
2. Mai 2010 in Aktuelles
Schweigen empfing ihn, als er vor dem Grabtuch in die Knie ging, zum "Bild des Jahres", wie Kollegen amerikanischer Sender meinten - Von Paul Badde / Die Welt aus Turin
Turin (kath.net/DieWelt)
Die Wahrscheinlichkeit, dass Jesus nach seinem Tod in jenes Leinen gelegt wurde, das in Turin als Grabtuch Christi verehrt wird, haben Mathematiker in einem Verhältnis von 200 000 000 000 : 1 berechnet. Mit anderen Worten: wirklich 100prozentig lässt sich nicht sagen, dass es Jesus war, den dieses Leinen bedeckt hat. Es bleibt eine 200 Milliardstel Wahrscheinlichkeit, dass es ein anderer armer Hund Jerusalems um das Jahr 30 gewesen sein könnte.
Darum also um dieser Skepsis wissenschaftlich und theologisch korrekt zu genügen sprechen die offiziellen Dokumente des Turiner Domkapitels immer nur von einem Grabtuch-Mann (uomo della sindone), wenn sie vom Subjekt jener Sehnsucht reden, für den sich in diesen Wochen Millionen Pilger aus aller Welt nach Turin aufmachen.
Darum wird ihnen auch jenes wirklich absurde Gebet in die Hand gedrückt, wo es wörtlich heißt: Herr Jesus, ich stehe vor diesem Bild, das so süß und dramatisch ist. Es ist das Bild eines gekreuzigten Mannes, der so gemartet wurde wie Du vor 2000 Jahren auf dem Golgatha. Ich weiß nicht, ob dieses geschundene und von Blut befleckte, aber in der entspannten Würde des Todes süße Angesicht wirklich Deines ist, und vielleicht werde ich das nie wissen. Aber das ist nicht wichtig.
Es gibt in der katholischen Kirche allerdings noch zumindest einen Menschen, der die Frage für ganz und gar wichtig hält, wen dieses Tuch denn wirklich zeigt. Das ist sein Besitzer, Papst Benedikt XVI., der sich am Sonntag als ein Pilger unter jene Millionen einreihte, deren Füßescharren vor der riesigen wie einzigartigen Proto-Ikone eines Gekreuzigten nicht mehr zur Ruhe kommen will, die seit dem 10. April bis zum 23. Mai der Öffentlichkeit wieder gezeigt wird, die sich seit dem Jahr 1578 in Turin befindet.
Um 7.00 hatte sein Hubschrauber knatternd vom Vatikan abgehoben, an einem jener Frühlingstage, von dem keiner zu sagen wusste, ob es nicht gleich wieder regnen würde.
Gewiss war nur: die katholische Kirche feierte an diesem Tag den Kirchenlehrer Athanasius, den Gegenspieler des Arius, der in einer lebensbedrohlichen Krise der Frühzeit die Gottheit Christi leugnete und dabei Millionen auf seine Seite ziehen konnte. Auch solche Erinnerungen waren dem Papst bei seiner Abreise natürlich nicht weniger geläufig als die aktuellsten Meldungen der Ölpest in der Karibik vom Vorabend.
Er lächelte bei seiner Ankunft in Turin. Er eilte nicht gleich zu dem Grabtuch. Die Eucharistie-Feier am Vormittag mit hunderten von Priestern Diözese fand einen guten Kilometer von der Basilika San Giovanni entfernt auf der Piazza San Carlo statt. 25000 Menschen erwarteten den Papst hier dicht gedrängt. Die Wolken hingen tief, aber es regnete nicht, als Benedikt XVI. die Feier mit einer Bemerkung über das Mistero della Croce e della Luce begann, dem Geheimnis des Kreuzes und des Lichts, das sich auf dem Grabtuch abzeichne.
Die Verherrlichung Christi fing nach dem Zeugnis des Evangelisten Johannes schon beim Beginn seines Leidens an, schärfte er seinen Zuhörern ein: von dem Moment an, in dem sein Verräter den Abendmahlssaal verließ, um seinen Herrn dem Leiden und Tod auszuliefern. Nichts anderes erzähle auch die Sindone, sagte er am Schluss seiner Predigt, wobei er sie so selbstgewiss zitierte, als lese er in ihr wie in einer Schriftrolle, die deutlich wie kaum ein Text sonst vom Beginn der Herrlichkeit im Leiden Jesu erzähle.
Keine Silbe gönnte er dem Streit und allen Zweifeln, innerhalb und außerhalb der Kirche, die das Grabtuch umflattern wie Motten das Licht. Am Ende pries er nur noch einmal Maria als diejenige, deren Herz das Bild ihres gemarterten Sohnes eingeprägt sei wie keinem anderen Stoff: das menschliche Antlitz Gottes, verwandelt im Licht der Auferstehung. Es war das Präludium für seine Begegung mit dem Leinen selbst, am Abend.
Inzwischen hatte der Regen eingesetzt. Am Eingang der Kathedrale wurde ihm eine breite Stola über die weiß glänzende Damastpelerine gelegt. Schweigen empfing ihn, als er vor dem Grabtuch in die Knie ging, zum Bild des Jahres, wie Kollegen amerikanischer Sender meinten.
Nur das Klacken von Kameras war zu hören. Seine wachen Augen suchten das Tuch über ihm ab wie einen alten Flügelaltar, wie eine Landkarte vom Niemandsland des Karsamstags, wie er danach sagte, dem Tag, an dem Gott sein Gesicht verhüllte. Es ist der Tag, an dem Joseph Ratzinger einmal geboren wurde, der nun keinen Zweifel mehr an dem Ernst dieses Bilddokuments ließ. Was sagt es uns? fragte er, in atemloser Stille. Es spricht mit Blut und das Blut ist das Leben! Besonders jener große Fleck an der Seite aus Blut und Wasser, die beide so reichlich der Wunde entströmten, die eine römische Lanzenspitze in dieser Brust hinterlassen hat, auch dieses Blut und Wasser sprechen vom Leben. Es ist eine Quelle, die in der Stille murmelt. Wir können sie hören, wir können ihr lauschen in der Stille des Karsamstags. Er sprach leise. Doch so laut hat noch nie ein Papst von dieser mit Blut gemalten Ikone gesprochen.
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