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Eine Frage des Willens

2. November 2009 in Chronik, keine Lesermeinung
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Anmerkungen zu den Gesprächen zwischen Piusbruderschaft und Vatikan - Ein Gastkommentar von Nathanael Liminski


Bonn (kath.net)
Am 26. Oktober haben in Rom die Gespräche zwischen Pius-Bruderschaft und Vatikan begonnen. Auf Seiten der Bruderschaft nehmen teil: Bischof Alfonso de Galarreta, Direktor des Seminars Nuestra Señora Corredentora in La Reja (Argentinien), als Leiter der Delegation, die weiterhin besteht aus: Pater Benoît de Jorna, Direktor des internationalen Seminars St. Pius X. in Ecône (Schweiz), Pater Jean-Michel Gleize, Professor im Seminar in Ecône, und Pater Patrick de La Rocque, Prior des Priorates Saint-Louis in Nantes (Frankreich). Von Seiten des Vatikans werden die theologischen Gespräche geführt von Msgr. Guido Pozzo, Eccelsia Dei, Erzbischof Luis F. Ladaria SJ, Sekretär der Glaubenskongregation, dem Dominikaner-Pater Charles Morerod OP, Sekretär der Internationalen Theologischen Kommission und Berater des Kongregation für die Glaubenslehre, Msgr. Fernando Ocariz, Generalvikar des Opus Dei und Berater des Kongregation für die Glaubenslehre sowie Pater Karl Josef Becker SJ, ebenfalls Berater des Kongregation für die Glaubenslehre. Alles in allem handelt es sich also um eine hochqualifizierte Runde, die offene theologische Fragen der Piusbrüder und über den rechtlichen Status der Bruderschaft innerhalb der Katholischen Kirche beraten soll.

An der Gesprächsbereitschaft der Piusbrüder-Delegation gibt es einigen Zweifel, den wohl manche belegte Äußerung der Verantwortlichen nährt. So antwortete der Delegationsleiter de Galarreta noch im Mai 2009 auf die Frage, welche Perspektiven er in Zukunft für die Bruderschaft St. Pius X. sehe und ob ein Abkommen mit Rom möglich sei: „Nein, absolut nicht, sei es in der unmittelbaren oder in der mittelbaren Zukunft. Wir schließen diese Möglichkeit ausdrücklich aus. Wir wissen, dass ohne eine Rückkehr zur Tradition von Seiten Roms jedes praktische oder kanonische Abkommen unvereinbar ist mit dem öffentlichen Bekenntnis sowie der Verteidigung des Glaubens und unseren Tod bedeuten würde. Im besten Fall haben wir, menschlich gesprochen, mehrjährige Diskussionen vor uns.“ Verhandlungsbereitschaft sieht anders aus, erst recht, wenn die andere Seite unter großen Kosten bereits entgegen gekommen ist. Der umstrittene Bischof Williamson verlautbarte noch im Juli dieses Jahres: „Die Mehrheit von uns will kein Abkommen mit dem Papst.“ Den Wunsch, in den Schoß der Kirche zurück zu kehren, drücken solche Worte nicht aus. Der Ordensobere, Bischof Fellay, kritisierte rechtzeitig zum Beginn der Gespräche den Zustand der Kirche und hielt fest: „Die Lösung der Krise besteht in der Rückkehr zur Vergangenheit.“ Zur Vergangenheit gehört auch die später durch die Bruderschaft gekappte Einheit mit dem Papst. Alles in allem scheint die Bruderschaft alles zu tun, um nicht kompromiss- oder gar konsensfähig zu wirken.


Fürchtet man die nun anstehende theologische Auseinandersetzung? Die Piusbrüder fordern, dass es möglich sein müsse, Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils zu kritisieren oder gar abzulehnen. Es handelt sich bei den Beschlüssen zwar nicht um Dogmen, aber um Entscheidungen, die "alle und jeder der Christgläubigen als Lehre des obersten kirchlichen Lehramtes annehmen müssen und festhalten entsprechend der Absicht der Heiligen Synode selbst, wie sie nach den Grundsätzen der theologischen Interpretation aus dem behandelten Gegenstand oder aus der Aussageweise sich ergibt" (Bekanntmachung des Generalsekretärs des Konzils Pericle Felici in der 123. Generalkongregation am 16. November 1964). Wenn das Konzil also als rechtmäßig akzeptiert wird, kann man seine Beschlüsse nicht wie zwielichtige Schwüre einer Räuber-Synode behandeln. Dies geschieht jedoch nicht nur durch die Bruderschaft, sondern im Falle anderer Beschlüsse in anderer Intention stillschweigend oder lautstark auch von anderer Seite des kirchlichen Spektrums. Deren Fehler rechtfertigt jedoch keinen eigenen in der Interpretation des Konzils.

