Der Priesterzölibat – Grundlagen, Freuden und Herausforderungen

17. Februar 2011 in Aktuelles


Mauro Kardinal Piacenza erläutert die Lehre der Päpste von Pius XI. bis Benedikt XVI. Teil 2: Johannes XXIII. und Paul VI. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Auf einem Kolloquium in Ars, das von der „Societé de Jean-Marie Vianney“ (Bistum Belley-Ars) vom 24. bis 26. Januar 2011 veranstaltet worden war und unter dem Thema „Der Priesterzölibat – Grundlagen, Freuden und Herausforderungen“ stand, hielt der Präfekt der Kongregation für den Klerus, Mauro Kardinal Piacenza, am 24. Januar einen Vortrag über „Die Lehre der Päpste: Von Pius XI. bis Benedikt XVI.“ Absicht des Kardinals war es, die Aktualität der Lehren der Päpste aufzuzeigen und zusammenfassend einige Grundlinien zu umreißen, die nützlich sein sollen, um in der kirchlichen Ausbildung eine wirksame Aufnahme zu finden

kath.net veröffentlicht die offizielle Übersetzung des zweiten Teils des Vortrages des Präfekten der Kongregation für den Klerus: „Der Priesterzölibat: Die Lehre der Päpste von Pius XI. bis Benedikt XVI: Johannes XXIII. und Paul VI.“

Der erste Teil über das Lehramt von Pius XI. und Pius XII. wurde am 10. Februar veröffentlicht.

3. Johannes XXIII. und das Lehrschreiben „Sacerdotii nostri primordia“

Wie Sie sicher wissen, hat der selige Johannes XXIII. dem heiligen Pfarrer von Ars anlässlich des hundertsten Jahrestages seiner Heiligsprechung ein ganzes Lehrschreiben gewidmet. Darin greift Johannes XXIII. die grundlegenden Themen, die von Papst Pius XI. und vor allem von Papst Pius XII. ausführlich behandelt worden waren, d.h. die Jungfräulichkeit und den Zölibat um des Himmelreiches willen, auf und bringt diese gleichsam stufenweise in die vorbildliche Gestalt des hl. Jean-Marie Vianney ein, die als Inbegriff des katholischen Priestertums bezeichnet werden kann.

Der Papst zeigt, wie alle Tugenden, die ein Priester braucht und diesen auszeichnen sollten, vom hl. Jean-Marie Vianney sich zueigen gemacht und geübt worden sind, wobei er im Lehrschreiben den Akzent auf die priesterliche Askese, auf die Rolle des Gebets, die Feier der Eucharistie und auf den daraus folgenden pastoralen Eifer legt.

In einem wenngleich indirekten Zitat Pius’ XI. anerkennt das Lehrschreiben, dass für die Erfüllung der priesterlichen Aufgaben eine größere Heiligkeit als jene, die vom Ordensstand verlangt wird, erforderlich ist und bekräftigt, dass die Größe des Priesters in der Nachahmung Jesu Christi besteht. Johannes XXIII. schreibt: »Es hieß vom Pfarrer von Ars, dass die Keuschheit ihm ins Gesicht geschrieben stand. Und tatsächlich macht jeden, der sich in seine Schule begibt, nicht nur der Heroismus betroffen, mit dem dieser Priester seinen Leib unterwarf (vgl. 1 Kor 9,27), sondern auch die tiefe Überzeugung, mit der es ihm gelang, die Schar seiner Beichtkinder einfach mitzureißen«. Das lässt klar erkennen, dass es für Johannes XXIII. eine Verbindung zwischen der Treue zur vollkommenen Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen und einem wirksamen Dienst gab, dass diese Verbindung im Pfarrer von Ars deutlich zutage tritt und dass diese nicht in den Anforderungen des Amtes ihren Ursprung hat, dass vielmehr ganz im Gegensatz zu Engführungen auf dienstliche Funktionen des Priestertums die Treue zum Zölibat überhaupt erst den Dienst in umfassendster Weise zum Blühen bringt, ja dass sie diese Blüte gleichsam verursacht. Der Papst fährt fort: »Diese für die Keuschheit notwendige Askese verschließt den Priester keineswegs in einem sterilen Egoismus, sondern macht sein Herz offener für die Nöte seiner Mitmenschen und hilfsbereiter: „Wenn das Herz rein ist – sagte der Pfarrer von Ars treffend –, muss es einfach lieben, denn es hat die Quelle der Liebe wiedergefunden: Gott“«.

