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12 Oktober 2017, 09:00
Führen gute Charaktereigenschaften automatisch zum besseren Menschen?

„Der Idealfall? Ja, aber so vernünftig funktionieren wir doch nicht.“ Gastbeitrag von Dr. phil. Martha von Jesensky (2017)

Zürich (kath.net) Der Charakter bildet die Summe unserer guten, weniger guten und schlechten Eigenschaften. Zu den guten gehören Selbstbeherrschung, Gefasstheit, Zuverlässigkeit, Entschlossenheit, Konzentrationsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Selbsterziehung, Standhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein und ähnliches. Der Idealfall? Ja, aber so vernünftig funktionieren wir doch nicht.

Das glaubt auch der bekannte indischer Autor Pankaj Mishra (48). Er sagt: Wir tun immer so, als wäre der Mensch ein sehr gebildetes und informiertes Wesen und würde ständig vernünftige Entscheide treffen. Menschen sind viel komplizierter. Wir werden auch von Gefühlen wie Wut, Hass, Neid und Missgunst getrieben. Und wenn diese Gefühle überwiegen, dann kann es zu gefährlichen Entscheidungen kommen.

Ob nun solche negativen Gefühle überwiegen, hängt von unserer Gene ab, lautet der Kernsatz der Persönlichkeitspsychologie. Die Gene formen etwa die Hälfte unseres Charakters, die andere Hälfte „übernimmt dann das Leben“ – so auch der erfahrene Politologe Markus Freitag –, der das Wahlverhalten der Schweizer Bevölkerung im Social-Media-Profilen untersuchte und in „die Seele des Wählers geschaut hat.“ Damit meint er mit Recht, dass auch Reichtum, Religion, Alter, Wohnort, Beruf und Bildungsstand Faktoren sind, die unsere Persönlichkeit beeinflussen.

Aber warum funktionieren wir nicht immer vernünftig? Diese Frage beschäftigte schon die ersten christlichen Einsiedler (Mönche), weshalb sie die Einsamkeit in der Wüste und später die Klöster aufsuchten, um dort ungestört in der Stille akribisch die Welt, ihre Zusammenhänge und den inneren Vorgang ihrer Seele zu verstehen. Sie wollten bis in die „Seelenmark“ ihres verborgenen Charakters, zum Tummelplatz ihrer verdrängten Wünsche, Triebe, Gedanken, Absichten und Willensvorstellungen – modern ausgedrückt –, zu ihrem zweiten „Ich“ vorzudringen.

Thomas MERTON (1915-1968) der bekannteste Mönch des 20. Jahrhunderts, sagt, der Mönch müsse die „Wüstenzonen“ seines Herzens erkunden, das „dürre, steinige, finstere Land der Seele.“

Die moderne Psychologie nennt diesen Bereich AMYGDALA, das Unbewusste, wo die Emotionen und Triebe aller Art lokalisiert sind und unser Verhalten ob wir es wollen oder nicht, beeinflussten.

Während aber manche psychologische Methoden, etwa die „Psycholyse“ vorwiegend nach Bewusstseinserweiterung, beziehungsweise „höheres Wissen“ oder „Erleuchtung“ streben, zu welchem Zweck sie das „Finstere“ aus der Seele ihrer Klienten herausziehen wollen - damit sie „bessere Menschen“ werden -, bauen die Mönche auf die alles durchdringende Gegenwart Gottes, der die verborgenen „Schädlinge“ in ihrer Seele unschädlich machen kann.

Ein oft langer und mühsamer Prozess, da es sich hier nicht um schnelle „Erleuchtung“ (zum Beispiel durch Drogen oder selbstsuggestiven Praktiken) handelt, sondern um Gotteserkenntnis und die daraus folgende „unfrisierte“ Selbsterkenntnis.

Ein Beispiel für die Psycholyse

Die Drehbuchautorin Ariela Bogenberger (55), zweimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, kennt sich in der sogenannten Psycholyse - Szene gut aus. Über Jahrzehnte hinweg war sie Teil dieser Bewegung. Die Leiter verabreichen bei Therapiesitzungen und Workshops illegale Drogen mit dem Ziel, ihren Patienten zur „Bewusstseinserweiterung“ und zur „Erleuchtung“ (Vergeistigung) zu verhelfen. Dadurch würden sich dann die Teilnehmer von den Durchschnittsmenschen unterscheiden. Praktiziert wird sie vor allem von Ärzten, Psychologen und angelernte Laien, die fest an die Wirksamkeit dieser Methode glauben, in ihr eine Art Königsweg zur Seele sehen.

Publik wurde die Methode im Jahre 2009, als zwei Menschen in Berlin starben, weil ein Arzt illegale Drogen falsch dosierte und als 2015 im niedersächsischen Handeloh 29 Teilnehmer eines Seminars kollaborierten und von 160 Helfern gerettet werden mussten.

Die Aussteigerin und Expatientin Bogenberger erinnert sich ungern an die Sitzungen, bei denen die Teilnehmer unter Drogen gesetzt und zu Sex mit wechselnden Personen animiert wurden – angeblich zwecks Abbau von Eifersucht und Besitzansprüchen. Und wenn Teilnehmer im Drogenrausch ausrasteten, in Krämpfe fielen, sich übergeben mussten oder vor Schmerzen schrien, konnten sie nicht mit Mitleid rechnen. Das galt als Zeichen inneren Widerstands gegen die Bewusstseinserweiterung. Deshalb hätten zwei Mitglieder der Szene sie (Bogenberger) nach einem Zusammenbruch über 55 Stunden liegen lassen, ohne Hilfe zu holen. Sie glaubten das Böse muss raus.

