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4. Mai 2006 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Vergesst "Popetown". MTV Spanien wirbt gerade so schrill und katholisch um mehr Zuseher, dass selbst der Papst vielleicht einen Dankesbrief schreibt. Eine satirische Glosse von Petra Biermeier.


Wien (www.kath.net) Ich gebe den Kritikern Recht. „Popetown“ ist nicht gefährlich. Es ist nicht mehr wie eine lästige Eintagsfliege. Sie stirbt sicher. Und eigentlich genügt es sich zurückzulehnen, genüsslich einen Cappuccino zu trinken und darauf zu warten.

Einer tut es nicht. Nämlich der, um dessen Nase die Fliege am lästigsten kreist. Der Papst ist gerade beschäftigt. Er denkt nach. Und dann schreibt er vielleicht einen Dankesbrief an den privaten Fernsehsender MTV Spanien. Dort ist nämlich der Bär los. Er ist schrill und schräg und so katholisch, dass die Kirche sich eigentlich bedanken müsste.

Aber beginnen wir von vorne. Es ist wie das kleine Einmaleins. Ein Fernsehsender, der auf Musikvideos spezialisiert ist, hat zuwenig Zuseher. Ein kleiner hässlicher Gedanke schleicht sich ein. „Beschimpfe die größte und älteste Institution der Welt und du wirst erst Zorn ernten und dann viel, viel Aufmerksamkeit.“ Mmmmmh… Das klingt süß, das ist verlockend.

Die Idee ist abgekupfert, aber die Not ist groß. Und so greift der Sender zu einer Serie, die in Großbritannien, wo sie produziert wurde, gar nicht ausgestrahlt wurde, weil die Menschen das nicht wollten. Lang lebe das Volk!

Die Rechnung in Deutschland geht voll auf. Der Papst ist jetzt ein Deutscher, und er wird verteidigt wie noch nie. Sogar Bischöfe schalten sich ein, um gegen die Zeichentrickserie zu protestieren. Alles vergeblich. Die Serie wird ausgestrahlt. Autsch.

Aber Gott ist gerecht. Und der Mensch in seiner unendlich großen Freiheit hilft ihm dabei. Die deutschen bad boys and girls hätten mal bei ihren spanischen Fernsehkollegen nachfragen sollen. MTV Espana hat nämlich eine absolut schrille Sache gestartet. Die nebenbei so katholisch ist, dass die Kirche dafür etwas aus ihrem Werbebudget locker machen müsste.

Aber fangen wir von vorne an: Auch in Spanien musste sich der auf Musikvideos spezialisierte Fernsehsender den Gürtel enger schnallen. Anstatt jemandem eins drauf zu geben, blätterten die Verantwortlichen aber in Omas Tagebüchern. Und fanden Unglaubliches, Wahnwitziges, geradezu lächerlich Veraltetes.

Sie fanden eigentlich genau das, wofür MTV nicht steht. Und das war der Gag. Erster Schritt: Sie bauten die Website „nomiresmtv“ – „Schau nicht MTV“. Genial. Zweiter Schritt: Sie warben dort für Werte, die konträr zum sonstigen MTV-Programm stehen. Grenzgenial.

Dritter Schritt: Sie ließen die Leute im Unklaren darüber, wer hinter dem Ganzen steht. Eine dubiose Vereinigung „für eine makellose Jugend“ gibt es da, die gegen das Programm protestiert, das MTV der Jugend bietet. Und der Videoclip einer kleinen Band namens „Happiness“ wird vorgestellt.

Und hier sind sie und singen herzzerreißend ein Lob auf die Keuschheit: Zwei Mädchen in weißen, knielangen Faltenröcken und zwei Burschen mit Bundhosen und Gitarren. „Amo a Laura” wurde innerhalb von 72 Stunden zum meistgesehenen Musikvideo in ganz Spanien. Wer um Himmels willen macht so etwas? Und wer bitteschön ist Laura?

Wer singt heute „Ich möchte dich küssen, aber ohne dich zu beschmutzen, ich möchte dich umarmen, aber ohne den Respekt vor dir zu verlieren“? Wer singt „Lieben heißt warten können. Ich liebe Laura, aber ich werde bis zur Ehe warten. Ich werde diese Blume nicht ausreißen, ich werde es nicht sein, der sie zerstört“?

Diese Fragen diskutierten Blogger und Chatter tagelang. Und ein Vertreter der Generation XX meinte post-post-modern und ganz pragmatisch: „Wir wissen nicht, ob die Gruppe echt ist, aber es gefällt uns.“ Indes ließ die Werbeagentur Tiempo BBDO die Sektkorken knallen und teilte MTV Spanien mit, dass die neue Werbekampagne ein voller Erfolg sei.

Zur selben Zeit lächelt der Papst vielleicht. Er findet die Notiz auf seinem Schreibtisch, studiert den Liedertext und beginnt vielleicht mit einem Dankesschreiben. Seine Berater warnen ihn vielleicht: „Das ist alles nur Ironie. Es ist voller gemeiner Hintergedanken. Hundert Prozent Absurdität. Hier werden gute Werte schamlos lächerlich gemacht und vermarktet. Wir bitten Sie, Heiliger Vater!“

Er schickt sie weg. „Der Text ist schön“, denkt er. Und schreibt dann vielleicht Folgendes: „Ja, es ist halt so: Die katholische Kirche hat es heute schwer mit ihrer Botschaft. Gerade erst wurde sie wieder durch den Kakao gezogen mit einer Zeichentrick-Fernsehserie. Ihr Einsatz für christliche Werte ist da ein wunderbarer Ausgleich. Danke für die Gratiswerbung!“

Ich finde das ganz konstruktiv und dialogisch, was der Papst da vielleicht denkt und schreibt. Dabei ist er sicher nicht nur schmeichelweich sondern auch kritisch. Und einen Punkt merkt er ganz sicher eigens an. Prust und tschüss: „Im Unterschied zu MTV geht die katholische Kirche mit der Zeit, was die äußerlichen Dinge betrifft. Weiße Faltenröcke und Bundhosen sind wirklich passé.“

Das "MTV"-Video

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