04 September 2018, 10:30
Die Würde der Frau im Licht der Enzyklika Humanae vitae
 
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„Worin liegt die bis heute nachhallende Anstößigkeit der Enzyklika Papst Pauls VI., die im ominösen Jahr 1968 herauskam?“ Von Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Aigen (kath.net) kath.net dokumentiert die schriftliche Vorlage des Vortrags von Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bei der „Theologischen Sommerakademie Aigen 2018“ am 27.8.2018 in voller Länge:

Worin liegt die bis heute nachhallende Anstößigkeit der Enzyklika Papst Pauls VI., die im ominösen Jahr 1968 herauskam? In dem Satz: „dass jeder eheliche Akt von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss“. Und weiter: Diese Lehre gründe „in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte - liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Vereinigung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen.“ Wahrhaftig Spreng-Sätze! Auch wenn sie nicht neu waren, wirkten sie doch in der aufgeheizten Atmosphäre der sexuellen Revolution der 68er nicht nur antiquiert, sondern klar herausfordernd. Die fast durchgängige Ablehnung der These, Liebe und Zeugung gehörten untrennbar zueinander, wurde binnen kurzem durch die medizinische Entwicklung extrakorporaler Befruchtung gestützt, auch wenn das erste „Retortenbaby“, Louise Brown, erst 1978 in England geboren wurde.

Die Enzyklika ist sich ihrer Herausforderung des Zeitgeistes und seiner fraglosen Praxis bewußt. Sie führt selbst zwei gewichtige Einwände an, die abzuwägen sind. Der erste ist psychologischer Art und berührt die Ganzheitlichkeit der Ehe, die sich ja nicht aus einzelnen Akten zusammensetzt, sondern von einer Grundhaltung gegenseitiger Zuneigung getragen ist. Von daher ist die Frage zulässig, ob wirklich jeder einzelne Akt eine so außerordentliche Bedeutsamkeit an sich trägt. Das Ganze ist von jeher mehr als seine Teile; Ehe ist mehr als die Summe von Geschlechtsverkehr. Das gilt vor allem dann, wenn ein grundsätzlicher Wille zu Kindern vorhanden und im Eheversprechen bezeugt ist.

Der zweite Einwand ist empirischer Art. Die „Natur“ selbst trennt Liebe und Zeugung voneinander: entweder an den unfruchtbaren Tagen der Frau oder während einer Schwangerschaft oder bei natürlicher Unfruchtbarkeit des Mannes, jedenfalls aber im Alter, wobei die beiden letzteren Tatsachen kein Ehehindernis darstellen. Auch unabsichtlich unfruchtbare Ehen dürfen ja deswegen nicht aufgelöst werden. Der zweite Einwand lautet daher: Liebe und Zeugung sind nicht eisern zusammengeschmiedet, denn der Schöpfer selbst hat das Band zwischen Liebe und Zeugung gelockert.

Dennoch bleibt die päpstliche Lehraussage bei der ursprünglichen Betonung, jeder einzelne Akt sei in seiner doppelten Zielrichtung gekoppelt: in der liebenden Hingabe und im Willen zum Kind. Es liegt auf der Hand, dass sowohl die Kürze des Dokuments als auch die Erlaubnis, die von Natur aus unfruchtbaren Tage zu „nutzen“, die erhobenen Bedenken nicht ausführlich beantworten und auch nicht ganz ausräumen. Vor allem das Ausweichen auf die unfruchtbaren Tage enthält ja auch die Absicht, ein Kind auszuschließen. Sonst geschieht es eben manipulativ oder chemisch (etwa durch die Pille). Was unterscheidet aber dann Absicht von Absicht?

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Man kann darauf verweisen, dass im Fall periodischer Unfruchtbarkeit das vertrauensvolle Gespräch zwischen den Eheleuten geführt wird und Rücksicht auf den weiblichen Rhythmus genommen ist, während bei der chemischen Verhütung ein solches Gespräch entfällt und die Devise „Allzeit bereit!“ der Frau eine beständige Verfügbarkeit auferlegt. Das führt nahe an eine Instrumentalisierung des weiblichen Leibes heran, zu schweigen von der konstanten körperlichen Belastung durch die Pille. So führt die erlaubte „Nutzung“ der empfängnisfreien Tage zu einem atmosphärisch menschlicheren Umgang der Eheleute miteinander und schont die Frau deutlich, würdigt ihren natürlichen Rhythmus, steigert auch die gegenseitige Erwartung.

