'Pater Karl, jetzt spricht Petrus zu dir!'

17. April 2017 in Interview


Großes Oster-Interview mit P. Karl Wallner, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke „Missio“ in Österreich, über Ostern, Missio und Mission, Papst Franziskus und den Start einer neuen Gebetsbewegung - Von Roland Noé


Wien (kath.net/rn)
kath.net: Heute feiern wir das Osterfest. Sind Sie froh, dass die Fastenzeit vorbei ist? Was bedeutet Ostern für die Christen?

P. Karl Wallner: Für die meisten Menschen, auch für Christen, ist Weihnachten wichtiger als Ostern. Das stimmt nicht. Ostern ist mit Abstand das höchste Fest der Christenheit, denn die Botschaft Gottes lautet ja: Ich liebe Euch radikal, ich liebe Euch barmherzig, ich verzeihe Euch Eure Sünden, ich eröffne Euch Leben über den Tod hinaus. Zu Weihnachten feiern wir, dass Gottes Sohn in die Welt gekommen ist. Zu Ostern feiern wir, warum er in die Welt gekommen ist: um uns aus Liebe zu uns durch seine Hingabe am Kreuz und seine siegreiche Auferstehung zu erlösen. Ich selber erlebe Ostern immer viel intensiver als Weihnachten, wohl deshalb, weil ich mich da als Priester ganz auf die Liturgie einlasse. Besonders das Heilige Triduum (Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag/Ostern) ist für mich immer eine emotionale Hochschaubahn. Natürlich freue ich mich, dass wir jetzt Ostern feiern, denn die Fastenzeit ist ja kein Wert in sich: sie soll uns nur innerlich vorbereiten auf das Osterfest.

kath.net: Sie sind seit einigen Monaten Direktor der Päpstlichen Missionswerke Missio Österreich. Inzwischen gab es bereits einige Reise (Afrika, Haiti), die man via Facebook gut mitverfolgen konnte. Was hat Sie hier am meisten bewegt und was soll bei Missio in nächster Zeit schwerpunktmäßig passieren?

P. Karl Wallner:
Leider sind die Päpstlichen Missionswerke, kurz „Missio“, zu wenig bekannt. Selbst unter Pfarrern und praktizierenden Gläubigen. Es gibt heute so viele „NGO“ und Hilfsorganisationen, die für dieses und jenes sammeln. Seit September bin ich Nationaldirektor und lerne selbst erst kennen, was Missio alles tut. Ich bin sprachlos vor Begeisterung. Wir sind eben nicht irgendeine Hilfsorganisation (was sich schon daran zeigt, dass Missio im 2. Vatikanum ausdrücklich und völlig einzigartig namentlich genannt wird.) Missio ist gleichsam für die ganze Not der Weltkirche zuständig, für 1.180 Missiondiözesen. Wir müssen dort helfen, wo Priester, Ordensgemeinschaften, Bischöfe Hilfe brauchen. Ich habe auf meinen Reisen nach Afrika (Haiti) und Lateinamerika (Haiti) entsetzliche Armut erlebt, zugleich aber eine lebendige und glaubensfrohe Kirche, die mich unglaublich aufbaut. Das Stärkste, was ich bisher erlebt habe, waren die Priester im Westen Haitis, der im Oktober 2016 von einem Hurrikan völlig zerstört wurde. Von 224 Kirchen sind 219 auf die Grundmauern zerstört, ebenso die Schulen, Pfarrhöfe, Kinderheime… Die Menschen hausen in Hütten. Und die Priester dort sind bei ihren Gläubigen geblieben! Sie haben sich nach dem Hurrikan auch provisorische Blechhüten gebaut und leben und arbeiten dort in einer Welt, wo es kein Trinkwasser und keinen Strom gibt. Ich war in den Hütten der Armen und der Priester dort, bei manchen Begegnungen hatte ich Scham, weil ich mir dachte, dass ich selber das nicht schaffen würde, so arm zu leben wie die Priester in Haiti.

kath.net: Nicht wenige Katholiken in unseren Ländern sind doch etwas glaubensmüde. Wieviel Missio ist hier notwendig und sehen Sie hier auch Handlungsnotwendigkeiten für die Päpstlichen Missionswerke?

