
7. Juli 2003 in Spirituelles
Zum hundertjährigen Bestehen der Päpstlichen Bibelkommission - Die Beziehung zwischen kirchlichem Lehramt und Exegese - Von Joseph Kardinal Ratzinger für die TAGESPOST
Das Thema meines Referats habe ich nicht nur gewählt, weil es objektiv zuden Fragen gehört, die sich in dem Rückblick auf hundert JahreBibelkommission sachlich ergeben, es gehört sozusagen auch zu den Problemenmeiner Autobiographie: Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist meineigener theologischer Weg von dem Spannungsfeld mitbestimmt, das mit derFormulierung des Themas umschrieben ist.
In dem Dekret der Konsistorialkongregation vom 29. Juni 1912 De quibusdamcommentariis non admittendis finden sich zwei Namen, die sich mit meinemLebenskreis berühren. Da wird zunächst die Einleitung in das Alte Testamentdes Freisinger Professors Karl Holzhey verurteilt, der zwar schon tot war,als ich im Januar 1946 das Theologiestudium auf dem Freisinger Dombergbegann, von dem aber noch immer allerlei Geschichten kreisten. Er muss wohlein eher hochmütiger und etwas düs-terer Mann gewesen sein. Näher steht mirder zweite Name dieses Dekrets: Fritz Tillmann, der als Herausgeber einesals unzulässig charakterisierten Kommentars zum Neuen Testament genanntwird. In diesem Kommentar hatte Tillmanns Freund Fried-rich Wilhelm Maier,damals Privatdozent in Straßburg, die Kommentierung der Synoptikerübernommen.
Der mühsame Weg der Zwei-Quellentheorie
Das Dekret der Konsistorialkongregation verfügte, dass diese Kommentare"expungenda omnino esse ab institutione clericorum". Der Kommentar, von demich als Student ein verirrtes Exemplar im heimatlichen Seminarium Minore zuTraunstein gefunden habe, musste abgebrochen und aus dem Handel gezogenwerden, weil Maier darin für die synoptische Frage die heute fast allgemeinangenommene so genannte Zwei-Quellentheorie vertreten hatte. Zugleich wardamit die wissenschaftliche Laufbahn von Tillmann wie von Maier fürs erstebeendet. Beiden wurde freilich freigestellt, in eine andere theologischeDisziplin umzuwechseln. Tillmann machte von dieser Möglichkeit Gebrauch undwurde zum führenden deutschen Moraltheologen, der zusammen mit Th.Steinbüchel und Th. Müncker ein bahnbrechendes Handbuch der Moraltheologieherausgab, das diese wichtige Disziplin unter dem Grundgedanken derNachfolge Christi neu bedachte und darstellte. Maier wollte von derMöglichkeit des Wechsels der Disziplin keinen Gebrauch machen; er war mitLeib und Seele der Arbeit am Neuen Testament verschrieben. So wurde erMilitärpfarrer und hat als solcher den ersten Weltkrieg mitgemacht; hernacharbeitete er als Gefängnisseelsorger, bis er 1924 mit dem "Nihil obstat" desBreslauer Erzbischofs Kardinal Bertram in einem nun entspannteren Klima alsProfessor für Neues Testament an die dortige Theologische Fakultät berufenwurde. 1945 kam er mit anderen Kollegen der nun aufgehobenen Fakultät nachMünchen und wurde so auch mein Lehrer.
Die Wunde von 1912 hat sich bei ihm nie ganz geschlossen, obgleich er jetztpraktisch ungehindert sein Fach dozieren konnte und von der Begeisterungseiner Studenten getragen war, denen er seine Leidenschaft für das NeueTestament und dessen rechtes Verstehen mitzuteilen vermochte. Ab und zuflossen Erinnerungen an das Damalige in seine Vorlesung ein. Mir hat sichvor allem ein Ausspruch eingeprägt, den er etwa im Jahr 1948 oder 1949 getanhaben mag. Damals sagte er, er könne nun zwar durchaus frei seinemhistorischen Gewissen folgen, aber die wirkliche Freiheit der Exegese, vonder er träume, sei noch nicht erreicht. Er werde dies wohl auch nicht mehrerleben, aber er wünsche sich doch, wenigstens wie Mose vom Berg Nebo nochauf das Gelobte Land einer von allen lehramtlichen Überwachungen und Fesselnfrei gewordenen Exegese hineinblicken zu dürfen.
