
14. November 2009 in Interview
Interview mit dem Psychiater, Theologen und Bestsellerautor Manfred Lütz zum Fall Robert Enke von Markus Reder / Die Tagespost.
Würzburg (kath.net/DT) Zu einem differenzierten Umgang mit dem Begriff Depression im Zusammenhang mit dem Suizid von Nationaltorwart Robert Enke mahnt der Psychiater, Theologe und Beststellerautor Manfred Lütz. Es könnten schnell "falsche Kausalitätsbezüge" hergestellt werden, sagte er der in Würzburg erscheinenden "Die Tagespost" am Freitag. Es gehe nicht darum, ob etwa Enkes Berufskollegen nicht aufmerksam genug gewesen seien oder ob der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft diese Depression ausgelöst habe.
"Das ist alles falsch. Diese Krankheit gibt es in allen Kulturen und es gab sie zu allen Zeiten", so Lütz. Solche Zeitgeist-Debatten lenkten vom eigentlichen Problem der Krankheit ab. Enke habe an einer der schwersten Formen, nämlich einer phasenhaften Depression gelitten, und das sei die Ursache des Suizids gewesen. Aus seiner Sicht sei der Hannoveraner Torwart auch richtig behandelt worden.
Aber man müsse sich eingestehen, dass zehn Prozent der Menschen, die an solchen Depressionen leiden, sich das Leben nehmen, auch wenn grundsätzlich mit Antidepressiva und Therapie viele Erkrankte wieder vollkommen gesund und berufsfähig würden. "Eine Psychatrie, die behaupten würde, in allen Fällen helfen zu können, wäre unseriös."
Es müsse in der Öffentlichkeit mehr in der Sache über die psychische Erkrankungen selbst aufgeklärt werden, um die Betroffenen entstigmatisieren zu können. "Die Ehefrau und der Psychiater von Herrn Enke verdienen eigentlich das Bundesverdienstkreuz dafür, dass sie die Öffentlichkeit darüber in einer sehr würdevollen Weise aufgeklärt haben", so Lütz.
Diese Aufklärung bedeute aber auch nicht, die Menschen jetzt mit diesen Themen zuzuschütten. "Es geht nicht darum, dass wir dauernd über psychische Krankheiten reden." Wichtig sei, dass man psychisch Kranke ins normale Leben einbezieht; dass man sich bewusst mache, dass das ganz normale Erkrankungen seien, wie körperliche Krankheiten auch. Sich informieren und im Alltag möglichst normal mit diesen Menschen umzugehen, das sei entscheidend.
Manfred Lütz ist Psychiater, Theologe und Bestsellerautor. Mit seinem neuem Buch Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen (Gütersloher Verlagshaus) klärt Lütz in Form einer heiteren Seelenkunde über psychische Krankheiten und ihre Therapien auf.
Das Interview im Wortlaut:
Der Tod von Nationaltorwart Robert Enke bewegt viele Menschen. Gibt es Formen von Depression, die die Freiheit eines Menschen derart einschränken, dass ein solcher Patient am Ende keinen anderen Ausweg mehr sieht als Suizid?
Ja, das gibt es in der Tat. Die Depression, an der Herr Enke gelitten hat, ist sicherlich die schwerste Form. Diese Depression kann Menschen aus heiterem Himmel überfallen. Auch Menschen, die in einer liebevollen Beziehung und guten Berufsverhältnissen leben. Es scheint ihnen dann, als gebe es keinen Ausweg mehr, was aber nicht der Realität entspricht.
Heute können wir Depression mit Medikamenten und Psychotherapie gut behandeln. Leider laufen die Leute oft erst zum Naturheiler, zum Geistheiler oder sonst wohin und bekommen nicht die richtige Behandlung. Herr Enke ist in richtiger Behandlung gewesen.
Aber geholfen hat das nichts. Gibt es Fälle, bei denen auch eine professionelle Therapie nicht helfen kann?
Eine Psychiatrie, die behaupten würde, in allen Fällen helfen zu können, wäre unseriös. Jede menschliche Wissenschaft ist mit Fehlern behaftet. Ich glaube nicht einmal, dass bei Herrn Enke Fehler gemacht wurden. Er ist psychiatrisch behandelt worden. Aber das muss man klar sagen zehn Prozent der Menschen, die an schweren Depressionen leiden, nehmen sich das Leben. Das ist sozusagen die Todesform, an der man durch diese Erkrankung stirbt. Am Asthma stirbt man durch einen Asthma-Anfall, bei einer schweren Depression durch Suizid.
Das ist alles weitgehend unbekannt...
