07 September 2017, 09:00
Die zerstörerischen Elemente des Triebes
 
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„Wir Psychologen können vieles bewusst machen, aber die ‚Hauptarbeit‘, nämlich das Schädliche zu entkräften, kann nur Gott leisten.“ Gastbeitrag der Religionspsychologin Martha v. Jesensky

Zürich (kath.net) Täglich entsorgt das Gehirn vorwiegend im Schlaf etwa sieben Gramm verbrauchte Proteine und ersetzt sie durch neuproduzierte. Die jährlich ausgeschwemmte Menge der „Abfallstoffe“ entspricht etwa dem Doppelten des Hirn-Eigengewichts. Diese Erkenntnis ist wichtig bei Behandlung von Alzheimer oder Parkinson Krankheit, bei denen schädliche Proteine nicht ausreichend entsorgt werden und sich daher im Gehirn anhäufen. (Vgl. SPEKTRUM Wissenschaft, Dezember 2016)

Kann man das hier Gesagte auch auf die seelischen Kräfte, wie Denken und Fühlen übertragen, da diese Fähigkeiten genetisch bedingt sind und zum Teil auch unbewusst gesteuert werden? Und woran erkennen wir, dass gewisse Eruptionen aus dem unbewussten Bereich der Seele Schadstoffe sind (etwa Neid, Geiz, Geltungssucht) und unser Verhalten „automatisch“ mitbestimmen?

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Gemeint sind Triebe, von deren Urexistenz wir nur wenig wissen (oder nicht wissen wollen), weil sie aus dem Verborgenen wirken. Seit Menschengedenken treiben sie ihr Unwesen in uns und außer uns – man kann sie nicht „ausrotten“, nur bewusst machen, doch das hilft bereits.

Ein Beispiel aus den Evangelien, was passiert, wenn Rache- und Sexualtrieb etwas Zerstörerisches in sich tragen und von den Betroffenen zwar wahrgenommen werden, doch weil ihnen der Wille fehlt um sie abzuwehren, führen sie das Schädliche aus. Siehe hierzu das Evangelium nach Matthäus 14,312: (Auszug)

Herodes hatte nämlich Johannes festnehmen und in Ketten ins Gefängnis werfen lassen. Schuld daran war Herodias, die Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu Herodes gesagt: Du hattest nicht das Recht, sie zur Frau zu nehmen. Der König wollte ihn deswegen töten lassen, fürchtete sich aber vor dem Volk. Denn man hielt Johannes für einen Propheten. Als aber der Geburtstag des Herodes gefeiert wurde, tanzte die Tochter der Herodias vor den Gästen. Und sie gefiel Herodes so sehr, dass er schwor, ihr alles zu geben, was sie sich wünschte. Da sagte sie auf Drängen ihrer Mutter. Lass mir auf einer Schale den Kopf des Täufers herbringen. Der König wurde traurig… und befahl Johannes im Gefängnis zu enthaupten.

In dem Augenblick also, als die Tochter der Herodias ihren Wunsch ausgesprochen hatte, wurde der König traurig. Es überkam ihm Reue und die Reue vertrieb seine Lust zum Bösen. War das nur ein menschlich geprägter Akt ohne religiöse Einsicht in die Schuld, etwa im Sinne von „sowas tut man nicht“ oder mehr? Wir wissen es nicht.

Der Soziologe David Riesman unterscheidet in seinem Klassiker „Die einsame Masse“ den innengeleiteten und außengeleiteten Menschen. Außengeleitete Menschen sind triebhafter, anfälliger für Kränkung und Aggression und lassen sich eher von sozialen Netzwerken und Trends beeinflussen. Vielfach fehlt es ihnen an „primärer Sozialisation“, das heißt, von Eltern erlernte Umgangsformen, wie gegenseitige Hilfe, Rücksichtnahme, Akzeptanz, Höflichkeit, Anstand - die sogenannten „soziologischen Kardinaltugenden“, alles charakterbildende Eigenschaften.

Demgegenüber hat der innengeleitete Mensch, die von seinen Eltern erlernte Tugenden in einem hohen Maß verinnerlicht und versucht lebenslang auf Prinzipien und Werten zu beharren, die er sich zum Ziele festgelegt hat. Und es ist gut so, denn nur so ist ein Zusammenleben mit anderen Menschen möglich.