Ein wichtiger Knackpunkt wird aller Voraussicht nach die Lehre des II. Vatikanums zur Religionsfreiheit sein. Doch bevor sich schon im Vorfeld die Fronten verhärten und lediglich „entweder oder“-Lösungen angeboten bzw. erzwungen werden sollen, muss eines festgehalten werden: Der Umgang mit der Religionsfreiheit und all ihren Facetten gestaltet sich auch innerhalb der einen Mutter Kirche sehr unterschiedlich. Vielen Katholiken etwa gingen die oft hilfreichen, doch manchmal vielleicht zu starken Gesten und Symbolhandlungen von Papst Johannes Paul II. in diesem Punkt zu weit. Das Friedensgebet in Assisi oder auch das Küssen eines Korans sind keine Kernbestandteile des katholischen Glaubens. Selbst der jetzige Papst soll seine Zweifel an manchem ökumenischen Übereifer offen geäußert haben. Da es sich um die Wahl der Gesten und Symbole handelt, stellt dies noch keinen theologischen Dissenz zwischen Johannes Paul II. und seinem ersten Berater dar. Doch nicht wenige Teile auch der kirchlichen, spezifisch deutschen Öffentlichkeit und des sie bedienenden Establishments neigen hier zu schnellen Verurteilungen und zum Hinweis darauf, dass bestimmte Handlungen oder Schritte nun „alternativlos“ seien. Doch Alternativlosigkeit ist nicht das Programm des gläubigen Christenmenschen. Das geflügelte Wort von der weiten Kuppel des Petersdoms hat Kardinal Schönborn einmal auf seine Erzdiözese Wien angewandt, wenn er angesichts des - damals wenigstens noch möglichen - Richtungsstreits innerhalb der österreichischen Bischofskonferenz davon spricht, dass das Dach des Stephansdoms weit sei und viele, sehr unterschiedliche Katholiken darunter ihren Platz fänden.

Böse Zungen legen das als Einladung zum Relativismus und zur Beliebigkeit aus. Doch entspricht es der katholischen Tradition, den offenen Widerspruch zuzulassen, wenn er nicht Kern-Inhalte des Glaubens betrifft. Bei den Gesprächen in Rom können viele Fragen diskutiert werden, doch wird es auch dort am Ende zum Schwur kommen. Die Piusbruderschaft muss sich entscheiden, ob sie eine Eingliederung in die Katholische Kirche und damit unter den Primat des Papstes will oder nicht. Zu einer Eingliederung gehört etwa auch die Akzeptanz gegenüber dem Prinzip der Ortskirche, wonach die Bruderschaft wieder stärker den Kontakt zum jeweiligen Ortsbischof suchen muss und nicht auf „mehr Verständnis“ in Rom verweisen kann. Man geht davon aus, dass es auf die Einrichtung einer weiteren Personalprälatur hinauslaufe. Das entspräche einer Diözese bezogen nicht auf ein Territorium, sondern auf seine Mitglieder. Die einzig bisher bestehende Institution dieser Art, das Opus Dei, ist auch dazu angehalten, bei Eröffnung einer Vertretung den Kontakt zum jeweiligen Ortsbischof alsbald möglich aufzunehmen. Dazu muss auch die Bruderschaft bereit sein, denn eines muss in jedem Fall verhindert werden: Die Einrichtung einer Kirche in der Kirche. Dass es nicht so kommt, ist eine Frage des Willens. Papst Benedikt XVI. hat diesen Willen gezeigt und dafür innerhalb wie außerhalb der Kirche viel Gegenwind in Kauf genommen. Nicht nur mit Blick auf die Bruderschaft, aber sicher auch unter Berücksichtigung ihrer Anliegen hat er für den alten Gebrauch des römischen Ritus seine Autorität eingebracht. Er hat damit über das zu erwartende Pensum hinaus seinem Amt entsprochen. Eine Einigung nach so langen Jahren der Trennung braucht die Bereitschaft zu solch einem Kraftakt. Mit der Einberufung von Gesprächen über theologische, nicht bloß kirchenrechtliche Fragestellungen zeigt Benedikt XVI., dass natürliche Autorität für ihn nicht nur durch das Amt, sondern auch durch die Kraft der Argumente erzeugt wird. Es wird sich zeigen, ob man auf Seiten der Bruderschaft auch bereit ist, den notwendigen Willen zu entwickeln und andere Argumente als die eigenen zuzulassen.


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