Die katholische Kirche wird wieder katholischer

12. November 2009 in Aktuelles


Die Heimkehr der Anglikaner - Der 9. November wird als Wendepunkt in der Geschichte der Ökumene gelten - Von Paul Badde / Die Welt


Rom (kath.net/DieWelt)
Der 9. November ist nicht nur ein Schicksalsdatum Deutschlands und Europas, sondern zuerst der Kirchengeschichte, seit Papst Silvester I. am 9. November 324 in Rom die Lateran-Basilika als „Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises“ einweihte. Die erste Kathedrale der damals noch ungespaltenen Christenheit lag unmittelbar neben dem Palast Kaiser Konstantins. Er selbst hatte sie errichten lassen. Am Ende aller Christenverfolgungen durch die römischen Reichsbehörden stand ein beispielloser Triumph.

Es ist nicht pathetisch, in diesem Tag die dramatische Geburtsstunde des Abendlandes zu erkennen. Als dramatisch darf aber auch der kleine Schritt begriffen werden, mit dem Papst Benedikt XVI. nun am 9. November 2009 in Rom der Bitte vieler Anglikaner nachgab, ihnen und ihren Traditionen in eigenen Gemeinschaften ein neues Heimatrecht in der katholischen Kirche einzuräumen.

Der unpathetische Akt ging fast unter in dem Feuerwerk, mit dem in Berlin gerade gleichzeitig an den Fall der Mauer erinnert wurde. Doch ab jetzt wird dieser Tag auch als Wendepunkt in der Geschichte der Ökumene gelten. Es ist ein neues Kirchenmodell, das der Papst damit in die Welt eingeführt hat, doch nicht zum Nulltarif – und das ist natürlich aufreizend. Denn den katholischen Anglikanern wird die Annahme der römischen Lehre natürlich ebenso abverlangt wie die Anerkennung des päpstlichen Vorsitzes unter den Bischöfen. Das aber wird ihnen nicht schwer fallen.

Denn 1534 haben ja auch nicht dogmatische Differenzen und theologische Prinzipien zur Abspaltung der „Church of England“ von Rom geführt. Im Prozess der Kirchenspaltung hatte sich Henry VIII. mit derart brillanten Plädoyers gegen Martin Luther für die Sache Roms eingesetzt, dass ihm dafür 1521 von Papst Leo X. sogar der Ehrentitel „Defensor Fidei“ (Verteidiger des Glaubens) verliehen wurde. Doch als Papst Clemens VII. ihm 10 Jahre später dennoch die Aufhebung seiner Ehe mit Katherina von Aragon verweigerte, kündigte der Renaissance-König kurzerhand die Einheit der Kirche Englands mit Rom zusammen mit seiner Ehe - und heiratete danach noch fünf weitere Male.

So ist es nicht ohne eine gewisse historische Ironie, dass dem Wunsch vieler Anglikaner zur Rückkehr nach Rom heute dasselbe Motiv zugrunde liegt, das damals zur Abspaltung führte. Das ist die Konsequenz der Päpste, dem Zeitgeist nicht nachzugeben und in Lehr- und Glaubensfragen keinen Rabatt zu gewähren. Wenn nämlich damals die Bewahrung der sakramentalen Identität der Ehe durch die Päpste zur Abspaltung der Anglikaner von Rom führte, so bewegt heute vor allem die Bewahrung der sakramentalen Identität der Priesterweihe durch die Päpste viele konservative Anglikaner, sich der römischen Kirche wieder anzuschließen - wo auch in Zukunft weder Frauen noch bekennende Homosexuelle zu Bischöfen geweiht werden. Pikant ist deshalb auch, dass viele der „Heimkehrer“ grosso modo den konservativen Katholiken näher stehen als den Liberalen. Mit der lateinischen Tridentinischen Liturgie etwa wäre unter ihnen wohl keiner zu schrecken.

So lässt die neue päpstliche Verfügung aber auch wieder die ruhige Hand erkennen, mit der Benedikt XVI. die Aussöhnung mit den konservativen Lefebvristen durchzusetzen sucht, bevor es zu ihrer endgültigen Abspaltung kommt. Es ist eine Linie – und vor allem die Kontinuität der Tradition, die er immer neu als überaus hohes Gut gegen alle Gegner verteidigt. Am 18. Oktober etwa ließ er nun erstmals nach 40 Jahren in der Sakramentskapelle des Petersdoms von Erzbischof Raymond Burke ein feierliches Hochamt nach dem alten Ritus zelebrieren. Die Kapelle war überfüllt, wo zu Gregorianischen Chorälen durch den schweren Vorhang nun aber auch die Gesänge aus dem Chor des Petersdoms zu hören waren, wo gleichzeitig eine Messe nach dem „Novus Ordo“ gefeiert wurde. Plötzlich klang es da im Petersdom ein wenig wie in Jerusalem, wo sich am heiligen Grab Christi ja auch immer wieder die Gesänge der Kopten, der Armenier oder Griechen mit denen der Lateiner mischen. In diesem Chor sind nun auch die Choräle der Anglikaner angekommen. Natürlich wird ihr Beispiel Schule machen.

Die katholische Kirche aber wird wieder katholischer unter dem Papst aus dem Land der Reformation. Das heißt, sie wird wieder wahrhaft umfassender, reicher und vielfältiger – unter einem erweiterten größeren Dach.


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