Diese theologisch einwandfreie Argumentation gibt recht gut zu verstehen, wie es sein kann, dass der Geist Gottes und der Geist der Welt in völligem Gegensatz zueinander stehen. Wir besitzen also die Eckdaten, um verstehen und aufbauen zu können.

Das Lehrschreiben hebt den grundlegenden Zusammenhang zwischen Zölibat, priesterlicher Identität und Feier der göttlichen Geheimnisse hervor. Besonders betont es die Verbindung zwischen der gerade im heiligen Zölibat vollzogenen täglichen Selbsthingabe und der Darbringung des göttlichen Opfers in der Eucharistie. Bereits 1959 erkannte also das Päpstliche Lehramt, dass die Desorientierung in Bezug auf die Treue und die Notwendigkeit des kirchlichen Zölibats in Vergangenheit und Gegenwart daher rührt, dass dessen Beziehung zur Feier der Eucharistie nicht angemessen verstanden wird. Denn in ihr nimmt der Priester nicht nur der Funktion nach, sondern auf wirkliche Weise an dem einzigen und unwiederholbaren Opfer Christi teil, das sakramental vergegenwärtigt und in der Kirche für die Rettung der Welt erneut dargebracht wird. Eine solche Teilnahme beinhaltet Selbsthingabe, die Ganzhingabe sein muss und daher auch das eigene Fleisch im Stand der Jungfräulichkeit einschließt.

Wer könnte also verkennen, dass zwischen Weihepriestertum und Eucharistie bzw. Gottesdienst ein lebendiger Zusammenhang besteht? Gottesdienst und Priestertum sind schicksalhaft miteinander verknüpft. Unmöglich, für den einen Bereich zu sorgen, ohne gleichzeitig dem anderen Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das gilt es reiflich zu bedenken, wenn man Hand an die Priesterausbildung legt; ebenso muss man dies in Bezug auf die Zukunft der Klerikerreform beherzigen, von welcher der Erfolg der ganz unverzichtbaren Neuevangelisierung abhängt.

Noch heute gilt die Weisung des seligen Papstes – vielleicht noch mit dramatischeren Akzenten: »Wir bitten unsere geliebten Priester, sich regelmäßig prüfend zu fragen, mit welcher inneren Haltung sie die heiligen Geheimnisse feiern, in welcher geistigen Verfassung sie an den Altar herantreten und welche Früchte sie sich bemühen, dabei zu ernten«. Die Eucharistie ist also zugleich Quelle und „Gewissensspiegel“ des heiligen Zölibats und der Treue zu ihm – konkreter Prüfstand für die echte Selbsthingabe an den Herrn.


4. Paul VI. und das Lehrschreiben „Sacerdotalis caelibatus“

„Sacerdotalis caelibatus“, veröffentlicht am 24. Juni 1967, ist das bisher letzte Lehrschreiben eines Papstes, das thematisch ganz dem Zölibat gewidmet ist. Als sich Paul VI. in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil mit der Gesamtrezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils befasste, spürte er die Notwendigkeit, mit einem maßgeblichen lehramtlichen Akt die immerwährende Gültigkeit des kirchlichen Zölibats zu betonen, der damals vielleicht noch heftiger als heute absichtlich und gezielt sowohl in historisch-biblischer als auch in theologisch-pastoraler Hinsicht zu delegitimieren versucht und angegriffen wurde

Das Konzilsdekret „Presbyterorum ordinis“ unterscheidet bekanntlich zwischen Zölibat an sich und Zölibatsgesetz, wenn es in Abschnitt Nr. 16 feststellt: »Die Kirche hat die vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen, die von Christus dem Herrn empfohlen, in allen Jahrhunderten bis heute von nicht wenigen Gläubigen gern angenommen und lobenswert geübt worden ist, besonders im Hinblick auf das priesterliche Leben immer hoch eingeschätzt… Der Zölibat ist in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen… Der so im Geheimnis Christi und seiner Sendung begründete Zölibat wurde zunächst den Priestern empfohlen und schließlich in der lateinischen Kirche allen, die die heilige Weihe empfangen sollten, als Gesetz auferlegt«. Diese Unterscheidung findet sich sowohl im 3. Kapitel des Lehrschreibens „Ad catholici Sacerdotii“ Pius’ XI. als auch in Abschnitt Nr. 21 des Lehrschreibens Pauls VI. Beide Dokumente führen das Gesetz des Zölibats immer auf seinen wahren Ausgangspunkt zurück, den wir in den Aposteln – und über sie – in Christus selbst finden.