Dennoch ist auch hier Absicht im Spiel. Möglicherweise gehört dieser Sachverhalt zu den Fragen, die in unserer Wirklichkeit nicht befriedigend ausgetragen werden können und wozu rationale Differenzierungen keineswegs ausreichen.

Daher sei diese Schwierigkeit nicht von der „Absicht“ aus verfolgt, sondern von anderer Seite her beleuchtet: Was bewirkt es für die Frau, wenn Liebe und Fruchtbarkeit getrennt werden? Ergeben sich daraus Einsichten in ihre Leiblichkeit, die die Enzyklika in ein bedenkenswertes Licht stellt? Die Frau (mulier) wird nur zweimal wörtlich in dem Dokument angeführt, sonst wird von Ehegatten oder Eltern gesprochen. Doch führt der Gedankengang der Enzyklika mittelbar stärker auf die Frau als auf den Mann zurück, weil die vernünftige Planung von Kindern ihren Monatsrhythmus einbezieht.

Allein schon die Rücksicht auf die fein differenzierte Leiblichkeit der Frau ist ein klarer Gewinn in der ganzen Frage. Das lässt sich eindrücklich feststellen, wenn das Gegenteil der Fall ist: Wo nämlich die Fruchtbarkeit der Frau chemisch oder physisch (etwa durch eine Spirale) geblockt wird. In einer Zeitströmung, welche die „grüne Natur“ verherrlicht, bleibt unverständlich, weshalb junge Frauen über zwei bis drei Jahrzehnte ihren Monatsrhythmus abstellen sollen und damit leider schon sehr früh einsetzen, teilweise schon in der Pubertät, wenn der Organismus noch gar nicht ausgereift ist. Gynäkologische und psychologische Erfahrungen (Frigidität) sprechen nachweislich dagegen. Ferner erlaubt die manipulative Unterbrechung des Geschlechtsaktes nicht, dass das innige Zugehören von Mann und Frau über die Feinabstimmung ihrer Organe erfahren wird, sondern stört ihre Zugehörigkeit ausgerechnet am Höhepunkt. Geradezu leibhaft verletzt wird aber die Frau durch anschließende Praktiken wie die „Pille danach“ oder gar die Abtreibung. Leibhafte Verletzung schließt seelische Verletzung zwangsläufig ein. Psychologisch gesehen führt die ständige Sterilisierung des weiblichen Rhythmus zu organischen und nicht selten seelischen Blockaden; es wäre dankenswert, darüber in Langzeitstudien mehr zu erfahren. Es scheint freilich offenkundig, dass solche Langzeitstudien aus ideologischen Gründen nicht erwünscht sind.

Insofern kann die beständige Neutralisierung und „Bereitstellung“ des weiblichen Leibes auch als Sargnagel des Feminismus gesehen werden. Emanzipation auf Kosten vorwiegend der weiblichen Leiblichkeit ist Emanzipation vom eigenen Leib, seien Ansprüchen und Seligkeiten - zugunsten einer verdeckten und uneingestandenen Unterwerfung unter den Mann. Die Enzyklika spricht von einer Herabsetzung des weiblichen Leibes zu einem „Werkzeug der Triebbefriedigung“, also von der klassischen Verdinglichung.

Solche Bedenken gelten auch umgekehrt für das Erzwingen von Zeugung. Zwar legt die Enzyklika dazu keine ausführliche Argumentation vor, aber fünfzig Jahre später lässt sich sehen, was das Abkoppeln der Zeugung von der Liebe auslöst: Ei- und Samenbanken mit Gen-Beipackzettel, anonyme Zeugungen im Labor; bezahlte Samenspender statt Väter (zum Teil mit über fünfzig Kindern wie im Fall des Franzosen mit Nr. „5010“, über den die Neue Zürcher Zeitung im Juli/August 2018 berichtete); auf der weiblichen Seite: Eimutter, Leihmutter, Beimutter - statt einfach Mutter. Als Leihmutter wird die Frau offenkundig zum bloßen „Uterus“ herabgesetzt, was durchaus drastisch mit „Gebärmaschine“ wiederzugeben ist - eine empörende Vermarktung des weiblichen Unterleibs (und im übrigen des weiblichen Gefühlslebens während der Schwangerschaft). Und auf der Seite des Kindes: Es wird Werkzeug einer Wunscherfüllung oder endlich auszulebender elterlicher „Instinkte“; kann aber auch „zurückgegeben“ werden, sofern es der „Bestellung“ nicht entspricht, wenn es nicht gar abgetrieben wird. Kinder werden „gemacht“ und nicht gezeugt.

