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La Morenita

8. Dezember 2003 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Eine Begegnung veränderte die Welt: Am 9. Dezember 1531 erschien Maria am Rand der Lagune von Mexicos Hauptstadt einem Indio. Paul Badde über die Jungfrau von Guadalupe.


Rom (www.kath.net / pb)
Die erste Erscheinung der Jungfrau in Amerika klingt wie ein Märchen aus der Feder des Schriftstellers Gabriel García Márquez. Es wäre freilich ein Märchen, das Geschichte gemacht hat wie kein Staatsmann oder Feldherr, seit sie in der Morgenröte des 9. Dezember 1531 auf einem Hügel am Rand der Lagune von Mexicos Hauptstadt einem Indio auf dem Weg zur Kirche begegnete und ansprach. Die Begegnung sollte die Gewichte unserer Welt verändern.

Dass Lateinamerika heute zum Westen zählt, wurde an diesem Morgen begründet. Doch wer die Geschichte von Anfang an erzählen will, muss wohl mit dem 3. August 1492 beginnen, als Christoph Columbus von Andalusien aus mit der „Santa Maria“, der „Pinta“ und der „ Niña“ in See stach, um einen westlichen Seeweg nach Jerusalem zu suchen, wie er seinen Aufzeichnungen anvertraute.

Hintereinander gereiht hätte man die Namen seiner drei Schiffe auch als einen einzigen Satz lesen können: „ Santa Maria pinta la niña“. Das heißt auf deutsch: „Die heilige Maria malt das Mädchen“. Schon das war merkwürdig, doch das war nur der Anfang. „Denn die Spanier hatten ja gerade 800 Jahre an Kämpfen gegen die Mauren hinter sich. Dabei hatten sie sich selbst in halbe Mauren verwandelt. Ihr Christentum war jedenfalls von besonderer Art. Sie waren zum Schrecken Europas geworden,“ sagt Don José Luis Guerrero im seinem Büro im 6. Stock in der Calle Durango von Mexico City.

Leidenschaftlich fährt der massige Professor fort: „Noch vor der Abfahrt des Kolumbus hatten sie alle Juden aus Spanien vertrieben, im gleichen Jahr! Danach waren sie für 40 Jahre zur Hölle für die Indios geworden. Auf den karibischen Inseln hatte keiner der Ureinwohner ihren Überfall überlebt. Am 16. August 1519 war schließlich Hernán Cortés mit elf Caravellen, 553 Soldaten und 110 Seeleuten in Mexiko gelandet. Zwei Jahre später hatte er das mächtige Reich der Azteken vollständig besiegt. In Europa brach gerade die Christenheit in der Reformation in zwei Teile auseinander.

Da kam es hier zum Zusammenprall zweier tief fremder Kulturen kam, für den es kein Vorbild gab. Nach dem Sieg der Spanier schien jede Versöhnung dieser Völker völlig aussichtslos. Krankheiten rafften die Indios zu Zehntausenden weg; in wenigen Jahren wurden sie so schwermütig, dass sie sogar aufhörten, Kinder zu zeugen. An eine Missionierung zum Glauben der westlichen Christenheit war so gut wie nicht zu denken – bis es an vier Dezembertagen des Jahres 1532 zu dem kam, was wir hier das Guadalupe-Ereignis nennen.“

Don Jose hält einen Moment schweratmend inne. Der Domherr an der Basilika der Jungfrau von Guadalupe wirkt erschöpft in seinem schlichten Büro. Lassen wir deshalb hier zwei andere Zeugen dieses „Ereignisses“ kurz für ihn weiter erzählen. Es sind zwei Dokumente, von denen eins rätselhafter ist als das andere.

Das erste und wichtigste der beiden ist ein unversehrtes 0, 55 Meter breites und 1,43 Meter langes Tuch aus schnell verderblichen Agavenfasern, das seit 1531 auf dem Hügel Tepeyac, am Stadtrand des heutigen Groß-Mexico in der „ Nacional Basílica de la Santísima María de Guadalupe“ in einem schweren goldenen Rahmen über dem Hauptaltar ausgestellt wird. Normalerweise verwittert solch ein Gewebe schon nach 20 Jahren zu Moder.

Dieses Tuch trägt aber nun schon seit bald einem halben Jahrtausend ganz unversehrt das Bild eines Mädchens mit mestizischen Gesichtszügen (eines Volkes also, das es zur Zeit seiner Entstehung noch gar nicht gab), die aus einer rosafarbenen Mandorla hervor tritt, die sich in einer dichten Wolkendecke öffnet. Weil sie auf einer Mondsichel steht und ein Kranz aus goldenen Strahlen sie umgibt, könnte man sie im ersten Moment für die Frau aus der Apokalypse des Johannes halten, wo nach der Vorschau der Zerstörung Jerusalems im 12. Kapitel eine ähnliche Erscheinung mit den Worten beschrieben ist:

„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerzen in ihren Geburtswehen.“ Doch der Kopf dieses Mädchens ist nicht mit Sternen umkränzt. Sie ist mit einem Sternenmantel bekleidet und sie scheint zwar schwanger, doch schreit nicht vor Schmerzen, sondern schaut wie eine Taube mit niedergeschlagenem Blick auf ihre vielen Betrachter nieder.

