Der Freimut des Christen

18. April 2020 in Aktuelles


Franziskus in Santa Marta: für die Fachleute des Gesundheitswesens, die Menschen mit Behinderungen beistehen, die von Covid-19 betroffen sind. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Papst Franziskus – Samstag der Osteroktav, Vigil des Sonntags der Göttlichen Barmherzigkeit, sechsunddreißigste Messe in Live-Streaming über Fernsehen und Internet aus der Kapelle des vatikanischen Gästehauses „Domus Sanctae Marthae“„gegen“ die Coronavirus-Pandemie.

„Der Herr führte sein Volk heraus in Freude, seine Erwählten in Jubel. Halleluja“ (Ps 105,43): das Gebetsanliegen des Papstes richtete sich an die Fachleute des Gesundheitswesens, die Menschen mit Behinderungen helfen, die sich mit der durch das neue Coronavirus verursachten Krankheit angesteckt haben:

„Gestern erhielt ich einen Brief von einer Schwester, die als Gebärdensprachübersetzerin für Taubstumme arbeitet, in dem sie mir von der sehr schwierigen Arbeit erzählt, die Gesundheitspersonal, Krankenschwestern und Krankenpfleger und Ärzte mit den behinderten Patienten haben, die sich mit Covid-19 angesteckt haben. Wir beten für sie, dass sie immer im Dienst dieser Menschen mit Behinderungen stehen, die aber nicht die Fähigkeiten wie wir haben“.

In seiner Predigt kommentierte der Papst den Abschnitt aus der Apostelgeschichte (Apg 4,13-21), in dem religiöse Anführer Petrus und Johannes nachdrücklich drohen, nicht im Namen Jesu zu lehren. Doch die beiden Apostel antworteten mutig und freimütig: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“.

„Direktheit“ sei ein wichtiges Wort, es sei dies der Stil der Prediger. Das griechische Wort dafür laute „parresia“. Es sei dies der christliche Mut, der uns dränge, mit Freiheit zu sprechen. Die Herzen der religiösen Führer seien dieser Offenheit gegenüber verschlossen gewesen, „sie waren korrupt: der Heilige Geist kann nicht in diese Herzen eindringen“.

Anschließend kommentierte Franziskus das heutige Evangelium (Mk 16,9-15), in dem Jesus zunächst den Jüngern ihre Herzenshärte vorwirft, weil sie denen nicht glaubten, die sagten, sie hätten ihn auferstanden gesehen, und der sie dann auffordert, in die ganze Welt zu gehen, um das Evangelium mutig der ganzen Schöpfung zu verkünden. Die Mission entstehe aus dem Heiligen Geist:

„Die Anführer, die Ältesten, die Schriftgelehrten, die diese Männer und die Offenheit, mit der sie sprachen, sahen und wussten, dass sie ungebildete Leute waren, die vielleicht nicht einmal schreiben konnten, waren erstaunt. Sie haben nicht verstanden: ‚Aber das ist etwas, was wir nicht verstehen können, wie diese Leute so mutig sind, wie sie eine solche Offenheit haben’. Dieses Wort ist ein sehr wichtiges Wort, das auch in der Apostelgeschichte zum Stil der christlichen Prediger wird: Freimut. Mut. Es bedeutet all das. Klar reden. Es kommt von der griechischen Wurzel, alles zu sagen, und auch wir verwenden dieses Wort, das griechische Wort selbst, viele Male, um darauf hinzuweisen: Parresia, Freimut, Mut. Und sie sahen diese Offenheit, diesen Mut, diese Parresia in ihnen und verstanden nicht.

Freimut. Der Mut und die Offenheit, mit der die ersten Apostel predigten... Davon ist zum Beispiel die Apostelgeschichte voll: sie besagt, dass Paulus und Barnabas versuchten, den Juden das Geheimnis Jesu in aller Offenheit zu erklären, und sie verkündeten das Evangelium in aller Offenheit.

Doch da ist ein Vers, der mir im Hebräerbrief so gut gefällt, wenn der Verfasser erkennt, dass in der Gemeinschaft etwas verloren gegangen ist, dass das abgeht, dass sich eine Lauheit einstellt, dass diese Christen lau werden. Und er sagt dies – ich erinnere mich nicht gut an das Zitat, ich glaube, es steht in Kapitel 13... – es heißt so: ‚Erinnert euch an die ersten Tage, ihr habt einen großen und harten Kampf geführt: werft jetzt nicht euren Freimut weg’. ‚Fasse dich wieder’, die Freimut wiedererlangen, den christlichen Mut zum Weitermachen. Ohne diesen Freimut kann man kein Christ sein: wenn sie nicht kommt, sind ist man kein guter Christ. Wenn du nicht den Mut hast, wenn du zur Erklärung deiner Position auf Ideologien oder beiläufigen Erklärungen ausrutschst, fehlt dir diese Offenheit, dir fehlt dieser christliche Stil, die Freiheit zu sprechen, alles zu sagen. Der Mut.

