Schönborn: Reformprogramm des Papstes ist 'brennendes Anliegen'

22. Jänner 2015 in Österreich


Kardinal in ORF-Interview anlässlich seines 70ers: Heiliger Geist hat Franziskus an die Spitze der Weltkirche gestellt - Positive Resonanz unter "Kirchenfernen", große Herausforderung für Kirche selbst


Wien (kath.net/KAP) Der kirchliche Aufbruch durch das Pontifikat von Papst Franziskus ist für einen seiner Wähler, Kardinal Christoph Schönborn (Foto), auch Anlass zur Sorge: "Werden wir Schritt halten mit seinem Reformtempo?" Wenn sich immer wieder zeige, dass der Papst aus Argentinien gerade Kirchenferne mit seinen Themen, seiner herausfordernden Art und seiner Menschlichkeit beeindrucke, stelle sich für ihn die Frage: "Wird er wirklich breites Gehör finden in der Kirche?".

Wie der Wiener Erzbischof in einem Interview für das ORF-Religionsmagazin "Orientierung" anlässlich seines 70. Geburtstages am 22. Jänner betonte, sei Franziskus vom Heiligen Geist an die Spitze der Weltkirche gestellt worden. Seine Wähler hätten nicht geahnt, wie sich sein Pontifikat entwickeln wird. Ihm selbst sei es ein "brennendes Anliegen", dass das Reformprogramm des Papstes auch in der Kirche angenommen und umgesetzt wird. Franziskus Aufruf "Geht hinaus!" und sein Wort, ihm sei eine verbeulte Kirche, die an die Peripherie hinausgeht lieber als eine, "die sitzenbleibt", inspiriert laut Schönborn auch den gegenwärtigen Reformprozess in der Erzdiözese Wien.

Für ihn selbst sei der Papst immer wieder eine "große Herausforderung". Dessen vorweihnachtliche Ansprache vor der Kurie, in der Franziskus 15 "Krankheiten" benannte, umschrieb Kardinal Schönborn mit dem Satz: "Das ist schon steil." Diesen "Beichtspiegel", den sich alle großen Institutionen zu Herzen nehmen sollten, werde man sich auch in der Wiener Kirche genau anschauen.

"Nicht verschreckt in der Sakristei verschanzen"

Das Großprojekt der Diözesanreform errege vor allem durch damit verbundene Strukturveränderungen Aufsehen. Fragen wie "Wie viel Pfarren wird es in Zukunft geben? Werden Kirchen verkauft bzw. abgegeben?" bewegten die Gemüter. Für Schönborn muss sich die Kirche Tatsachen stellen wie jener, dass in Österreich und gerade in Wien katholische Schüler oftmals eine Minderheit in den Klassen bilden. Aber das müsse kein Anlass für Resignation sein, betonte der Erzbischof. Immerhin 80 Prozent der Österreicher wollten, dass ihre Heimat ein christliches Land bleibt. "Da müssen wir was dazu tun!", so Schönborn. Es gelte "christliche Grundhaltungen" zu pflegen, Quellen des Christseins abseits von "Etikette" zu erschließen - und als Gläubige in der Gesellschaft präsent zu sein, statt "Verschreckte, die sich in der Sakristei verschanzen", zu werden.

Angesprochen auf die "Pegida"-Demonstrationen in Deutschland äußerte der Kardinal die Überzeugung, er sehe den religiösen Dialog in Österreich durch derlei Strömungen nicht in Gefahr. "Dazu haben wir eine zu gute und solide Tradition des Miteinanders", die weit in die Zeit der Habsburger-Monarchie zurückreiche, als ein "Vielvölkerstaat" unterschiedliche Kulturen und auch Religionen unter einem gemeinsamen Dach zusammenführte. Diese Tradition lebe in Österreich weiter, auch das Bemühen darum, dass sie lebendig bleibt.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Gewaltakte in Frankreich äußerte Schönborn die Sorge, dass die sozialen Spannungen in Europa größer werden. Auch die Schere zwischen Modernisierungsverlierern und -profiteuren gehe auseinander. Gleichzeitig sei aber "faszinierend", wie viel Solidarität sich rund um die tragischen Ereignisse in Paris gezeigt habe - quer durch alle Schichten der Bevölkerung. Als ein "gutes Zeichen" wertete Schönborn auch, dass die Töne jener, die aus den Terrorakten "schlechtes politisches Kleingeld" machen wollten, nicht sehr laut gewesen seien. Viele Europäer ganz unterschiedlicher Herkunft würden nach den Toten von Paris spüren: "Das kann nicht der Weg sein", so Schönborns Eindruck.

