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13 April 2019, 11:15
Die Quadratur des Kreises

„Diejenigen, die jetzt empört auf Papst em. Benedikt XVI. reagieren, sind vielleicht eine besonders eindringliche Bestätigung seiner Wortmeldung.“ Gastkommentar von Martin Lohmann

Bonn-Vatikan (kath.net) Papst em. Benedikt XVI. hat es gewagt, die Quadratur des Kreises aufzuzeigen, die derzeit von Teilen der Gesellschaft und der Kirche versucht wird. Damit hat er ein wichtiges Zeichen gesetzt, auf das viele gewartet haben; zugleich legt er den Finger auf eine immer größer werdende Wunde. Ein sich als „tolerant“ präsentierender Mainstream stellt immer mehr Denkverbote auf und versperrt den Blick auf die Wirklichkeit und damit auf die Wahrheit. Neue Dogmen entstehen, die keine Kritik dulden, um sich durch Verunglimpfungen einem rationalen Diskurs zu verweigern. Gerade den hat aber Papst em. Benedikt gesucht, als er den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hat.

In seinem Schreiben erinnert er daran, dass eine Gesellschaft ohne Gott orientierungslos wird, was sich tagtäglich immer mehr bewahrheitet, wie nicht zuletzt die aktuellen Debatten zu bioethischen Themen zeigen. Gleiches gilt auch für die Theologie und die Morallehre der Kirche, die geradezu zur Ideologie degradiert oder den Moden des Zeitgeistes angepasst werden, wenn nicht mehr die göttliche Offenbarung der Orientierungspunkt ist. Dabei weiß sich der emeritierte Papst ganz in einer Linie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in dem vor eben dieser Entwicklung gewarnt wurde, denn „das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts“ (GS 36).

Der Glaube ist nicht nur ein Ritual, bestehend aus zeremoniellen Gesten, sondern ein konkreter Weg, ein Weg, der durch das Kreuz zum Ewigen Leben führt. Erst im Kreuzesopfer ereignet sich Erlösung (vgl. LG 3). Ein Christentum entkoppelt von diesem heilbringenden Ereignis, darauf hat der Papa em. ganz zu Recht hingewiesen, würde eine Quadratur des Kreises entstehen lassen und eine „neue“ Kirche schaffen, die eben nicht mehr die Kirche Jesu Christi ist. Wenn nicht mehr Christus der Maßstab der Kirche ist, dann wird alles willkürlich, dann löst sie sich auf. Das Schreiben bringt es auf den Punkt: „Müssen wir etwa eine andere Kirche schaffen, damit die Dinge richtig werden können? Nun, dieses Experiment ist bereits gemacht worden und bereits gescheitert. Nur der Gehorsam und die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus kann den rechten Weg weisen.“

Es ist eben die Kirche Jesu Christi, und es ist keine Kirche, die wie ein Verein ganz neu erfunden werden kann. Christus ist und bleibt der Maßstab, er ist die Wahrheit, die er den Menschen treuhänderisch anvertraut hat. Eine sogenannte autonome Moral, die sich vom Naturrecht und der göttlichen Ordnung abkoppeln würde, kann es eben nicht wirklich geben.

Schließlich weist der em. Papst auf eine weitere Quadratur des Kreises hin, die vielen sehr lieb geworden zu sein scheint. Vom Verbrechen des Missbrauchs zu sprechen ist in aller Munde, aber eigenartiger Weise wird nicht von Sünde gesprochen. Die Sünde als Abweichung vom Weg Gottes ist die Ursache für jeden Missbrauch und zerstört die Glaubwürdigkeit der Kirche. Dies beim Namen zu nennen gilt in gewissen theologischen Zirkeln als Tabu, wobei doch gerade das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt hat, dass die Gestalt dieser Welt durch die Sünde missgestaltet wird (GS 39).

Der em. Papst ist seinem Motto Mitarbeiter der Wahrheit zu sein treu geblieben und dafür gebührt ihm nicht nur Dank, sondern höchste Anerkennung. Die Wahrheit befreit (vgl. Joh 8,32) auch aus der Quadratur des Kreises, denn die Wahrheit hat sich in Jesus Christus offenbart (vgl. Joh 14,6). Für diese Wahrheit hat Jesus Christus Zeugnis abgelegt und jeder, der aus der Wahrheit ist, hört seine Stimme (vgl. Joh 18,37). Er allein ist DER Weg, DIE Wahrheit und DAS Leben. Das war so, ist so und muss so bleiben. Nur in dieser Treue kann es Erlösung und Rettung geben.

PS: Diejenigen, die jetzt empört auf Papst Benedikt reagieren, sind vielleicht eine besonders eindringliche Bestätigung seiner Wortmeldung.

Martin Lohmann (62) ist Theologe und Historiker. Der Journalist kennt Papst Benedikt seit mehr als einem halben Jahrhundert persönlich, ist mit seiner Theologie vertraut und hat über ihn auch Bücher geschrieben.

Pressefoto Martin Lohmann