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Das zitternde Lied der Bernadette

16. August 2004 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Der Papst kam als Leidender unter Leidenden nach Lourdes und führte in der Grotte einen "Dialog zwischen Himmel und Erde" fort. Von Paul Badde / Die Welt.


Lourdes (www.kath.net / welt ) Ein Zittern überfällt den Papst in der Grotte von Lourdes, gerade unter dem Felsspalt, wo 1858 eine „weiße Dame“ dem berühmtesten Kind des Dorfes erschienen ist. Er hat von dem sanften Wasser ihrer Heilquelle getrunken. Der weißen Dame selbst hat er aus Rom eine Rose mitgebracht und vor die Füße gelegt, wie Päpste früherer Zeiten sie einmal den katholischen Königinnen zu schicken pflegten.

Doch jetzt zittert er. Was ist? Hat auch er eine Erscheinung? Er wollte sich hinknien, einmal noch, wie er es sein Leben lang getan hat, doch kann es nicht mehr. Fällt er? Stürzt er? Er sackt ab in sich selbst hinein, taucht weg in eine andere Welt, als helfende Hände ihn schon wieder auffangen, wie man einen Behinderten auffängt, und sanft zurück auf seinen Sitz drücken, wo er sich nun endlich wieder ohne das Erschrecken seiner Begleiter der Versunkenheit hingibt, in die er gerade hinein gleiten wollte.

In seine Welt des Gebets, in der er inzwischen nur noch ganz und gar zuhause scheint. Das Zittern hat keine halbe Minute gedauert, weniger als ein Ave Maria lang. Unser Dorfpfarrer ist einmal so zusammen gesackt, mitten im Gebet, als er vor vielen Jahren auf der Kanzel der Kirche starb. Der Papst hingegen verkündet nur wenig später, dies sei „eins der schönsten Feste“ seines Lebens.

Ein makellos blauer Himmel spannt sich über das grüne Tal von Lourdes. Die Pyrenäen leuchten um das Heiligtum. Schöner kann ein Himmelfahrtstag nicht sein. Das Wasser der Gave sprudelt glitzernd durch die Menschenmassen, die den Corso des Papstes dicht an dicht an der Quelle erwartet haben. Minuten zuvor, am Flughafen von Tarbes hat er noch ausführlich mit Präsident Chirac gesprochen, mit leidenschaftlicher Körpersprache.

Doch jetzt kann er nicht einmal mehr knien, „am Ziel meiner Pilgerschaft“: im „Tempel der Leiden“, wie er Lourdes früher gerühmt hat – als er selbst noch stark war wie ein Pferd, und wohin er jetzt selbst noch einmal als Leidender unter Leidenden zurückgekommen ist. Jetzt ist er still, das „Salve Regina“ singt er schon nicht mehr mit. Er schweigt, als alle auf ihn schauen, und vergräbt den Kopf zwischen seine Hände. „Ein Dialog zwischen Himmel und Erde“ hat hier für ihn begonnen, der die Zeiten bis heute überdauert.

Doch deswegen, oder wegen der wunderlichen Geschichte dieses Ortes und der kleinen Bernadette, deren Lied der jüdische Romancier Franz Werfel vor sechzig Jahren so wunderbar gesungen hat (als Einlösung eines Gelübdes für seine Rettung vor dem Zugriff der Nazis), ist der Papst nicht noch einmal nach Lourdes gekommen, einundzwanzig Jahre nach seinem ersten Besuch.

Die Strapaze der Reise hat er diesmal nur auf sich genommen, um die ganze Welt noch einmal an ein „Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Marias“ zu erinnern, das Papst Pius IX. vor 150 Jahren verkündet hat. Radikal reaktionärer lässt sich dem Zeitgeist heute nicht entgegen treten. Das war vor 150 Jahren allerdings auch schon nicht anders.

„Ein Gespenst geht um in Europa“, hatte Karl Marx nur sechs Jahre davor in London gedichtet, das sei „das Gespenst des Kommunismus.“ Alle Mächte Europas hätten „sich gegen dieses Gespenst verbündet, der Papst, der Zar“ und so weiter. Natürlich hatte Karl Marx Recht, wenn auch nicht ganz, denn es war ja kein Gespenst, sondern ein grauenhaftes Ungeheuer, das danach im Lauf von knapp hundert Jahren Abermillionen Menschen verschlingen und verderben sollte, darunter den Zaren und mehrere andere Imperien und Potentaten Europas, von denen heute nur der Papst noch übrig scheint.