Auch mit 70 "Überfluss an Zeitmangel"

Auch mit demnächst 70 Lebensjahren zeige sei Terminkalender wie seit Jahren einen "Überfluss an Zeitmangel" an, wie der Kardinal scherzhaft bemerkte. Zuletzt seien neue Aufgaben auch auf weltkirchlicher Ebene hinzugekommen; "Papst Franziskus hat mich da nicht verschont", nahm Schönborn Bezug auf seine Indienstnahme etwa im Aufsichtsrat der Vatikanbank oder bei den Bischofssynoden zu Familienfragen im Vatikan. Er erfülle diese und andere Aufgaben "nach wie vor sehr gerne" und fühle sich durchaus noch in der Lage, seinen Dienst mit Freude zu tun.

Sozialpolitische Randbemerkung des Kardinals: Durch die immer höhere Lebenserwartung werde es notwendig sein, das Regelpensionsalter in Österreich ohne Tabus und offen zu diskutieren. Er führte seine eigene Mutter als Beleg dafür an, dass man bis ins hohe Alter aktiv und geistig rege bleiben kann: Eleonore Schönborn sei mit 60 in Pension gegangen und nun mit 94 fast so lange im Ruhestand wie im Berufsleben. Die Finanzierung derart langer Pensionszeiten ist nach Überzeugung Schönborns "ein Problem, dem wir uns stellen müssen".

Schwierige Anfangsjahre als Erzbischof

Über seine fast 20-jährige Tätigkeit als Erzbischof von Wien (die Amtseinführung erfolgte am 14. September 1995 nach mehrmonatiger Phase als Erzbischof-Koadjutor) sagte Schönborn, seine Anfangsjahre seien für ihn "sehr schwierig" gewesen. Er nannte als Beispiele den "Fall Groer", Konflikte in der Bischofskonferenz wie auch in Wien mit seinem vormaligen Generalvikar Helmut Schüller sowie die Spannungen in der Kirche in Österreich und der Weltkirche. Das Pontifikat von Papst Benedikt XVI., den er seit 42 Jahren kenne und nun mit ihm befreundet sei, habe sehr positive Seiten gehabt, die "vielleicht heute zu wenig gesehen" würden. Aber auch in dieser Zeit habe es große Belastungen durch Entwicklungen innerhalb des Vatikans gegeben, "die wirklich schmerzlich waren".

Seinen Geburtstag am kommenden Donnerstag werde er unspektakulär verbringen, kündigte Schönborn an. Geplant sei ein Treffen mit Priestern, abends eine Jugendmesse. Untertags werde es ein "Leberkäsesemmelessen in meinem Büro" geben; eine Geburtstagsparty, die für die ORF-Adabei-Sendung "Seitenblicke" interessant wäre, "ist nicht geplant". Am Freitagabend allerdings sei ein Benefizkonzert mit Marienliedern im Stephansdom vorgesehen, über das seine Mitarbeiter nicht viel verraten wollten.

Bescheiden auch Schönborns Wünsche zum Geburtstag: Mehr Zeit zum Lesen wünsche er sich, das sei immer eine "Lebenssubstanz" für ihn gewesen, und auch mehr Zeit zur Besinnung und zum Gebet. Und schließlich: Er wünsche sich noch mehr Dankbarkeit für ein bisher sehr erfülltes Leben, sagte Kardinal Schönborn.

Antwort des Wiener Kardinals Schönborn auf die Frage: ´Wie oft gehen Sie beichten?´


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Foto Kardinal Schönborn (c) Erzdiözese Wien


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