Kulturgeschichtliche Einordnung der Enzyklika

Die Schärfe dieser Reduktionen des Menschlichen war 1968 nicht vorauszusehen, dennoch formuliert die Enzyklika die innere Logik einer von der Liebe getrennten Zeugung grundsätzlich richtig. Sie ordnet sich damit in eine kulturgeschichtliche - keineswegs nur binnenkatholische - Warnung ein, die schon früher hätte aufhorchen lassen müssen. Rainer Maria Rilke sah bereits in den 1920er Jahren eine tiefgehende Vergessenheit der leiblichen Herkunft wirksam: „die Väter, die wie Trümmer Gebirgs uns im Grunde beruhn, (...) das trockene Flußbett einstiger Mütter, (...) die ganze lautlose Landschaft“ (Dritte Duineser Elegie). Väter und Mütter sind den Lebenden entsunken und gehen dem Gedächtnis verloren – wiewohl, so die Elegie, ihre Kraft die Heutigen speist. Oder: Brave New World, die Negativutopie von Aldous Huxley, führte 1932 das Schreckbild einer rein biologistisch verfaßten und manipulierten Menschheit vor, in der Menschen industriell erzeugt und kollektiv erzogen werden. In dieser Welt war ein Wort von Grund auf verboten: das Wort „Mutter“. Nach gelungener Gehirnwäsche löste es widerwärtige Empfindungen aus. Der neue Mensch sollte sich nicht als gezeugt und geboren, sondern als gemacht verstehen, nur noch als ein factum, weder genitum noch natum. Er sollte glauben, einzig der technisierten Gesellschaft und niemand anderem verdankt zu sein, keinem älteren persönlichen Du - oder am Ende gar Gott. Übrigens kam das Wort Vater ohnehin nicht mehr vor – offenbar war er noch leichter auszuschalten als die Mutter.

Natürlich war im Raum der (katholischen) Kirche die Verteidigung der Elternschaft und besonders der Mutterschaft immer gegeben, prallte aber am feministischen Diskurs ab. Nach Simone de Beauvoirs „Klassiker“ Das andere Geschlecht (1949) waren nur noch strukturelle Fragen zuzulassen: Wie wird man eine Frau?, aber keine Wesenfragen mehr: Was ist eine Frau? Denn Frausein ist nach Beauvoir eine Erfindung männlicher List zur Abwälzung unangenehmer Aufgaben. Daher sei die Kategorie „weiblich“ von Grund auf als repressiv zu ächten – und dem fiel auch Mutterschaft zum Opfer. Gebe es doch zwei „Fallen“ des Frauseins: das Kind und den Mann; beide führten zu Bindungswillen und damit zu dauerhaften Pflichten. Vor allem das Kind stelle wegen seiner leib-seelischen Abhängigkeit die natürliche „Fessel der Frau“ vor. Der weibliche Körper müsse „transzendiert“ und neutralisiert werden: durch chemische Einebnung des Biorhythmus, im schärfsten Fall durch Abtreibung. Frausein bleibt nur noch von der abstrakten Autonomie des Selbstseins bestimmt. Dieser Egalitätsfeminismus („Frau muss Mann werden“) bestimmt bis heute überwiegend den Diskurs.

Mit der Gendertheorie hat sich eine noch tiefere Leibvergessenheit durchgesetzt, die zwar von Frauen und Männern spricht, aber dabei biologische Konstanten durch soziale Konstrukte abgelöst hat. Dabei wird Leib zum neutralen Körper reduziert und Mutterschaft vorwiegend im Rahmen technisch machbarer Fertilität behandelt. Dass ein transsexueller Mann jetzt sein Kind (damals bei der Schwangerschaft war er noch eine Frau) stillt, wird als großer Durchbruch gefeiert. Aberwitzig, denn es beweist eigentlich nur, dass er weiterhin eine Frau ist.

Auf einer tiefgreifenden Leibvergessenheit gründen z.B. die einflussreichen Körper-Theorien - in der Nachfolge Simone de Beauvoirs - von Judith Butler und Donna Haraway. Dabei kommt es (ungewollt? jedenfalls unausgesprochen) zu einer Abwertung des weiblichen Leibes, sei es in seiner Vermännlichung (Maskulinisierung) bei Beauvoir, seiner Entwirklichung (Deontologisierung) bei Butler oder seiner entgrenzenden Technisierung (Denaturalisierung) bei Haraway. Leib ist jedenfalls der „blinde Fleck“ bisheriger Emanzipation. Man wirft dem Christentum gern Leib- und Frauenfeindlichkeit vor. Aber beides ist heute ausgeprägt im Radikalfeminismus und Gender Mainstreaming zu finden.