Dessen Vorgänger wollte am 8. Dezember 1854 aber nicht zuletzt auch die Irrlehren der Neuzeit beantworten, als er „erklärte, verkündete und definierte: Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Schaden der Erbsünde unversehrt bewahrt wurde, ist von Gott geoffenbart und darum von allen Gläubigen fest und beständig zu glauben."

In anderen Worten – und leider kaum kürzer – proklamierte die Kirche damit vor dem Menschheitsexperiment des wissenschaftlichen Materialismus noch einmal den Glauben an den lebendigen, persönlichen und Fleisch und Bein gewordenen Gott. Wenn nämlich schon Eva ohne Erbschuld geschaffen worden war, konnte Maria das gleiche Privileg dann bei der eigenen Empfängnis vom Schöpfer verwehrt werden, wenn sie wahrhaftig die Mutter Gottes werden sollte?

Nein, sagte Pius IX. damals und fasste damit noch einmal eine alte Tradition der Kirche zusammen, die den Mensch gewordenen Gott als Maßstab der ganzen Welt begreift. Jesus von Nazareth war kein weiterer Prophet und seine Botschaft nicht beliebig, bekräftigte der Papst damit: der Sohn Marias war Gottes Sohn und bleibe das Ziel aller Geschichte.

„Qué soy l'immaculada Councepciou“, habe die „weiße Dame“ zu ihr gesagt, berichtete fünf Jahre später dann die 14jährige Bernadette Soubirous dem Pfarrer dieses kleinen Fleckens in den Bergen, rund 1000 Meilen von Rom entfernt. „Falsch!“ sagte Hochwürden. „Ich bin die unbefleckt Empfangene“, hätte die Erscheinung korrekt sagen müssen. Außerdem konnte sich der Geistliche nicht vorstellen, dass sich die Königin des Himmels des spanisch-französischen Mischdialektes der Berge bedienen könnte und hier überhaupt ein Hirtenkind mit den unverständlich höflichen Worten ansprechen würde: „Möchten Sie mir bitte die Gnade erweisen, fünfzehn Tage hintereinander hierher zu kommen?“

So sprach doch keine Dame zu einem Kind! Das sah Bernadette genau so wie der Pfarrer. Zudem wusste sie mit dem Begriff der „Unbefleckten Empfängnis“ nicht das Geringste anzufangen. Dennoch ließ sie sich ganz auf jedes Wort der „schönen Dame“ ein, zuletzt sogar auf ihre Aufforderung „aus der Quelle“ unter ihr zu trinken, wo kein Tropfen zu sehen war. Tausende von Zeugen dachten, sie sei verrückt geworden, als die Kleine danach mit ihrem Mund im Staub zu wühlen begann, bis genau dort jene Quelle zu sprudeln begann, die bis heute nicht versiegt ist (mit 122.000 Litern täglich) – und in der sich der Papst jetzt an die Höhle im Berg Horeb erinnert fühlt, wo Gott sich dem Propheten Elias „in einem Flüstern“ offenbart hat.

Er sei „erregt vor Freude“, sagt er nur wenig später und man sieht es ihm an. Da , am Nachmittag, scheinen sich auch seine Hände wieder ganz am Rosenkranz beruhigt zu haben, als er sich betend durch die riesige Menge fahren und schieben lässt, wo viele Mitbeter der Welt des Hieronymos Bosch zu entstammen scheinen: verwachsen, verkrümmt, verkümmert. Der gekrümmte Papst hält sich unter ihnen an der Perlenkette fest wie ein Boxer an den Seilen. Sein wahrer Ring aber ist in diesen Tagen das Wort. Silbe für Silbe kämpft er sich durch das Französische.

Am Abend erinnert er in einem Lichtermeer aus Kerzen an die Königin des Friedens und deren „Krone aus zwölf Sternen“. Die letzte Runde gegen das Wort aber besteht er endlich am gleißendhellen Sonntagmorgen, vor dem Altar gegenüber der Grotte der kleinen Bernadette. Es weht dazu ein Wind so frisch durch die Hitze, wie er in Rom nur ganz selten ist; er kommt vom Atlantik her.

Keine Experimente am Menschen mehr, weder sozial noch personal, noch biologisch, ruft der Papst in diesem Sonnensturm vom hintersten Winkel Frankreichs aus der Welt und besonders den Frauen zu. Ihre Aufgabe sei es, „Wächterinnen des Unsichtbaren“ zu sein. Das Leben sei ein heiliges Geschenk, von der Empfängnis bis zum Tod. „Keiner darf beanspruchen Herr des Lebens zu sein. Seid Männer und Frauen der Freiheit. Doch denkt daran: auch die Freiheit ist durch die Sünde verwundet. Auch die Freiheit selbst muss noch einmal befreit werden!“

Foto: KATH.NET



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