08 September 2017, 18:06
Welches sind die Wege zur Versöhnung?
 
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Franziskus: Jesus, Maria und Josef. Der Stammbaum Jesu – gegen die Versuchung einer Flucht in eine Spiritualisierung. Da ja Marias – Grund der Versöhnung. Die Geschichten der Sünde, der Gewalt, der Konflikte mit dem Licht des Evangeliums erfüllen

Rom (kath.net) Am Fest Mariä Geburt feierte Papst Franziskus die heilige Messe auf dem Gelände von Catama in Villavicencio. Bei der Eucharistiefeier sprach der Papst den Bischof von Arauca, Jesús Emilio Jaramillo Monsalve, sowie den Diözesanpriester Pedro María Ramírez Ramos selig.

„Deine Geburt, Jungfrau und Gottesgebärerin, ist der neue Morgen, der der ganzen Welt Freude gebracht hat. Denn aus dir ging hervor die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, unser Gott (vgl. Benedictus-Antiphon). Das Fest der Geburt Mariens wirft sein Licht auf uns, so wie das sanfte Morgenlicht die weite Ebene Kolumbiens, diese wunderbare Landschaft, deren Eintrittstor Villavicencio ist, durchflutet und ebenso in der reichen Verschiedenheit der indigenen Völker erstrahlt.“

„Wie viele Frauen sind in Stille allein weitergegangen und wie viele gute Menschen haben versucht, Missgunst und Groll beiseite zu lassen, indem sie Gerechtigkeit mit Güte verbanden. Wie können wir das Licht eintreten lassen? Welches sind die Wege zur Versöhnung? Wie Maria „Ja“ zur ganzen Geschichte sagen und nicht nur zu einem Teil; wie Josef, Leidenschaften und Stolz beiseitelegen; wie Jesus Christus diese Geschichte auf uns laden, annehmen, umarmen, weil wir uns, alle Kolumbianer darin befinden, weil hier das ist, was wir sind … und das, was Gott für uns tun kann, wenn wir „Ja“ zur Wahrheit, zur Güte, zur Versöhnung sagen. Dies ist nur dann möglich, wenn wir unsere Geschichten der Sünde, der Gewalt, der Konflikte mit dem Licht des Evangeliums erfüllen.“

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„Versöhnung ist nicht ein abstraktes Wort; wenn dem so wäre, würde sie nur Sterilität, ja Distanz bringen. Sich versöhnen heißt, allen und jedem Menschen, welche das Drama des Konflikts erlebt haben, eine Tür zu öffnen. Wenn die Opfer die verständliche Versuchung zur Rache überwinden, werden sie zu den glaubwürdigsten Vertretern der Prozesse zum Aufbau des Friedens. Es ist nötig, dass einige den Mut fassen, den ersten Schritt in diese Richtung zu tun, ohne darauf zu warten, dass die anderen es tun. Es genügt eine gute Person, damit es Hoffnung gibt! Und ein jeder von uns kann diese Person sein! Dies bedeutet nicht, Unterschiede und Konflikte zu verkennen oder zu verschleiern. Es bedeutet nicht, persönliche oder strukturelle Ungerechtigkeiten zu legitimieren“.

„Der Text des Evangeliums, den wir gehört haben, findet seinen Höhepunkt, wenn Jesus Immanuel – „Gott mit uns“ – genannt wird. So wie Matthäus sein Evangelium beginnt, beschließt er es: »Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (28,20). Dieses Versprechen verwirklicht sich auch in Kolumbien: der Bischof von Arauca Jesús Emilio Jaramillo Monsalve und der Märtyrerpriester von Armero Pedro María Ramírez Ramos sind Zeichen dafür, Ausdruck eines Volkes, das dem Morast der Gewalt und des Grolls entkommen will.“


kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Franziskus bei der
Eucharistiefeier mit der Seligsprechung in Villavicencio:


Deine Geburt, Jungfrau und Gottesgebärerin, ist der neue Morgen, der der ganzen Welt Freude gebracht hat. Denn aus dir ging hervor die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, unser Gott (vgl. Benedictus-Antiphon). Das Fest der Geburt Mariens wirft sein Licht auf uns, so wie das sanfte Morgenlicht die weite Ebene Kolumbiens, diese wunderbare Landschaft, deren Eintrittstor Villavicencio ist, durchflutet und ebenso in der reichen Verschiedenheit der indigenen Völker erstrahlt.