„Madrecita“, Mütterchen, nennen die Mexikaner sie zärtlich, oder „Morenita“, die kleine Braune, wegen ihres dunklen Teints. Ihr Bild ist so unerklärlich wie der Abdruck auf dem Turiner Grabtuch, das im letzten Jahrhundert vier Mal den Pilgern gezeigt wurde. Diese Jungfrau aber ist seit dem 16. Jahrhundert täglich in einer Dauerausstellung zu sehen und zieht jedes Jahr 20 Millionen Pilger an. Es ist das größte Marienheiligtum der Erde und viele meinen, das Tuch sei eine Erscheinung, die bleibt.

„Und es hat keine Farben,“ fügt Don Jose noch an. Was soll das heißen: es hat keine Farben, es ist doch ein farbiges Bild, in rosa, gold, und flaschengrün und blau?! „Das soll heißen, dass sich keine Farbspuren auf dem Gewebe finden, auch keinerlei Grundierung. Das Bild ist von vielen Experten und von bedeutenden Malern untersucht worden. Alle sind sich einig: es ist farbig, aber ohne irgendwelchen aufgetragene Farben. Es ist farbig wie eine Blume.“

Von Blumen ist auch immer wieder in dem zweiten Ur-Dokument des Guadalupe-Ereignisses die Rede. Das ist ein Text über die Entstehung dieses Bildes, den vermutlich in der Mitte des 16. Jahrhunderts ein Indio namens Antonio Valeriano im kaiserlichen „Colegio de Indios de la Santa Cruz de Santiago de Tlateloco“ in der Stadt México erstmals aufgezeichnet hat. Im Original ist dieser Bericht verschollen. Überliefert wurde er jedoch in einer Fassung, die Luys Lasso de la Vega im Jahr 1649 in der Sprache der Nahua-Indianer als eigenes Werk hat drucken lassen.

Nach den ersten beiden Worten seines Berichts wird dieser Text Nican Mopohua genannt. Das heißt: „Hier wird erzählt“, bevor danach auf 11 Seiten von der wundersamen Begegnung der Jungfrau mit einem 51jährigen Indio namens Juan Diego berichtet wird, die ihm am vierten Tag ihr Abbild auf seinem Mantel zurück lässt, auf eben jener „tilma“ aus groben Agavenfasern, die in der Basilika am Stadtrand bis heute verwahrt wird.

„Über dem östlichen Horizont begann es gerade hell zu werden, als Juan Diego zu dem Hügel kam, der Tepeyac heißt,“ heißt es da zu Anfang. „Da hörte er ein Jubilieren von der Höhe herab, das wie ein Konzert vieler wunderbarer Vögel den Abhang herunterklang. Verstummte das wechselnde Gezwitscher einen Moment, summte es vom Gipfel her wie in einem Echo zurück. ... Die feinsten Singvögel können nicht schöner singen. Das wollte Juan Diego sehen. ... Er schaute nach oben und blickte zum Gipfel. ... genau von dorther erklang der wundervoll himmlische Gesang zu ihm herab.

Doch nun verstummte plötzlich der Chor. Und während sich die letzte Stimme noch verlor, hörte er, wie von der Spitze des Gipfels nach ihm gerufen wurde: „Kleiner Juan, Juanito!“ Da machte er sich auf, dem Ruf zu folgen. Keine Verwirrung bedrückte sein Herz. Nichts ängstigte ihn. ... Als er die Höhe erreichte, sah er eine edle Dame auf dem Gipfel des Hügels stehen. ... Ihr Gewand leuchtete spiegelnd wie die Sonne. Der Stein und die Felsen, auf denen sie stand, funkelten unter ihren Strahlen wie schimmerndes Geschmeide aus reinstem Smaragd. Die Erde leuchtete um sie herum wie ein Regenbogen im Nebel.

Die Kakteen und die übrigen Kräuter, die dort am Boden wuchern, blitzten wie Smaragde auf: strahlend grün. Das Blattwerk blau wie Türkis. Die Strünke, Zweige, Dornen und Stacheln glitzerten golden im Morgenlicht. ... Nichts als Friede ging von ihr aus. Und Liebe. ... „Höre, Juanito!“ sagte sie: „Kleinster meiner Söhne! Wo willst Du hin?“ Er antwortete: „Meine Herrin! Königin! Mi niña! Mein kleines Mädchen! Dort drüben geh ich hin. ....“

Manchmal klingt der Text so zwitschernd, als wäre er in der Sprache der Vögel verfasst. In wenigen Sätzen geht die Geschichte folgendermaßen weiter. Der Bischof von Mexico glaubt dem Indio die Geschichte natürlich nicht und verlangt ein Zeichen. Da bittet ihn die Jungfrau bei ihrer letzten Begegnung am 12. Dezember, auf dem Gipfel des Hügels Blumen zu pflücken, in seinen Umhang einzuschlagen und zum Bischof zu bringen. „Und er breitete seinen weißen Umhang aus, in die er die Blumen eingeschlagen hatte,“ heißt es am Schluss.

