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Joseph Ratzinger und die Stasi

14. Februar 2023 in Chronik, 10 Lesermeinungen
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Die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen ergab, „dass Joseph Ratzinger bereits seit Mitte der 1970er-Jahre im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gewesen war.“ Von Karin Wollschläger/Vatikan Magazin


Vatikan (kath.net/Vatikan Magazin) Papst Benedikt XVI. war ein halbes Jahr im Amt, da meldete sich im Oktober 2005 die Stasi-Unterlagen-Behörde zu Wort. Sie bestätigte, dass Joseph Ratzinger bereits seit Mitte der 1970er-Jahre im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gewesen war. Vorangegangen war ein Bericht der Zeitung „Bild am Sonntag“, der sich auf Unterlagen der Birthler-Behörde berief, wonach „mindestens acht Spione“ Material über Ratzinger geliefert hatten.

„Die Stasi scheint an bestimmten Punkten seiner Karriere sehr systematisch Informationen zu Ratzinger und seinen kirchenpolitischen Situationen gesammelt zu haben, um so verschiedene biografische Angaben zusammenzustellen“, erklärte ein Sprecher der Stasi-Unterlagen-Behörde. Das Ministerium für Staatssicherheit habe Kardinal Ratzinger in seinem Amt als Chef der römischen Glaubenskongregation, das er seit 1982 innehatte, als einen der „schärfsten Gegner des Kommunismus“ im Vatikan bezeichnet.


Damals erhielt die Stasi regelmäßig Berichte und Analysen aus Rom. Es war ihr gelungen, gleich zwei „Maulwürfe“ im Umfeld des Vatikans zu platzieren: den Trierer Benediktinerpater Eugen Brammertz, der zugleich Mitarbeiter des „Osservatore Romano“ war, und den römischen KNA-Korrespondenten Alfons Waschbüsch.

Die „Bild am Sonntag“ beantragte bereits einige Monate vor der Papstwahl mit Erfolg, die Akten über „Stasi-Einflußnahme auf die Kirchen am Beispiel der Person Ratzingers“ einsehen zu dürfen. Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde suchten daraufhin entsprechendes Material zusammen. Wie im Stasi-Unterlagen-Gesetz vorgeschrieben, wurde Benedikt XVI. vorab über die Herausgabe des Materials an das Blatt informiert. Er habe in einem Schreiben an die damalige Behörden-Chefin Marianne Birthler der Veröffentlichung zugestimmt und seine Wertschätzung für die Arbeit der Behörde bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit ausgedrückt, so der Behördensprecher.

Die ersten Stasi-Aufzeichnungen datieren offenbar auf den 26. April 1974: Joseph Ratzinger, damals noch Theologie-Professor in Regensburg, besuchte, wie schon einige Male zuvor, in Erfurt das einzige Priesterseminar in der DDR und hielt Vorträge vor Theologie-Studenten und anderen Akademikern zu „modernen Problemen der Theologie“, wie ein „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) der Stasi notierte. Ratzinger galt damals bereits als herausragender und prominenter Theologe.

Die „Bild am Sonntag“ zitierte aus einem Spitzelbericht: „Ratzinger gilt im Vatikan nach dem Papst und Staatssekretär Casaroli als derzeit einflussreichster Politiker und führender Ideologe.“ Dem Sprecher der Unterlagen-Behörde zufolge suchte die Stasi offenbar auch nach belastenden Dokumenten aus Ratzingers Jugend während der nationalsozialistischen Herrschaft – fand allerdings nichts.

Das Interesse der Stasi an Ratzinger verstärkte sich erneut 1987 beim einzigen DDR-weiten Katholikentag, der in Dresden mit mehr als 100.000 Teilnehmern stattfand. Das Treffen wurde als Gradmesser für das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und sozialistischem Staat gesehen. Ratzinger war dort der prominenteste Besucher aus dem Westen.

Insgesamt 138 „Inoffizielle Mitarbeiter“ waren laut Akten bei dem Ereignis als Spitzel im Einsatz. Sie berichteten unter anderem aus einem Gottesdienst mit Ratzinger sowie über seine beiden Vorträge beim Katholikentreffen.

Leseprobe aus dem aktuellen Vatikan Magazin: siehe Link


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