P. Karl Wallner: Missio ist natürlich zuständig, um den armen Kirchen zu helfen. Und da gibt es viel zu tun. Ich weiß, dass wir manchen Leuten und auch Pfarrern mit unseren vielen Spendenaussendungen auf die Nerven gehen. Und leider wird auch in vielen Pfarren immer weniger für den Weltmissions-Sonntag (heuer am 22. Oktober) getan, - was übrigens eine Katastrophe ist. Denn jeder Antrag, den ich ablehnen muss, weil die Spenden nicht da sind, belastet mich persönlich! Aber Missio ist auch für Österreich da. Papst Franziskus hat uns Nationaldirektoren am 4. Juni 2016 ins Gewissen geredet: „Ihr seid nicht einfach eine Hilfsorganisation. Fangt mit der Mystik, fangt mit dem Gebet an. Versetzt eure Heimat in eine missionarische Aufbruchstimmung.“ Noch nie hatte ich bei einer Papstansprache eine solche Gänsehaut, diese Worte haben mich regelrecht elektrisiert. Ich habe dann viel nachgedacht, was wir von Missio für Österreich – durch das Gebet – tun können. So ist uns die Idee einer Gebetsbewegung gekommen: Wir suchen Gläubige, die jeden Tag ein Gesätzchen vom Rosenkranz für einen glaubensfernen jungen Menschen in Österreich (!) beten. Wir haben dazu rot-weiß-rote Rosenkränze von den Cenacolos machen lassen, denn es geht um Binnenmission. Wir erbitten von Gott, dass er den vielen jungen Menschen bei uns, die fern sind von Gott und den Sakramenten, oder die noch gar nicht getauft sind, die Gnade des Glaubens schenke. Diese Gebetsbewegung von Missio nennen wir „Gott kann“. Das klingt cool, denn es ist ja auch für junge Leute. Und es bedeutet: Gott kann alles, für ihn ist nichts unmöglich. Wir starten im Mai 2017, das ist genau 100 Jahre nach der ersten prophetischen Erscheinung der Gottesmutter Maria.

kath.net: In der katholische Kirche gibt es bei nicht wenigen gläubigen Katholiken - vorsichtig gesagt - leichte Meinungsverschiedenheiten über Papst Franziskus? Was ist hier Ihr Ratschlag für Katholiken? Wie soll man damit umgehen? Oder anders ausgesprochen: Wie wichtig ist überhaupt ein Papst?

P. Karl Wallner: Meine Bekehrung hängt mit dem Amtsantritt des heiligen Johannes Paul II. 1978 zusammen; danach habe ich Benedikt XVI. als Theologen tief verehrt, nach ihm ist unsere Hochschule benannt. Und jetzt empfinde ich in vielem eine große Begeisterung für Papst Franziskus, der uns wirklich hilft, die originale Botschaft Jesu, die Botschaft des Evangeliums wiederzuentdecken. Es ist klar, dass jeder Inhaber des Petrusamtes seinen eigenen Stil hat, und da kann man als Katholik durchaus auch sagen: Das gefällt mir mehr, das weniger. Franziskus ist er selbst, er ist authentisch. Ich hatte die Gnade, ihn mehrmals aus direkter Nähe zu erleben, ungefiltert von den Medien, die ihn bei uns als revolutionären Liberalen hinstellen, der die Kirche völlig umkrempeln will. So ein Unsinn! Bei seiner Ansprache an uns Nationaldirektoren von Missio am 4. Juni 2016 legte er das Skriptum beiseite und sagte: „Ihr (von Missio) dürft nicht so weitermachen wie bisher! Ihr müsst alles neu machen, ihr braucht neue Ideen, neuen Mut, damit wir in einen missionarischen Aufbruch kommen.“ Und es klang mit: „Sonst ist es zu spät!“ Das ist nicht abgedruckt worden. Ich hatte eine Gänsehaut und innerlich sagte mir eine Stimme: „Pater Karl, jetzt spricht Petrus zu dir!“ Genau das ist es: dass wir uns bemühen, in den Worten des konkreten Petrusnachfolgers immer den hören, dem er von Amts wegen Stimme und Ausdruck gibt. Ich ehre in Johannes Paul den Mystiker und Hirten, in Benedikt den brillanten Theologen und demütigen Papst - und in Franziskus den unerschrockenen Missionar! Wir sollten auch beachten, dass Franziskus jede, aber wirklich jede seiner Ansprachen vom ersten Augenblick seines Pontifikates an abschließt mit der Bitte: „Betet für mich!“ Ich bete jeden Tag für Franziskus, denn eine Kirche von 1,3 Milliarden Gläubigen auf 5 Kontinenten durch das Chaos dieser umbruchsvollen Zeit zu leiten, das bedarf wahrhaft einer erbeteten Ausgießung des Heiligen Geistes über ihn und uns alle.

