03 Juli 2017, 13:00
Der Weg zum Licht – die Wirklichkeit des Lichts
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: ‚Mitarbeiter der Wahrheit’. Der Weg zum Licht über alle Ungewissheiten hinaus. Die Überwindung des Zweifels, der Mut zur Wahrheit, das Ende der Diktatur des Relativismus. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) In seiner Reihe der Katechesen über die zwölf Apostel – die erste Katechesenreihe des Pontifikats Benedikts XVI. – setzte sich der Papst am 27. September 2006 mit dem Apostel Thomas auseinander, der vor allem im Johannesevangelium vorgestellt wird und zum Symbol des „Ungläubigen“ bzw. „nicht glauben Könnenden“ wurde.

„Der Fall des Apostels Thomas ist für uns aus mindestens drei Gründen wichtig“, so Benedikt XVI.: „erstens, weil er uns in unseren Ungewissheiten tröstet; zweitens, weil er uns zeigt, dass jeder Zweifel über alle Ungewissheiten hinaus zum Licht führen kann; und schließlich, weil die an Thomas gerichteten Worte Jesu uns den wahren Sinn des reifen Glaubens in Erinnerung rufen und uns ermutigen, ungeachtet der Schwierigkeiten auf unserem Weg der Treue zu Jesus weiterzugehen“.

„De omnibus dubitandum est“ – „an allem ist zu zweifeln“ lautet einer der Grundsätze der Moderne, die man gern mit dem Denken und der Gestalt eines René Descartes (31. März 1596 – 11. Februar 1650) anfangen lässt. Der Zweifel ist für den französischen Denker der Weg, um zu einer sicheren Wahrheit zu gelangen. So „zerstörte“ Descartes zu Beginn eines seiner Hauptwerke („Meditationes de prima philosophia“ – „Meditationen über die Erste Philosophie“) alles, was ihm bisher sicher schien, die ganze Welt bis hin zu Gott. Alles löste sich auf wie Wachs vor einem Kaminfeuer, jegliche bisher angenommene Gewissheit verflog, selbst Gott hätte sich als Täuschung eines „genius malignus“, des bösen Geistes, erweisen können.

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Das Denken war zweifelnd mit sich allein, doch entdeckte es da etwas, das kein Schein sein konnte: sich selbst als Denken des Denkenden, als „cogitans“ mit dessen notwendigem „cogitatum“. Descartes war kein Skeptiker, der um der Fragwürdigkeit und des Zweifels selbst willen alles in Frage stellt. Sein Zweifel war, wie man es nennt, „methodisch“, um zur Wahrheit vorzudringen.

Nicht in dieser Form wurde der Zweifel gleichsam zum Gebot der Moderne bis hinein in die Gegenwart. Der Zweifel umhüllt nicht nur das Sein der Dinge, sondern umfasst in seiner relativierenden Form eine Gesamtheit. Der Zweifel dient nicht mehr dazu, sich in einer mühseligen Arbeit etwas zu versichern. Er wird schnell zum Sprungbrett der Gültigkeit von allem und der Ablehnung des Horizonts einer absoluten Wahrheit. Auf diese Weise trifft der Zweifel auch den Glauben, ja der Zweifel wird auch bei der Vermittlung des Glaubens gern dem Glauben vorangestellt.

Nicht so beim „ungläubigen Thomas“, dessen Zweifel ihn nicht verschlossen hat, sondern Ausdruck des Verlangens nach dem Höchsten ist, das sich ihm offenbart. Gewiss, Thomas hatte das Privileg, sehen und berühren zu können. So wird er zum Hoffnungsträger für den, der nicht sehen kann und doch glaubt, weil nicht er es ist, der berührt, sondern weil er berührt worden ist. Die Reaktion des Thomas kann als Überwindung der Moderne und der Postmoderne zumal gesehen werden: weg vom auf sich zurückgeworfenem Subjekt hin zum Subjekt, das fähig ist, zu hören und sich ergreifen zu lassen, das willens ist, „cooperator veritatis“ – „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu sein. Eine Überwindung, die im Glaubensbekenntnis des Apostels zusammengefasst ist: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28).