Deshalb finde ich es sehr bemerkenswert, dass die Ehefrau von Herrn Enke und sein Psychiater an die Presse gegangen sind, um die Öffentlichkeit aufzuklären. Das ist wichtig. Die Meisten wissen viel zu wenig über diese Krankheit. Auf Grund dieses Unwissens werden dann schnell falsche Kausalitätsbezüge hergestellt. Da heißt es dann, die Beziehung sei nicht liebevoll genug gewesen, die Berufskollegen waren nicht einfühlsam genug oder der Leistungsdruck der Gesellschaft spiele eine Rolle:
Das ist alles falsch. Diese Krankheit gibt es in allen Kulturen und es gab sie zu allen Zeiten. Es ist eine schwere Erkrankung, die aber heilbar ist. Sie tritt in Phasen auf, zwischen diesen Phasen ist der Mensch in der Regel gesund.
Psychische Erkrankungen finden meist im Verborgenen statt. Betroffene versuchen, ihre Krankheit geheim zu halten aus Angst vor sozialer Stigmatisierung, aus Angst, den Beruf zu verlieren oder der Familie zu schaden. Gleichzeitig liest man immer wieder von der Volkskrankheit Depression. Leben wir in einer Gesellschaft, in der viele Menschen psychisch krank sind, aber niemand traut sich, offen darüber zu reden?
Man muss mit dem Begriff Volkskrankheit Depression sehr vorsichtig sein. Nicht jede Träne, die irgendwann kullert, ist gleich eine Depression. Was Herr Enke gehabt hat, war sicher die schwerste Form der phasenhaften Depression. Aber es gibt in der Tat zu wenig Aufklärung über psychische Krankheiten. Eben deshalb habe ich mein Buch geschrieben. Mir ging es darum, eine breitere Öffentlichkeit allgemein verständlich über psychische Krankheiten aufzuklären. Auf 185 Seiten werden alle Diagnosen, alle Therapien allgemein verständlich dargestellt.
Mein Anliegen ist dabei auch die Entstigmatisierung von psychisch Kranken. Viele wissen inzwischen, was Magersucht ist. Das ist gut so. Aber was Schizophrenie ist, weiß kaum einer und auch die schwere Depression ist nicht bekannt. Die Ehefrau und der Psychiater von Herrn Enke verdienen eigentlich das Bundesverdienstkreuz dafür, dass sie die Öffentlichkeit darüber in einer sehr würdevollen Weise aufgeklärt haben.
Sie plädieren für die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen?
Ja, das ist wichtig. Wir müssen vor allem aufpassen, dass man bei Fällen wie dem von Herrn Enke nicht die große Klage über die Jugend oder die Gesellschaft von heute anstimmt. Das wäre völlig unangemessen. Solche Erkrankungen gab es im 19. und 20. Jahrhundert genauso wie im Mittelalter. Es wäre absolut verfehlt, im Zusammenhang mit dieser Erkrankung Zeitgeist-Momente anzusprechen. Das mag bei anderen psychischen Störungen der Fall sein, das ist nicht zu bestreiten. Aber bei einer schweren phasenhaften Depression ist das unangebracht.
Das heißt Diskussionen, wie sie jetzt im Zusammenhang mit dem Fall Enke geführt werden, etwa über den Druck im Leistungssport und die Strapazen einer Leistungsgesellschaft, haben nichts mit dem Thema Depression zu tun?
Diese Diskussionen lenken vom eigentlichen Problem Depression ab. Natürlich kann bei jemandem, der eine solche Erkrankung hat, Stress zum Auslösen einer depressiven Phase führen, aber das muss nicht so sein. Depressive Phasen können auch aus heiterem Himmel auftreten. In solchen Fällen ist man bisweilen machtlos. Grundsätzlich können wir diese Erkrankung gut behandeln.
Das muss man den Menschen sagen, damit sie nicht zu irgendwelchen dubiosen Heilern gehen. Die Antidepressiva, die zur Therapie eingesetzt werden, machen nicht abhängig, sie sind keine Suchtmittel, sondern sehr wirksame Heilmittel. Sie helfen, dass Patienten nach einer Therapie wieder vollkommen berufsfähig und gesund sein können.
Sehen Sie sich mit Ihrem Buch durch den Fall Enke bestätigt?
Ich fühle mich insofern bestätigt, als das Beispiel Robert Enke zeigt, dass sich psychisch Kranke nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist ein Problem der Gesellschaft: Sie hat Angst vor psychischen Krankheiten, sie ist darüber völlig uninformiert. Der Wissensstand vieler Menschen über Computer oder über Umweltprobleme ist groß, aber im Bereich der psychischen Erkrankungen ist er bisweilen spätmittelalterlich. Da versucht mein Buch, aufzuklären.
Was muss geschehen, damit es zu einem neuen Bewusstsein, zu einer neuen Sensibilität für psychische Erkrankungen kommt?
Wir dürfen die Menschen jetzt nicht mit diesen Themen zuschütten. Es geht nicht darum, dass wir dauernd über psychische Krankheiten reden. Das hilft nicht weiter. Wichtig ist, dass man psychisch Kranke ins normale Leben einbezieht; dass man sich bewusst macht, dass das ganz normale Erkrankungen sind, wie körperliche Krankheiten auch. Sich informieren und im Alltag möglichst normal mit diesen Menschen umgehen, das ist entscheidend.
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