kath.net: Gibts den P. Karl auch noch im Stift Heiligenkreuz? Was gibt es dort Neues? Gibt es nach wie vor so viele Berufungen?

P. Karl Wallner: Stift Heiligenkreuz wächst weiter. Gott-sei-Dank! Wir sind jetzt 98 Mönche, weitere 6 Kandidaten warten auf die Einkleidung; 9 Mitbrüder werden 2018 zur Gründung von Neuzelle in Brandenburg ausgesandt. Auch schon deshalb, damit wir wieder ein paar freie Zimmer im Kloster haben. Wobei ich glaube, dass wir noch mehr Berufungen bekommen werden. Mit diesen Berufungen rühmen wir uns nicht, denn wir brauchen sie dringend: an der Hochschule, wo wir mittlerweile ca. 300 Studenten haben, unterrichten die Professoren ja „um Gottes Lohn“. Mehrere Mitbrüder machen Doktoratsstudien oder habilitieren sich, damit sie dann die Priesterstudenten unterrichten können. Wir betreuen 21 Pfarren in Niederösterreich und im Burgenland. Unser Priorat in Bochum ist mit 16 Mitbrüdern voll. Der Herr Abt hat einige junge dynamische Mitbrüder, die dort ebenfalls wie in Heiligenkreuz einen Sportraum einrichten werden, in das Priorat geschickt. Ich bin sicher, dass es dort bald viele geistliche Berufungen geben wird. Denn Berufungen gibt es ja, in der Kirche fehlt oft leider der Mut, sie zu fördern, und die Kunst, sie zur Entfaltung zu bringen. Dabei ist es so einfach: Wenn einer selbst brennt, dann wird er andere entzünden.

In Heiligenkreuz haben wir tatsächlich einen guten Generationenwechsel.
Das Amt des Nationaldirektors von Missio habe ich nach Ringen auch deshalb angenommen, um in Heiligenkreuz für meine bisherigen Aufgaben in der Jugendseelsorge und Berufungspastoral und an der Hochschule der nächsten Generation Platz zu machen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit läuft durch Pater Johannes Paul Chavanne hervorragend weiter, denn wir wollen ja ausstrahlen und apostolisch über die Medien in dieses 21. Jahrhundert hineinwirken. Von 1998 bis 2016 durfte ich die Blüte von Heiligenkreuz miterleben, inklusive Papstbesuch, Chant-CD-Erfolg und den Boom und Ausbau der Hochschule. Was für eine Gnade! Aber jetzt müssen die vielen Jungen übernehmen! Derzeit übe ich mich in die Kunst des Loslassens, was mir insofern leicht fällt, als ich gute Nachfolger habe und mich Missio ohnehin sehr fordert. Meine bisherigen Projektreisen haben mich tief erschüttert und meinen Horizont geweitet. Ich erlebe Not und Elend – und Weltkirche. Manchmal danke ich dem lieben Gott für mein buntes Leben, das ein einziges Abenteuer ist. Aber ich denke, dass das jeder katholische Priester sagen kann, denn es gibt nichts spannenderes, als dem lebendigen Gott sein Leben im „Adsum! Hier bin ich!“ zu schenken und sich dann verfügen zu lassen.


P. Karl Wallner ist Rektor der Hochschule Heiligenkreuz und Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke „Missio“ in Österreich.

www.missio.at




Foto: (c) MISSIO Österreich


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