„Maria … die Stradivari Gottes“

7. Mai 2020 in Spirituelles


Pariser Erzbischof Aupetit in einer Marienpredigt: „Maria ist die ‚Stradivari‘ Gottes … In Maria gibt es keine falsche Note, gibt es keinerlei Dissonanzen“. Gastbeitrag von Juliana Bauer


Paris (kath.net) Passend zum Monat Mai, der in der katholischen Kirche als Marienmonat eine hohe Stellung innehat, soll eine der schönsten Marienpredigten des Pariser Erzbischofs Michel Aupetit vorgestellt werden. Er hielt diese zu Neujahr 2019 in der noch intakten Kathedrale Notre Dame in Paris und ließ mit der Homilie den Neujahrstag als „Hochfest der Gottesmutter Maria“ lebendig werden – ein Fest, das bereits im Rom des frühen 8.Jahrhunderts am 1.Januar als „Natale Sanctae Mariae“ gefeiert wurde.

Michel Aupetit, ein großer Verehrer Mariens, könnte die Predigt an jedem Marienfesttag gehalten haben. So erinnert er auch bei anderen Gelegenheiten immer wieder an die Mutter Jesu wie in der diesjährigen Karwoche, als er in einer Pressekonferenz den Verlust der ihr geweihten Kathedrale Notre Dame anspricht, so nahm die Gottesmutter in den Karfreitagsmeditationen vor der Dornenkrone Jesu, die der Erzbischof in der Apsis von Notre Dame hielt, den „Hauptplatz“ ein. Auch versäumt er es in keiner Hl. Messe, diese mit einem Marienlob zu schließen. Je nach der Zeit im Jahreskreis stimmt er das jeweilige marianische Antiphon an, allen voran das tröstliche „Salve Regina,“ welches seinen Platz im so genannten festfreien Jahresring einnimmt. In den verschiedenen Jahres-und Festzeiten wechseln die Antiphonen: So lässt Erzbischof Aupetit in der Advents- und Weihnachtszeit das „Alma Redemptoris Mater“ singen, in der Fastenzeit das „Ave Regina caelorum“ und im Osterfestkreis stimmt er das jubelnde „Regina coeli laetare“ an.

In seiner Homilie nimmt Michel Aupetit mehrere Aspekte der Mutter Jesu auf und nennt sie darin die „Stradivari“ Gottes. In einem ungewöhnlichen und poetisch anmutenden Vergleich mit der hohen Kunst des Saiteninstrumentenbauers Stradivari, dessen Geigen in der Musikwelt als die wertvollsten und als jene von reinstem Klang gelten, stellt der Erzbischof und Künstler Aupetit (er ist mit der Gabe der Bildschnitzerei gesegnet) Maria als die „schönste und außergewöhnlichste Frau“ dar, in der es „keinerlei Dissonanzen“ gebe, die „Gottes Gnade in seiner ganzen Fülle“ empfangen habe.

Die Predigt von Erzbischof Aupetit wird im Folgenden nahezu wortgetreu widergegeben:

„Wir feiern Maria, die Gottesmutter. Ich gebe zu, dass ich immer wieder von unseren Brüdern und Schwestern aus den Antillen berührt bin, die Maria zärtlich ‚Maman Marie‘ nennen, voller Zärtlichkeit, voller Vertrauen. Uns Franzosen des Mutterlandes gelingt es nicht wie ihnen, eine schlichte Beziehung, eine Kind-Beziehung zu Maria zu pflegen.

Ja, Maria ist unsere Maman, unsere Mutter. Doch sie ist deshalb unsere Mutter, weil sie zuallererst die Mutter Gottes ist. In der Tat könnte Maria, wenn sie nicht Gottes Mutter wäre, auch nicht unsere Mutter sein. Wir alle haben eine Mutter, jeder von uns, und unsere Mutter begleitet/e uns durch unser Leben auf dieser Erde. Aber Maria ist die Mutter, die uns zum Himmel führt und das nicht nur im Augenblick unseres irdischen Lebens.

Ja, Maria ist wahrhaft Gottes Mutter, weil Jesus Gottes Sohn ist, von aller Ewigkeit her durch Gott gezeugt. Er wollte Fleisch von unserem Fleisch annehmen, er wollte mit uns leben, er wollte all das leben, was jeder von uns von seiner Empfängnis an bis zum Tod lebt, um mit jedem von uns seine Göttlichkeit in Fülle zu teilen. So können auch wir Gottes Kinder werden, wie er es seiner Natur gemäß ist. Deshalb ist Maria wahrhaft Gottes Mutter. Und sie wurde erwählt, weil sie die schönste, die außergewöhnlichste der Frauen war und weil sie fähig war, die Gnade Gottes in seiner ganzen Fülle zu empfangen.

Wir behindern oft Gottes Gnade aus dem einen oder anderen Grund, Maria aber empfängt sie, empfängt alles in freier Entscheidung und in Liebe. Und daher nennt sie der Engel Gabriel, als er zu ihr kommt, voll der Gnade.

Wie aber können wir die Jungfrau Maria in ihrem Wesen beschreiben? Ich würde sagen, Maria ist die ‚Stradivari‘ Gottes. Jedes Genie unter den Musikern braucht ein perfektes Instrument, ein fein gestimmtes Instrument, ein Instrument, das ihm ermöglicht, seiner ganzen Kunst Ausdruck zu verleihen. Auch Gott braucht ein perfektes Instrument, durch das er sich ausdrückt. Natürlich drückt sich Gott in seinem Wort aus, so dass es für ihn unerlässlich war, sein Wort an den Menschen zu richten, der in vollkommener Weise auf das antwortet, was er selbst ist. Denn Gott kann sich nur in der Vollkommenheit der Liebe ausdrücken und Maria ist die Frau, die sich in ihrem ganzen Sein auf Gottes Liebe einließ.

