Zulehner: 'Sklaverei der Kirchensteuer' beenden

10. Mai 2004 in Aktuelles


Wiener Theologe bei Tagung zur Evangelisation: Atheismus hat sich überwiegend im protestantisch geprägten Europa herausgebildet - katholische und orthodoxe Kulturen dagegen sind weitgehend resistent


Greifswald (idea/kath.net/red)
Die Kirchen in Europa befinden sich in einer Übergangskrise, die nichtallein durch schlankere Strukturen überwunden werden kann. Vielmehr brauchensie eine missionarische Offensive. Diese Ansicht vertrat der Professor fürkatholische Pastoraltheologie, Paul Michael Zulehner (Wien), bei eineminternationalen Symposium des Instituts zur Erforschung von Evangelisationund Gemeindeentwicklung vom 6. bis 8. Mai in Greifswald. Eine alleinigeSanierung der Vergangenheit mache die Kirche nur depressiv, so Zulehner. Manspare nur so viel ein, wie man brauche, um den Fortgang eines sterbendenBetriebes zu gewährleisten. Ein Unternehmen, das in die Krise geraten sei,müsse aber nach Wegen suchen, wieder zu expandieren. Die Kirchen solltensich darauf konzentrieren, Menschen für Christus zu gewinnen. Die Zeit zurMission in Europa sei günstig. Viele Menschen suchten nach Lebenssinn,Heilung, Gemeinschaft und Liebe und hofften auf eine neue Welt. Zukunft habedie Kirche aber nur, wenn sie sich langfristig von der "Sklaverei derKirchensteuer" verabschiede. Gemeinden müßten sich künftig selbstfinanzieren, Pastoren zunehmend ehrenamtlich tätig sein. In der Kirche derZukunft würden sich Mitglieder in Zeugen des Glaubens verwandeln. MehrereGemeinden könnten sich zusammenschließen, um Projekte wie eine Jugendkircheoder Kinderdiakonie in Ganztagsschulen zu finanzieren. Daß die Kirche ihregesellschaftliche Macht weitgehend verloren habe, sei das Beste, was demEvangelium passieren könne, so Zulehner. Denn eine Kirche, die wie Abrahamund Sara alt und unfruchtbar geworden sei, müsse wie diese auf GottesVerheißungen hoffen.

Atheismus überwiegend im protestantischen Europa

Laut Zulehner hat sich der Atheismus überwiegend im protestantisch geprägtenEuropa herausgebildet, während katholische und orthodoxe Kulturen dagegenweitgehend resistent seien. Durch mangelhafte Verkündigung sei Gott beivielen Menschen in Mißkredit geraten. Eine Umfrage der theologischenFakultät der Universität Wien in zehn mittel- und osteuropäischen Staaten(darunter auch im Gebiet der ehemaligen DDR) habe ergeben, daß sich 65Prozent der Befragten als gottgläubig verstehen und 21 Prozent teilweise bisvöllig atheistisch geprägt seien. 14 Prozent der Befragten machten keineAngabe. In den neuen Bundesländern glaubten 24 Prozent an Gott, 64 Prozentseien teilweise oder vollatheistisch, zwölf Prozent machten keine Angaben.Laut Zulehner gibt es verschiedene Formen des Atheismus. So nähmen viele,die nicht an Gott glauben, trotzdem kirchliche Rituale wie Taufe, Hochzeitund Beerdigung in Anspruch.


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