10 Mai 2017, 17:15
Huonder und 'umstrittene' Berichterstattung von katholischen Agenturen
 
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Die deutschsprachigen katholischen Nachrichtenagenturen KNA und KAP lassen in ihrer Meldung nicht erkennen, dass der „polarisierende“ Churer Bischof lediglich die Position des kirchlichen Lehramts vertreten hat. kath.net-Kommentar von Tobias Klein

Chur-Bonn-Wien (kath.net/tk) Agenturmeldungen sind im Allgemeinen dazu da, Fakten zu berichten – nicht dazu, sie zu deuten oder zu bewerten. Andererseits gehören diverse mehr oder weniger subtile Methoden, eine Meldung so zu formulieren, dass sie eben doch eine implizite Deutung und Wertung, einen sogenannten „Spin“, bekommt, gewissermaßen zum journalistischen Handwerkszeug. Ob es überhaupt möglich ist, völlig neutral zu berichten, darüber ließe sich trefflich philosophieren; üblich ist es jedenfalls nicht.

Diesen Umstand gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn man die Berichterstattung der katholischen Nachrichtenagenturen Deutschlands und Österreichs zu den jüngsten Entwicklungen in der Schweizer Diözese Chur betrachtet. Der dort seit 2007 amtierende Bischof Vitus Huonder hatte Papst Franziskus, wie allgemein üblich, mit Vollendung seines 75. Lebensjahres seinen Rücktritt angeboten; nun hat der Papst jedoch entschieden, dass Huonder noch bis Ostern 2019 im Amt bleiben soll. Diese Nachricht kam umso überraschender, als in Chur bereits seit einiger Zeit heftig über Huonders Nachfolge debattiert worden war. Der Generalvikar für die Urschweiz, Martin Kopp, hatte sogar angeregt, nach dem erwarteten Rücktritt Huonders solle vorerst kein Nachfolger bestimmt, sondern stattdessen ein apostolischer Administrator eingesetzt werden. Dazu wird es nun nicht kommen; stattdessen wird Vitus Huonder für weitere zwei Jahre der Diözese vorstehen. Das dürfte, in Chur und darüber hinaus, nicht jedem gefallen. Warum nicht? Weil Huonder „umstritten“ ist. So steht’s in der Meldung von „Katholische Presseagentur Kathpress“ (KAP) und „Katholischer Nachrichtenagentur“ (KNA).

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Freilich könnte man sagen: „Umstritten“ ist jeder und alles, worüber es mehr als eine Meinung gibt. Aber es liegt auf der Hand, dass „umstritten“ im journalistischen Sprachgebrauch ein negativ besetzter Begriff ist. Ebenso wie das Verb „polarisieren“. Auf „kathpress.at“ liest man über Bischof Huonder: „Wie schon unter seinem Vor-Vorgänger Bischof Wolfgang Haas (1988/90-1997) polarisiert er in der Diözese“. Möglicherweise ist den Journalismus-Profis der KAP hier lediglich ein Formulierungsfehler unterlaufen – in der ansonsten weitgehend gleichlautenden Meldung auf „katholisch.de“ heißt es an dieser Stelle „Wie schon sein Vor-Vorgänger Bischof Wolfgang Haas (1988/90-1997) hat er das Bistum polarisiert“ –; aber so, wie der Satz auf der österreichischen Website steht, besagt er, dass schon in den Konflikten während der Amtszeit von Bischof Haas der damalige Generalvikar Huonder der eigentliche Polarisierer gewesen sei. Das mag so gemeint sein oder nicht, und es mag so gewesen sein oder nicht; festzuhalten bleibt, dass Vitus Huonder, nachdem Wolfgang Haas zum Oberhirten des neu gegründeten, aus dem Territorium der Diözese Chur herausgelösten Erzbistums Vaduz ernannt worden war, vom neuen Churer Bischof Amédée Grab als Generalvikar für den Graubündner Teil des Bistums bestätigt wurde – und dass das Domkapitel ihn, nachdem Bischof Grab (seinerseits auch erst mit 77 Jahren) in den Ruhestand gegangen war, zu dessen Nachfolger wählte. Gar so schlecht scheint er also nicht angesehen gewesen zu sein.