Und die Vision der Enzyklika?

Die Enzyklika wäre freilich unterschätzt, wenn man sie nur von den Folgen ihrer Nicht-Beachtung aus lesen würde - es wäre ein allzu bitterer Triumph. Daher nochmals zur inhaltlichen Aussage über die Frau. Wenn tatsächlich jeder eheliche Akt Hingabe und Fruchtbarkeit einschließen soll, so bedeutet das für Frau wie Mann, eine Sprache zu gewinnen, um sich gegenseitig abzustimmen. Der viel tiefere leibliche Einsatz der Frau für das Kind bedeutet klarerweise eine Asymmetrie der Geschlechter. Sie muss immer wieder zu einem Gespräch führen über die Belastbarkeit der Frau durch Geburten, über verteilte Arbeit, über gemeinsam verantwortete Lösungen - statt einer leichten Automatik der Unfruchtbarkeit. Dasein ist Leibsein - mit je andern Folgerungen für Frau wie für Mann.

Das lässt sich noch tiefer theologisch unterlegen. Im Christentum wird die Fleischwerdung Gottes ein Neueinsatz und eine Herausforderung: Wie kann Gott überhaupt einen Leib und ein Geschlecht annehmen? Dies ist entgegen allen Idealisierungen leibloser Göttlichkeit die eigentliche Unterscheidung von allen anderen religiösen Traditionen, sogar vom Judentum. Caro cardo – das Fleisch ist der Angelpunkt. Die Inkarnation Gottes setzt das gesamte Leibphänomen in ein neues, unerschöpfliches Licht – nicht minder die leibliche Auferstehung zu todlosem Leben. Auch Kirche wird als Leib gesehen, das Verhältnis Christi zur Kirche als bräutliches (Eph 5,25), und die Ehe wird zum Sakrament: zum Zeichen realer Gegenwart Gottes in den Liebenden. Es ist dieses Rückbinden des Geschlechts in seinen zentrifugalen Möglichkeiten an den ganzen Menschen, das die Bibel vorstellig macht: damit der ganze Mensch sich übersteigt, und nicht nur seine Biologie oder sein Geist ins Leere, ins Du-Lose wegstreben.

Wichtig bleibt: Das Glücken der Geschlechtlichkeit kann weder durch das Sakrament noch durch anderen Segen garantiert werden, aber die Enzyklika gibt die Elemente an, unter denen die schwierige Balance gelingen kann: a) den Leib in seinem Geschlecht und b) in der Anlage für das Kind als Vorgabe anzuerkennen. Anders: Im Endlichen zu verbleiben – im Geschlecht sich nicht selbst genug sein können, im Kind zu „sterben“. Das ist kein naiver Naturbegriff mehr, sondern die schöpferische Überführung von Natur in kultivierte, angenommene, endliche Natur. Dennoch und gerade deswegen steht sie im Raum der Übersteigung und nicht in einem flachen Materialismus. c) Auch der Eros wird in den Bereich des Heiligen gestellt: im Sakrament. Auch Zeugung und Geburt stehen im Bereich des Heiligen: Sie sind paradiesisch verliehene Gaben (Gen 1,28). Nie wird nur primitive Natur durch Christentum (und Judentum) verherrlicht: Sie ist vielmehr selbst in den Raum des Göttlichen zu heben, muss heilend bearbeitet werden. Hildegard von Bingen sagt den schönen Satz, Mann und Frau seien „ein Werk durch den anderen“ (unum opus per alterum). Wie tief solches Werk im Leiblichen verankert ist, zeigt eben das Kind. „Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes“, formulierte der Pietist Friedrich Christoph Oetinger. „Fruchtbarkeit ist das Ende der Werke Gottes“, könnte man der Sache nach weiterformulieren, leiblich und geistig verstanden.

Könnte über alle Morallehren hinweg, die wenig greifen, die Vision heute erneuert werden, dass sich in dem Einlassen auf das fremde Geschlecht eine göttliche Spannung, eine lebendige Fruchtbarkeit und die Not(wendigkeit) asymmetrischer Gemeinschaft ausdrückt? Schöpferisches, erlaubtes, leibhaftes Anderssein auf dem Boden gemeinsamer göttlicher Grundausstattung – mit dem Antlitz von Frau oder Mann: das ist der Vorschlag der Enzyklika an alle Dekonstruktionen, Neutralisierungen und Verdinglichungen des Geschlechts.

