Falls sich die Piusbruderschaft endgültig von Rom abwendet…

26. Februar 2012 in Kommentar


Was voraussichtlich passiert, wenn die Pius-Bruderschaft das Befreiungsangebot des Papstes ablehnt. Sind die Piusbrüder vom Wesen her nicht eher protestantisch? Ein Gastkommentar von Martin Hähnel


Rom-Dresden (kath.net)
Momentan erreichen uns aus verschiedenen Quellen immer wieder Nachrichten, die davon ausgehen, dass die schismatische Pius-Bruderschaft das Angebot des Vatikans zur Eingliederung höchstwahrscheinlich ablehnen wird. Wenn dem so sein sollte, was wenige bedauern werden und viele sicherlich freuen wird, dann möchte ich im Folgenden kurz erläutern, welche Gelegenheit die Bruderschaft hier verspielt und welches Schicksal deren Anhänger wohl schlussendlich erleiden werden. Ich möchte hier weder inhaltliche Aussagen zur Pius-Bruderschaft und deren Ansichten treffen noch auf theologische Details eingehen, sondern nur versuchen zu erklären, wie schismatische Gruppierungen zwangsläufig soziologischen Verfallsgesetzen unterworfen sind, wenn sie sich nicht in eine Bewegung integrieren lassen wollen, die diesen Verfallsgesetzen weniger unterworfen ist.

Identitätsbildung durch Antikonsens

Die Pius-Bruderschaft gewinnt bis heute ihre Identität vornehmlich aus einer gewissen Oppositionshaltung heraus. Gegner sind hierbei nicht nur der „Modernismus“, sondern – trotz gegenteiliger Bekundungen – auch der jeweils aktuelle Papst, dem die Bruderschaft paradoxerweise ihr Existenzrecht und die dazugehörige mediale Aufmerksamkeit „verdankt“. Diese oppositionelle Haltung sorgt anfänglich zwar noch für einen starken inneren Zusammenhalt, der umso stärker wird, je größer die Anfeindungen „von außen“ sind.

Jedoch ergeben sich hier auf Dauer zwei Probleme:

1. Was passiert, wenn die Anfeindungen „von außen“ aufgrund einer allgemeinen gesellschaftlichen Indifferenz gegenüber den Piusbrüdern abnehmen?

2. Außerdem erleidet jede oppositionelle Kraft irgendwann einmal innere Ermüdungserscheinungen, die bis zum Kollaps führen.
Aus dieser misslichen Lage kann sich niemand selbst befreien. Es ist hier also nur eine Befreiung von „von außen“ möglich.

Mangelnde Stabilität nach innen

Wenn die Pius-Bruderschaft also weiterhin im Ghetto verharren möchte, wird sie ihre innere Stabilität aus besagten Gründen immer mehr verlieren. Der möglicherweise erfolglose Anschluss an Rom hätte außerdem zur Konsequenz, dass Teile der Bruderschaft, die diesen Anschluss immer gewünscht haben, plötzlich Unmut empfinden und das innere Gefüge der Bruderschaft destabilisieren. Bei einem erfolgreichen Anschluss würden die weniger konzessionsbereiten Kräfte natürlich ebenso für eine derartige Destabilisierung sorgen. Allerdings könnte dies eine interne Spaltung der Pius-Brüder hervorrufen, die womöglich einer sukzessiven Selbstauflösung der Bruderschaft noch Vorschub leistet. Unterdessen könnten aber wenigstens die „schismatischen Romtreuen“ der Bruderschaft endlich eine neue alte Heimat finden. Es wäre immer noch mehr gewonnen als verloren.

Steter Verlust der Subversionskraft

Neben der inneren Stabilität würde die Bruderschaft auch ihre Subversionskraft verlieren. Der Papst hat bereits den Pius-Brüdern den Wind aus den Segeln genommen, indem er mehrere ihrer Forderungen akzeptiert hat. Das Entgegenkommen des Papstes wird aber aufgrund des notorischen Hanges zur Subversion nicht als Angebot, sondern als abgenötigte Einlösung eines längst fälligen Versprechens gedeutet. Erstaunlicherweise geht es der Pius-Bruderschaft nicht um die Anerkennung des Wertes eigener Errungenschaften, sondern um reine Restaurationspolitik. Es wäre indes sehr enttäuschend, wenn z.B. das Festhalten am alten Messritus nur ein Vorwand für die Erreichung des Zieles einer Wiederherstellung der vorkonziliären Ordnung wäre.

