„Ein ungeheuerlicher Affront gegenüber der Person des Papstes und seiner pastoralen Sorge“

7. März 2023 in Interview


Vatikanexperte Ulrich Nersinger: „Als unerträglich… muss man das Auftreten Bischof Bätzings gegenüber dem Apostolischen Nuntius Eterović, der den Heiligen Vater in Deutschland vorbildlich vertritt, betrachten.“ kath.net-Interview von Petra Lorleberg


Rom-Bonn (kath.net/pl) „Ich hätte mir eine deutliche Distanzierung des deutschen Episkopates vom Auftreten des Vorsitzenden der Bischofskonferenz und eine klare Solidarisierung mit dem Apostolischen Nuntius – und damit dem Heiligen Vater – gewünscht.“ Das erläutert der renommierte Vatikan-Experte, Autor vieler Bücher und Kirchenhistoriker Ulrich Nersinger im Interview mit KATH.NET hinsichtlich der unerträglichen Kritik am Apostolischen Nuntius Erzbischof Nicola Eterović und seinem Grußwort an die Deutsche Bischofskonferenz. Dort hatte der Nuntius u.a. das päpstliche Nein zum Weiheamt für Frauen überbracht und folgenden Satz zum Synodalen Weg, Zitat: „Ich wurde deshalb von Amts wegen beauftragt zu präzisieren, dass nach richtiger Auslegung des Inhalts dieses Schreibens nicht einmal ein Diözesanbischof einen synodalen Rat auf diözesaner oder pfarrlicher Ebene errichten kann.“ (siehe auch: Link zum Grußwort des Nuntius).

kath.net: Lieber Herr Nersinger, Nuntius Eterović hat vor der Deutschen Bischofskonferenz ein viel beachtetes Grußwort am 6.3. gehalten. Viele Katholiken in Deutschland wissen gar nicht so genau, was die Aufgabe und der Status eines Nuntius ist in den Ländern, in die er vom Papst gesandt wird. Was sagen die gültigen kirchenrechtlichen Regelungen, etwa von Papst Paul VI.?

Nersinger: 1969 erließ der hl. Paul VI. (1963-1978) das Motu Proprio „Sollicitudo Omnium Ecclesiarum“, das die Aufgaben der Legaten (Gesandten) des römischen Papstes beschreibt. In der Einleitung des Schreibens heißt es: „Die Sorge um die Gesamtkirche, die Uns Gott nach seinem geheimen Ratschluss auferlegt hat und über die Wir ihm Rechenschaft schulden, macht es erforderlich, dass Wir als Stellvertreter Christi für die ganze Kirche in den verschiedenen Teilen der Welt in angemessener Weise gegenwärtig sind und die Verhältnisse der einzelnen Kirchen genau kennen .... Durch Unsere Legaten, die bei den verschiedenen Nationen weilen, nehmen Wir selbst teil am Leben Unserer Kinder, gliedern Uns gleichsam in ihre Gemeinschaft ein und werden leichter und sicherer mit ihren Anliegen und tiefsten Wünschen bekannt.“

Der Legat habe den Heiligen Stuhl über die Verhältnisse der jeweiligen Teilkirche „in Wahrheit und Billigkeit“ zu informieren. Die Ansichten und Wünsche der Gläubigen solle er dem Papst und der Römischen Kurie zur Kenntnis bringen; andererseits aber habe er auch das Handeln Roms den Katholiken vor Ort zu verdeutlichen und zu übermitteln. Er sei verpflichtet, den Bischöfen mit Rat und Tat beizustehen. Besondere Aufgaben kämen ihm bei der Bestellung von neuen Bischöfen zu: die Übermittlung oder der Vorschlag der Namen von geeigneten Kandidaten, zu denen er ausführliche Erkundigungen und Nachforschungen einzuholen habe. „Das Amt des Legaten steht nicht über der Vollmacht des Bischofs, noch ersetzt oder beeinträchtigt es diese, im Gegenteil, er schützt und stärkt sie durch brüderlich klugen Rat“, stellte Papst Paul VI. unmissverständlich klar.

„Wir entsenden sie auch zu den höchsten Trägern der Staatsgewalt, nämlich dorthin, wo die katholische Kirche gleichsam verwurzelt oder doch wenigstens irgendwie gegenwärtig ist. Das Recht dazu liegt von Natur aus in dem Uns eigenen geistlichem Amte und ist zudem im Laufe der Jahrhunderte durch gewisse geschichtliche Ereignisse sehr begünstigt worden“, heißt es an anderer Stelle des Schreibens. Der Legat habe die Beziehungen des Heiligen Stuhls zur Regierung des Staates, zu dem er entsandt sei, zu führen, zu fördern und zu pflegen.

kath.net: Bischof Bätzing bezeichnete die Rede des Nuntius als „phasenweise unerträglich“. Was bedeutet es für das Verhältnis des deutschen Episkopats zu Papst Franziskus, wenn „sein“ Nuntius mitsamt der päpstlichen Botschaft derart abgekanzelt wird?

