16 Mai 2017, 12:00
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Sind Sie praktizierender Christ? Jedes Mal frage ich mich, ob es auch nicht-praktizierende Christen gibt und wie wohl deren Leben aussehen mag - Diakrisis am Dienstag - Mit Sebastian Moll

Linz (kath.net)
Sind Sie praktizierender Christ? Diese Frage wurde mir in meinem Leben schon oft gestellt, und doch wird sie nie aufhören, mich irgendwie zu verwirren. Jedes Mal frage ich mich, ob es auch nicht-praktizierende Christen gibt und wie wohl deren Leben aussehen mag.

Gibt es denn auch nicht-praktizierende Fußballspieler? Oder nicht-praktizierende Vegetarier? Das wären dann wohl Vegetarier, die Fleisch essen, oder wie?
Vielleicht bin ich ja ein wenig altmodisch, aber ich war immer der Meinung, es sei wichtig, eigene Überzeugungen auch in seinem eigenen Leben zu verwirklichen.

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Natürlich sehen das längst nicht alle so. Arthur Schopenhauer, der sich angesichts seiner hohen moralischen Ansprüche und seines davon abweichenden Lebensstils oft dem Vorwurf der Inkonsequenz ausgesetzt sah, brachte es auf die Formel: „Ein Wegweiser muss den Weg, den er weist, selbst nicht gehen.“

Schon in der Bibel wird der Konflikt zwischen Theorie und Praxis angesprochen, vor allem im Brief des Jakobus. Dort heißt es: „Stellt euch vor, in eurer Gemeinde sind einige in Not. Sie haben weder etwas anzuziehen noch genug zu essen. Wenn nun einer von euch zu ihnen sagt: ‚Ich wünsche euch alles Gute! Hoffentlich bekommt ihr warme Kleider und könnt euch satt essen!‘, was nützt ihnen das, wenn ihr ihnen nicht gebt, was sie zum Leben brauchen? Genauso nutzlos ist ein Glaube, der nicht in die Tat umgesetzt wird: Er ist tot. Nun könnte jemand sagen: ‚Der eine glaubt, und der andere tut Gutes.‘ Ihm müsste ich antworten: ‚Zeig doch einmal deinen Glauben her, der keine guten Taten hervorbringt! Meinen Glauben kann ich dir zeigen. Du brauchst dir nur anzusehen, was ich tue.‘ Du glaubst, dass es nur einen einzigen Gott gibt? Schön und gut. Aber das glauben sogar die Dämonen – und zittern vor Angst.“

Bei vielen evangelischen Christen, insbesondere bei Lutheranern, gehen an dieser Stelle sämtliche Alarmglocken an. Widerspricht diese Stelle nicht fundamental dem reformatorischen sola fide, der Rechtfertigung allein aus Glauben? Nein, das tut sie nicht! Denn auch Paulus fordert einen lebendigen Glauben, dem eine Heiligung des Lebens entspringt. Der Glaube muss sichtbar wirken, sonst ist er tot, darin sind sich Paulus und Jakobus – und im Übrigen auch Luther – völlig einig. Nicht zuletzt ist dies auch ganz eindeutig die Haltung Jesu, wenn er in seiner Bergpredigt vor den Scheinheiligen und Heuchlern warnt und rät: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Wir brauchen den Schritt vom Hören zum Handeln, vom Wort zur Tat, von der Theologie zur Theopraxie.

Soeben stelle ich fest, dass mein Schreibprogramm das Wort ‚Theopraxie‘ nicht kennt und daher rot unterschlängelt. Nur allzu gerne gebe ich dem Programm die Anweisung, diesen Begriff ins Wörterbuch aufzunehmen. Am liebsten wäre es mir, wenn er in sämtliche Wörterbücher, aber vor allem auch in die Köpfe der Menschen aufgenommen würde. Keineswegs möchte ich den Begriff als Gegenbegriff zur Theologie verstanden wissen. Die gedankliche Beschäftigung mit dem Glauben ist keineswegs überflüssig. Es gibt richtigen und falschen Glauben, es gibt gesunde Lehre und Irrlehre.

Das eine vom andere zu
unterscheiden, ist heilige Pflicht eines jeden Christen. Doch als ich kürzlich – mal wieder – in ein Gespräch über das Thema ‚Homosexualität‘ verwickelt wurde, hörte ich eine interessante Aussage. Mein Gegenüber meinte, bei dieser Debatte müsse man besonders vorsichtig sein, denn Homosexualität sei ein theologisches Thema, das die Menschen unmittelbar betreffe. Ich dachte bei mir: Gibt es denn auch andere? Gibt es theologische Themen, die keinerlei Bezug zum Leben der Menschen haben? Und falls ja, warum beschäftigt man sich dann überhaupt damit? Ich möchte daher das erste Axiom der Theopraxie wie folgt formulieren:
Um die Bedeutung einer theologischen Aussage zu bestimmen, muss man untersuchen, welche praktischen Konsequenzen sich aus der Wahrheit dieser Aussage ergeben können. In diesen möglichen Konsequenzen liegt ihre ganze Bedeutung. Eine theologische Aussage, deren Wahrheit keinerlei Konsequenzen nach sich zieht, ist bedeutungslos.

Würde diese Methode in unseren Fakultäten Einzug halten, es käme einem Umsturz gleich. Wie mit einem scharfen Rasiermesser würde alles Überflüssige aus den Hörsälen, Seminarräumen und Bibliotheken herausgeschnitten. Aber manchmal braucht es diese Form der schöpferischen Zerstörung.







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