Bischof Mixa: Reich in Christus

1. Dezember 2002 in Deutschland


Hirtenwort von Bischof Mixa zum Advent: Der Ellenbogengesellschaft entgegenwirken Gemeinden sollen über den eigenen Kirchturm hinaussehen


Eichstätt (kath.net/pde/red)
Die großen gegenwärtigen Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit, schwierige wirtschaftliche Lage, Bedrohung durch Gewalt und Terror sollten nach Auffassung von Bischof Walter Mixa Anlass sein, sich wieder mehr auf den Reichtum zu besinnen, den der christliche Glaube an Gott schenkt. Wer Halt im Glauben gefunden habe, werde gelassener mit sich selbst, den Mitmenschen und der Schöpfung umgehen, schreibt der Bischof von Eichstätt in seinem Hirtenwort zum Advent 2002.

Wenn dieser letzte Halt fehle, wachse dadurch ein Klima, "das Erfolg gegen Beziehung, Gewinn gegen Bindung, vermeintliche Vernunft gegen einen vertrauensvollen Glauben ausspielt und dabei vergisst, dass der Mensch Geschöpf ist". Es entstehe die Ellenbogengesellschaft, in der zählt, was einer verdient, wie erfolgreich eine berufliche Karriere verläuft oder wie gut sich jemand in der Öffentlichkeit darstellen kann. Der verborgene Reichtum des Glaubens könne dieser Ellenbogengesellschaft viel Positives entgegensetzen. Wer sich in einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus geborgen und aufgehoben wisse, sei befreit vom Ellenbogenkampf, vom täglichen Durchsetzen eigener Interessen notfalls mit allen Mitteln, heißt es in dem Rundschreiben, das bei den Gottesdiensten des ersten Adventssonntags in den Gemeinden des Bistums Eichstätt verlesen wurde.

Aufgabe der Christen sei es, dieses Geschenk des Glaubens wachsam in die Zeit und Gesellschaft hineinzutragen. In diesem Zusammenhang sei auch der voranschreitende Prozess der Weiterentwicklung der Seelsorge in der Diözese Eichstätt zu sehen, betont Bischof Mixa: "Wenn es jetzt ganz aktuell um konkrete Gruppierungen der Zusammenarbeit einzelner Pfarreien geht und darum, dieser Zusammenarbeit einen vernünftigen Rahmen zu geben, dann ist dies kein Selbstzweck". Das Ziel sei, über den eigenen Kirchturm, über die eigenen Pfarrgrenzen hinauszusehen und gemeinsam die frohe Botschaft denjenigen zu bringen, die sie am nötigsten brauchen.

KATH.NET dokumentiert das Hirtenwort von Bischof Mixa:

Reich in Christus

Liebe Kinder und Jugendliche, Schwestern und Brüder im Glauben!

Der Ellenbogen wird zu wichtig

"Der Ellenbogen wird zu wichtig, er scheint mir momentan der wichtigste Körperteil dieser Gesellschaft zu sein. Und nicht etwa Kopf und Herz." So kürzlich in einem Interview Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (DIE ZEIT vom 07.11.02, S.11). Dieses Interview stand im Zusammenhang mit einer Untersuchung zu dem, was Deutsche heute bewegt, was sie fürchten und wie sie die Situation in unserer Gesellschaft einschätzen. Themen wie Arbeitslosigkeit in Verbindung mit der Angst um die eigene Existenz, die schwierige wirtschaftliche Lage in unserem Land, die Bedrohung durch Gewalt und Terror, Angst vor anderen Kulturen und teilweise auch Religionen, das alles bereitet vielen von uns Sorge.

Menschen reagieren darauf ganz unterschiedlich. Da gibt es manche, die sich verschließen, ja abschotten gegen alles, was irgendwie fremd, ungewohnt und bedrohlich ist. Sie werden hart und unnahbar. Da gibt es andere, die erst recht einer Beliebigkeit Tür und Tor öffnen, alles wird gleichgültig ertragen und für gleich-gültig genommen. Beide Haltungen sind Nährboden für eine Ellenbogengesellschaft, in der zählt, was einer verdient, wie erfolgreich eine berufliche Karriere verläuft oder wie gut sich jemand in der Öffentlichkeit darstellen kann. Letztlich dreht sich dabei der Mensch um sich selbst, mit all seinem Geld, seinem verbleibenden Wohlstand und letztlich auch seiner Angst und seiner Schuld.

