Größenwahn, Fingerhakeln oder eine Pokerpartie?

17. Juni 2009 in Aktuelles


Kommt Bewegung im Streit über die Piusbruderschaft? WELT-Korrespondent Paul Badde über die geplanten Priesterweihen am 28. Juni.


Rom (www.kath.net / welt) Ist es Größenwahn, Fingerhakeln oder eine Pokerpartie? Gegen den erklärten Willen der deutschen Bischofskonferenz und die - etwas unschärferen - Auflagen des Vatikans will die Priesterbruderschaft St. Pius X. um den umstrittenen Distriktoberen Pater Schmidberger am 27. Juni im bayerischen Zaitzkofen vier Priesterweihen spenden.

Damit wollen die Brüder "der katholischen Kirche dienen", wie es gestern in einer Erklärung hieß, und "damit unsere Einheit mit der Kirche Roms" zum Ausdruck zu bringen. Sie wollten "keine Parallelkirche, sondern innerhalb der einen, wahren katholischen Kirche das unschätzbare Gut der katholischen Tradition bewahren".

Da mutet es fast als Ironie an, dass "Bischof" Williamson in Zaitzkofen im letzten Herbst auch jenes Interview gab, in dem er leugnete, sechs Millionen Juden hätten im Massenmord der Nazis ihr Leben verloren, womit er Papst Benedikt XVI. die bisher größte Bredouille seines Pontifikats bescherte.

Doch wirklich ironisch geht es nirgends in der verzwickten Gemengelage jenes Kirchenstreits zu, wie er im Januar offen zutage trat, als der Papst in einem persönlichen Gnadenakt die Exkommunikation wieder aufhob, mit der vier unrechtmäßig geweihte Bischöfe aus der Anhängerschaft des rebellischen Erzbischofs Marcel Lefebvre 1988 von Rom belegt worden waren.

Gewiss ist jetzt nur, dass Bewegung in den Streit gekommen ist, der sich schon zu einer neuen Kirchenspaltung auszuweiten drohte - allerdings in einer Fülle undurchsichtiger Signale. Offiziell hält sich der Vatikan mit Äußerungen strikt zurück, unter dem Hinweis, dass es für neue Weihehandlungen keinerlei Sondererlaubnis gebe.

Als Bernard Fellay, der Obere der Priestergemeinschaft, letzte Woche jedoch im Vatikan war, soll er bei seinen Gesprächen in der Glaubenskongregation auch kein Signal bekommen haben, dass die Weihen absolut gegen geltendes Kirchenrecht verstoßen würden. Jedenfalls wurde nichts davon öffentlich.

Einig sind sich offensichtlich alle, dass tatsächlich ein Notstand in der Kirche herrscht, wo im Jahr 2008 "Priesterweihen in deutschen Diözesen einen noch nie da gewesenen Tiefstand von weniger als 100 erreicht" haben. Seit 1950 ist außerdem der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes um 85 Prozent zurückgegangen.

Doch seit 1988 hat bei den katholischen Rebellen auch die Kunst des klugen Taktierens den Geruch des Sündigen nicht wirklich verloren, in einem zunehmend erzkonservativen Sektenklima. "40 Jahre Isolation bleiben nicht folgenlos", sagt dazu ein Kenner des Konflikts in Rom.

"Nach 25 Jahren im Gefängnis wissen viele in der Freiheit auch erst mal nicht mit dem Bankomaten umzugehen." Die Aussöhnung verlange Behutsamkeit - wie bei der klugen Begleitung von Freigängern.


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