Wesentliche sind Menschen, die ihre Liebe zu Gott und den Menschen leben können, ob die äußeren Rahmenbedingungen gerade günstig oder ungünstig sind. Kirche lebt immer wieder aus erneuerten Herzen – und ich bete für uns alle, dass wir in den kommenden Wochen bewusst Ostern entgegengehen. Auf dass uns von innen her die österliche Freude berühren und neu beleben möge. Es ist eine Freude, die ihr Hallelujah singt, weil sie weiß, dass Jesus lebt und unter uns ist. Amen.

Passau, am 1. Fastensonntag 2017
Dr. Stefan Oster SDB, Bischof von Passau

Foto Bischof Oster (c) Bistum Passau/Dionys Asenkerschbaumer







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