Dies ähnelt sehr der Situation im Volk Israel, in die hinein der Prophet die Worte der heutigen Lesung spricht (vgl. Jes 63, 16b-17.19b.; 64,3-7): "Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns der Gewalt unserer Schuld überlassen. Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton, und du bist der Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände." Vielen Menschen gerade unseres Landes bedeutet Gott und der Glaube an ihn nur mehr wenig. Etliche hatten nie die Chance, diesen Glauben kennen zu lernen und damit eine neue Lebensperspektive zu gewinnen. Die Folge daraus ist zum einen eine zunehmende Geringschätzung von Religion und Kirche. Zum anderen eben auch das Anwachsen eines Klimas, das Erfolg gegen Beziehung, Gewinn gegen Bindung, vermeintliche Vernunft gegen einen vertrauensvollen Glauben ausspielt und dabei vergisst, dass der Mensch Geschöpf ist, Ton in der Hand des Töpfers.

2. Der verborgene Reichtum

Aber es gibt auch Menschen, die sich auf die Grundlagen unseres Lebens besinnen. Sie fragen nach dem Sinn des Lebens, nach den Werten, die uns tragen und leiten, und es erwacht bei vielen neu die Sehnsucht nach Gott, als dem, der über allen Sorgen, allen Ängsten und aller menschlichen Hilflosigkeit Halt geben kann.

Dieser Halt ist ein Reichtum, der sicher nicht in einer Quiz-Show zu gewinnen ist, sondern von Gott geschenkt wird. Paulus spricht im 1. Korintherbrief (1Kor 1,3-9) dankbar von der "Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr an allem reich geworden seid in ihm." Sie können jetzt fragen: Passt ein solches Denken, ein solches Reden noch in unsere Zeit?

Ich möchte behaupten, es passt gerade in unsere Zeit. Wir stehen vor großen Herausforderungen in unserem Land und in der ganzen Welt. Auch die Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres haben dies gezeigt. Dieser andere, dieser verborgene Reichtum, der dem glaubenden Menschen geschenkt ist, kann einer Ellenbogen-gesellschaft vieles Positive entgegensetzen. Er gibt uns eine Perspektive, die es ermöglicht, gelassener und deshalb liebevoller mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit der Schöpfung umzugehen. Weil wir uns in einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus geborgen und aufgehoben wissen können, sind wir befreit vom Ellenbogenkampf, vom täglichen Durchsetzen eigener Interessen, notfalls mit allen Mitteln. Der oft mörderische Druck, sich selbst rechtfertigen zu müssen, ist von uns genommen, weil wir im Reichtum Jesu Christi gerechtfertigt sind. Denn er, der göttlich Reiche, wurde für uns arm, damit wir reich würden, wie es Paulus sagt und wir es an Weihnachten feiern.

"Adventus Domini" – Kommen und Ankunft des Herrn – bedeutet: Gott kommt in unsere Armseligkeit, schenkt uns Weite in unserer Enge, schenkt uns eine Zeit des Aufatmens in unserer Atemlosigkeit, schenkt uns die Kraft, auch in der verfahrensten Situation immer wieder neu anzufangen. Er befreit uns davon, den vermeintlichen Sachzwängen und Gesetzen unserer Gesellschaft einfach blind folgen zu müssen und letztlich der Eigendynamik unserer Schuld überlassen zu sein, wie es die Jesajalesung so eindringlich schildert. Nur Gottes Kommen kann uns daraus retten: "Reiß doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir" (Jes 63, 19b). Vom Reichtum Christi her ist uns ein anderes Leben möglich.

