Wenn Affen schützenswerter als Alzheimer-Patienten werden

24. Februar 2006 in Interview


Aus dem Recht auf Selbsttötung könnte bald die Pflicht zur Selbsttötung resultieren, warnt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz in einem Interview über Sterbehilfe.


Rom (www.kath.net / zenit) Schmerz und Leid sind „unvermeidliche Grenzsituationen“ der menschlichen Existenz stellt Psychiater, Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz gegenüber ZENIT klar. „Die von Menschen produzierte ,glückliche neue Welt’ ohne Schmerz und Leid wäre nicht ein Paradies, sondern in Wirklichkeit eine Welt von Mördern, die auf den frischen Gräbern der Leidenden in der panischen Angst leben müssten, bald selbst das schöne Bild zu stören und daher ,entsorgt’ werden zu müssen“, erklärt das Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben im folgenden Interview.

ZENIT: Wieso verteidigt die katholische Kirche so hartnäckig das Recht auf Leben?

Manfred Lütz: Die Zeit der Weltanschauungsdebatten ist vorbei, die Zeit der Menschenanschauungsdebatten hat begonnen. Ob jemand Christ ist, das wird man demnächst daran erkennen, ob jemand mit Peter Singer und anderen den Menschen für eine bloße Ansammlung von mehr oder weniger ausgeprägten Fähigkeiten hält. Dann wäre der späte Alzheimer-Patient, dem der Schimpanse in manchen Fähigkeiten überlegen ist, weniger schützenswert als ein Affe. Oder ob jemand jeden Menschen als Menschen für ein Geschöpf Gottes hält – mit unverlierbaren Menschenrechten, darunter dem Recht auf Leben.

Wenn die Kirche diese christliche Sicht des Menschen, wie Sie sagen, hartnäckig verteidigt, verteidigt sie damit die Humanität der Gesellschaft, verteidigt sie damit auch die Errungenschaften der Aufklärung und des Fortschritts, der ja nur ein humaner Fortschritt sein kann, wenn unter seinen Tritten nicht am Ende der Mensch selbst und seine Würde zertrampelt wird. Freilich geht es am Ende des Lebens bisweilen nicht nur, genauso wenig wie am Anfang des Lebens, um ein Recht auf Leben, sondern in manchen bedrückenden Phasen eines Lebens durchaus auch um eine Pflicht zu leben.

ZENIT: Tiere werden eingeschläfert, um sie ihnen Schmerzen zu ersparen. Warum darf man also bei den Menschen die Sterbehilfe nicht praktizieren?

Manfred Lütz: Der Philosoph Robert Spaemann sagt, das Böse beginnt oft mit Gefühlsduselei. Der Nazifilm „Ich klage an“, der die menschenverachtende Euthanasieaktion der Tötung von Behinderten und Kranken propagandistisch begleiten sollte, setzt auf Emotionen und Irrationalität, damit die Menschen das ihnen tief innerliche Tötungstabu überwänden. Propaganda ist heute in diesem Feld auch oft der Umgang mit Worten. Der Ausdruck „Sterbehilfe“ gehört dazu. Natürlich sind wir Christen ganz nachdrücklich für Hilfe und Beistand beim Sterben. Aber das Wortmonstrum „aktive Sterbehilfe“ meint gar keine Hilfe beim Sterben, sie meint Töten, Töten eines hilfsbedürftigen Menschen, anstatt ihm zu helfen.

Aus den Niederlanden wurde von einem Fall berichtet, wo ein Patient wegen starker Schmerzen sterben wollte. Da man am Wochenende ein Bett brauchte, gab ihm der unerfahrene Dienstarzt eine vermeintlich tödliche Dosis. Er hatte aber zu niedrig dosiert, und so starb der Patient nicht, sondern war zum ersten Mal schmerzfrei und wollte nicht mehr sterben. Schmerztherapie ist in den Niederlanden wissenschaftlich auf niedrigem Niveau – da man dort über „andere Lösungen“ verfügt, nach dem Motto: „Tiere werden eingeschläfert, um sie vor Schmerzen zu bewahren...“

Schmerz und Leid gehört zu jedem menschlichen Leben dazu, es sind unvermeidliche Grenzsituationen menschlicher Existenz, wie Karl Jaspers sie genannt hat. Die von Menschen produzierte „glückliche neue Welt“ ohne Schmerz und Leid wäre nicht ein Paradies, sondern in Wirklichkeit eine Welt von Mördern, die auf den frischen Gräbern der Leidenden in der panischen Angst leben müssten, bald selbst das schöne Bild zu stören und daher „entsorgt“ werden zu müssen. Die Antwort auf die gestellte Frage ist also die Erinnerung an ein altes Gebot: „Du sollst nicht töten!“

ZENIT: Welche Gefahren sehen Sie bei der schweizerischen Lösung der Euthanasie, wonach die Hilfe beim Suizid dann legal ist, wenn keine materiellen Interessen verfolgt werden?