Wir spürten damals, dass dem gelehrten Mann, der ein überzeugendespriesterliches Leben aus dem Glauben der Kirche heraus führte, immer nochnicht nur das seinerzeitige Dekret der Konsistorialkongregation auf derSeele brannte, sondern auch die verschiedenen Dekrete der Bibelkommission -etwa über die mosaische Authentizität des Pentateuch (1906), über denhistorischen Charakter der drei ersten Kapitel der Genesis (1909), über dieAutoren und die Zeit der Komposition der Psalmen (1910), über Markus undLukas (1912), über die synoptische Frage (1912) usw. - immer noch alsunangemessene Fesseln seiner exegetischen Arbeit im Wege standen.
Immer noch war da das Gefühl, dass die katholischen Exegeten durch solchelehramtliche Entscheidungen an einer uneingeschränkten wissenschaftlichenArbeit gehindert seien und so katholische Exegese gegenüber derprotestantischen doch nicht ganz auf der Höhe der Zeit stehen könne,irgendwie in ihrem wissenschaftlichen Ernst von den Protestanten mit Rechtin Frage gestellt werde. Und natürlich war da auch die Überzeugung wirksam,dass strenge historische Arbeit zuverlässig die objektiven Gegebenheiten derGeschichte feststellen könne, ja, dass sie der einzige Weg sei, um derGeschichte gewiss zu werden und die biblischen Bücher, die ja historischeBücher sind, ihrem eigenen Sinn gemäß zu verstehen. Die Verlässlichkeit unddie Eindeutigkeit der historischen Methode stand für ihn unzweifelbar fest;der Gedanke, dass auch in die historische Methode philosophischeVoraussetzungen einfließen und eine Reflexion über die philosophischenImplikationen der historischen Methode nötig werden könne, kam ihm nicht.Philosophie erschien ihm wie vielen seiner Kollegen als etwas Störendes, dasdie reine Sachlichkeit der historischen Arbeit nur verunreinigen könnte. Undso stellte sich ihm die hermeneutische Frage nicht, die Frage nämlich, wieder innere Ort des Fragenden seinen Zugang zu einem Text mitbestimmt, sodass zuerst geklärt werden muss, wie man richtig fragt und wie man seineigenes Fragen reinigen kann. Deshalb hätte ihm der Berg Nebo gewiss mancheÜberraschungen beschert, die durchaus außerhalb seines Gesichtsfeldes lagen.
Ich möchte nun versuchen, sozusagen mit ihm auf den Nebo zu steigen und ausder Perspektive von damals das Land abtasten, das wir in den letzten fünfzigJahren durchschritten haben. Dabei mag es nützlich sein, sich an dieErfahrungen des Mose zu erinnern. Das Kapitel 34 des Deuteronomiumbeschreibt, wie Mose auf dem Nebo in das Gelobte Land hineinschauen darf,das er in seiner ganzen Erstreckung sieht. Es ist sozusagen ein reingeographischer, kein historischer Blick, der ihm gewährt wird. Man könnteaber wohl sagen, dass das Kapitel 29 desselben Buches einen Ausblick nichtauf die Geographie, sondern auf die kommende Geschichte in und mit dem Landdarstelle und einen ganz anderen, weit weniger tröstlichen Nebo-Blicküberlieferte. Da heißt es: "Der Herr wird dich unter allen Völkernverstreuen, von einem Land der Erde bis zum anderen der Erde. Unter diesenNationen wirst du keine Ruhe finden. Es wird keine Stelle geben, wohin dudeinen Fuß setzen kannst." (29, 64 f). Was Mose in diesem Innenblick gesehenhat, könnte man in die Aussage zusammenfassen: Freiheit kann sich selbstzerstören. Wenn sie ihr inneres Maß verliert, so hebt sie sich selber auf.
