30 Oktober 2017, 12:00
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Die von der Schauspielerin Alyssa Milano initiierte Social-Media-Aktion unter dem Hashtag #metoo hat weltweit Aufsehen erregt und eine neue Sexismus-Debatte angestoßen. kath.net-Kommentar von Anna Diouf

Linz (kath.net/ad) Die von der Schauspielerin Alyssa Milano initiierte Social-Media-Aktion unter dem Hashtag #metoo hat weltweit Aufsehen erregt und eine neue Sexismus-Debatte angestoßen. Tatsächlich werden die meisten Frauen im Laufe ihres Lebens irgendwann Opfer von verbalen oder tätlichen Übergriffen. Und nicht selten heißt es, wenn sie sich wehren, sie seien zickig oder frigide und sollten sich nicht so anstellen. Obwohl #metoo also ein wichtiges Thema anspricht, gibt es einige problematische Aspekte, die man bedenken sollte, ohne deshalb der Aktion ihre Berechtigung gleich abzusprechen.

Anders als bei der Aufschrei-Kampagne von 2013 ging es bei #metoo ursprünglich nicht um Sexismus sondern konkret um sexualisierte Gewalt. Da aber Opfer gravierender sexueller Gewalt eher Hemmungen haben, dies medial kundzutun, wurde #metoo schnell zu einem Sammelbecken weiblicher Empörung über alles, was irgendwie respektlos ist oder als respektlos empfunden wird. Der Diskurs wurde also derart verflacht, dass vom saloppen Altherrenwitz über die übergriffige Berührung bis zur Vergewaltigung alles auf einer Ebene angesiedelt wird. Ist das sinnvoll? #Metoo sorgt dafür, dass sich jede Frau als Opfer fühlen "darf".

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Es ist keine Solidaritätskampagne, sondern eine Kampagne, in der man sich als Opfer zu erkennen gibt. Man muss nicht verbale Übergriffe für unerheblich oder hinnehmbar halten um dennoch erkennen zu können, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt durchaus zwei unterschiedliche Dinge sind – und ohne die Sexismuserfahrungen von Frauen kleinreden zu wollen, ist das schon beinahe zynisch: Wie entschieden wird hier der perverse Machtmissbrauch durch eine Hollywoodgröße medial geahndet, während Frauen weltweit unter himmelschreiendem Unrecht leiden, das kaum je thematisiert wird? Als 2014 in Nigeria an die 300 Schülerinnen von Boko Haram entführt und versklavt wurden, hat "Bring back our girls" bei weitem nicht das Interesse geweckt, das die metoo-Kampagne auf sich ziehen konnte. Der IS konnte über Jahre medial weitgehend ungestört, jedenfalls nicht begleitet von Massenprotesten, so virtuell sie auch sein mögen, jesidische und christliche Frauen zu Sexsklavinnen machen. In Indien, und nicht nur dort, leiden Frauen unter geschlechtspezifischer Abtreibung und anderen Übeln. Vielleicht werden diese verdrängt, weil sie so monströs ist, dass Hinschauen wirklich wehtut.

Damit wird #metoo nicht obsolet, aber man fragt sich, wieso es offensichtlich Opfer zweiter Klasse gibt und wieso es Frauen in einer freiheitlichen Gesellschaft vorziehen, in Empörung und Selbstmitleid zu verharren, anstatt sich in Wort und Tat solidarisch mit jenen zu zeigen, die von unseren Möglichkeiten nicht einmal träumen können.

Passenderweise offenbarte Sawsan Chebli zeitgleich die selbstdarstellerische Tendenz öffentlicher Aufschreie durch den künstlichen Skandal, den sie in sozialen Netzwerken inszenierte, indem sie ein schlecht platziertes Kompliment als Aufhänger für Empörung nutzte – sie musste später zurückrudern (wenn es auch nicht für eine wirkliche Entschuldigung reichte), weil ihre Aussagen durch die Gegendarstellung einer Zeugin des Vorfalls als zumindest recht fantasievoll ausgeschmückt entlarvt wurden.

Dazu kommt eine gewisse Unwahrhaftigkeit, oder vielleicht besser Inkonsequenz: Film, Fernsehen und auch Bühne haben große Probleme mit Übergriffigkeit. Das ist in den jeweiligen Metiers auch kein Geheimnis und wird von den Betroffenen hilflos zur Kenntnis genommen und irgendwie verkraftet. Jetzt aufzuschreien ist natürlich spät besser als nie. Aber wird nun nachhaltig in Aktion treten, wer in den vergangenen Jahrzehnten kein Interesse an einem Wandel der Strukturen hatte, die paradoxerweise in der Kunst, wo man sich avantgardistisch wähnt, besonders steile Hierarchien aufweisen?

#metoo müsste also erst einmal zeigen, dass es keine Beruhigungspille ist, nach der man zu "Business as usual" zurückkehrt.

In der "Öffentlichkeit" herrscht jedenfalls eine Haltung, die an sexueller Ausbeutung prinzipiell gar nichts auszusetzen hat. Was etwa unterscheidet Weinstein von Hugh Hefner und anderen, denen sexuelle Ausbeutung und Erniedrigung von Frauen Lebensinhalt war bzw. ist? Die Gesetzmäßigkeiten, nach denen der eine gefeiert und der andere dann doch zum Abschuss freigegeben wird, sind völlig intransparent und vielleicht auch zufällig.

Jener Haltung, der tatsächlich eine beinahe allgegenwärtige Respektlosigkeit gegenüber der Frau und ihrem Körper entspringt, möchte aber niemand ernstlich entgegentreten. Zumal Frauen oft willige Helferinnen sind, sich zum Objekt herabwürdigen lassen und dies nicht selten gar als Ausdruck der Selbstbestimmtheit empfinden.

An einer generellen Umkehr in Bezug auf den sexualisierten Medienbetrieb (und auf die sexualisierte Gesellschaft) ist niemandem gelegen, und deshalb wird man im Sumpf von sexueller Ausbeutung, Erniedrigung und Respektlosigkeit eben ab und zu ein allzu selbstsicheres Ekel abservieren und es dabei belassen.

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