
4. Dezember 2009 in Deutschland
"Irre - Wir behandeln die Falschen" - Bestsellerautor Manfred Lütz begeisterte im Laacher Forum das Publikum - "Beinahe jeder hat in seiner Verwandtschaft irgendeine merkwürdige Tante oder irgendeinen skurrilen Onkel"
Maria Laach (kath.net/pm)
Ob das gelingen kann, ein zweistündiger Streifzug durch die Psychiatrie? Dies hatte Manfred Lütz bekannt durch seine Bücher Der blockierte Riese, Lebenslust und Gott gleich zu Beginn in Maria Laach versprochen. Und wer ihn kennt, weiß, dass eine wissenschaftliche Abhandlung ohne Humor unmöglich ist, auch wenn es sich um ein schwerverdauliches Thema handelt. In seinem Vortrag Irre - Wir behandeln die Falschen erklärte der Kölner Psychotherapeut anschaulich und unterhaltend, was psychische Krankheiten eigentlich sind.
Und gleich zu Beginn ging der Referent in die Vollen: Einige Psychofachleute hätten ein Getto geschaffen, sodass psychisch Kranke dem Laien fremd erscheinen. Lütz möchte den Normalbürgern diese Angst nehmen, denn die besten Gespräche sind für Schizophrene die Gespräche mit Metzgern, Bäckern und Verkäuferinnen. Dabei seien psychische Krankheiten eher die Regel als die Ausnahme, stellte der Kölner Arzt fest: Ein Drittel aller Deutschen ist psychisch krank und jeder Deutsche leidet mindestens einmal im Leben unter einer psychischen Störung. Beinahe jeder hat in seiner Verwandtschaft irgendeine merkwürdige Tante oder irgendeinen skurrilen Onkel, meinte Dr. Lütz, stellte die Frage War Hitler verrückt? und beantwortete sie sich selbst: Hitler war schrecklich normal.
Wahnsinnig Normale laufen immer mit dem Trend. An der Person Dieter Bohlens, der laut Lütz an einer Beziehungsstörung leiden könnte und seine neuen Partnerinnen in der Boulevardpresse vorstellt, verdeutlichte Lütz die Verrücktheit der Normalen: Keiner meiner Patienten ist so abgedreht wie Dieter Bohlen und keine meiner Patientinnen so naiv wie seine Gespielinnen. Dennoch, so verrückt das Ganze auch ist, weder Dieter Bohlen selbst noch seine Alten/Neuen hätten die Chance, in der Psychiatrie behandelt zu werden. Außerdem sei es nicht die Aufgabe der Psychiatrie und dabei noch unethisch und gefährlich, Einsichten über leidende Menschen auf nicht Leidende zu übertragen; dies sei ein Missbrauch von Diagnosen. Eigentlich gebe es keine Diagnose, so der Referent weiter: Es gibt keine Depression, keine Sucht. Es gibt nur Menschen, die unter gewissen Phänomenen leiden. Und Diagnosen sind Worte, die Psychiater erfunden haben, um leidenden Menschen kompetent zu helfen. Im Zweifel ist jemand gesund. Dabei komme dem Psychiater die Aufgabe zu, den leidenden Menschen heiler zu sehen, als er es selber vermag und ihm dadurch zu helfen: So appelliert der Therapeut beim Suchtkranken beispielsweise an seine Freiheit und fragt den Depressiven, wie er diesen Zustand so lange durchgehalten hat, sodass dieser von seinen Ressourcen spricht. Manfred Lütz: Die Lösung hat mit dem Problem nichts zu tun, sondern mit den individuellen Ressourcen.
Am Ende seines Vortrags warnte Dr. Manfred Lütz vor einer Gesellschaft, die dem Außergewöhnlichen, dem anders sein keine Existenzberechtigung zubilligt: Alles Irritierende soll heute irgendwie psychologisch wegerklärt oder am besten psychiatrisch weggesperrt werden. Es sind die Normalen, die psychisch Kranke aussondern, sogleich aber wirksame Behandlungsformen gedankenlos verteufeln. Dieser negativen Entwicklung gelte es sich entgegenzustellen, denn Exotisches gebe es heute nur noch im Museum. Die rührenden Demenzkranken, hochsensiblen Schizophrenen, erschütternd Depressiven, mitreißenden Manischen und dünnhäutigen Süchtigen sind es, die Wärme und Farbe in die Gesellschaft bringen und die Welt reicher machen!
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