„Als die verschiedenen herrlichen Blumen jedoch zu Boden fielen, verwandelte sich der Umhang augenblicklich in ein Zeichen. Plötzlich erschien das geliebte Bild der immerwährenden Jungfrau und heiligen Maria auf dem Tuch, der lieben Mutter des heiligen Gottes, in der Form und Gestalt, wie ... wir sie jetzt noch in ihrem geliebten Häuschen sehen, wo das Tuch in ihrem Heiligtum auf dem Tepeyac aufbewahrt wird, der jetzt Guadalupe genannt wird. ... Und wirklich jedermann in der Stadt wurde ohne jede Ausnahme tief erschüttert, sobald er kam, um das kostbare Bild zu betrachten und bewundern.

Alle erkannten und verehrten seine göttliche Herkunft. Alle kamen mit ihren Bitten und Sorgen zu ihr, alle gerieten außer sich vor Staunen, auf welche wundervoll göttliche Weise sie erschienen war. Denn wahrhaftig: kein Mensch der Erde hatte ihr geliebtes Bild gemalt.“ – So der Schluss. Es ist alles unglaublich. Doch der Schluss der Geschichte ist es nicht. Das Bild ist seitdem da und es wird nicht erklärlicher oder glaublicher, wenn man Stunden davor verbringt, um das Gesicht der Jungfrau zu betrachten, das „mit dem Blut der Rosen gemalt“ ist, wie die Mexikaner sagen.

Sie schimmert wie eine Monstranz: wie ein Fenster in eine andere Welt, wie sie uns da mit dem nach innen gekehrten Ausdruck eines Neugeborenen aus der Morgenröte der Neuzeit entgegen tritt. Der Strom der staunenden und weinenden Besucher reißt von morgens bis abends nicht ab, denen ihre Stimme nicht aus den Ohren gehen will, mit denen sie schon Juan Diego getröstet hat: „Nichts soll dich betrüben und verzagen lassen.

Dein Gesicht soll nicht bekümmert sein, und auch nicht dein Herz! ... Bin ich denn nicht hier: ich, deine Mutter? Stehst du nicht in meinem Schutz und Schatten? Bin ich nicht die Quelle deiner Freude? Bist du nicht in den Falten meines Mantels, habe ich dich nicht in meinem Arm? Was ist es, was dir sonst noch fehlt?“

Die Azteken konnten dieses Bild sofort verstehen wie ein offenes Buch, habe ich mir von Don Mario Rojas, dem Übersetzer des „Nican Mopahua“ in einem Vorort erzählen lassen. Sie konnten die Blumenmuster singen und im Rhythmus der goldenen Strahlen tanzen. Und erst 1982 wurde in New Jersey herausgefunden, dass die Konstellation der 46 Sterne auf ihrem Mantel wie in einem barcode der Sternenkonstellation des Firmaments über Mexico City im Winter 1531 entspricht.

Andere Forscher wollen vor Jahren in den Augen der Jungfrau Spiegelungen von drei überraschten Menschen gefunden haben. Von Untersuchung zu Untersuchung wird das Bild geheimnisvoller. „Sie erfüllt jeden Wunsch,“ heißt es, oder lasse zumindest „den nicht traurig werden, dessen Wunsch sie nicht erfüllt.“

„Doch das läßt mich alles kalt," sagt Jose Luis Guerrero noch einmal und geht zum Fenster, wo er in ein Hochhausviertel der größten Stadt der Welt hinaus schaut. Seit vielen Jahren hat er sich der Erforschung des Bildes gewidmet. „Das sind alles Kinkerlitzchen,“ sagt er und breitet seine Arme aus. „Das größte Wunder dieser Erscheinung ist etwas ganz anderes. Es waren nicht die Spanier, sondern es war dieses Bild, das die Indios nach 1531 der Kultur des Westens hinzugefügt hat.

Im trostlosesten Moment ihrer Geschichte haben sich nach dieser Erscheinung über 9.000.000 Azteken in der größten Massenkonversion der Geschichte taufen lassen. Und mehr noch. Danach fielen Spanier und Indios plötzlich als Liebhaber übereinander her, die sich davor so vollständig zu vernichten suchten! Vielleicht war es das bedeutendste Ereignis der letzten tausend Jahre. Denn schauen Sie sich um, auf den Plätzen, in den U-Bahnen, überall! Das sind keine Spanier und keine Indios mehr.

Damals haben die Mexikaner in einem radikalen Neuanfang ein neues Volk gebildet. In unendlich vielen Schattierungen haben sie sich hier ganz und gar vermischt. Das ist das Volk der Jungfrau! Europa aber hat bis jetzt nicht verstanden, was hier geschehen ist. Sehen Sie auf den Balkan, schauen sie auf die Kriege des letzten Jahrhunderts! Oder schauen sie nach Israel und Palästina. Es ist Selbstmord, was dort geschieht. Sie werden alle umkommen, wenn sie nicht begreifen, was hier geschehen ist.“

(c) Text und Foto: Paul Badde, 6. Dezember 2000



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