
27. September 2013 in Kommentar
Auch die überarbeitete deutsche Übersetzung des Papstinterviews enthält noch einige Ungenauigkeiten. Ein Gastbeitrag von Christoph Sperling
Vatikan (kath.net) Am 19. September erschien das von Antonio Spadaro SJ geführte Interview mit Papst Franziskus in der italienischen Leitfassung und zeitgleich in mehreren anderen Sprachen (1), darunter die deutsche Fassung in der Jesuitenzeitschrift Stimmen der Zeit.
Der übersetzte Text setzt sich aus als wörtliche Zitate des Hl. Vaters gekennzeichneten Stellen und aus einleitenden und verbindenden Gedanken von Antonio Spadaro SJ zusammen, welcher am Ende anmerkt, die Antworten seien im Dialog geboren worden und innerhalb einer Überlegung, die ich in synthetischer Weise, so gut ich konnte, wiedergeben wollte. Da Spadaro auch darauf hinweist, daß während seines Gespräches mit Papst Franziskus zwischen Spanisch und Italienisch fließend gewechselt wurde, weiß auch der des Italienischen kundige Leser nicht wirklich, wo ihm wortwörtlicher Originalton des Hl. Vaters begegnet und wo schon übersetzt und damit gegebenenfalls auch interpretiert worden ist.
Auf jeden Fall muß der Leser sich bewußt sein, daß er nicht im strengen Sinn ein Interview vor sich hat, sondern eine ausgewählte Anzahl von Aussagen des Papstes aus einem insgesamt sechs Stunden dauernden Gespräch.
Da immer auch der wenigstens teilweise nicht wiedergegebene Gesprächskontext bedeutsam für das Verständnis einer Aussage ist, hatten die Redakteure eine hohe Verantwortung.
Es stellt sich die wichtige Frage, ob die veröffentlichte Fassung vom Papst autorisiert wurde, wie dies bei Interviews üblich ist. Darauf fehlt jeder Hinweis.
Am 25.9.13 heißt es auf der Website der Zeitschrift: Nachdem der Verlag Herder und die Redaktion der Stimmen der Zeit übereingekommen waren, das Interview auch in Buchform zu publizieren, wurde die Übersetzung nochmals sorgfältig geprüft: Verbesserungen wurden eingearbeitet, einige sinnstörende Stellen - im Rückgriff auf die italienische Originalfassung wie unter Hinzunahme der englischen und der französischen Übersetzung - neu übersetzt. (2)
Auch die überarbeitete deutsche Fassung enthält noch einige Ungenauigkeiten. Einen fremdsprachlichen Text korrekt und zugleich stilvoll zu übersetzen, ist eine Kunst. Bedeutungsfelder von Worten und Ausdrucksweisen sind in verschiedenen Sprachen oft nicht deckungsgleich, und eine ohnehin nicht erreichbare wortwörtliche Wiedergabe darf hinter dem Ziel einer möglichst treuen Wiedergabe des eigentlichen Aussagesinns zurückstehen.
Die letzten Tage haben gezeigt, daß das Papstinterview, obwohl es keinerlei lehramtlichen Anspruch erhebt, für große Aufmerksamkeit sorgt. Dabei ist es leider auch in einer durch mediale Fehlinterpretationen und durch Reduzierung auf platte Schlagzeilen entstellten Form in weltlichen und auch kirchlichen Medien denen präsentiert worden, die nicht die Zeit oder Möglichkeit haben, den gesamten Text selbst zu lesen.
Daher erscheint es nicht übertrieben, auch an die Neuübersetzung einige Fragen zu stellen:
Der Papst spricht davon, wie die Mitglieder des Jesuitenordens Christus ihre ganze Person und ihre ganze Mühe [ital.: fatica] aufopfern (3). Im deutschen Text heißt es unsere ganze Person und unser ganzes Schicksal . Das ist sicher auch nicht falsch, unterschlägt aber den für den Jesuiten Bergoglio mit Sicherheit wichtigen und von Ignatius hervorgehobenen Aspekt der Mühe Gottes in allen Dingen. (4)
Papst Franziskus ärgert sich, wenn gesagt wird, Geistliche Übungen seien nur deshalb ignatianisch, weil sie schweigend vollzogen werden (5). Es wird aber übersetzt: Ich ärgere mich, wenn ich jemanden sagen höre, die Geistlichen Übungen seien nur dann ignatianisch, wenn sie schweigend vollzogen werden. Das Schweigen ist kein ausreichender Grund dafür, daß Geistliche Übungen ignatianisch sind. Wenn nicht anders möglich, können diese auch in der Welt durchgeführt werden. Dies mindert aber nicht die Rolle des Schweigens. (6)
Der Papst bekennt selbstkritisch, daß er sich als junger Jesuitenoberer nicht immer so verhalten hat, daß er die notwendigen Konsultationen durchführte. (7) Es ist überflüssig, hier noch das Wort korrekt einzufügen: In meiner Erfahrung als Oberer in der Gesellschaft habe ich mich nicht immer so korrekt verhalten, dass ich die notwendigen Konsultationen durchführte.