Und dann sehen wir, dass die Anführer, die Ältesten und die Schriftgelehrten Opfer sind, sie sind Opfer dieser Aufrichtigkeit, weil sie dadurch in eine Ecke gedrängt werden: sie wissen nicht, was sie tun sollen. ‚Als sie den Freimut des Petrus und des Johannes sahen und merkten, dass es ungebildete und einfache Leute waren, wunderten sie sich. Sie erkannten sie als Jünger Jesu, sahen aber auch, dass der Geheilte bei ihnen stand; so konnten sie nichts dagegen sagen’. Anstatt die Wahrheit so zu akzeptieren, wie sie gesehen wurde, waren ihre Herzen so verschlossen, dass sie den Weg der Diplomatie, den Weg des Kompromisses suchten: ‚Erschrecken wir sie ein wenig, sagen wir ihnen, dass sie bestraft werden, und sehen wir, ob sie schweigen’.

In Wirklichkeit wurden sie von der Offenheit in die Enge getrieben: sie wussten nicht, wie sie da herauskommen sollten. Aber es kam ihnen nicht in den Sinn, zu sagen: ‚Aber wird das nicht wahr sein?’. Das Herz war bereits verschlossen, es war hart. Das Herz war korrupt. Dies ist eines der Dramen: die Kraft des Heiligen Geistes, die sich in dieser Offenheit des Predigens, in diesem Wahnsinn des Predigens manifestiert, kann nicht in korrupte Herzen eindringen. Daher sollten wir vorsichtig sein: Sünder: ja; nie: korrupt. Und nicht zu dieser Korruption gelangen, die so viele Weisen hat, sich zu zeigen...

Aber sie waren in die Ecke gedrängt und wussten nicht, was sie sagen sollten. Und am Ende fanden sie einen Kompromiss: ‚Lasst sie uns ein bisschen bedrohen, lasst sie ein bisschen erschrecken’, und sie luden sie ein, sie riefen sie zurück und befahlen ihnen, zu keiner Zeit im Namen Jesu zu sprechen oder zu lehren. ‚Lasst uns Frieden schließen: ihr geht in Frieden, aber sprecht nicht im Namen Jesu, lehrt nicht’. Wir kannten Petrus: er war nicht gerade ein mutig geborener Mann. Er war ein Feigling, er verleugnete Jesus. Aber was ist jetzt passiert?

Sie antworten: ‚Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben’. Doch woher kommt diesem Feigling, der den Herrn verleugnet hat dieser Mut? Was ist im Herzen dieses Mannes geschehen? Die Gabe des Heiligen Geistes: der Freimut, der Mut, die Parresia ist eine Gabe, eine Gnade, die der Heilige Geist am Pfingsttag schenkt. Kurz nachdem sie den Heiligen Geist empfangen hatten, gingen sie zum Predigen: ein bisschen mutig, etwas Neues für sie. Das ist die Konsequenz, das Zeichen des Christen, des wahren Christen: er ist mutig, er sagt die ganze Wahrheit, weil er konsequent ist.

Und zu dieser Kohärenz ruft der Herr in der Sendung. Nach dieser Zusammenfassung, die Markus im Evangelium macht, ‚als Jesus am frühen Morgen des ersten Wochentages auferstanden war’, ‚tadelte er ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten’.

Aber mit der Kraft des Heiligen Geistes – es ist der Gruß Jesu: ‚Empfangt den Heiligen Geist’ – und er sagte zu ihnen: ‚Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung’, geht mit Mut, geht ehrlich, habt keine Angst. Werft nicht – ich greife den Vers des Hebräerbriefes auf – ‚werft euren Freimut nicht weg, werft diese Gabe des Heiligen Geistes nicht weg’. Die Mission kommt genau von hier, von dieser Gabe, die uns mutig und offen in der Verkündigung des Wortes macht.

Möge der Herr uns immer helfen, so zu sein: mutig. Das bedeutet nicht, unüberlegt zu sein: nein, nein. Mutig. Der christliche Mut ist immer klug, aber es ist Mut“.

Der Papst beschloss die Feier mit der Anbetung und dem eucharistischem Segen und lud die Menschen zur geistlichen Kommunion ein.

Am Ende erinnerte Franziskus daran, dass morgen, am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit, die heilige Messe um 11:00 Uhr in der Pfarrei „Santo Spirito in Sassia“ gefeiert werden wird.

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