In Maria gibt es keine falsche Note, gibt es keinerlei Dissonanzen. Deshalb bete ich, wenn ich wie ihr zur Jungfrau Maria bete, nicht zu ihr wie zu Gott, wie zu Jesus oder wie ich zum Heiligen Geist bete, nein! Ich bete zu Maria, weil ich ihr mein Gebet anvertraue. Weil ich weiß, dass es in meinem Gebet immer ein wenig Selbstsucht, ein wenig Eitelkeit und zweifelsohne eine große Annäherung (zu meiner selbst) gibt, vertraue ich mein Gebet Maria an, damit sie es auf den Willen Gottes ausrichtet. Deshalb beten wir zu Maria. Denn ich habe die volle Zuversicht, dass sie, die das Herz ihres Sohnes kennt, die ihn so lange getragen hat und ihn bis zum Ende seines irdischen Lebens, bis zum Fuß des Kreuzes begleitete, mein Gebet, euer Gebet richten wird, dass es Gott so erreicht, wie es wirklich sein Wille ist.

Wir haben soeben in der ersten Lesung gehört: ‚Der Herr segne und behüte dich‘ und was könnte schöner sein, als dieses Jahr mit diesem schönen Segen aus dem Buch Numeri zu beginnen ‚Der Herr segne und behüte dich! Er lasse sein Angesicht über dir leuchten‘ (4. Buch Mose 6,24-25). Ich glaube, dass genau Maria das Geschenk Gottes ist, der Segen Gottes für jeden von uns. Ja, es ist Maria, denn Eva hatte uns die Türen des Himmels verschlossen. Eva ließ Misstrauen in ihr Herz eindringen, als sich ihr die Schlange näherte und zu ihr sprach. Und ihr Ehrgeiz wurde von derselben Schlange geweckt, als diese zu ihnen, den (beiden) Menschen, sagte: ‚Ihr werdet sein wie die Götter‘! Maria aber ist die demütige, von allen Generationen gesegnete Dienerin, weil sie uns die Tore des Himmels öffnet. Sie ist die erste auf diesem Weg. Deshalb folgen wir ihr wie einer Mutter, die uns durch das Leben führt und uns zum ewigen Leben geleitet.

Sie ist wirklich unsere Mutter, weil sie die Mutter Jesu und daher die Mutter Gottes ist. Aber Jesus hat sie auch uns anvertraut. Am Kreuz nahmen die Menschen dem Herrn alles weg, alles. Sie nahmen ihm seine Würde, indem sie ihn demütigten, ihn anspuckten, seine Liebe ablehnten, man nahm ihm seine Kleidung, um ihn zu verspotten, sie nahmen ihm sogar das Leben. Was bleibt einem Menschen, wenn ihm seine Würde und sein Leben genommen werden? Es gibt aber etwas, das einem nicht genommen werden kann, das einem niemand wegnehmen kann, das ist die Liebe einer Mutter. Maria ist am Fuße des Kreuzes, und die Menschen werden niemals die Liebe Marias zu ihrem Sohn aus dem Herzen reißen können. Und deshalb gibt uns der Sohn das, was wir nicht wegnehmen können, er schenkt uns gerade deshalb die Liebe seiner Mutter: ‚Hier ist deine Mutter, hier ist dein Sohn‘ (Joh. 19,26.27).

So wird jeder von uns und die ganze Kirche ein Sohn Mariens, sie ist unsere Mutter, wir können uns ihr anvertrauen, weil es der Herr selbst ist, der sie uns gegeben hat. Also, wenn ihr mir erlaubt, werde ich mit einem Gebet zur Jungfrau Maria schließen, in der vertrauensvollen Art unserer Brüder und Schwestern aus den Antillen:

„Maman Marie, Mutter Maria, erlaube mir, in allem den Willen des Vaters zu erfüllen, damit wir uns durch die Gnade unseres Gebetes diesem Willen angleichen können.

Mutter Maria, lehre uns, auf dieses Wort zu hören, das du jedem von uns sagst, indem du auf deinen Sohn verweist: Tu, was er dir sagt.
Und letztendlich, Mutter Maria, mache es uns möglich, den Heiligen Geist wie du in Fülle zu empfangen, damit er in uns und durch uns Früchte trägt.“

+Michel Aupetit, Erzbischof von Paris.

Homélie de Mgr Michel Aupetit – Messe à Notre Dame de Paris – Sainte Marie, Mère de Dieu – Mardi 1er janvier 2019 – Homélies –-Diocèse de Paris sowie KTOTV (Télévision Catholique), Messe pour la Paix présidée par Mgr Michel Aupetit. Messe à Notre-Dame de Paris du 01/01/2019.
Übersetzung: Dr. Juliana Bauer für kath.net

Nachbemerkung für Interessierte: Michel Aupetit schuf in der Vergangenheit mehrere Holzskulpturen, u.a. ein ausdrucksvolles Kruzifix (un Christ crucifié, siehe: Aleteia fr, 08.12. 2017). Eines seiner schönsten Werke stellt eine Monstranz in Gestalt der Jungfrau Maria dar (Vierge-Ostensoir, sculpture en bois réalisée par Mgr Michel Aupetit), eine, wohl in Lindenholz geschaffene, Skulptur von unvergleichlicher Zartheit. Zu sehen in: www.paris.catholique.fr › ostensoir-marie, Un Ostensoir à l'effigie de la Vierge - Diocèse de Paris


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