In Abschnitt Nr. 14 des Lehrschreibens sagt der Diener Gottes Paul VI.: »Wir glauben daher, dass das derzeit gültige Gesetz des heiligen Zölibats auch heute noch mit dem priesterlichen Amt verbunden sein muss; es muss den Priester stützen, weil es ihm dabei hilft, sich ganz, lebenslang sowie einzig und allein der höchsten Liebe Christi zu widmen und sich unbeschwert für den Dienst an Gott und der Kirche werktätig einzusetzen. Außerdem ist es notwendig, dass der Zölibat den Lebensstand des Priesters sowohl in der Gemeinschaft der Gläubigen als auch in der weltlichen Gesellschaft auszeichnet«. Wie unmittelbar erkennbar, übernimmt der Papst die dem vorangegangenen Lehramt eigenen, auf den Gottesdienst bezogenen Begründungen und ergänzt sie durch die hauptsächlich vom Zweiten Vatikanischen Konzil hervorgehobenen Begründungen theologisch-spiritueller und pastoraler Art, wobei er klarstellt, dass die zwei Begründungsweisen niemals als gegensätzlich verstanden, sondern vielmehr als in wechselseitiger Beziehung und in fruchtbarer Synthese zueinander stehend gesehen werden sollten.

Einen ähnlichen Ansatz findet man in Abschnitt Nr. 19 des Dokuments, wo auf die Aufgabe des Priesters als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes hingewiesen wird. Der zitierte Ansatz wird entwickelt und gipfelt in Abschnitt Nr. 21, wo es heißt: »Christus hat sein ganzes Leben im Stande der Jungfräulichkeit verbracht, wodurch konkret ersichtlich wird, dass er sich ganz dem Dienst an Gott und den Menschen hingegeben hat. Dieser tiefe, in Christi Person festzustellende Zusammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Priestertum, spiegelt sich in denjenigen wider, denen es bestimmt ist, an Würde und Sendung des Mittlers und ewigen Priesters teilzuhaben. Diese Teilhabe wird um so vollkommener sein, je freier der heilige Amtsträger von Banden wie Fleisch und Blut ist«. Wenn also der Wert des heiligen Zölibats nur zögerlich verstanden wird, wenn man ihm nur unschlüssig die angemessene Hochschätzung entgegenbringt und bei Bedarf nur zaudernd für seine Verteidigung einsteht, könnte das darauf hindeuten, dass die tatsächliche Bedeutung des Weiheamts in der Kirche und seine unübertreffliche ontologisch-sakramentale und somit reale Beziehung zu Christus, dem Hohenpriester, unzureichend verstanden werden.

Auf diese unersetzlichen, den Gottesdienst und die Christologie betreffenden Bezugnahmen lässt das Lehrschreiben einen klaren ekklesiologischen Hinweis folgen, der gleichfalls für ein angemessenes Verständnis des Zölibats und dessen Wertes von wesentlicher Bedeutung ist: »Ergriffen von Jesus Christus und von ihm dazu veranlasst, alles für ihn aufzugeben, wird der Priester durch jene Liebe, mit welcher der ewige Priester seinen Leib, die Kirche, geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie herrlich, als heilige und makellose Braut, vor sich erscheinen zu lassen, Christus immer mehr angeglichen. Die Gott dargebrachte jungfräuliche Weihe der Amtsträger bringt nämlich die jungfräuliche Liebe Christi zur Kirche sowie die jungfräuliche und übernatürliche Fruchtbarkeit dieses Ehebundes zum Ausdruck, aus dem Kinder Gottes hervorgehen, die nicht aus dem Willen des Fleisches und Blutes geboren sind« (N. 26). Wie könnte Christus seine Kirche mit einer Liebe lieben, die nicht jungfräulich wäre? Wie könnte der Priester, alter Christus, Bräutigam der Kirche sein, ohne jungfräulich zu sein?

