Einheimische Christen in Bethlehem

11. Dezember 2011 in Chronik


Advent: Der kleiner werdenden Gruppe von einheimischen Christen in der zum palästinensischen Westjordanland gehörenden Stadt ist nicht nur nach Feiern zumute. Von idea-Redakteur Matthias Pankau.


Bethlehem (kath.net/idea) Der Ort, an dem den Berichten der Bibel zufolge Jesus geboren wurde, ist auch reichlich 2.000 Jahre später Pilgerziel für Millionen Christen aus aller Welt. Und das, obwohl das kleine Städtchen in der Adventszeit mit den vorweihnachtlichen Vorstellungen eines Mitteleuropäers wenig gemein hat. Statt nach Glühwein und gebrannten Mandeln riecht es nach fettigen Falafelbällchen und unverbranntem Diesel. Statt Advents- und Weihnachtsliedern sind Sirenengeheul und Muezzinrufe zu hören. Und statt Schneeflocken gibt es Sonne satt bei fast 20 Grad. Doch just an diesem Ort hat die Geschichte des Christentums begonnen. Im zweiten Kapitel des Lukasevangeliums wird davon berichtet: „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.“

Eine der ältesten Kirchen der Christenheit

Über der Stelle, an der sich diese Krippe befunden haben soll, steht heute die Geburtskirche. Neben der Jerusalemer Grabeskirche gehört sie zu den heiligsten Stätten der Christenheit. Bis zu 10.000 Besucher drängen sich täglich durch die knapp 1,20 Meter hohe „Tür der Demut“. Sie ist seit dem 16. Jahrhundert der Hauptzugang zur Bethlehemer Geburtskirche; Grund für die Verkleinerung des ursprünglich deutlich größeren Haupttores war, Reitern auf Pferden oder Kamelen den Zutritt zu dem Gotteshaus zu verwehren. Und wer bis in die Geburtsgrotte hinabsteigen möchte, braucht Geduld. Wie ein Nadelöhr führen zwei Treppen hinunter zu jenem Punkt, an dem ein silberner Stern auf weißem Marmor den Geburtsort Jesu und damit den Ursprung der Christenheit markiert. „Hic de virgine Maria Jesus Christus natus est“, ist lateinisch auf dem Stern zu lesen: „Hier wurde Jesus Christus von der Jungfrau Maria geboren“. Viele Pilger fallen an dieser Stelle – dem Herz einer der ältesten Kirchen der Christenheit – andächtig auf die Knie.

Vor Zerstörung bewahrt

Wer das Gotteshaus zum ersten Mal besucht, auf den mag der verschachtelte Gebäudekomplex mit seinen Kreuzgängen und Klöstern zunächst recht unübersichtlich wirken. Kaiser Konstantin (ca. 285–337) ließ 326 den Vorgängerbau der heutigen Kirche errichten – eine fünfschiffige Basilika mit kunstvollen Bodenmosaiken, die der Besucher heute noch bewundern kann. Im 6. Jahrhundert wurde die Geburtsbasilika vergrößert. Während andere Kirchen im 7. Jahrhundert von den vorrückenden Persern beschädigt oder zerstört wurden, überstand die Geburtskirche die darauf folgende Ausbreitung des Islam unbeschadet. Als möglicher Grund dafür wird ein Relief über dem Eingangstor vermutet, das die heiligen drei Könige in orientalischer Kleidung zeigte; sicher ist das jedoch nicht. Nachdem die christlichen Kreuzfahrer das Gotteshaus im 12. Jahrhundert gründlich renovierten und ausbauten, verfiel es in den folgenden Jahrhunderten unter osmanischer (also islamischer) Herrschaft zunehmend. Im 17. Jahrhundert begann man damit, den Gebäudekomplex zu sichern und instand zu setzen.

Drei Konfessionen teilen sich die Geburtskirche

Ähnlich verwirrend wie der Gebäudekomplex sind die Besitzverhältnisse. Wie in der Jerusalemer Grabeskirche erheben mehrere Konfessionen Anspruch auf den Bau in Bethlehem: griechisch-orthodoxe, armenisch-orthodoxe und römisch-katholische Christen. Da es immer wieder Rangeleien um die Zuständigkeiten gab, erließ die osmanische Regierung 1757 schließlich ein Dekret, das die Kirche unter den christlichen Konfessionen aufteilte; später wurde diese Regelung durch den sogenannten „Status quo“ bestätigt, der nach wie vor gilt. Danach gehört der Hauptteil der Basilika mit Geburtsaltar den Griechen; für das nördliche Querschiff sind die Armenier verantwortlich; und die Lateiner (die Katholiken) haben die Rechte am Dreikönigsaltar bei der Geburtsgrotte sowie dem silbernen Stern unter dem Geburtsaltar. Darüber hinaus gilt es, die verschiedenen Durchgangs- und Prozessionsrechte der Katholiken und Armenier im „griechischen“ Kirchenschiff zu respektieren. Das Zusammenleben ist trotz „Status Quo“ nicht frei von Spannungen – nicht zuletzt, weil über dessen Auslegung gern gestritten wird. So ist beispielsweise nicht geregelt, wer für das Holzdach des Gotteshauses zuständig ist, das bereits vor drei Jahren auf die Liste der 100 am meisten gefährdeten Baudenkmäler der Welt gesetzt wurde. Weil sich die Christen nicht einig werden können, wer die Reparaturen übernimmt, hat die palästinensische Autonomiebehörde das Heft in die Hand genommen. Wie Tourismusminister Khouloud Daibes mitteilte, sollen die ersten Renovierungsarbeiten nach Ostern 2012 beginnen. Die Gesamtkosten werden mit über 11 Millionen Euro beziffert.