Ein zeitgenössisches Dokument

Ob Ida Friederike Görres (1901-1971) als Zeitzeugin der zum Teil wüsten Debatten um die Enzyklika recht behalten wird? In einem Brief an P. Paulus Gordan OSB, Beuron, vom 15. August 1968 schreibt sie (veröffentlicht in: Ida F. Görres: „Wirklich die neue Phönixgestalt?“ Über Kirche und Konzil: Unbekannte Briefe 1962-1971 an Paulus Gordan, Heiligenkreuz 2015):

„Das Papstwort – ich muss immer an den Hl. Vater denken - was der sich jetzt eingebrockt hat – und wohl mit vollem Bewußtsein der Konsequenzen! – Mir kommt es vor wie ein Geständnis, dass ein Mann im Angesicht des vielleicht sehr nahen Todes sich verzweifelt abringt, nach endlosem Zögern und Schwanken: „Ich kann nicht sterben, ehe ich es gesagt habe.“

Das Geheul und Gegeifer hat ja schon in vollem Chor eingesetzt – neben und ausser den ernstzunehmenden Bedenken und Einwänden.
Diese glaube ich in ihrem vollem Umfang zu kennen und ernstzunehmen – aber trotzdem, stets habe ich gefühlt, was natürlich bei Rationalisten kein Argument ist – und keins sein kann! – dass eben all diese rationes auf einer anderen Ebene spielen – und gelten – als der des Geheimnisses, in der nun einmal das undurchdringliche Phänomen „Geschlecht“ wurzelt. Es ist eben ein numinoses Phänomen, es hat unheimlich direkt mit der Schöpferkraft Gottes zu tun, es IST „sakral“ – was die Heiden aller Sorten ja immer gewusst haben, trotz aller Exzesse usw. – ob mans will oder nicht. Und es steht in einer besonderen Weise unter dem Kreuz. DASS der Papst nun über diesem Gebiet eben das Kreuz wieder aufgerichtet hat, auch wenn fast keiner ihm folgt, wenigstens als ein Zeichen, das die Welt der Sünde, der Gerechtigkeit und des Gerichtes überführt, es ist doch etwas sehr grosses. Dass er den Anspruch Gottes überhaupt aufstellt in einem Revier, das die Christen fast widerstandslos den „Piraten“ überlassen haben, in dem der Mensch wie kaum in einem andern Autonomie proklamiert – das ist ein Ereignis. Ich weiss sehr wohl, dass sehr wenige es einsehen können, weil sie eben mit ganz andern Kategorien arbeiten – wirtschaftlichen, biologischen, psychologischen, ethischen – gut; aber in Wirklichkeit handelt es sich eben doch um Sakrileg.

Der arme Papst. Seine ganze, so mühsam, oft so hektisch erworbene Popularität wird nun dem Hass und der Verachtung weichen. Aber grad gestern hab ich bei Markus 8 das Stück gelesen, wie der Herr sagt, dass der Menschensohn „verachtet“ werden wird. Das ist wohl eine bessere Legitimation für den Papst, letztlich, als die billige Gloriole seiner Reise nach New York etc. Aber dass einer von uns, und zwar grad der Papst, es gewagt hat, gegenüber dem triumphierenden Consensus der Welt – in jedem Sinn dieses Wortes und eines grossen Teils seiner eigenen Kirche das Zeichen des Widerspruchs aufzurichten, im Namen Gottes – das Gesetz Gottes über alle eudämonistisch philanthropischen sozialen etc. etc. Forderungen zu stellen – das finde ich beglückend. Da schreien die Menschen doch immer, auch die Gläubigen, dass Christentum und Kirche sich zu sehr mit Welt-Interessen eingelassen hat usw. – sich identifiziert mit der bösen „Gesellschaft“, mit dem establishment -: nun sagt einer unüberhörbare NEIN und dies am zentralsten Punkt der menschlichen Natur: „Wir sind NICHT Schuldner des Fleisches, dass wir nach dem Fleische handeln müssten ... (was mir übrigens schon längst als das Gegenwort gegen die präsumierte Allmacht der Psychologie erscheint.) Vielleicht wird das Echo dem Papst das Herz brechen, das würde mich gar nicht wundern, arg genug wird es werden. Es wird eine Gideonsprobe des Gehorsams sein, bei der vermutlich kaum eine Handvoll übrig bleiben wird... vielleicht ist auch das gut, wenn eine deutliche Scheidung der Geister den gegenwärtigen uferlosen Kuddelmuddel ablöst. Aber selbst wenn Paul VI. daran zerbricht, als Mensch, das Wichtige ist geschehen: er hat die Oberhoheit Gottes proklamiert, auf seine Weise. Gelobt sei Gott dafür! –