Zum Festtag des heiligen Apostels Thomas veröffentlicht kath.net die Katechese von Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz am 27. September 2006:

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir wollen unsere Begegnungen mit den zwölf Aposteln, die direkt von Jesus erwählt worden sind, fortsetzen und widmen unsere Aufmerksamkeit heute dem hl. Thomas. Er wird in allen vier vom Neuen Testament zusammengestellten Listen erwähnt; in den ersten drei Evangelien steht er neben Matthäus (vgl. Mt 10,3; Mk 3,18; Lk 6,15), während er in der Apostelgeschichte neben Philippus zu finden ist (vgl. Apg 1,13). Sein Name leitet sich aus einer hebräischen Wurzel ab, »ta’am«, was »gepaart« oder »Zwilling« bedeutet. In der Tat nennt ihn das Johannesevangelium mehrmals mit dem Beinamen »Didymus« (vgl. Joh 11,16; 20,24; 21,2), was auf griechisch »Zwilling« heißt. Warum er diesen Beinamen hatte, wird nicht deutlich.

Vor allem das Vierte Evangelium bietet uns einige Angaben, die bedeutsame Züge seiner Persönlichkeit nachzeichnen. Die erste betrifft seine Mahnung an die anderen Apostel, als Jesus sich in einem kritischen Augenblick seines Lebens entschloß, nach Betanien zu gehen, um Lazarus wiederzuerwecken. Damit kam er Jerusalem gefährlich nahe (vgl. Mk 10,32). Damals sagte Thomas zu den anderen Jüngern: »Dann laßt uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben« (Joh 11,16). Diese seine Entschlossenheit in der Nachfolge des Meisters ist wirklich beispielhaft und bietet uns eine wertvolle Lehre: Sie offenbart die totale Verfügbarkeit in der Treue zu Jesus, bis hin zur Identifikation des eigenen Schicksals mit dem seinen und dem Wunsch, mit ihm die höchste Prüfung des Todes zu teilen.

Das Wichtigste ist tatsächlich, sich nie von Jesus zu trennen. Im übrigen gebrauchen die Evangelisten das Verb »nachfolgen«, um damit auszudrücken: Wohin Jesus geht, dorthin muß auch sein Jünger gehen. Auf diese Weise wird das christliche Leben als ein Leben mit Jesus Christus bestimmt, ein Leben, das gemeinsam mit ihm gelebt werden muß. Der hl. Paulus schreibt etwas Ähnliches, als er den Christen von Korinth versichert: »Ihr wohnt in unserem Herzen, verbunden mit uns zum Leben und zum Sterben« (2 Kor 7,3). Was zwischen dem Apostel und »seinen« Christen geschieht, muß natürlich zuallererst für die Beziehung zwischen den Christen und Jesus selbst gelten: zusammen sterben, zusammen leben, in seinem Herzen wohnen, wie er in unserem Herzen wohnt.

Ein zweites Eingreifen des Thomas ist im Bericht vom Letzten Abendmahl enthalten. Hier sagt Jesus nach der Ankündigung seines bevorstehenden Todes, daß er gehe, um für die Jünger einen Platz vorzubereiten, damit auch sie dort seien, wo er ist; und er erläutert ihnen: »Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr« (Joh 14,4). Da greift Thomas ein und sagt: »Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?« (Joh 14,5). Tatsächlich stellt er sich mit dieser Bemerkung auf eine relativ niedrige Verständnisebene, aber seine Frage veranlaßt Jesus, das berühmte Wort auszusprechen: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6).

Es ist also primär Thomas, an den sich diese Offenbarung richtet; sie gilt aber für uns alle und für alle Zeiten. Jedesmal wenn wir diese Worte hören oder lesen, können wir in Gedanken neben Thomas stehen und uns vorstellen, daß der Herr auch mit uns so spricht, wie er mit ihm gesprochen hat. Gleichzeitig gibt seine Frage auch uns sozusagen das Recht, Jesus um Erklärungen zu bitten. Oft begreifen wir ihn nicht. Haben wir den Mut zu sagen: Ich verstehe dich nicht, Herr, höre mich, hilf mir zu begreifen! Auf diese Weise, mit diesem Freimut, der die wahre Art des Betens, des Sprechens mit Jesus ist, bringen wir die Begrenztheit unserer Verständnisfähigkeit zum Ausdruck, während wir gleichzeitig die vertrauensvolle Haltung desjenigen einnehmen, der das Licht und die Kraft von dem erwartet, der sie zu schenken vermag.