Eine veränderte Beziehung des Lehramts zur Wissenschaft
Was könnte nun ein historischer Nebo-Blick ins Land der Exegese der letztenfünfzig Jahre wahrnehmen? Zunächst vieles, was Maier tröstlich gewesen wäre,sozusagen die Erfüllung seines Traumes. Schon die Enzyklika Divino afflanteSpiritu von 1943 hatte eine neue Sicht des Verhältnisses zwischen demLehramt und den wissenschaftlichen Ansprüchen historischer Lektüre der Bibelgebracht. Die sechziger Jahre bedeuten dann - um im Bild zu bleiben -sozusagen den Einzug ins Gelobte Land exegetischer Freiheit. Da ist zunächstdie Instruktion der Bibelkommission über die historische Wahrheit derEvangelien vom 21. April 1964 zu nennen, dann aber vor allem die 1965verabschiedete Konzilskonstitution Dei Verbum über die göttlicheOffenbarung, mit der nun in der Tat ein neues Blatt im Zueinander vonLehramt und wissenschaftlicher Exegese aufgeschlagen wurde. Diesergrundlegende Text braucht hier nicht eigens gewürdigt zu werden. Erdefiniert zunächst den Begriff der Offenbarung, die ja nicht einfach mitihrem geschriebenen Zeugnis, der Bibel, identisch ist, und öffnet damit denweiten, zugleich historischen und theologischen Horizont, in dem sichBibelauslegung bewegt, eine Auslegung, die in diesen Schriften nicht nurmenschliche Bücher, sondern Zeugnis von göttlichem Reden sieht. So kann vonda aus der Begriff der Überlieferung bestimmt werden, der ebenfalls über dieSchrift hinausreicht, aber sie zu ihrem Zentrum hat, denn sie selbst ist vorallem und ihrem Wesen nach "Überlieferung". Das führt dann zu dem drittenKapitel über die Interpretation der Schrift, in dem auf eindrucksvolle Weiseeinerseits der ganze Anspruch historischer Methode als eines unerlässlichenTeils des exegetischen Mühens dargestellt wird, aber dann auch dieeigentlich theologische Dimension der Interpretation erscheint, die dann -wie oben gesagt - wesentlich ist, wenn dieses Buch mehr ist alsMenschenwort.
Es geht darum, die inneren Maße der Freiheit zu finden
Gehen wir weiter in unserer Wanderung vom Nebo aus: Der Betrachter hättesich wohl besonders darüber freuen müssen, was im Juni 1971 geschah: Mit demMotu proprio Sedula cura hat Paul VI. die Bibelkommission völligumstrukturiert, so dass sie nun nicht mehr ein Organ des Lehramts ist,sondern ein Begegnungsort zwischen Lehramt und Exegeten, eine Stätte desDialogs, in dem sich die Vertreter des Lehramts und herausragende Exegetentreffen, um sozusagen miteinander die inneren Maße der Freiheit zu finden,die sie daran hindern, sich selbst zu zerstören, und die sie damit erst zuwirklicher Freiheit erheben. Der Beschauer hätte auch die Freude erlebenkönnen, dass einer seiner herausragenden Schüler, Rudolf Schnackenburg, derKommission zugehörte und er, der Beschauer, dadurch sozusagen nun plötzlichselbst in der Kommission saß, die ihm vorher so viel Kummer bereitet hatte.
Nennen wir noch ein wichtiges Datum, das von dem gedachten Nebo aus in derFerne erscheinen konnte: das Dokument der Bibelkommission Die Interpretationder Bibel in der Kirche von 1993, in dem nun nicht das Lehramt den Exegetenvon oben her Normen auferlegt, sondern diese selber die Maßstäbe zuumschreiben suchen, die den Weg der sachgemäßen Auslegung dieses besonderenBuches leiten müssen, das rein von außen gesehen eigentlich nur eineLiteratursammlung von Schriften darstellt, deren Entstehung sich über einrundes Jahrtausend hinzieht: Nur das gemeinsame Subjekt, aus dem dieseLiteratur geboren wurde - das wandernde Gottesvolk -, macht dieseLiteratursammlung in all ihrer Vielfalt und äußeren Gegensätzlichkeit zu"einem" Buch; dieses Volk aber wiederum weiß, dass es nicht einfach ausEigenem spricht und handelt, sondern sich dem verdankt, der es zu einem Volkmacht: dem lebendigen Gott selbst.