Indessen machen diese knappen Ausführungen wohl schon deutlich, dass die Diözese Chur nicht erst seit Kurzem ein konfliktträchtiges Pflaster ist – und dass dies nicht zuletzt mit der komplexen Struktur dieses Bistums zusammenhängt. In der KAP/KNA-Meldung wird darauf hingewiesen, dass zum Bistum Chur „ländlich geprägte Kantone der Zentralschweiz ebenso gehören wie die liberale und protestantisch geprägte Metropole Zürich“; während dies den Eindruck erwecken könnte, bei den Spannungen im Bistum handle es sich um einen Konflikt zwischen Graubündner Hinterwäldlern und modernen, aufgeklärten Zürchern – tatsächlich wurde in jüngerer Zeit mehrfach die Gründung eines eigenständigen Bistums Zürich ins Gespräch gebracht –, steckt in Wirklichkeit wesentlich mehr dahinter. In der Schweiz existiert infolge des „Kulturkampfs“ im 19. Jh. eine staatskirchenrechtliche Parallelstruktur zu den Bistümern in Form von in der „Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz“ zusammengeschlossenen landeskirchlichen Verbänden, die den Status von Körperschaften des öffentlichen Rechts haben. Diese sind auf kantonaler Ebene organisiert; da das Territorium der Diözese Chur ganze sieben Schweizer Kantone umfasst, muss der Bischof von Chur sich also mit einer Vielzahl jeweils unterschiedlich verfasster kantonalkirchlicher Organisationen auseinandersetzen. Die deutschsprachige „Wikipedia“ spricht in diesem Zusammenhang von einem „weltweit einmalige[n] Nebeneinander von hierarchisch organisierter Bischofskirche und demokratisch organisierter Landeskirche“; das klingt so, als sei das etwas Positives, aber tatsächlich ist es ein gewaltiger Kopfschmerz für alle Beteiligten. Man kann wohl behaupten, dass außerhalb der Schweiz kein Mensch die dortigen staatskirchenrechtlichen Strukturen versteht; wie viele Schweizer sie verstehen, mag dahingestellt bleiben. Vor diesem Hintergrund erregte Bischof Huonder Aufsehen mit der Forderung nach einer „Trennung von Staat und Kirche“, natürlich im Sinne einer größeren Unabhängigkeit der Kirche gegenüber den staatlichen Institutionen; dass es damit bei den kantonalkirchlichen Gremien nicht nur auf Gegenliebe stieß, lässt sich unschwer begreifen.

Über diese komplexen Zusammenhänge aufzuklären, wäre durchaus eine Aufgabe für die deutschsprachigen katholischen Nachrichtenagenturen. Stattdessen liest man in der KAP/KNA-Meldung lediglich von „verbalen Vorstößen zu Sexualität, Kirchenverfassung oder Lebensschutz“, mit denen Bischof Huonder sich „auch landesweit immer wieder als Protagonist des konservativen Kirchenflügels“ profiliert habe. Auf der Sachebene trifft dies durchaus zu: Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder heftige Auseinandersetzungen über Bischof Huonders Positionierungen im kirchenpolitischen wie auch im moraltheologischen Bereich. Was die Meldung jedoch nicht zu erkennen gibt, ist der Umstand, dass Bischof Huonder – auch wenn man ihm vielleicht attestieren mag, er neige zu einer eher polarisierenden als diplomatischen Sprache – in seinen „verbalen Vorstößen“ lediglich die Positionen des kirchlichen Lehramts vertreten hat. Stattdessen wird ihm mehrfach das Etikett „konservativ“ angeheftet, das im Gesamtduktus des Textes unverkennbar negativ konnotiert ist.

Auch dass Bischof Huonder „polarisiert“, ist grundsätzlich nicht abzustreiten; an und für sich impliziert dieser Begriff allerdings, dass es neben entschiedenen Gegnern auch ebenso entschiedene Anhänger des streitbaren Bischofs gibt. Und so ist es auch tatsächlich – nur dass letztere in der Agenturmeldung schlicht nicht vorkommen. Dagegen schenkt die auf „katholisch.de“ veröffentlichte Fassung den schärfsten Gegnern Huonders umso mehr Aufmerksamkeit: „Kritiker zogen 2014 an den Sitz des Bischofskonferenz-Vorsitzenden, um für eine Absetzung Huonders zu demonstrieren. Der Schweizer Dachverband der Schwulen stellte 2015 erfolglos Strafanzeige gegen den Bischof wegen angeblicher öffentlicher Aufforderung zu Gewalt gegen Homosexuelle.“

Trotz aller Anfeindungen hat Papst Franziskus nun also beschlossen, Vitus Huonder noch für zwei weitere Jahre die Leitung der konfliktbeladenen Diözese anzuvertrauen. Dass dieser Vertrauensbeweis – ein Begriff übrigens, den „katholisch.de“ in distanzierende Anführungszeichen setzt – die deutschsprachigen katholischen Presseagenturen nicht dazu bewegen kann, auch nur ein gutes Haar am Bischof von Chur zu lassen, wirkt einigermaßen befremdlich. Dass der Text der Agenturmeldung dabei auch „konservative“, sprich: lehramtstreue Positionen zu Sexualität und Lebensschutz in ein zweifelhaftes Licht rückt, ist wohl mehr als ein bloßer Kollateralschaden.

Dr. Tobias Klein ist Autor und Publizist. Er ist verheiratet und lebt in Berlin

Zur Dokumentation - Bericht von katholisch.de über Amtsverlängerung des Churer Bischofs Vitus Huonder




Symboldbild: Übertriebene Angst









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