Sehr bekannt und geradezu sprichwörtlich ist sodann die Szene des ungläubigen Thomas, die sich acht Tage nach Ostern abspielte. Im ersten Moment hatte er nicht geglaubt, daß in seiner Abwesenheit Jesus erschienen war, und hatte gesagt: »Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht« (Joh 20,25). Im Grunde geht aus diesen Worten die Überzeugung hervor, daß Jesus nun nicht mehr so sehr an seinem Antlitz als vielmehr an den Wundmalen zu erkennen sei. Thomas meint, daß die für die Identität Jesu ausschlaggebenden Zeichen jetzt vor allem die Wundmale seien, an denen offenbar wird, wie sehr er uns geliebt hat. Darin irrt der Apostel nicht. Wie wir wissen, erscheint Jesus acht Tage später wieder unter seinen Jüngern, und diesmal ist Thomas anwesend. Und Jesus fordert ihn auf: »Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig« (Joh 20,27).

Thomas reagiert mit dem schönsten Glaubensbekenntnis des ganzen Neuen Testaments: »Mein Herr und mein Gott!« (Joh 20,28). Dazu merkt der hl. Augustinus an: Thomas »sah und berührte den Menschen, bekannte aber seinen Glauben an Gott, den er weder sah noch berührte. Was er aber sah und berührte, veranlaßte ihn, an das zu glauben, woran er bis dahin gezweifelt hatte« (In Ioann. 121,5). Der Evangelist fährt mit einem letzten Wort Jesu an Thomas fort: »Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht gesehen haben und doch glauben werden.« Diesen Satz kann man auch ins Präsens setzen: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh 20,29). Auf jeden Fall spricht Jesus ein grundlegendes Prinzip für die Christen aus, die nach Thomas kommen werden, also für uns alle. Es ist interessant zu sehen, daß ein anderer Thomas, der große mittelalterliche Theologe aus Aquin, dieser Seligpreisung jene scheinbar gegensätzliche an die Seite stellt, die von Lukas überliefert wird: »Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht« (Lk 10,23).

Doch der Aquinate kommentiert: »Viel mehr Verdienst hat der, der glaubt, ohne zu sehen, als der, der sieht und glaubt« (In Ioann. XX lectio VI § 2566). Tatsächlich definiert der Hebräerbrief unter Berufung auf die lange Reihe der biblischen Patriarchen, die an Gott glaubten, ohne die Erfüllung seiner Verheißungen zu sehen, den Glauben als »Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht« (Hebr 11,1). Der Fall des Apostels Thomas ist für uns aus mindestens drei Gründen wichtig: erstens, weil er uns in unseren Ungewißheiten tröstet; zweitens, weil er uns zeigt, daß jeder Zweifel über alle Ungewißheiten hinaus zum Licht führen kann; und schließlich, weil die an Thomas gerichteten Worte Jesu uns den wahren Sinn des reifen Glaubens in Erinnerung rufen und uns ermutigen, ungeachtet der Schwierigkeiten auf unserem Weg der Treue zu Jesus weiterzugehen.

Eine letzte Bemerkung über Thomas ist im Vierten Evangelium erhalten, das ihn als Zeugen des Auferstandenen unmittelbar nach dem wunderbaren Fischfang auf dem See von Tiberias anführt (vgl. Joh 21,2). Bei dieser Gelegenheit wird er sogar gleich nach Simon Petrus erwähnt: ein offenkundiges Zeichen für die große Bedeutung, derer er sich innerhalb der ersten christlichen Gemeinden erfreute. In seinem Namen wurden dann in der Tat die Thomasakten und das Thomasevangelium geschrieben, beides apokryphe Schriften, aber dennoch wichtig für das Studium der Anfänge des Christentums.

Schließlich erinnern wir noch daran, daß einer alten Überlieferung zufolge Thomas zuerst Syrien und Persien evangelisierte (so berichtet schon Origines, zitiert von Eusebius von Caesarea, Hist. eccl. 3,1), dann bis in das westliche Indien vordrang (vgl. Thomasakten 1–2 und 17 ff.), von wo aus er schließlich auch Südindien erreichte. Mit dieser missionarischen Perspektive beenden wir unsere heutigen Überlegungen und bringen den Wunsch zum Ausdruck, daß das Vorbild des Thomas unseren Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn und Gott, immer mehr stärken möge.

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