Ist nun der Traum erfüllt? Haben die zweiten fünfzig Jahre derBibelkommission das aufgelöst und als Unrecht beiseite geschoben, was dieersten fünfzig Jahre produziert hatten? Zur ersten Frage würde ich sagen,dass der Traum in Wirklichkeit überführt wurde und dabei auch korrigiertworden ist. Die reine Objektivität der historischen Methode gibt es nicht.Die Philosophie bzw. die hermeneutische Vorfrage ist einfach nichtauszuscheiden. Das wurde noch zu Lebzeiten Maiers zum Beispiel in BultmannsJohannes-Kommentar deutlich, wo die Philosophie Heideggers nicht nur alsMittel zur Vergegenwärtigung des historisch Entfernten dient, sozusagen alsTransportmittel, das das Damalige in unser Heute befördert, sondern auch alsder Steg, der überhaupt in den Text hineinführt. Nun, dieser Versuch istgescheitert, aber dass es die reine historische Methode - auch in profanerLiteratur übrigens - nicht gibt, ist deutlich geworden. Es ist durchausbegreiflich, dass katholische Theologen in der Zeit, in der dieEntscheidungen der damaligen Fortsetzung aufBibelkommission sie bei der sauberen Anwendung der historisch-kritischenMethode behinderten, neidisch auf die evangelischen Theologenhinüberblickten, die inzwischen mit dem Ernst ihrer Forschung ganz neueErkenntnisse darüber vorlegen konnten, wie im Weg des Gottesvolkes dieseLiteratur, die wir Bibel nennen, gewachsen ist. Aber dabei haben wir viel zuwenig wahrgenommen, dass es auch das umgekehrte Problem in der evangelischenTheologie gab. Es wird zum Beispiel deutlich sichtbar in dem 1936 gehaltenenVortrag von Bultmanns großem, später zum Katholizismus konvertierten SchülerHeinrich Schlier über die kirchliche Verantwortung des Theologiestudenten.Die evangelische Christenheit stand damals in Deutschland in demlebensgefährlichen Kampf zwischen den so genannten deutschen Christen, diedas Christentum der Ideologie des Nationalsozialismus unterordneten und sozutiefst verfälschten einerseits und der bekennenden Kirche andererseits. Indiesem Zusammenhang hat Schlier den Studenten der Theologie diese Wortezugerufen: "Überlegen Sie einen Augenblick, was besser ist: dass die Kirchein geordneter Weise und nach reiflicher Überlegung einem Theologen dasLehramt wegen falscher Lehre wieder abnimmt oder dass der Einzelne inunverbindlicher Weise diesen oder jenen einen falschen Lehrer nennt und vorihm warnt. Man darf ja doch nicht meinen, dass das Verurteilen aufhöre, wennman jeden nach Gutdünken urteilen lässt. Hier ist konsequent nur dieliberale Ansicht, dass es so etwas wie eine Entscheidung über die Wahrheiteiner Lehre überhaupt nicht gibt und deshalb jede Lehre ein bisschen wahrund alle Lehre in der Kirche zu dulden sei. Aber diese Ansicht teilen wirnicht. Denn sie leugnet, dass Gott wirklich unter uns entschieden hat." Wersich daran erinnert, dass damals ein großer Teil derEvangelisch-Theologischen Fakultäten nahezu vollständig in den Händen derdeutschen Christen war und dass Schlier aufgrund solcher Aussagen, wie ichsie eben zitierte, aus dem akademischen Lehramt ausscheiden musste, kannauch die andere Seite der Problematik sehen.