3. Unser Auftrag als Christen

Diese Alternative eines Lebens aus dem Reichtum Christi mitten in unserer Gesellschaft, führt uns zu dem Festgeheimnis, auf das wir uns in der Adventszeit vorbereiten. Gott wird Mensch. In Jesus Christus schenkt er uns seinen Sohn, Kind wie unsere Kinder, aufgewachsen in einer Familie, groß geworden in einem besetzten und unruhigen Land, gestorben für uns Menschen und auferstanden zu einem neuen Leben in Gottes Herrlichkeit. Dies gehört zur Mitte unseres Glaubens, der uns reich macht, weil er genau an diesem unvergänglichen Leben Anteil schenkt. Dieser Glaube gehört uns nicht als individueller Besitz, sondern ist uns Auftrag für die ganze Welt.

Wenn unser heutiges Evangelium vom Dienst des Türhüters spricht, der wachsam sein soll (vgl. Mk 13, 33-37), so möchte ich dies in einem zweifachen Sinn verstehen. Natürlich gilt der Ruf zur Wachsamkeit jedem und jeder von uns für das eigene Leben, in das hinein der Herr auch heute kommen will, nicht drohend und besiegend, sondern als Menschensohn, der unser Leben kennt und ihm eine ganz neue Dimension gibt. Der Empfang des Bußsakramentes in dieser Vorbereitungszeit hilft uns zu einer realistischen Selbsteinschätzung unseres Lebens. Dieses größte Geschenk der verzeihenden Liebe Gottes ist für uns eine echte Lebenshilfe, die wachsame Orientierung ermöglicht.

Der Ruf zur Wachsamkeit und der Dienst des Türhüters ist aber auch ein Vermittlungsdienst in unsere Welt hinein. Wir müssen dieses Geschenk des Glaubens wachsam in unsere Zeit und Gesellschaft hineintragen, gerade dorthin, wo Menschen orientierungslos auf der Suche sind, wo sie meinen, um Ziele kämpfen zu müssen, die letztlich keinen Kampf lohnen.

"Missionarisch Kirche sein", Türen nicht verschließen, sondern öffnen, hinausgehen in gesundem Selbstbewusstsein in unsere Städte und Dörfer und den Menschen von diesem menschenfreundlichen Gott künden – das ist unser Auftrag, Ihrer und meiner. In diesem Zusammenhang ist auch der voranschreitende Prozess der Weiter-entwicklung der Seelsorge in unserer Diözese zu sehen. Wenn es jetzt ganz aktuell um konkrete Gruppierungen der Zusammenarbeit einzelner Pfarreien geht und darum, dieser Zusammenarbeit einen vernünftigen Rahmen zu geben, dann ist dies kein Selbstzweck. Das Ziel ist "über den eigenen Kirchturm hinauszusehen", über die eigene Pfarrgrenze genauso wie über vermeintliche Grenzen in unsere Gesellschaft hinein. Gemeinsam und gestärkt können wir die Frohe Botschaft an die Frau und den Mann bringen, gerade an die, die sie am nötigsten brauchen. So bauen wir mit am Reich Gottes in unserer Zeit und für die Ewigkeit. Eine innere Voraussetzung hierfür ist das Gebet. Verschiedene Formen des persönlichen Betens, unterschiedlicher Andachten und die Feier der Liturgie, insbesondere der hl. Messe, laden dazu ein. Dabei erinnere ich nochmals einladend an den guten Brauch einer gemeinsamen Gebetszeit am ersten Donnerstag eines Monats. Die Aussetzung des Allerheiligsten, das gemeinsame und persönliche Gebet kann unseren Blick auf das Wesentliche lenken. In besonderer Weise beten wir gerade zu diesem Anlass um das Geschenk von Priester- und Ordensberufen, aber auch der anderen vielfältigen Berufe der Kirche.

Seid also wachsam! Nehmen wir diesen Auftrag an für uns als einzelne, für unsere Pfarrgemeinde, unser Bistum und unsere Kirche. Möge die heute beginnende Adventszeit 2002 unsere Türen weit öffnen, für die Menschen und für Gott!

Dazu segne Euch alle der gütige Gott, der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist. Amen.

Eichstätt, am Gedenktag der heiligen Elisabeth von Thüringen, dem 19. November 2002

Dr. Walter Mixa

Bischof von Eichstätt

Foto: (c) Bistum Eichstätt


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