07 Januar 2019, 11:00
Glauben wir an den „Gott der Überraschungen“?
 
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„Kann Gott mich überraschen? Überrascht uns also Papst Franziskus, der scheinbar beständig vom „Gott der Überraschungen“ zu sprechen scheint, mit einem neuen Gottesbild?“ Gastbeitrag von Thorsten Paprotny

Hannover (kath.net) Im „Credo“ – nicht einmal in den modernen Fassungen, die Karl Rahner oder die protestantische Theologin Dorothee Sölle vorgelegt haben – lese ich nichts davon. Kann Gott mich überraschen? Überrascht uns also Papst Franziskus, der scheinbar beständig vom „Gott der Überraschungen“ zu sprechen scheint, mit einem neuen Gottesbild? Ist Gott überraschenderweise Mensch geworden?

Übersetzungen, auch von lehramtlichen Texten und päpstlichen Verlautbarungen, sind Glücks-, mitunter auch Unglückssache, ein Fall für Philologen und Sprachpuristen. Wer Weihnachten im ZDF die Ansprache vor dem Segen „Urbi et orbi“ aufmerksam verfolgt hat, sah und hörte, wie Franziskus von „fraternità“ sprach, also von „Brüderlichkeit“. Die von Jürgen Erbacher präsentierte deutsche Übersetzung vatikanischen Ursprungs lautete: „Geschwisterlichkeit“. Im Italienischen gibt es keine Entsprechung für den hierzulande etablierten „geschlechtersensiblen“ Begriff. Sprachliche Geschmeidigkeit verfügt über eine kirchengeschichtliche Tradition. Das gilt auch für falsche oder irritierende Übersetzungen. Papst Benedikt XV. bezeichnete den Ersten Weltkrieg am 28. Juli 1915 als „orrenda carneficina“ (= grauenhafte Schlächterei). Vaterländisch gesinnte Bischöfe in Deutschland sorgten indessen für eine vergleichsweise milde Übersetzung, die „entsetzlicher Kampf“ lautete. Nuancen wie diese führen nicht nur zu Akzentverschiebungen, sie setzen zuweilen absichtlich neue Akzente.

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Am 3. Oktober 2017, also am Tag der Deutschen Einheit, bekannte Kardinal Reinhard Marx, er habe gelernt, mit den „Überraschungen der Geschichte“ wie mit den „Überraschungen Gottes“ zu rechnen. Naheliegend scheint es, hierbei an Worte von Papst Franziskus zu denken. Spricht der Heilige Vater zumindest nicht ständig davon, in den Morgenbesinnungen in Santa Marta wie in Interviews und Predigten, dass Gott uns – immer wieder – überrascht? Manche Katholiken, auch in Deutschland und Österreich, mögen manchen von vatikanischen Entwicklungen und päpstlichen Verlautbarungen mitunter überrascht sein. Dazu gehören vielleicht die berühmte, kontrovers diskutierte Fußnote 351 in „Amoris laetitia“ oder die unerwartete Ablösung von Kardinal Gerhard Müller als Präfekt der Glaubenskongregation 2017.

Spricht Papst Franziskus aber von einem „Gott der Überraschungen“? Offen gestanden: Das kann ich mir nicht vorstellen. Denn er weiß – natürlich –, wie es der heilige Ambrosius präzise formulierte: „Ubi Petrus, ibi ecclesia.“ Wo Petrus, d. h. wo der Papst ist, da ist die Kirche. Zugleich darf ich sagen: Mit der italienischen Sprache bin ich ein wenig vertraut. Wer als einfach gläubiger katholischer Christ irritiert ist und sich fragen mag, ob Gott uns überrascht, der begnügt sich am besten mit dem „Credo“. Das genügt in jedem Fall als Richtschnur. Dort lesen wir nichts von einem „Gott der Überraschungen“, wohl aber von dem Gott, der gesprochen hat durch die Propheten und der Mensch geworden ist. Vor diesem Gott beugen wir die Knie, wenn wir das „Credo“ sprechen. Wenn wir davon hören, dass Gott uns überraschen möchte, dürfen wir also skeptisch bleiben. Zumindest dann, wenn wir den italienischen Begriff „sorpresa“ uns anschauen, der zwei Bedeutungsvarianten aufweist. Die Übersetzung sollte vernünftigerweise abhängig vom jeweiligen Kontext erfolgen. Wenn Giuseppe vielleicht seinen alten Freund Giovanni in einem Café trifft, ruft er freudig aus: „Che sorpresa!“ – und das heißt: „Was für eine Überraschung!“, im Sinne von: dass wir uns zufällig, unerwartet und völlig überraschend hier begegnen. Wenn Papst Franziskus aber von Gott spricht, so scheint mir, verwendet er manchmal den durchaus unüblichen Begriff „sorpresa“, aber in einem ganz anderen Sinne: nämlich dass wir verwundert sind oder in Erstaunen versetzt werden. Gott vermag uns zwar nicht zu überraschen – er ist bekanntlich nicht der Weihnachtsmann –, aber Ihm gelingt es immer wieder, dass wir uns verwundern, dass wir staunen dürfen: Darum ziehen drei weise Männer nach Bethlehem und beten das göttliche Kind in der Krippe an. So wie die Heiligen Drei Könige staunen wir darüber – weil wir von innen her Bettler sind –, dass der große Gott, von der Jungfrau Maria empfangen und geboren, Mensch geworden ist. So wie sie beten wir Ihn an, fest im Glauben stehend, gläubig staunend, alle Jahre wieder. Darum singen wir: „Adeste fideles!“

Ich glaube – mit Papst Franziskus – an den Gott, der uns immer wieder ins Staunen versetzen kann, aber uns niemals weltlich überraschen wird. Gottes Liebe ist ein Versprechen, eine Zusage, zugleich eine sakramentale Wirklichkeit und eschatologische Verheißung, auf die hin wir leben und sterben dürfen – und das ist die schönste „sorpresa“, die ich kenne.

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998-2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte 2018 den Band „Theologisch denken mit Benedikt XVI.“ im Verlag Traugott Bautz und arbeitet an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.

kath.net-Buchtipp
Theologisch denken mit Benedikt XVI.
Von Thorsten Paprotny
Taschenbuch, 112 Seiten
2018 Bautz
ISBN 978-3-95948-336-0
Preis 15.50 EUR

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