Aber genügt das? Die Erfahrung zeigt, dass auch innengeleitete Menschen mit guten Charaktermerkmalen den „Attacken“ (Reizen) des stärksten Triebes unter den Trieben, dem Sexualtrieb, erliegen können – ja sogar mit zerstörerischer Wirkung. Da solche „Attacken“ vielfach mit echter Liebe vermischt sind, sind sie besonders kompliziert und leidtragend.

Nach der Lehre der heiligen Maria von Agreda (l7 Jhd.) kennt sich hier der luziferisch raffinierte Versucher sehr gut aus, weshalb er gerade in diesem Bereich die Menschen versucht und oft auch Erfolg hat.

Ein Beispiel aus der wissenschaftlichen Prominenz.
Marie CURIE (1867-1934) zählt zu den herausragendsten Persönlichkeiten der Wissenschaftsgeschichte. Als erste Frau erhielt sie den Nobelpreis. Ohne ihre Untersuchungen zur Radioaktivität wäre das 20. Jahrhundert anders verlaufen.

Sie war mit Pierre Curie, ebenfalls Nobelpreisträger, verheiratet. Im Jahre 1910 hat sie sich in den fünf Jahre jüngeren Physiker und Freund ihres Mannes, Paul Langevin verliebt - ein groß gewachsener Mann mit militärischer Haltung und durchdringendem Blick. Langevin war verheiratet und hatte vier Kinder. Doch er beklagte sich Marie gegenüber, er habe mit dieser Ehe einen „katastrophalen Fehler “ gemacht. Es fehle ihm an Zärtlichkeit, die er bei seiner Frau vermisst.

Von Marie fühle er sich angezogen „wie zu einem Licht…“. Im Juli 1910 wurde dann die Affäre bekannt, als Pauls Frau Jeanne einen Privatdetektiv beauftragt hat, die beiden zu beobachten. Mit seiner Hilfe ist es gelungen, Briefe zu entwenden, die darauf hinwiesen, dass Paul und Marie ein Liebespaar geworden sind. Siehe hierzu den Originaltext eines Briefes, den Marie an Paul schrieb: „Es wäre so gut, wenn wir die Freiheit erlangen könnten, uns zu sehen, sooft es unsere verschiedenen Beschäftigungen erlauben, gemeinsam arbeiten, gemeinsam wandern oder reisen, wenn es sich ergibt. Es bestehen sehr tiefe Affinitäten zwischen uns, die nur förderliche Umstände bräuchten, um sich zu entfalten…Der Instinkt, der uns zusammengeführt hat, war so stark…Was könnte aus diesem Gefühl nicht alles entstehen?...“ (Vgl. Barbara Goldsmith, Piper-München-Zürich, 2010, S.164-165)

Nun es ist genügend dokumentiert worden, dass auch gottgeweihte Personen, die sich als „jesusgeleitet“ bezeichnen, dem Reiz des Sexualtriebes in manchen Fällen nicht widerstehen konnten. Aber sollen die Betroffenen deshalb ihren „Status“ ohne Kampf hinnehmen - oder wie C. G. Jung, der Begründer der Analytischen Psychologie sagt, das Zerstörerische am Trieb – das ja auch nur eine Form der Liebe ist - in ihre Persönlichkeit integrieren und zwar so, dass sie Kompromisse mit ihm schließen, eine Art „friedliche Koexistenz“?

JESUS kannte die geheimnisvolle Kraft des Bösen und seine unmoralische Logik, aber auch unsere Schwächen. Und in der Tat. Wir Psychologen können vieles bewusst machen, aber die „Hauptarbeit“, nämlich das Schädliche zu entkräften, kann nur Er leisten. Dabei stehen uns reichlich „Kampfmittel“ zu Verfügung, wie Reue, Busse und Gebet.

Dr. phil. Martha von Jesensky (Foto) ist Religionspsychologin und praktizierende Katholikin. Die Schweizerin führte lange eine eigene Praxis in Zürich, ihren (Un-)Ruhestand verbringt sie in Matzingen TG

Foto (c) Martha von Jesensky







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