Im ganzen Lehrschreiben tritt so auf klare Weise eine tiefe gegenseitige Verknüpfung sämtlicher Argumente für den heiligen Zölibat zutage, dergestalt, dass – von welcher Seite auch immer man es betrachten will – dessen Verbindung mit dem Priestertum auf je ursprünglichere und innere Weise erscheint.
Im weiteren Verlauf der Argumentation, bei der ekklesiologische Gründe für die Unterstützung des Zölibats zur Sprache kommen, stellt das Lehrschreiben in den Abschnitten Nr. 29, 30 und 31 die unwiederbringliche Beziehung zwischen Zölibat und eucharistischem Geheimnis heraus. In diesem Zusammenhang wird festgestellt, dass sich durch den Zölibat »der Priester tiefer mit der Gabe verbindet, wenn er auf dem Altar sein ganzes Leben gleich einem Brandopfer darbringt. […] Wenn also der Priester sich täglich selbst stirbt und aus Liebe zu Christus und seinem Reich auf die rechtmäßige Liebe von Braut und Kindern verzichtet, so erwirbt er damit in Christus die Herrlichkeit eines erfüllten und fruchtbaren Lebens, weil er wie dieser und in ihm alle Kinder Gottes liebt und sich ihnen in gewisser Weise weiht«.

Die letzte Gruppe von Argumenten, die zur Unterstützung des Zölibats angeführt werden, betrifft dessen endzeitliche (eschatologische) Bedeutung. Angesichts der Tatsache, dass das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,30), dass nach der Auferstehung die Menschen nicht mehr heiraten werden (vgl. Mt 22,30) und dass die vollkommene Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen eine kostbare göttliche Gabe […], ein besonderes Zeichen himmlischer Gnade ist (vgl. 1 Kor 7, 29-31), wird der Zölibat auch als »ein Zeugnis für das notwendige Streben des Gottesvolkes nach dem letzten Ziel der irdischen Pilgerschaft und als Ansporn für alle bezeichnet, ihren Blick auf die höheren Dinge zu lenken« (Nr. 34). Wer dazu ermächtigt ist, die Brüder zur Erkenntnis Christi, zur Annahme der Offenbarungswahrheiten, zu einer immer untadeligeren Lebensführung, mit einem Wort, zur Heiligkeit hinzuführen, leistet also im heiligen Zölibat einen höchst angemessenen und außerordentlich starken Prophetendienst, der seinem Amt einzigartiges Ansehen und seinem Handeln sowohl beispielhafte wie apostolische Fruchtbarkeit zu verleihen vermag.

Außergewöhnlich zeitgemäß antwortet das Lehrschreiben auch auf jene Einwände, die im Zölibat ein Unterdrücken der Menschlichkeit sehen möchten, insofern als man um einen der schönsten Aspekte des Lebens gebracht würde. In Abschnitt Nr. 56 schreibt der Papst: »Im Herzen des Priesters ist die Liebe nicht zum Erlöschen gekommen. Die Liebe wird nämlich aus der reinsten Quelle geschöpft und in der Nachahmung Gottes und Christi bewahrt. So stellt sie an den Priester keine geringeren Anforderungen und drängt ihn nicht weniger als jede andere wahre Liebe zum Handeln; sie erweitert unendlich den Horizont des Priesters, vertieft und vergrößert sein Verantwortungsgefühl – Zeichen einer reifen Persönlichkeit –, bringt in ihm erzieherisch eine Fülle von Gefühlen und eine Sensibilität hervor, die Ausdruck einer höheren und weiter reichenden Vaterschaft sind und ihn in hohem Maße bereichern«. Mit einem Wort: »Der Zölibat trägt dadurch, dass er den Menschen insgesamt erhebt, wirksam zu seiner Vervollkommnung bei« (Nr. 55).

Mit der Veröffentlichung des Lehrschreibens „Sacerdotalis caelibatus“ hat Papst Paul VI. 1967 einen lehramtlichen Akt gesetzt, der vielleicht einer der mutigsten und auf beispielhafte Weise klärendsten Akte seines ganzen Pontifikats gewesen ist. Dieses Lehrschreiben sollte von jedem Priesteramtskandidaten gleich zu Beginn seines Ausbildungsweges, in jedem Falle aber vor der Bitte um Zulassung zur Diakonweihe, aufmerksam studiert und danach in der akademischen Fortbildungsphase regelmäßig wieder aufgegriffen werden. Es sollte nicht nur zum Gegenstand des aufmerksamen Bibelstudiums sowie des sorgfältigen historischen, theologischen, spirituellen und pastoralen Studiums gemacht werden, sondern auch der vertieften persönlichen Meditation dienen.


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