Maria ist der erste Lichtschein, der das Ende der Nacht und vor allem den nahen Tag ankündigt. Ihre Geburt lässt uns die liebevolle, zärtliche, erbarmende Initiative der Liebe erahnen, mit der Gott sich bis zu uns herabneigt und uns zu einem wunderbaren Bund mit ihm ruft, den nichts und niemand zerstören können wird.

Maria war für das Licht Gottes durchlässig und hat den Schein dieses Lichts in ihrem Haus widergespiegelt, das sie mit Josef und Jesus teilte, wie auch in ihrem Volk, in ihrem Land und in jenem gemeinsamen Haus der ganzen Menschheit, das die Schöpfung ist.

Im Evangelium haben wir den Stammbaum Jesu gehört (vgl. Mt 1,1-17), der nicht eine bloße Auflistung von Namen ist, sondern lebendige Geschichte, die Geschichte eines Volks, mit dem Gott auf dem Weg ist. Dadurch, dass er zu einem von uns wurde, verkündete er uns, dass in seinem Blut die Geschichte der Gerechten und Sünder fließt, dass unser Heil nicht ein steriles Heil aus dem Labor ist, sondern konkret aus dem Leben, das unterwegs ist. Diese lange Liste sagt uns, dass wir ein kleiner Teil einer großen Geschichte sind. Sie hilft uns, nicht den Anspruch zu erheben, ganz im Mittelpunkt stehen zu müssen, und sie hilft uns, der Versuchung einer Flucht in eine Spiritualisierung zu widerstehen und uns nicht von den historischen Gegebenheiten zu lösen, in denen wir zu leben haben. Darüber hinaus schließt sie in unsere Heilsgeschichte die dunkleren oder traurigeren Seiten ein, die Augenblicke der Trostlosigkeit und der Verlassenheit, die der Verbannung ähnlich sind.

Die Erwähnung der Frauen – keine von den im Stammbaum genannten Frauen gehört der Hierarchie der großen Frauengestalten des Alten Testaments an – erlaubt uns eine besondere Annäherung: Sie verkünden im Stammbaum, dass in den Adern Jesu auch heidnisches Blut fließt, und sie erinnern uns an Geschichten der Ausgrenzung und der Unterwerfung. In Gemeinschaften, in denen wir immer noch patriarchalische und chauvinistische Haltungen mit uns tragen, ist es gut zu sagen, dass das Evangelium mit der Hervorhebung von Frauen beginnt, die eine Richtung vorgegeben haben und Geschichte geschrieben haben.

Und inmitten all dessen: Jesus, Maria und Josef. Maria machte durch ihr großherziges „Ja“ möglich, dass Gott diese Geschichte auf sich lud. Josef, der Gerechte, ließ nicht zu, dass Stolz, Leidenschaft oder Übereifer ihn von diesem Licht ausschlossen. Aufgrund des Aufbaus der Erzählung wissen wir vor Josef, was mit Maria geschehen ist. Und er trifft Entscheidungen, durch die er seine menschliche Größe unter Beweis stellt, noch bevor der Engel ihm half, all das, was sich um ihn herum zutrug, begreifen zu können. Der Edelmut seines Herzens lässt ihn das, was er vom Gesetz gelernt hat, der Liebe unterordnen. Heute stellt sich Josef dieser Welt, in der die psychische, verbale und physische Gewalt gegenüber der Frau offenkundig ist, als Gestalt eines respektvollen und feinfühligen Mannes dar, der, obwohl er nicht im Besitz aller Informationen ist, sich zugunsten des guten Rufs, der Würde und des Lebens Marias entscheidet. Und in seinem Zweifel, wie er am besten handeln soll, half ihm Gott bei der Wahl mit dem Licht der Gnade für sein Urteil.