Eine Frage, die sich auch an den italienischen Leittext stellt, ist, ob man bei der Wiedergabe wörtlicher Rede nicht auch da Anführungszeichen hätte setzen müssen, wo dies geholfen hätte, die offensichtliche Aussageabsicht des Papstes hervorzuheben. Wenn der Papst sagt: "Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden, wollte er mit Sicherheit nicht ausdrücken, daß es homosexuelle Ehen gibt oder daß diese möglich seien, hat er sich doch im Juli 2010 noch als Kardinal von Buenos Aires mit für europäische Ohren erstaunlicher Deutlichkeit zum Gesetzesprojekt gleichgeschlechtlicher Ehen geäußert und das entsprechende Gesetzesvorhaben als einen Plan des Vaters der Lüge bezeichnet (8).
Papst Franziskus hat nicht gesagt, daß der Prediger das Herz seiner Gemeinde kennen müsse, um zu sehen, wo die Frage nach Gott lebendig und heiß ist, sondern er sprach von der lebendigen und brennenden Sehnsucht nach Gott. (9)
Ein heißes Eisen ist für manche die Frage nach der Liturgie in der ordentlichen und in der außerordentlichen Form des einen Römischen Ritus. Die deutschen Übersetzer geben die Worte des Hl. Vaters wie folgt wieder: Dann gibts da spezielle Fragen wie die der Liturgie nach dem Alten Ritus. Ich denke, dass die Entscheidung von Papst Benedikt klug abwägend gewesen ist als Hilfe für einige Personen, die diese besondere Sensibilität haben. Ich finde aber das Risiko einer Ideologisierung des Vetus Ordo, seine Instrumentalisierung, sehr gefährlich. (10) Dazu ist anzumerken: In Bezug auf die Liturgie nach dem Meßbuch von 1962 und die erneuerte Liturgie hatte Papst Benedikt ganz bewußt nicht vom Alten und vom Neuen Ritus gesprochen, sondern im Sinne der Konzilsväter von zwei Formen des einen Römischen Ritus. Daran hält sich hier auch Papst Franziskus, wenn er vom Vetus Ordo spricht. Die Übersetzer aber schreiben zumindest im ersten diesbezüglichen Satz vom Alten Ritus, als wäre mit dem Konzil ein neuer Ritus entstanden. Anschließend wird, nachdem Franziskus die Entscheidung Benedikts von 2007 als klug (und nicht als klug abwägend!) bezeichnet hat, dem Papst - ohne daß dies ein Versehen sein kann - auf deutsch mehr in den Mund gelegt, als der italienische Text hergibt: Ich finde aber das Risiko einer Ideologisierung des Vetus Ordo, seine Instrumentalisierung, sehr gefährlich. Im Original ist von besorgniserregend die Rede, nicht von sehr gefährlich.
Der Papst sagt, daß eines der Zeichen dafür, daß wir auf dem rechten Weg sind, ist, daß wir alle Dinge in Gott sehen (vedere). Auf deutsch heißt es, daß wir alle Dinge in Gott lieben. (11)
Wie wir wissen, hat Papst Benedikt eindringlich und nicht grundlos vor der Diktatur des Relativismus gewarnt. Die folgende Stelle hätte darum eigentlich besonders sorgfältig übersetzt werden müssen: Daher begegnet man Gott beim Gehen, auf dem Weg. Hier könnte einer sagen: Das ist Relativismus. Ist es Relativismus? Ja, wenn man ihn schlecht versteht... (12) . Der deutsche Leser muß demnach annehmen, es gebe nach Papst Franziskus auch einen gut verstandenen Relativismus. Korrekterweise hätte er aber lesen müssen: Ist es Relativismus? Ja, wenn man es [nämlich das Vorhergesagte] falsch versteht .
Der Papst macht darauf aufmerksam, daß die christliche Hoffnung kein Gespenst ist. Die neue deutsche Übersetzung spricht an dieser Stelle irreführend von Geist. Des weiteren sagt Franziskus, daß die Hoffnung eine theologale Tugend ist, ein Geschenk Gottes, das nicht auf den Optimismus reduziert werden darf, der rein menschlich ist. In der deutschen Übersetzung aber lesen wir immer noch, daß dieses Geschenk nicht auf einen reinen Optimismus reduziert werden kann. (13)
Für den vom Papst Franziskus so geschätzten Hölderlin, der in einem Gedicht seine Großmutter mit Maria vergleicht, ist Jesus, den Maria geboren hat, der Freund auf Erden, der niemanden als Fremden betrachtet hat. In der deutschen Übersetzung scheint es aber, Jesus sei für Maria oder die Großmutter Hölderlins der Freund auf Erden. (14)
Schließlich hätte bei der folgenden Aussage: Der am meisten an Prometheus herankommt, ist Furtwängler. (15). Beachtet werden müssen, daß Franziskus sich auf Furtwängler ausdrücklich als Interpreten bezieht, nicht als Komponisten.