Doch schlimmer als jedes Einzelschicksal, so Bogenberger, war die ständig wachsende Verbreitung dieser gefährlichen Therapiemethode. Der Gründer, der Psychiater Samuel Widmer (gest. 2017) lebte in einer Kommune in Lüssingen-Nennighofen (Schweiz) mit zwei Frauen und elf Kinder und scharte 200 Anhänger um sich. Widmer habe unzählige Ärzte und Psychologen unterwiesen, die meisten aus Deutschland. Die würden jetzt Gruppen (in Bayern) aufbauen und neue Mitglieder unter Psychologiestudenten anwerben. Rückblickend sag sie: „Ich habe ein richtiges Doppelleben geführt. Einerseits war ich Autorin, Mutter, Ehefrau, anderseits Mitglied einer Sekte.“ (Vgl. DER SPIEGEL, 32/2017)

Mein Standpunkt: Um die unsichtbaren „Schädlinge“ in unserer Seele zu entlarven ist es hilfreich, wenn man zwischen einer göttlich inspirierten Selbsterkenntnis und einer menschlich-psychologisch bzw. akademischen unterscheidet. Die göttlich inspirierte führt zu einer vertieften Gotteserkenntnis (wegen der Schuldeinsicht und Reue), die rein psychologische zu einer Neupositionierung des Lebens unter Aufarbeitung gegenwärtiger und vergangener Problembereiche

(Zwischenbemerkung: bei der „Psycholyse“ handelt es sich nicht um ein akademisch anerkanntes Verfahren)

Beispiel für eine göttlich inspirierte Selbsterkenntnis

Eberhard Busch war von 1965 bis 1968 Assistent bei dem bedeutenden Theologen Karl BARTH (1886-1968). Bekannt sind Karl Barths umfangreiche Kirchliche Dogmatik, seine Kommentare zu aktuellen Fragen der Gesellschaft und der Kirchen – weniger aber sein Privatleben und sein Verhältnis zu Frauen. In seinem Buch „Meine Zeit mit Karl Barth“ (Göttingen 2011), teilt Busch vieles von dem mit, was ihm Karl Barth aus seinem Leben berichtete.

Im Alter von 80 Jahren verliebt sich Karl Barth in eine 20jährige Krankenschwester. Er vergleicht diese Liebe mit der Liebe des 73jährigen Johann Wolfgang von Goethe zu der nicht einmal 20jähriges Ulrike von Levetzow, die diese Liebe aber nicht erwidert. Barth kann sich das im Grunde nicht verzeihen. Er wirft sich vor, in einer Phase seines Lebens, in der er sich doch auf die Ewigkeit hätte vorbereiten sollen, solche „Eselei“ begangen und sich rettungslos in die Krankenschwester verliebt zu haben. Als er einen Arzt bittet, ihm eine Pille zu geben, um diese Gefühle abzublocken, lehnt dieser das ab und versucht die Situation positiv zu deuten. Daraus erwachse ihm (Barth) doch neue Lebenskraft, die neue Liebe sei wie ein Motor, der erneut antreibe. Doch Barth sagt sich immer wieder: „Sie ist 20 und ich bin 80, habe Frau und Kinder und trage einen Katheter.“ Als er später den bekannten Schriftstellern Carl Zuckmayer besucht und ihm von seiner neuen Liebe erzählt, meint dieser, er soll froh sein, dass er in seinem Alter noch zu solchen Gefühlen fähig sei.

Bei seinem Bemühen, das Ganze richtig zu verstehen und einzuordnen, unterscheidet Barth zwischen einer psychologisch-medizinischen und einer theologischen Betrachtungsweise. Die Geschichte sei positiv, so Barth, eine Stimulans für die Altersaktivität gewesen…“Ach welche Freude hatte ich, als sie damals jeden Morgen in mein Zimmer trat! Ich lebte auf.“ – Negativ sei die Geschichte „im Misslingen seines gefühlsmässigen Seitensprungs gegenüber seiner Frau, beziehungsweise die Geschichte einer Verdrängung oder Enthemmung…“ (Busch)

In seinem Abschiedsbrief an die Krankenschwester (sie hat inzwischen einen jungen Mann geheiratet), diktiert Barth: „Der aber, der uns ewig liebt, macht gut, was wir verwirren.“

Barth betete jeden Abend, Gott möge ihn von dieser Geschichte befreien. Kurz vor seinem Tod hat er noch ein Schriftstück verfasst, der so lautet: „Dokumente zur Geschichte eines Irrtums, dessen ich mich in meinem 80 Lebensjahr schuldig machte.“ (Vgl. Wunibald Müller / Detlev Cuntz, 2014, S. 178 u.ff.)

Diese Art der Selbsterkenntnis wird im Psalm 110, 10 mit WEISHEIT verglichen. Intellectus bonus omnibus facientibus eum – „Wer die Weisheit übt, gewinnt heilsame Einsicht.“ - Nun ist nicht gerade d a s, was uns zum besseren Menschen macht?

Dr. phil. Martha von Jesensky (Foto) ist Religionspsychologin und praktizierende Katholikin. Die Schweizerin führte lange eine eigene Praxis in Zürich, ihren (Un-)Ruhestand verbringt sie in Matzingen TG

Foto (c) Martha von Jesensky