Viele Touristen sind verunsichert

Doch heute geht es ruhig und harmonisch zu in dem Gotteshaus. Fast etwas zu ruhig, wenn man es mit der Grabeskirche in Jerusalem vergleicht. Wer dort nicht früh aufsteht, um beizeiten drinnen zu sein, geht später am Tag in Strömen von Touristengruppen unter und wird regelrecht durch die Kirche geschoben. In Bethlehem ist das anders: Es ist gegen Mittag. Ja, an der Geburtsgrotte hat sich inzwischen eine lange Schlange gebildet. Aber ansonsten hat man jede Menge Bewegungsfreiheit in dem Kirchenkomplex. Das spüren nicht nur die „Hüter“ der Geburtskirche, sondern auch viele Geschäfte in der Innenstadt. Zwar verkündet Bethlehems katholischer Bürgermeister Victor Batarseh gern Superlative, wenn es um den Tourismus geht: Auch für dieses Jahr erwartet der pensionierte Arzt mit deutlich über einer Million Touristen wieder ausgezeichnete Zahlen. Doch viele Händler und Ladenbesitzer sind unzufrieden. Die bis zu 8 Meter hohe Betonmauer und die Sperrzäune, die Israel vom palästinensischen Westjor-danland – und damit auch Bethlehem von Jerusalem – trennen sowie die damit verbundenen Kontrollen an den Grenzübergängen verunsicherten viele Touristen, sagen sie. Nicht wenige der vielen Olivenholzschnitzer in der kleinen Stadt begegnen diesem Umstand inzwischen mit Galgenhumor. In ihren Auslagen finden sich Weihnachtskrippen mit Josef, Maria und dem neugeborenen Christkind, davor die anbetenden Hirten. Die Könige jedoch fehlen – sie lugen im Hintergrund über eine hohe Sperrmauer …

Händler klagen über Absatzflaute

Jevaro Kharoufeh ist Olivenholzschnitzer. „Hier, das ist alles fertig und könnte verkauft werden“, sagt er und zeigt uns sein Lager. Es ist voll. Viele seiner Produkte werden über das Berliner Missionswerk – das u. a. christliche Projekte im Nahen Osten unterstützt – auf Weihnachtsmärkten in Deutschland verkauft. In Bethlehem selbst wird der palästinensische Christ – anders als früher – kaum noch etwas los. Doch in der israelischen Sperranlage sieht er nur einen Grund für die Absatzflaute. Viele Reiseveranstalter ließen inzwischen die aus Jerusalem kommenden Busse mit Touristen nur noch die großen Geschäfte anfahren. Die zahlten den Reiseunternehmen dafür Provision, erzählt er.
Roni Tabasch stimmt ihm zu: „Zu uns in die Innenstadt kommen nur noch wenige.“ Einige der zahlreichen christlichen Geschäfte rund um die Geburtskirche hätten deswegen bereits schließen müssen. Seines bisher noch nicht: Der 30-Jährige führt zusammen mit seinem Bruder Epiphanio in dritter Generation den Laden des Großvaters direkt neben der Geburtskirche. „Nativity Store“ (Geburts-Laden) steht auf dem Firmenschild. Auf den Eingangsstufen dreht sich ein von einem Elektromotor angetriebenes Kruzifix um die eigene Achse. In den Vitrinen des Ladenlokals finden sich Kamele, Kreuze und Krippenfiguren. Tabasch ist ein quirliger Geschäftsmann. Meist steht er vor dem Laden, spricht fröhlich die vorbeikommenden Touristen direkt an, die von den Reiseführern nicht sofort zurück zum Bus delegiert werden, und lädt sie ein, sich seinen Laden anzuschauen. Doch wenn es etwas ruhiger wird, sind auch nachdenkliche Töne von ihm zu vernehmen.

Christen verlassen Bethlehem zunehmend

Immer mehr Christen kehrten der Geburtsstadt Jesu den Rücken, um anderswo ein „neues, leichteres Leben“ zu beginnen, klagt er. Lediglich 15 % der knapp 22.000 Einwohner Bethlehems seien noch Christen. Zum Vergleich: um 1900 waren es noch 90 %! Umso wichtiger sei es, dass Protestanten, Katholiken und Orthodoxe aus dem Rest der Welt nach Bethlehem kämen. „Als Christen müssen wir zusammenstehen, wenn wir nicht möchten, dass im Geburtsort Jesu irgendwann gar keine Christen mehr leben.“ Bevor er wieder vor seinen Laden tritt, um potenzielle Käufer anzusprechen, legt er eine CD mit arabischen Advents- und Weihnachtsliedern ein. Eines davon hat er selbst geschrieben und eingespielt: „Jesus, du bist mein Gott“. „Das ist mein persönliches Glaubensbekenntnis“, sagt er und verschwindet wieder nach draußen.