Manfred Lütz: Ein gewisser Herr Minelli versucht derzeit mit allen Mitteln der Demagogie, das Töten von Sterbenden oder die Beihilfe zur Selbsttötung gesellschaftsfähig zu machen. Er nutzt dabei vor allem die Begriffe „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“. Die allgemeine ethische Orientierungslosigkeit verwechselt aber Freiheit häufig mit Beliebigkeit. Freiheit im moralischen Sinne gibt es nicht ohne Respekt vor der Würde des Menschen.

Wir halten es nicht für einen Ausdruck der Freiheit, sich die Freiheit zu nehmen, andere Menschen aufzuessen, selbst wenn die dem perverserweise zustimmen sollten, wir nennen das vielmehr Barbarei. Und wir halten das Tötungstabu nicht für eine Beschränkung menschlicher Freiheit, sondern für einen humanen Fortschritt der vor allem dem Menschenwürde-Gedanken geschuldet ist.

Wenn man viel Mühe darauf verwendet, die Selbsttötung gesellschaftlich und staatlich zu erleichtern, dann wird, wie Robert Spaemann sagt, irgendwann aus dem Recht auf Selbsttötung die Pflicht zur Selbsttötung. Dann kann die Familie, der der sterbenskranke Großvater teuer zu stehen kommt, ausdrücklich oder nonverbal dem Großvater bedeuten, dass es da ja eine Lösung gäbe, dass er ja seine „Selbstbestimmung“ wahrnehmen könnte und dass man ganz gewiss seine „Freiheit“, sich so zu entscheiden, widerspruchslos respektieren würde...

ZENIT: Was für andere Möglichkeiten kann oder sollte man den betroffenen Menschen anbieten?

Manfred Lütz: Zur Tötung oder Selbsttötung sollte man natürlich überhaupt keine anderen Möglichkeiten anbieten. Aber selbstverständlich sollte jede mögliche Hilfe beim Sterben gegeben werden. Die moderne Hospizbewegung hat da Vorbildliches geleistet. Inzwischen gibt es überall Hospizinitiativen, die vor allem von Christen ausgegangen sind und die sterbenden Menschen helfen, die vor allem die Angst haben, alleingelassen und mit Schmerzen zu sterben.

Wichtig ist auch eine professionelle Schmerztherapie, die im Rahmen der modernen Palliativmedizin auf hohem wissenschaftlichem Niveau angeboten wird. Jedenfalls muss es darum gehen, Sterbende auch sterben zu lassen, wenn sie das wollen, und nicht das Leben mit allen Mitteln zu verlängern. Wer hier durch Überaktivität Würde und Selbstbestimmung des Menschen verletzt, löst schnell die umgekehrte Überaktivität aus: Töten.

ZENIT: In den Niederlanden will man die Euthanasie sogar bei (todkranken) Säuglingen anwenden. Besteht nicht die Gefahr, dass man zukünftig noch einen Schritt weitergeht und die Sterbehilfe schlussendlich allen offen steht?

Manfred Lütz: Soweit ist man in den Niederlanden schon lange. Dort kann sich jedermann legal selbst töten oder selbst töten lassen. Es gibt dort kaum noch Ärzte, die nicht schon mal einen Menschen getötet haben oder sich das jedenfalls sehr gut vorstellen können. Das ist nebenher noch der moralische Ruin eines ganzen Berufsstandes. Bei der Tötung von Säuglingen geht es im Wesentlichen darum, Angehörige und die Gesellschaft von Fürsorgepflichten zu entlasten.

Schon jetzt müssen sich Mütter von Behinderten sagen lassen: „So etwas müsste doch nicht sein...“ Für einen anderen Menschen zu entscheiden, dass es für ihn besser wäre, gar nicht zu existieren, ist der Höhepunkt des Zynismus. Schwestern und Pfleger, die in Krankenhäusern und Altenheimen zum Entsetzen der Öffentlichkeit Kranke und Alte ermorden, argumentieren ganz ähnlich.


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