
24. Dezember 2009 in Aktuelles
Vatikan verteidigt Seligsprechungsprozess für Pius XII.
Vatikan (www.kath.net/ KNA)
Der Vatikan hat das Seligsprechungsverfahren für Pius XII. verteidigt. In einer Note wies dessen Sprecher Federico Lombardi am Mittwoch die von jüdischer Seite erhobene Kritik an der Zuerkennung des heroischen Tugendgrades für den Pacelli-Papst zurück. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) dokumentiert das Schreiben in einer eigenen deutschen Übersetzung:
Note von P. Federico Lombardi über das Dekret über die heroischen Tugenden Pius XII.
Die Unterzeichnung des Dekrets über die heroischen Tugenden für Pius XII. durch den Papst hat einige Reaktionen in der jüdischen Welt hervorgerufen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es sich um eine Unterschrift handelt, deren Bedeutung im Bereich der katholischen Kirche und ihrer Angestellten klar ist, die aber einiger Erklärungen für ein breiteres Publikum bedarf, insbesondere für das jüdische, das verständlicherweise sehr sensibel für all das ist, was die Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust betrifft.
Wenn der Papst ein Dekret über die heroischen Tugenden eines Dieners Gottes unterzeichnet, also einer Person, deren Seligsprechungsverfahren eröffnet wurde, bestätigt er die positive Beurteilung, die die Heiligsprechungskongregation - nach eingehender Prüfung der Schriften und der Zeugnisse - bereits gefällt hat. Diese betreffen den Umstand, dass der Kandidat in besonderer Weise die christlichen Tugenden gelebt und seinen Glauben bezeugt hat, sowie seine Hoffnung und seine Wohltätigkeit in einem Maß, das über das hinausgeht, was man normalerweise von Gläubigen erwartet.
Deshalb kann man die betreffende Person als Modell christlichen Lebens für das Volk Gottes empfehlen. Naturgemäß stellt eine solche Bewertung auch die Lebensumstände der Person in Rechnung und ist daher auch eine Prüfung aus historischer Sicht. Die Bewertung jedoch betrifft wesentlich das Zeugnis christlichen Lebens, das diese Person abgelegt hat - ihre enge Beziehung zu Gott sowie das ständige Streben nach Vervollkommnung gemäß dem Evangelium, wie der Papst am vergangenen Samstag in seiner Rede vor der Heiligsprechungskongregation sagte. Aber es handelt sich nicht um die Bewertung der historischen Tragweite aller seiner Einzelentscheidungen.
Auch eine eventuell folgende Seligsprechung liegt auf der gleichen Linie, dem Volk Gottes ein Modell herausragenden christlichen Lebens vorzustellen - mit einer weiteren Bekräftigung außerordentlicher Gnadenzeichen, die von Gott auf Fürsprache des Dieners Gottes gegeben wurden. Anlässlich der Seligsprechung von Papst Johannes XXIII. und von Papst Pius IX., bekräftigte Johannes Paul II.: Die Heiligkeit lebt in der Geschichte, und jeder Heilige ist den Grenzen und Bedingungen unserer Menschlichkeit nicht entzogen. Mit der Seligsprechung eines ihrer Mitglieder feiert die Kirche nicht einzelne historische Verdienste einer Person, sondern empfiehlt diese zur Nachahmung und Verehrung wegen ihrer Tugenden zum Lob der göttlichen Gnade, die sich darin widerspiegelt.
Damit ist in keiner Weise beabsichtigt, die Debatten über Entscheidungen Pius XII. in seiner konkreten Situation einzuschränken. Die Kirche ihrerseits bestätigt, dass Pius XII. die lautere Absicht hatte, seinen Dienst der herausragenden und dramatischen Verantwortung des Papstamtes zum Besten wahrzunehmen. In jedem Fall aber - und das ist natürlich bedeutsam für die Bewertung der Tugenden - sind die Aufmerksamkeit und Sorge Pius XII. im Hinblick auf das Schicksal der Juden vielfach bezeugt und werden auch von vielen Juden anerkannt.
Es steht den Historikern aber auch in Zukunft die Forschung und Beurteilung auf ihrem speziellen Gebiet offen. Und in diesem konkreten Fall versteht man die Forderung, alle Möglichkeiten zur Erforschung der Dokumente zu eröffnen. Schon Papst Paul VI. wollte diese Forschung mit der Veröffentlichung der Bände der Akten und Dokumente fördern. Für eine vollständige Öffnung der Archive ist - wie schon oft gesagt wurde - das Ordnen und Katalogisieren einer enormen Aktenmasse erforderlich, was freilich einige Jahre Zeit braucht.
Der Umstand, dass die Dekrete über heroische Tugenden für die Päpste Johannes Paul II. und Pius XII. am gleichen Tag veröffentlicht wurden, bedeutet nicht, dass beide Verfahren ab jetzt miteinander verbunden sind. Die beiden Verfahren sind völlig unabhängig voneinander und folgen ihrem je eigenen Ablauf. Es gibt also keine Veranlassung, eine gleichzeitige Seligsprechung beider Päpste zu vermuten. Schließlich hat Papst Benedikt XVI. die große Freundschaft und den Respekt, den er dem jüdischen Volk entgegenbringt, bei vielen Gelegenheiten bezeugt. Sein eigenes theologisches Werk ist ein unübersehbarer Beweis hierfür.
Es ist klar, das die jüngste Unterzeichnung des Dekrets in keiner Weise als feindlicher Akt gegen das jüdische Volk verstanden werden kann; und man wünscht sich, dass er auch nicht als Hindernis für den Fortgang des Dialogs zwischen Judentum und katholischer Kirche betrachtet wird. Man wünscht sich im Gegenteil, dass der kommende Besuch des Papstes in der Synagoge in Rom Gelegenheit bietet, diese Bande der Freundschaft und Wertschätzung mit großer Herzlichkeit zu bekräftigen und zu erneuern.
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