Adventskranzflechten in Ramallah

Auch in der deutschen Erlösergemeinde in Jerusalem bereitet man sich auf das Weihnachtsfest vor. Es werden gemeinsam Adventskränze gebunden. Wie jedes Jahr fährt dafür eine Gruppe von etwa 20 Gemeindemitgliedern auf den sogenannten Sternberg nach Ramallah ins Westjor-danland. Dort befindet sich ein Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine, das unter anderem den einzigen integrativen Kindergarten in der Region unterhält. Für den Ausflug braucht man allerdings etwas Zeit, da zwei Grenzübergänge zu überqueren sind. Das Westjordanland ist nämlich in drei Verwaltungszonen aufgeteilt: eine rein von Israel kontrollierte C-Zone, eine von Israelis und Palästinensern gemeinsam überwachte B-Zone sowie die allein von Palästinensern kontrollierte A-Zone, zu der Ramallah gehört. Klar, dass da mitunter sehr gründlich kontrolliert wird – wobei Touristen oder ausländischen Amts- und Würdenträgern in der Regel keine Schwierigkeiten gemacht werden. Der Ausflug zeige aber nicht nur die Solidarität mit den palästinensischen Christen, betont Propst Uwe Gräbe, höchster Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Heiligen Land. Er hat einen ganz praktischen Grund: „Auf dem Sternberg gibt es einfach das meiste Grün.“ Es wird für die Adventskränze aus Zypressenzweigen gebraucht, die später auf dem Adventsmarkt der Gemeinde verkauft werden.

In Jerusalem Christliches ins Gespräch bringen

In der 1898 im Beisein von Kaiser Wilhelm II. geweihten Erlöserkirche in der Jerusalemer Altstadt baut Marianne Kreuz gerade die Weihnachtskrippe im Altarraum auf. Seit 30 Jahren macht sie das; 20 davon hat sie in Israel gelebt. Jetzt kommt sie jedes Jahr eigens dafür zur Adventszeit von Bad Homburg ins Heilige Land. Für die 80-Jährige ist das nicht nur eine folkloristische Angelegenheit, sondern jährlich aufs Neue eine Chance, den christlichen Glauben in der Stadt ins Gespräch zu bringen. Denn auch wenn es in der Jerusalemer Altstadt ungefähr 60 Kirchen, aber nur etwa zehn Synagogen und genauso viele Moscheen gibt, ist die Zahl der Christen hier – wie in Bethlehem auch – seit Jahrzehnten rückläufig. Lebten 1946 rund 31.000 in der Stadt, so sind es nach Angaben der Statistikbehörde gegenwärtig in ganz Jerusalem mit seinen mehr als 700.000 Einwohnern noch knapp 15.000. Zum Vergleich: Die Zahl der Juden wuchs im gleichen Zeitraum auf nahezu das Fünffache, die der Muslime sogar auf über das Achtfache.

Wird die Geburtskirche Jesu Weltkulturerbe?

Aber gerade in der Vorweihnachtszeit kämen auch viele Nichtchristen in die Kirche, um sich die große Krippe und den Herrnhuter Stern anzusehen oder einfach mal „Stille Nacht“ zu hören. „Oft ergeben sich dabei auch längere Gespräche über die Inhalte des christlichen Glaubens“, erzählt die rüstige Rentnerin. Zwischen den Jahren sind hin und wieder auch Christen aus den Palästinensergebieten unter den Besuchern. Denn jedes Jahr pünktlich zu Weihnachten erteilt Israel eine festgelegte Anzahl von Reisegenehmigungen an Palästinenser im Westjordanland und im Gaza-Streifen, die dann beispielsweise Freunde oder Verwandte in Jerusalem besuchen dürfen. Doch für Jevaro Kharoufeh und Roni Tabasch aus Bethlehem ist das ein schwacher Trost. Sie setzen ihre Hoffnung jetzt darauf, dass die mögliche Aufnahme der Bethlehemer Geburtskirche auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes – es wäre die erste Stätte in den Palästinensergebieten – etwas an ihrer schwierigen finanziellen Situation ändern könnte: Das Unesco-Prädikat würde ihre Stadt wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken, meinen sie und hoffen auf einen neuen Tourismus-Boom. Die Entscheidung über die Vergabe des Titels soll im Sommer 2012 fallen. An der Bedeutung, die Bethlehem für die weltweite Christenheit hat, wird sie freilich nichts ändern – und ob sie einen Einfluss auf die Situation der christlichen Minderheit in der kleinen Stadt haben wird, bleibt abzuwarten.

kathtube-Kurzvideo: Bethlehem, Impressionen aus der Geburtskirche




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