Die Petrus-Bruderschaft

Das Identitätsproblem der Pius-Bruderschaft hängt wohl eng mit der Existenz ihrer romtreuen Schwester, der Petrus-Bruderschaft, zusammen. Die Piusbrüder würden sich im Falle der Anerkennung durch Rom fortan wohl kaum mehr von der Petrusbruderschaft unterscheiden. Diesem drohenden Profilverlust gilt es demnach entgegenzuwirken, indem akribisch (vor allem theologisch) nach Differenzen gesucht wird, denn die Frage nach der Romtreue kann nicht alleiniges Unterscheidungskriterium sein. Diese Suche nach Differenzen sorgt nun aber dafür, dass die Argumente seitens der Pius-Bruderschaft schwächer werden müssen. Es schleicht sich folglich eine Art hilflose Anklage- und Verteidigungsrhetorik ein, die eine sachgemäße Auseinandersetzung mit theologischen Inhalten verhindert.

Ökumeneblindheit

Einen letzten Punkt möchte ich noch einmal gesondert hervorheben. Die breite Verurteilung der Ökumene, wieder einmal ausgedrückt durch einen Ismus („Ökumenismus“), scheint auch die „Ökumene“ mit der katholischen Mutterkirche zu betreffen. Dabei wendet die Bruderschaft immer öfters Argumente an, die einem gestandenen Kritiker aus den Reihen des Protestantismus besser zu Gesichte stehen würden. Die Bruderschaft müsste sich daher einmal darauf besinnen, welche traditionellen Kritikpunkte sie eigentlich aufgreift beziehungsweise unrechtmäßigerweise heranzieht. Es liegt mir hier fern, die Pius-Bruderschaft in die Nähe des (aktuellen) Protestantismus zu rücken. Doch wenn die Crux nicht vorrangig in theologischen Argumenten liegt, sondern in Fragen des Verhältnisses zu Rom zu suchen ist, dann müsse man unabhängig von den zahlreichen Unterschieden zwischen den Konfessionen – die Europa spalten, aber auch verbinden – die Frage stellen, ob die Piusbrüder im Verhalten zwar katholisch erscheinen, vom Wesen her aber eher protestantisch sind?

Überhaupt muss sich die gesamte Kirche einmal fragen, inwieweit ihre Identität überhaupt noch von der Papsttreue abhängig ist. Die Anerkennung des jeweiligen Papstes ist aber in erster Linie keine Personenfrage, sondern Ausdruck eines spezifischen Wirklichkeitsverständnisses, sie ist also eine Prinzipienfrage. Und deshalb gilt es, neben vielen Gemeinsamkeiten vor allem die Unterschiede in den Wirklichkeitsverständnissen der jeweiligen Konfessionen und Religionen auszumachen, nichts anderes kann das Hauptziel der Ökumene im 21. Jahrhundert sein. Der Anspruch auf Wahrheit wird dabei übrigens nicht aufgegeben, sondern dieser ist und bleibt Grundlage dafür, dass Unterschiede überhaupt erkannt werden können.

Fazit

Die Pius-Bruderschaft, welche unter der Mehrheit der Katholiken selbst nach einer vollzogenen Eingliederung kaum Sympathisanten haben dürfte, wäre gut beraten, sich in Gehorsam gegenüber dem Papst zu üben und auf sein Angebot einzugehen. Die zweitausend Jahre alte, kirchliche Hierarchie gebietet es zudem, dass sich die Pius-Bruderschaft letztlich nur als Bittsteller gegenüber dem Papst begreifen darf. Zudem hat sich Benedikt XVI. als jemand erwiesen, der das Wirken der Pius-Bruderschaft in den vergangenen Jahrzehnten zu würdigen wusste und noch immer zu würdigen weiß. Die Pius-Brüder müssen sich daher im Klaren sein, dass es letztlich in ihrer Hand liegt, auch noch die letzten Sympathisanten zu vergraulen oder durch die Akzeptanz des 2. Vatikanischen Konzils endlich wieder den Kreis derer, die noch mit ihnen zu sympathisieren imstande sind, zu erweitern. Es hängt also maßgeblich davon ab, inwieweit die Piusbrüder wirklich katholisch sind.

Martin Hähnel promoviert derzeit in Philosophie und ist auch am Lehrstuhl für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der TU Dresden tätig. Außerdem ist er zweiter Vorsitzender im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Religionsphilosophie Dresden e. V.




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