Dieses Volk Kolumbiens ist Gottes Volk; auch hier können wir Stammbäume mit ihren Geschichten erstellen; viele sind voll von Liebe und Licht; andere von Auseinandersetzungen, Beleidigungen und auch Tod … Wie viele von euch können von Erfahrungen der Verbannung und der Trostlosigkeit erzählen! Wie viele Frauen sind in Stille allein weitergegangen und wie viele gute Menschen haben versucht, Missgunst und Groll beiseite zu lassen, indem sie Gerechtigkeit mit Güte verbanden. Wie können wir das Licht eintreten lassen? Welches sind die Wege zur Versöhnung? Wie Maria „Ja“ zur ganzen Geschichte sagen und nicht nur zu einem Teil; wie Josef, Leidenschaften und Stolz beiseitelegen; wie Jesus Christus diese Geschichte auf uns laden, annehmen, umarmen, weil wir uns, alle Kolumbianer darin befinden, weil hier das ist, was wir sind … und das, was Gott für uns tun kann, wenn wir „Ja“ zur Wahrheit, zur Güte, zur Versöhnung sagen. Dies ist nur dann möglich, wenn wir unsere Geschichten der Sünde, der Gewalt, der Konflikte mit dem Licht des Evangeliums erfüllen.

Versöhnung ist nicht ein abstraktes Wort; wenn dem so wäre, würde sie nur Sterilität, ja Distanz bringen. Sich versöhnen heißt, allen und jedem Menschen, welche das Drama des Konflikts erlebt haben, eine Tür zu öffnen. Wenn die Opfer die verständliche Versuchung zur Rache überwinden, werden sie zu den glaubwürdigsten Vertretern der Prozesse zum Aufbau des Friedens. Es ist nötig, dass einige den Mut fassen, den ersten Schritt in diese Richtung zu tun, ohne darauf zu warten, dass die anderen es tun. Es genügt eine gute Person, damit es Hoffnung gibt! Und ein jeder von uns kann diese Person sein! Dies bedeutet nicht, Unterschiede und Konflikte zu verkennen oder zu verschleiern. Es bedeutet nicht, persönliche oder strukturelle Ungerechtigkeiten zu legitimieren. Der Rückgriff auf die konkrete Versöhnung darf nicht dazu dienen, sich Situationen der Ungerechtigkeit zu fügen. Vielmehr ist sie, wie der heilige Johannes Paul II. lehrte, »eine Übereinkunft zwischen Brüdern, die bereit sind, die Versuchungen des Egoismus zu überwinden und das Streben nach Pseudogerechtigkeit aufzugeben; sie ist die Frucht entschlossener, edler und großzügiger Empfindungen, die dazu anleiten, eine Übereinkunft zu erzielen, die sich auf die Anerkennung jedes einzelnen Menschen sowie auf die Werte der zivilen Gesellschaft gründet« (Brief an die Bischöfe von El Salvador, 6. August 1982). Die Versöhnung konkretisiert und verfestigt sich demnach durch den Beitrag aller, sie ermöglicht, die Zukunft aufzubauen und Hoffnung wachsen zu lassen. Jede Friedensbemühung ohne eine ehrliche Verpflichtung zur Versöhnung wird scheitern.

Der Text des Evangeliums, den wir gehört haben, findet seinen Höhepunkt, wenn Jesus Immanuel – „Gott mit uns“ – genannt wird. So wie Matthäus sein Evangelium beginnt, beschließt er es: »Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (28,20). [...]

Dieses Versprechen verwirklicht sich auch in Kolumbien: der Bischof von Arauca Jesús Emilio Jaramillo Monsalve und der Märtyrerpriester von Armero Pedro María Ramírez Ramos sind Zeichen dafür, Ausdruck eines Volkes, das dem Morast der Gewalt und des Grolls entkommen will.

In dieser wunderbaren Umgebung liegt es an uns, „Ja“ zur Versöhnung zu sagen; und das „Ja“ möge auch unsere Natur einschließen. Es ist kein Zufall, dass wir unsere Besitzgier und unser Herrschaftsstreben auch an ihr ausgelassen haben. Ein Landsmann von euch besingt es schön: »Die Bäume weinen, sie sind Zeugen so vieler Jahre an Gewalt. Das Meer ist braun, es vermischt Blut mit Erde« (Juanes, Minas piedras). Die Gewalt des von der Sünde verwundeten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken (vgl. Enzyklika Laudato si’, 2). Es liegt an uns, wie Maria „Ja“ zu sagen und mit ihr die »Großtaten des Herrn« zu besingen, weil er, wie er unseren Vätern verheißen hat, allen Völkern und jedem Volk hilft; er hilft Kolumbien, das sich heute versöhnen will, und seiner Nachkommenschaft auf ewig.

Die Messfeier in voller Länge








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