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07 Februar 2019, 12:00
Missbrauch: Schönborn hinterfragt kirchliche Strukturen

Kardinal im TV-Gepräch mit ehemaliger Ordensfrau - Machtungleichheit ist "Uraltsünde" in der Kirche

Wien-München (kath.net/KAP) Die katholische Kirche hat in der Frage des Missbrauchs noch viel Arbeit vor sich. Es braucht noch mehr entsprechendes Bewusstsein bei den Verantwortungsträgern und strukturelle Reformen. Das hat Kardinal Christoph Schönborn am Mittwochabend in einer TV-Dokumentation im Bayerischen Rundfunk (BR) betont. Schönborn unterstrich, dass es Strukturen und Systeme in der Kirche gibt, die Missbrauch begünstigten. Dabei gehe es vor allem um ein Machtungleichgewicht, eine "Dynamik des Schweigens" und nicht selten ein übersteigertes Priesterbild, welches die Gefahr des "Autoritarismus" berge.

Im Mittelpunkt der TV-Dokumentation "Missbrauch in der katholischen Kirche: Eine Frau kämpft um Aufklärung" stand ein Zusammentreffen zwischen Kardinal Schönborn und der ehemaligen Ordensfrau Doris Wagner. Der Kardinal hatte Wagner in den Studios des BR zu einem mehrstündigen Gespräch getroffen.

Kritisch äußerte sich Schönborn in dem Gespräch über eine kirchliche "Dynamik des Schweigens" und ein übersteigertes Priesterbild, in dem der Priester als "sakral, unberührbar, der Herr Pfarrer" erscheine. "Wenn dieses Priesterbild vorherrscht, ist natürlich Autoritarismus die ständige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles. Es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen", erklärte Schönborn. Diese Machtungleichheit sei eine "Uraltsünde" in der Kirche. Der Kardinal berichtete zudem, in seiner Jugend selbst einen sexuellen Übergriff erlebt zu haben: Ein Priester, den er grundsätzlich sehr schätzte, habe versucht, ihn zu küssen.

In ihrem Buch "Nicht mehr ich. Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau" hatte Doris Wagner 2014 über Missbrauchserfahrungen in der Gemeinschaft "Das Werk" berichtet. Wagner war Mitglied der Gemeinschaft. Sie berichtet, wie sie als Ordensfrau spirituell und sexuell missbraucht und belästigt wurde. In der Kirche stieß sie lange Zeit auf taube Ohren. Besonders schmerzhaft sei es gewesen, so Wagner im Gespräch mit Schönborn, dass ihr so lange niemand glauben wollte.

Der Kardinal räumte ein, dass er oft abfällige oder ironische Bemerkungen von Geistlichen gegenüber Ordensfrauen vernommen habe, denen nur die Funktion des Dienens zugestanden wurde. Doch das sei sicher nicht das Zukunftsmodell, so der Wiener Erzbischof. Die Missbrauchskrise werde auch die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche in ein neues Licht rücken, zeigte sich der Kardinal überzeugt.

Schönborn räumte weiters ein, dass in der katholischen Kirche in der Vergangenheit viel zu sehr die Moraltheologie mit ihrer Fixiertheit auf Sexualität im Mittelpunkt gestanden sei. Andere Themen wie die Soziallehre seien demgegenüber in den Hintergrund getreten.

Einmal mehr warnte der Kardinal indes vor allzu großen Erwartungen im Hinblick auf die anstehende Bischofsversammlung zum Thema Missbrauch Ende Februar im Vatikan. Schönborn bedauerte, dass es in der Kirche, weltweit gesehen, immer noch kein gemeinsames Bewusstsein in dieser Frage gebe. Nicht alle Bischöfe und Kardinäle würden das Missbrauchsthema gleich bewerten. Er könne nur hoffen, dass sich alle Teilnehmer aufrütteln und auch erschüttern ließen und dass ein "Heilungsprozess" die Kirche wirklich erneuere.

Doris Wagner äußerte in dem Kontext die Erwartung, dass sich die Bischöfe in Rom auch mit Missbrauchsopfern treffen und ihnen zuhören.

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Foto Kard. Schönborn (c) Erdiözese Wien