So kommen wir zu der zweiten, der abschließenden Frage: Wie sollen wir heutedie ersten fünfzig Jahre der Bibelkommission bewerten? War dies alles nureine tragisch zu nennende Gängelung der Freiheit der Theologie, eine Summevom Irrtümern, von denen wir uns in den zweiten fünfzig Jahren derKommission befreien mussten, oder müssen wir diesen schwierigen Prozess dochdifferenzierter betrachten? Dass die Dinge nicht ganz so einfach liegen, wiees im ersten Enthusiasmus des konziliaren Aufbruchs auszusehen schien, istdurch das eben Gesagte wohl schon deutlich geworden. Es bleibt richtig, dassdas Lehramt mit den erwähnten Entscheidungen den Bereich der Gewissheitenüberdehnt hat, für die der Glaube bürgen kann; es bleibt daher richtig, dassdamit die Glaubwürdigkeit des Lehramts beeinträchtigt und der nötigeFreiraum exegetischen Forschens und Fragens ungebührlich beengt wurde. Aberes bleibt auch richtig, dass der Glaube in Sachen Schriftauslegung ein Wortzu sagen hat und dass daher auch den Hirten aufgetragen ist, Korrektive zusetzen, wo das besondere Wesen dieses Buches aus dem Blick kommt und einenur vermeintlich reine Objektivität das Besondere und Eigene der HeiligenSchrift zum Verschwinden bringt. Insofern war ein Prozess des Ringens um dierechte Hermeneutik der Bibel und um den richtigen Ort historisch-kritischerExegese unerlässlich.
Was kann die historische Methode leisten?
Mir scheint, dass man zwei Ebenen des Problems unterscheiden kann, um das esging und geht. Die eine Ebene ist die Frage, wie weit die rein historischeDimension der Bibel reicht und wo ihr Besonderes beginnt, das sich derbloßen historischen Rationalität entzieht. Anders herum könnte man auchsagen, dass es sich um ein Problem innerhalb der historischen Methode selbsthandelt: Was vermag sie zu leisten, und wo sind ihre inneren Grenzen? Welcheanderen Weisen des Verstehens sind für einen Text dieser Art nötig? DerProzess des Ringens, der hier aufgegeben war, lässt sich in gewisserHinsicht mit dem Ringen vergleichen, das durch die Affäre Galilei ausgelöstwurde. Bis dahin schien es, dass das geozentrische Weltbild mit derOffenbarungsaussage der Bibel unlöslich verknüpft sei; dass denOffenbarungskern auflöst, wer das heliozentrische Weltbild vertritt. DasVerhältnis von äußerer Anschauungsform und der eigentlichen Aussage desGanzen musste völlig neu bedacht werden, und erst langsam konnten dieMaßstäbe erarbeitet werden, die es gestatteten, die naturwissenschaftlicheRationalität und die eigene Botschaft der Bibel ins rechte Verhältniszueinander zu setzen. Ganz lösen lässt sich der Streit freilich nie, weilder von der Bibel bezeugte Glaube auch die materielle Welt einbezieht, alsoauch über sie eine Aussage macht - was ihre Herkunft im ganzen und dieHerkunft des Menschen im besonderen angeht. Die Rückführung der ganzen unsbegegnenden Realität auf bloß materielle Ursachen, die Verbannung desSchöpfergeistes in die Sphäre bloßer Subjektivität ist mit derGrundbotschaft der Bibel unvereinbar. Damit ist aber ein Streit über dasWesen wirklicher Rationalität selber gegeben; denn wenn eine reinmaterialistische Erklärung der Wirklichkeit sich als einzig möglicherAusdruck der Rationalität darstellt, ist diese selbst falsch verstanden.Ähnliches ist im Bereich der Geschichte zu sagen. Zunächst schien es, als obdie grundsätzliche Zuweisung des Pentateuch an Mose oder die Autorschaft dereinzelnen, von der Überlieferung genannten Verfasser der Evangelien, für dieZuverlässigkeit der Schrift und damit für den auf ihr gründenden Glaubenunerlässlich sei. Auch da mussten sozusagen die Territorien erst langsam neuvermessen werden; das grundsätzliche Verhältnis von Glaube und Geschichtewar neu zu bedenken: Eine solche Klärung konnte nicht von heute auf morgenglücken. Auch hier wird immer umkämpfter Raum bleiben. Die Meinung, derGlaube wisse als solcher überhaupt nichts von geschichtlichen Fakten undmüsse dies ganz den Historikern überlassen, ist Gnostizismus: Sieentleiblicht den Glauben und macht ihn zur bloßen Idee. Aber für denGlauben, der aus der Bibel kommt, ist gerade der Realismus desGeschehenseins von innen her konstitutiv. Ein Gott, der nicht in dieGeschichte eingreifen und sich nicht in ihr zeigen kann, ist nicht der Gottder Bibel. Daher ist die Realität der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria,die wirkliche Einsetzung des Letzten Abendmahles durch Jesus, seineleibliche Auferstehung von den Toten - das heißt das Leersein des Grabes -ein Element des Glaubens als solches, das er gegen vermeintliche besserehistorische Erkenntnis verteidigen darf und muss. Dass Jesus wirklich inallem Wesentlichen der war, als den ihn uns die Evangelien zeigen, ist nichthistorische Konjektur, sondern eine Sache des Glaubens. Einsprüche, die unsdas ausreden wollen, sind nicht Ausdruck wirklicher wissenschaftlicherErkenntnis, sondern Selbstüberschätzung der Methode. Aber dass dabei vielesim Einzelnen offen bleiben und dem Ringen verantwortungsbewusster Auslegungüberlassen werden muss, das haben wir inzwischen gelernt.