Es geht in diesen Anmerkungen nicht um das bösartige Vergnügen, anderen Fehler nachzuweisen, sondern darum, auf nicht unerhebliche Mängel bei der Wiedergabe von Aussagen unseres Papstes hinzuweisen, die, wie wir in den letzten Tagen gesehen haben, im Kontext der heutigen Medienwelt ohnehin allen möglichen Fehlinterpretationen ausgesetzt sind.
Fußnoten:
(1) Die französische Übersetzung findet sich im Internet unter : http://newsletter.revue-etudes.com/TU_Septembre_2013/TU10-13.pdf Der italienische Text findet sich unter: http://www.avvenire.it/Chiesa/Pagine/intervista-papa-civilta-cattolica.aspx Die englische Überstzung z.B. auf: http://www.americamagazine.org/pope-interview
(2) Die neue deutsche Übersetzung ist veröffentlicht unter: http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/online_exklusiv/details_html?k_beitrag=3906412
(3) « La Compagnia deve avere sempre davanti a sé il Deus semper maior, la ricerca della gloria di Dio sempre maggiore, la Chiesa Vera Sposa di Cristo nostro Signore, Cristo Re che ci conquista e al quale offriamo tutta la nostra persona e tutta la nostra fatica, anche se siamo vasi di argilla, inadeguati. »
(4) Vgl. die Betrachtung zur Erlangung der Liebe im Exerzitienbuch des hl. Ignatius (Exerzitienbuch Nr. 235, 236).
(5) « Mi arrabbio molto quando sento dire che gli Esercizi spirituali sono ignaziani solamente perché sono fatti in silenzio. » So auch im Französischen : « Je ménerve beaucoup quand jentends dire que les Exercices spirituels sont ignatiens seulement parce quils sont faits dans le silence. « und im Englischen : It irritates me when I hear that the Spiritual Exercises are Ignatian only because they are done in silence.
(6) Vgl. zur Rolle der Einsamkeit, der Verborgenheit und des Schweigens Exerzitienbuch Nr. 20.
(7) Nella mia esperienza di superiore in Compagnia, a dire il vero, io non mi sono sempre comportato così, cioè facendo le necessarie consultazioni.
(8) "no seamos ingenuos: no se trata de una simple lucha política; es la pretensión destructiva al plan de Dios. No se trata de un mero proyecto legislativo (éste es sólo el instrumento) sino de una movida del Padre de la Mentira que pretende confundir y engañar a los hijos de Dios". Quelle : http://www.archimadrid.org/index.php?option=com_k2&view=item&id=53746:O158055
(9) « Lomelia è la pietra di paragone per calibrare la vicinanza e la capacità di incontro di un pastore con il suo popolo, perché chi predica deve riconoscere il cuore della sua comunità per cercare dove è vivo e ardente il desiderio di Dio. »
(10) « Poi ci sono questioni particolari come la liturgia secondo il Vetus Ordo. Penso che la scelta di Papa Benedetto sia stata prudenziale, legata allaiuto ad alcune persone che hanno questa particolare sensibilità. Considero invece preoccupante il rischio di ideologizzazione del Vetus Ordo, la sua strumentalizzazione. »
Französisch : « Il y a ensuite des questions particulières comme la liturgie selon le Vetus Ordo. Je pense que le choix du pape Benoît fut prudentiel, lié à laide de personnes qui avaient cette sensibilité particulière. Ce qui est préoccupant, cest le risque didéologisation du Vetus Ordo, son instrumentalisation. »
Englisch: Then there are particular issues, like the liturgy according to the Vetus Ordo. I think the decision of Pope Benedict was prudent and motivated by the desire to help people who have this sensitivity. What is worrying, though, is the risk of the ideologization of the Vetus Ordo, its exploitation.
(11) « Il segno che si è in questo buon cammino è quello della pace profonda, della consolazione spirituale, dellamore di Dio, e di vedere tutte le cose in Dio. »
(12) « Dunque, Dio lo si incontra camminando, nel cammino. E a questo punto qualcuno potrebbe dire che questo è relativismo. È relativismo? Sì, se è inteso male, come una specie di panteismo indistinto. »
(13) Der italienische Text : « Ecco prosegue Papa Francesco , la speranza cristiana non è un fantasma e non inganna. È una virtù teologale e dunque, in definitiva, un regalo di Dio che non si può ridurre allottimismo, che è solamente umano. » wird so wiedergegeben: « Die christliche Hoffnung ist kein Geist und sie täuscht nicht. Sie ist eine theologale Tugend und definitiv ein Geschenk Gottes, das nicht auf einen reinen Optimismus reduziert werden kann.
(14) Der italienische Text: Mi ha colpito anche perché ho molto amato mia nonna Rosa, e lì Hölderlin accosta sua nonna a Maria che ha generato Gesù, che per lui è lamico della terra che non ha considerato straniero nessuno. wird so wiedergegeben: Und da stellt Hölderlin seine Großmutter neben Maria, die Jesus geboren hat. Er ist für sie der Freund auf Erden, der niemanden als Fremden betrachtet hat.
(15) Beethoven mi piace ascoltarlo, ma prometeicamente. E linterprete più prometeico per me è Furtwängler.
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