Nersinger: Als unerträglich – und das nicht nur phasenweise – muss man das Auftreten Bischof Bätzings gegenüber dem Apostolischen Nuntius, der ja den Heiligen Vater in Deutschland vorbildlich vertritt, betrachten. Letztendlich ist es ein ungeheuerlicher Affront gegenüber der Person des Papstes und seiner pastoralen Sorge.

Es zeugt von einer nicht erklärbaren Unkenntnis um das Amt eines Apostolischen Nuntius, einer doch recht beachtlichen Hybris von Seiten des Bischofs und einem völlig unangebrachten Hineinbringen von „Gefühlen“. Zum letzteren darf ich auf das Wort eines großen deutschen Philosophen verweisen, der bei einer Vorlesung zur Philosophie der Religion zum Ausdruck brachte: „Man beruft sich häufig so auf sein Gefühl, wenn die Gründe ausgehen; so einen Menschen muss man stehen lassen, denn mit dem Appellieren an das eigne Gefühl ist die Gemeinschaft unter uns abgerissen“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770 – 1831).

Ich hätte mir eine deutliche Distanzierung des deutschen Episkopates vom Auftreten des Vorsitzenden der Bischofskonferenz und eine klare Solidarisierung mit dem Apostolischen Nuntius – und damit dem Heiligen Vater – gewünscht.

kath.net: Braucht es heutzutage Mut, sich als Nuntius nach Deutschland senden zu lassen?

Nersinger: Es braucht immer viel Gottvertrauen und Mut, um den Heiligen Vater in einem Land zu vertreten. Im Laufe der Geschichte wurden die diplomatischen Vertreter des Papstes verleumdet, überfallen, verschleppt, gefoltert und ermordet, Apostolische Nuntiaturen belagert, besetzt und geplündert. In der Neuzeit glaubte man von Übergriffen verschont zu bleiben. Vergebens, denn selbst in der jüngeren Vergangenheit sah man sich dramatischen Situationen gegenüber.

So auch in Deutschland. Als der I. Weltkrieg zu Ende ging, riefen in München die Spartakisten die „Bayerische Arbeiter- und Soldatenrepublik“ aus und terrorisierten die Stadt. Der König floh, die ausländischen Botschafter reisten ab. Der einzige Diplomat, der verblieb, war der Vertreter des Papstes, Monsignore Eugenio Pacelli, der spätere Pius XII. Mehrfach drang die Soldateska der neuen „Republik“ in die Apostolische Nuntiatur ein. Man setzte dem Nuntius den Revolver auf die Brust, verlangte die Herausgabe des Botschaftswagens und forderte den Prälaten zum Verlassen des Landes auf, was dieser jedoch verweigerte.

Ähnliche Szenen spielten sich fast drei Jahrzehnte später in den Ländern Osteuropas ab, die nach 1945 unter kommunistische Herrschaft geraten waren. Und auch während der politischen Umwälzungen in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika wurden päpstliche Gesandtschaften mit kritischen Momenten konfrontiert.

kath.net: Lieber Herr Nersinger, die Predigten, Ansprachen und andere Texte des H.H. Nuntius Eterović sind sehr gehaltvoll und hoch interessant. Hätten sie eine andere Rezeption verdient?

Nersinger: Man findet sie unter „nuntiatur.de“ (siehe Link) auf der Homepage der Apostolischen Nuntiatur in Deutschland. Ich kann ihre Lektüre uneingeschränkt empfehlen. Sie hätten es verdient, auf katholischen Internetportalen, Kirchenzeitungen und ähnlichen Medien den Gläubigen und einem interessierten Publikum verstärkt nahegebracht zu werden.

kath.net: Ja, auf kath.net dokumentieren wir aus genau diesem Grund ja schon seit längerem Texte von Nuntius Eterović (siehe Link), unsere Leser schätzen seine Impulse sehr! Herr Nersinger, meine letzte Frage: Wie hoch stufen Sie persönlich eigentlich aktuell die Gefahr ein, dass es in der katholischen Kirche in Deutschland zu einem offenen Schisma mit Rom kommt?

Nersinger: Leider ist ein Schisma nicht auszuschließen. Wir können nur beten und hoffen,  dass Gott uns diese Prüfung erspart. Doch eines muss klar sein, die Katholiken Deutschlands haben ein Anrecht darauf, ihren Glauben in Treue zur Heiligen Schrift, zum Lehramt und in unverbrüchlicher Verbundenheit mit dem Papst zu leben.

kath.net: Danke für das Interview.

kath.net-Buchtipp!
Ulrich Nersinger: Unter der Flagge des Papstes
Eine kleine Geschichte der Päpstlichen Marine

Taschenbuch, 174 Seiten
2023 Verlag Petra Kehl
ISBN: 978-3-947890-14-9
Preis Österreich: 20,50 Euro


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