So zeigt sich schon die zweite Ebene des Problems: Es geht nicht einfach umeinen Katalog unentbehrlicher historischer Elemente des Glaubens. Es gehtdarum, was die Vernunft kann und warum Glaube vernünftig und Vernunftgläubig zu sein vermag. Inzwischen sind ja nicht nur die Entscheidungen derBibelkommission korrigiert worden, die zu weit in den Bereich der reinhistorischen Fragen ausgegriffen hatten; inzwischen haben wir auch über dieWeise und Grenzen historischer Erkenntnis dazugelernt. Werner Heisenberg hatim Bereich der Naturwissenschaft mit seiner Unsicherheitsrelationfestgestellt, dass unser Erkennen nie reine Abbildung des Objektiven ist,sondern immer auch durch die Beteiligung des Subjekts, seinen Frageort undseine Fähigkeit des Wahrnehmens mitbestimmt ist. Das gilt natürlich inungleich höherem Maß überall da, wo der Mensch selbst im Spiel ist oder gar,wo das Geheimnis Gottes sich vernehmbar macht. So stehen sich nicht mehrGlaube und Wissenschaft, auch nicht mehr Lehramt und Exegese wie zwei insich geschlossene Welten gegenüber. Der Glaube ist selbst eine Weise desErkennens; ihn ausschalten zu wollen produziert nicht die reineSachlichkeit, sondern ist die Setzung eines Erkenntnisstandortes, der einebestimmte Perspektive ausblendet und die zufälligen Bedingungen dergewählten Sicht nicht mehr wahrhaben will. Wenn man dagegen wahrnimmt, dassdie Heiligen Schriften von einem Subjekt stammen, das auch heute lebt - vomwandernden Gottesvolk -, dann ist auch rational klar, dass dieses Subjektbeim Verstehen des Buches etwas zu sagen hat.
Freiheit setzt einwaches Hören voraus
Das Gelobte Land der Freiheit ist spannender und vielgestaltiger, als derExeget des Jahres 1948 sich vorstellen konnte. Die inneren Bedingungen derFreiheit sind sichtbar geworden. Sie setzt ein waches Hören, Erkenntnis derGrenzen der einzelnen Wege, den ganzen Ernst der Ratio, aber auchBereitschaft zur Selbstbescheidung und Selbstüberschreitung voraus imMitdenken und Mitleben mit dem Subjekt, das uns die vielfältigen Schriftendes Alten und Neuen Bundes als ein einziges Werk - eben als HeiligeSchrift - verbürgt. Wir sind zutiefst dankbar für die Öffnungen, die uns dasII. Vaticanum als Frucht eines langen Ringens geschenkt hat.
Aber wir verurteilen auch nicht einfach das Vorangegangene, sondern sehen esals notwendigen Teil eines Erkenntnisprozesses an, der angesichts der Größedes ergangenen Wortes und angesichts der Grenzen unseres Vermögens uns immerneu anfordern wird, aber gerade das ist schön. Und so können wir nachhundert Jahren Bibelkommission trotz aller Probleme, die dieser Zeitraumumschließt, dankbar und hoffnungsvoll auf den weiteren Weg vorausblicken.
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