Burundi: „Sanktionen bestrafen die Bevölkerung“

15. November 2017 in Interview


Vorsitzender der burundischen Bischofskonferenz in „Kirche in Not“-Interview: leichte Besserung der Sicherheitslage, politische Probleme bleiben ungelöst


München (kath.net/KIN) 1200-facher politischer Mord: Diese Anklage erhebt aktuell der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag gegen die politische Führung im ostafrikanischen Burundi. Seit 2015 tobt dort ein blutiger Konflikt. Der Gerichtshof führt Berichte über Todesschwadronen, willkürliche Verhaftungen und Vertreibungen an. Der Vorsitzende der burundischen Bischofskonferenz, Joachim Ntahondereye, sieht in jüngster Zeit dennoch eine Entspannung der Lage. Die Bischöfe setzen sich für einen Dialog der Konfliktparteien ein; Papst Franziskus könnte dabei eine Vermittlerrolle spielen. Amélie de La Hougue von „Kirche in Not“ Frankreich hat mit dem Bischof über Einschränkungen bei der Flüchtlingsarbeit, die lebendige Kirche von Burundi und eine fehlgeleitete Sanktionspolitik der EU gesprochen.

Amélie de La Hougue/Kirche in Not: Worin liegt die Ursache der politischen Krise, die Burundi seit 2015 erschüttert?

Bischof Joachim Ntahondereye: Die Krise in unserem Land hängt letztlich mit einer strittigen Auslegung der Verfassung zusammen. Präsident Pierre Nkurunziza ist der Auffassung, dass sie ihn nicht daran hindere, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Ich muss dazu ein bisschen ausholen: Unsere Verfassung sieht vor, dass der Präsident in allgemeiner Wahl bestimmt wird. Die erste Wahl von Nkurunziza 2005 fand jedoch durch beide Kammern des Parlaments statt. Nach einer Wahlrechtsreform wurde er 2010 direkt vom Volk gewählt. Deshalb glaubt er, im Recht zu sein und nochmal antreten zu können. Die Opposition sieht das anders. Es gibt also eine Mehrdeutigkeit in der Verfassung, die hoffentlich eines Tages beseitigt wird.

Kirche in Not: Nach der umstrittenen Wahl 2015 kam es zu einem gescheiterten Putschversuch gegen den Präsidenten sowie schweren Auseinandersetzungen mit tausenden Toten. Wie ist die Lage in Burundi heute?

Ntahondereye: Die Situation hat sich den letzten Monaten für die breite Bevölkerung deutlich gebessert: Die Menschen können sich jetzt wieder frei auf der Straße bewegen; es gibt nur noch ein paar wenige Kontrollpunkte. Aber Tatsache ist auch: Es kommt immer noch hier und da zu willkürlichen Verhaftungen, Menschen verschwinden spurlos. Darüber wird nicht gesprochen, aber es ist Realität. Die sozialen Probleme sind nach wie vor enorm. Die Wirtschaft ist durch die Krise schwer getroffen, die Verarmung der Bevölkerung hat zugenommen, die Preise schießen in die Höhe, die Währung verliert an Wert …

Kirche in Not: Worauf sind diese zaghaften Verbesserungen Ihrer Ansicht nach zurückzuführen?

Ntahondereye: Die Lage hat sich etwas beruhigt, weil es zwischen Polizei und Demonstranten keine direkten Auseinandersetzungen mehr gibt. Auch das blinde Wüten der Regierungsstellen nach dem Putschversuch hat nachgelassen. Viele Anhänger der Opposition sind ins Ausland geflüchtet. Deshalb haben sich die Spannungen verringert, aber die politischen Probleme sind nach wie vor ungelöst.

Kirche in Not: Sie haben es angesprochen: Viele Einwohner sind vor dem Konflikt geflüchtet. Wohin sind sie gegangen und unter welchen Bedingungen leben sie?

Ntahondereye: Es ist schwierig, genaue Zahlen zu bekommen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen spricht von 420 000 Geflüchteten; die Regierung lehnt diese Zahl ab. Wir Bischöfe haben erfahren, dass es zwei Flüchtlingslager im Nachbarland Tansania gibt. Trotz mehrfacher Bitten bekamen wir jedoch keine Besuchserlaubnis. Ich freue mich jedoch, dass jetzt die ersten Flüchtlinge aus Tansania wieder zurückkehren – es sollen schon über tausend sein. Viele aber warten noch ab.

Kirche in Not: Die katholische Bischofskonferenz von Burundi hat im September zu einem „inklusiven Dialog“ aufgerufen. Was ist damit gemeint?

Ntahondereye: Ich bin fest davon überzeugt: Zum Wohle unseres Landes müssen wir von allen Beteiligten verlangen, dass sie sich an einen Tisch setzen und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Die Gemeinschaft ostafrikanischer Länder hat versucht zu schlichten. Ein echter Dialog fand aber bisher nie statt. Denn die Regierung weigert sich kategorisch, mit Teilnehmern am Putschversuch zu sprechen. Doch die schmerzliche Geschichte unseres Landes hat gezeigt, dass ein dauerhafter Frieden ohne Dialog nicht möglich ist.

Kirche in Not: Etwa drei Viertel der Einwohner Burundis sind Christen; die Katholiken stellen die Bevölkerungsmehrheit. Könnte vor diesem Hintergrund der Papst eine Vermittlerrolle übernehmen?

Ntahondereye: Ja natürlich, auch wenn die gegnerischen Seiten seine Botschaft nicht auf die gleiche Weise aufnehmen werden. Wir sind Papst Franziskus dankbar für seine bisherigen Aufrufe, vor allem zum Gebet für Burundi. Das macht uns Mut. Ein Besuch in unserem Land würde den Friedensbemühungen sicher noch Aufwind geben. Aber ich weiß nicht, ob die Voraussetzungen dafür jetzt schon gegeben sind.

Kirche in Not:Welche Rolle kann Europa bei der Beilegung des Konflikts spielen?

Ntahondereye: Eine zentrale! Aber die EU muss sich mehr um das Wohl der Menschen kümmern und auf andere Weise Druck auf die Regierung ausüben, als einfach die Finanzmittel einzufrieren. Dadurch wird letztlich die Bevölkerung bestraft. Die Machthaber werden immer einen Weg finden, die Sanktionen zu umgehen. Am Ende sind es immer die kleinen Leute, die leiden.

Kirche in Not:Worin sehen Sie die besondere Stärke der katholischen Kirche in Burundi?

Ntahondereye: In ihrem Glauben und ihrer Hoffnung. Trotz der Krise geschehen einige sehr hoffnungsvolle Dinge: Zeugnisse von Liebe, Versöhnung und der Sorge um das Gemeinwohl. Das lässt uns durchhalten und ermutigt uns, für eine bessere Zukunft zu arbeiten. In Burundi ist bei Weitem nicht alles verloren!

Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ unterstützt seit vielen Jahren die seelsorgerische Arbeit der Kirche in Burundi, vor allem bei der Jugend- und Familienarbeit, der Priesterausbildung und der Stärkung christlicher Basisgemeinschaften. Um weiterhin helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

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Foto: Bischof Joachim Ntahondereye, Vorsitzender der burundischen Bischofskonferenz (c) Kirche in Not


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