Den Text der Enzyklika muss ich erst lesen, ich habe ihn gestern bekommen, bin sehr gespannt. Ich hatte und habe ja stets das Gefühl, dass bei diesem Thema pro wie contra mit falschen Argumenten gearbeitet wird – eben weil die Sache um eine ganze Dimension tiefer lieg und von den Streitgründen beiderseits kaum berührt wird. – Ich habe mich niemals irgendwie, schriftlich noch mündlich, öffentlich an der Diskussion beteiligt, weil ich, bzw. wir, ja dieses Ehe-Problem nie erlebt haben – im Gegenteil, unsres war stets nur, wie zu Kindern kommen. Darum fehlt mir empirisch die Zuständigkeit. Trotzdem glaub ich auch hier, dass man manches aus Distanz und per exclusionem schärfer sieht, als mitten im Gewühl des Erlebens. Ich bin überzeigt, dass das tragische todgeweihte Gewimmel in Lateinamerika oder Indien KEIN EINZIGES weisses Ehepaar hierzulande berechtigt, sehr gut(?) mögliche Nachkommenschaft zu verweigern, bzw. auf ein Minimum zu reduzieren – was ganz was andres heisst als dass das absolute Maximum an Zahl erreicht werden müsste! – „Schauen Sie,“ sagte mir ein Ehepaar, die 11 !!! Kinder haben, keine reichen Leute, er beim Radio, sie Sekretärin, Österreicher – „alle Leut sind bereit, für x wichtige Aufgaben Geld zu geben, oder Häuser, oder persönliche Arbeit – aber die Menschen in die Welt zu setzen und aufzuziehen, die absolut nötig sind, um die wichtigsten Dinge weiterzutragen ... das will niemand mehr. Wir finden, es ist die erste Pflicht gegen Menschen, Kirche, Volk, wie Sie’s wollen, dass wir Menschen schenken...“ Das hat mir ungeheuer imponiert, muss ich sagen. Aber wer denkt schon so? – Und wer so denken würde, kriegt keine.

Übrigens – wissen Sie, es ist doch eine stehende Behauptung, d.h. Askese zu verkündigen und zu fordern, sei ein Symptom des Sexual-Neides der Zölibatäre. Heut hab ich schon lange das Gefühl, das ungeheure Entgegenkommen so vieler Geistlichen in diesem Punkt, die Sanktionierung alles Laxismus etc., sei genau das umgekehrte Symptom, nämlich etwas wie „stellvertretende“ Befriedigung – Der „Salathund“ bellt die andern von der Schüssel weg, die er selbst nicht fressen kann. Aber dieser Typ genießt mit, wenn er andre das Verbotene fressen sieht, um es sehr roh auszudrücken -.

Ich sage Ihnen ganz offen, ich glaube keineswegs, wenn ich z. B. eine überfruchtbare Frau gewesen wäre, dass wir etwa die Bewährung voll geleistet hätten. Aber ich finde es nun einmal tausendmal besser, der Mensch sündigt und lebt in der Demut des Sündenbewusstseins mit Gott, als dass er das Schlimme mit stolzer Selbstgerechtigkeit tut, ohne Reue und ohne Bedauern. - Ich meine, das Papstwort wird am praktischen Verhalten der meisten Leute herzlich wenig ändern. Aber bei vielen wird sich vielleicht doch ein Bedauern hineinmischen, dass sie sich durch die Umstände dazu gezwungen fühlen – ein geteiltes Herz, dessen Scham eben doch das Tun entgiftet statt es zu rechtfertigen und zu bestätigen, wodurch die subjektive Schuld doch sehr reduziert wird. Und vielleicht gibt es Zeiten und Situationen, in denen die Ordnung Gottes überhaupt nur in der betrüblichen Gestalt des schlechten Gewissens in dem Bewusstsein vieler lebt – auch das finde ich besser, als wenn sie einfach im Vergessen begraben wird.

Ach Gott, was ist das für eine grosse und schreckliche Welt.

Jetzt hab ich wieder mal monologisiert – aber sonst platzt man wirklich.
Sehr herzlich mit allen guten Wünschen
Ihre Ida


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