29 August 2017, 10:30
Ein Migrant wird Christ
 
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Vor reichlich 1600 Jahren flüchtet wohl der berühmteste Nordafrikaner über das Mittelmeer und verwandelt die heidnische Antike ins christliche Mittelalter. Wer war es? Gestern war sein Gedenktag. Gastbeitrag von Helmut Müller

Vallendar (kath.net) Civitas in terra peregrina, in caelo fundata - Wir sind eine Gemeinschaft, die auf Erden unterwegs ist, bzw. pilgert, und gleichzeitig im Himmel beheimatet ist. Dieser Satz aus einer Predigt des Hl. Augustinus fiel mir dieser Tage in die Hände. Augustinus hat diese Worte in Nordafrika vor ziemlich genau 1600 Jahren gesprochen. Mehrere hundert Kilometer weiter nach Osten hat ein koptisches Kloster vor ein paar Jahren zum ersten Mal ebenfalls seit 1600 Jahren die tägliche Liturgiefeier aussetzen müssen, wegen der großen Unruhen auf diesem Teil des Kontinents. Und im selben Jahr überraschte Papst Franziskus die Welt damit, dass er die Flüchtlinge von eben diesem Kontinent und darüber hinaus in Lampedusa besuchte und von einer viel zitierten „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ sprach. Dieser Papst geht an die Ränder der Gesellschaft in diesem Falle an den Rand Europas (einem „gewärmten Kulturstall“ nach Arnold Gehlen) oder in Brasilien in die Favellas.

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Vermutlich zu keiner Zeit, ausgenommen eben zur Zeit des Augustinus, der Völkerwanderungszeit, als Menschen von der Wolga im Jahre 410 Rom eroberten und Menschen aus Norddeutschland und vom Kaukasus vor seiner Bischofsstadt Hippo Regius in Nordafrika standen, sind nie mehr Menschen als Migranten unterwegs gewesen als in unseren Tagen, die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg mitgerechnet. Civitas in terra peregrina – ganze Völker (civitas) sind auf Erden (terra) unterwegs (peregrina), allerdings nicht als Pilger, die ein Ziel vor Augen haben und eine Heimat im Himmel (in caelo fundata). Es sind Migranten, die aus extremen Nöten nur weg wollen, dieses Mal nicht von Norden nach Süden, sondern eher umgekehrt. Diejenigen von uns, die in der Flüchtlingsarbeit tätig sind und waren spüren diesen Druck seelischer und sozialer Heimatlosigkeit, die auch jeder von uns erfährt, wenn es im engsten Freundeskreis um zerbrochene Beziehungen geht.

Augustinus könnte so etwas wie ein Patron junger Menschen auf der Suche nach Orientierung sein. Er, der als junger Mensch sein Glück in der Großstadt sucht, und wie manche junge Leute einfach einmal von zu Hause weg möchten und vielleicht Helikoptereltern (die immer über einem schweben) entkommen will, hat ähnlich gedacht und gehandelt: Mit 16 wird er unverhofft Vater, fällt einer antiken Jugendsekte, den Manichäern, zum Opfer, aus der er sich kaum lösen kann und alle seine Freunde mit hineinreißt. Er hat einen Vater, der durch Abwesenheit glänzt, dagegen aber eine Helikoptermutter, wie sie der Spiegel einmal beschrieben hat. Mit einer Lüge muss er sie abschütteln, macht sich aus dem Staub und durch seine Sektenverbindung in Rom Karriere. Die Mutter lässt nicht locker und folgt ihm nach Rom, um ihn wieder unter ihre Fittiche zu bringen. Sein ganzes Leben wird zu einer Suche nach Ruhm, Macht, Glück und Genuss. Seine Sektenfreunde ermöglichen dem Hochbegabten als Rhetor eine einflussreiche Stellung am Kaiserhof in Mailand. Dort erfährt Augustinus, der Nordafrikaner durch die Begegnung mit meinem Trierer Landsmann (!), Ambrosius, dem Bischof von Mailand, eine spektakuläre Lebenswende. Erschüttert muss er sich eingestehen: Intus eras, ego foris. Du warst in mir, ich aber war außer mir. Damit meint er: Ich war in meinem Leben voller Unrast unterwegs, habe Halt und innere Heimat gesucht. Aber in all dieser Zeit, war dieser Halt und diese Heimat unbemerkt so nah wie mein Herz in mir. Er meint damit den dreifaltigen Gott. Augustinus ist erschüttert, weil er sein Inneres regelrecht zugemüllt hatte mit Streben nach Ruhm, Ehre, Macht und lustvoller Zerstreuung. Dieser antike Yuppie wird in Mailand zum bedeutendsten Kirchenvater des Westens. Mit dieser Wende versinkt die heidnische Antike im Taufbecken des Mailänderdoms und das christliche Mittelalter entsteht. Hier ist das Unterwegs eines Migranten zur Ankunft eines Pilgers geworden.

Schwanken nicht auch wir wie Augustinus zwischen Migrant und Pilger? Fühlen wir uns nicht auch immer mal wieder ausgesetzt und auf der Suche, noch zu wenig angekommen bei uns selbst, in unserem Herzen (intus eras), da wo nach Augustinus – vor allem und zuallererst – der dreifaltige Gott auf uns wartet?

Civitas in terra peregrina, in caelo fundata.

kath.net-Buchtipp
Menschsein - zwischen Himmel und Erde
Eine kleine Hinführung zu zentralen Themen der Theologischen Anthropologie
Von Helmut Müller
Taschenbuch, 112 Seiten
2011 Bonifatius-Verlag
ISBN 978-3-89710-490-7
Preis Österreich 15.40 EUR

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