Wir sind nicht bloß für diese Erde geschaffen

15. August 2004 in Spirituelles


Das Dogma befreit unseren menschlichen Geist von den Zufälligkeiten dieser Welt. Pfarrer Christoph Haider über Lourdes und die Bedeutung von Dogmen.


Lourdes / Linz (www.kath.net) Papst Johannes Paul II. ist zur Zeit im französischen Wallfahrtsort Lourdes. Ein Grund seiner Pilgerfahrt ist ein Jubiläum: 150 Jahre seit der Verkündigung des Mariendogmas von der Unbefleckten Empfängnis im Jahre 1854. Lourdes steht in besonderem Zusammenhang mit diesem Dogma. Als nämlich Bernadette Soubirous 1858 behauptete, sie hätte eine wunderschöne Dame gesehen, bezweifelte man zunächst die Echtheit ihrer Erscheinung.

Erst als Bernadette den Namen wiedergab, den die himmlische Frau ihr offenbarte, fing man von kirchlicher Seite an aufzuhorchen. Die himmlische Frau hatte sich als die ‚Unbefleckt Empfangene’ vorgestellt. Diesen theologischen Namen hätte das 13 jährige ungebildete Mädchen sich nicht ausdenken können. Bernadette hatte keine Ahnung von einem derartigen Dogma. Gerade deshalb war die Wiedergabe dieses Namens ein Kriterium für die Echtheit der Erscheinung.

Lourdes und das Jubiläum sind ein guter Anlass, uns einer grundsätzlichen Überlegung zu zuwenden. Was ist ein Dogma und was hat es mit uns zu tun? Dogmen gehören zu den heißen Eisen der Kirche. Oft wird der Begriff Dogma mit unbeweglich und starr gleichgesetzt. Dogmatisches Denken gilt in weiten Schichten der Gesellschaft als nicht schicklich für einen aufgeschlossenen Geist und unvereinbar mit einem freiheitsliebenden Menschen. Durchschnittsbürger denken bei Dogma an eine Mauer des Denkens, eine Bevormundung des menschlichen Verstandes – ausgedacht von einem Papst oder einem Konzil.

Gerade das aber ist ein Dogma nicht. Kein Papst und kein Konzil können sich ein Dogma ausdenken. Dogmen sind nie dem Belieben kirchlicher Würdenträger entsprungen. Im Gegenteil, ein katholisches Dogma ist immer eine Gebundensein der Kirche an die Offenbarung Gottes. Nur weil Gott in seinem Sohn zu uns endgültig und verbindlich gesprochen hat, kann die Kirche verbindliche Glaubensaussagen machen.

So gesehen ist ein Papst derjenige, der am wenigsten persönlichen Spielraum hat, was den Glaubensinhalt anbelangt. Er kann kein Dogma nach eigenem Gutdünken aufstellen. Was er kraft seines Amtes kann, ist – mit der ihm von Christus verliehenen Autorität - bezeugen: Dieses oder jenes allgemeine Glaubensgut ist ein Teil der von Gott geschenkten Offenbarung. So war es 1854. Papst Pius IX. bestätigte, was man im Volk Gottes immer schon geglaubt hatte, nämlich, dass Maria eine bevorzugte Rolle im Heilswerk Gottes spielt.

Sie ist von Anfang ihres Lebens an erwählt. So war es auch 1950, als Papst Pius XII nach Rücksprache mit allen katholischen Bischöfen das Dogma von der Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel verkündete. Er fasste zusammen, was den Gläubigen immer schon heilig war. Maria teilte in einzigartiger Weise das Schicksal ihres Sohnes. Sowohl unter dem Kreuz als auch bei seiner Auferstehung war sie seine unzertrennliche Gefährtin. Auch sie ist mit Leib und Seele vollendet – wie er.

Dogmen sind Anhaltspunkte des christlichen Denkens, verlässliche Wegmarken auf dem Weg zu Gott. So gesehen haben sie für den menschlichen Geist dienenden und helfenden Charakter. Sie geben unserem Geist Orientierungspunkte. Romano Guardini sah in der Tatsache, dass Gott sich uns Menschen geoffenbart hat, den Ausgangspunkt, um das eigene Denken zur ordnen.

Wörtlich sagte er: „... ich war überzeugt, erst von dort­her auch den vollen Blick auf die Welt und auf die Dinge des Lebens gewinnen zu können. Das Dogma habe ich nie als Schranke, sondern als das Koordinatensystem meines Be­wusstseins empfunden. Damit will ich nicht sagen, ich hätte das, was in diesen Sätzen steht, auch wirklich vollzogen, aber es war das nie in Frage gestellte Ziel.“

Das Dogma von der vollen Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel mit Leib und Seele ist demnach ein starker Anhaltspunkt, der unser christliches Bewusstsein ins Klare bringt. Wir haben als Christen großartige Perspektiven. Was an Maria geschah, gilt in gewisser Weise auch uns. Das Marien-Dogma befreit uns vom kleinen Horizont menschlicher Denk- und Lebensweise.

Wir haben als Christen eine Gewissheit! Es gibt ein wunderbares Leben nach dem Tod. Wir sind nicht bloß für diese Erde geschaffen. Das Dogma befreit unseren menschlichen Geist von den Zufälligkeiten dieser Welt. Es erhebt unser Denken dorthin, wo die wahren Größen und Freuden sind. Gerade in den Sommermonaten tut dieses Glaubenswissen unserem Geist gut.


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